weihnacht in der großen stadt

James Krüss

Seltsam schaut die Stadt heut aus:
Alle Fenster sind verdunkelt!
Und es flüstert und es munkelt
Sonderbar in jedem Haus.
Straßenbahnen läuten nicht.
Einsam leuchten die Laternen.
Und von oben aus den Sternen
Fällt der Schnee so weich und dicht.
Wie ein Riese schläft die Stadt,
Die der Himmel mit dem feinen
Weißen Schnee wie unter Leinen
Zärtlich eingemummelt hat.
In den Türmen hängen stumm
Große Klöppel im Gehäuse.
Nur der Wind weckt manchmal leise
In den Glocken ein Gebrumm.
Seltsam ruhig ist es heut
In den Straßen und den Gassen.
Selbst der Marktplatz ist verlassen
Und wie tot um diese Zeit.

Aber da mit einemmal
Wehen in das Spiel der Flocken
Von den Türmen, von den Glocken
Silbertöne ohne Zahl.
Und die Kirchen, groß und schwer,
Öffnen mächtig die Portale.
Und da gehn mit einem Male
Wieder Menschen hin und her.
Stimmen lachen, Türen gehn,
Und in schmalen Fensterritzen
Kann ich etwas golden blitzen
Und verwirrend blinken sehn.
Plötzlich scheint die Stadt erwacht.
Auch die Kinder hör ich wieder.
Und es tönen Weihnachtslieder
Fröhlich in die weiße Nacht.

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Rudolf Borchardt

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke – Gedichte, hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten – Textkritisch rev. und erw. Neuedition – erw. Auflage 2003
ISBN: 978-3-608-93574-5

Kürzester Tag

In eine Winterfrühe hebst du dich,
So hingegeben in den Stundenschlag
Wie einer Jugendliedern lauschen mag,
Und lauschend nicht mehr hört, und tief in sich
Die alten Augen wendet bitterlich:
Nun ist doch Morgen, und das Licht wie zag!
Am Himmel steht der hoffnungslose Tag
Im Unsichtbaren unerschütterlich.

Es ist nicht schwer, von Tischen aufzustehen,
Wo alle Becher umgeworfen sind
Und wüste Decken in die Nachtluft wehen –
Es ist beinahe leicht, durch diesen Wind
Und nun durch diesen ersten Schnee zu gehen!
Du fühlst dein Herz nicht mehr und bist wie blind.

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Rein­hold Au­mai­er

Feiner Herr

Hat mit dieser
grobschl(a)echtigen Welt
fast gar nichts mehr
am Hut

Hängt ihn an den Na­gel

Hebt innerlich ab

Und ist versch
wunderbarerweise
demnächst ein
Wolkerl im end
losen Blau

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 19. Dezember 2019, Nr. 295, S. 9.

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Heinz Piontek

Heinz Piontek: Selbst, 1964; Aquarell, ca.1999 (Heinz Piontek – Archiv, Lauingen)

Die Furt

Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie,
dort ist die seichteste Stelle.
Wolken im Wasser, wie nahe sind sie!
Zögernder lispelt die Welle.


Warten und spähen – die Strömung bespült
höher hinauf mir die Schenkel.
Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt.
Sirrendes Mückengeplänkel.


Kaulquappenstrudel zerstieben erschreckt,
Grundgeröll unter den Zehen.
Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt!
Flutlichter kommen und gehen.


Endlose Furt durch die Fährnis gelegt –
werd ich das Ufer gewinnen?
Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt,
such ich der Angst zu entrinnen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, 14. Dezember 2019, Nr. 291, S. 16.

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Zum MZ-Artikel: Millionen für das Stadtbad

Der Neubau der Kulturstiftung des Bundes in Halle
(Quelle: https://www.kulturstiftung-des-bundes.de)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich über alle Maßen, sollte das Stadtbad in naher Zukunft, mit neuem Konzept und frisch saniert, ein weiterer Wohlfühl-Baustein in unserer Stadt werden. Dennoch gibt es ein Kümmernis: In den letzten Jahren hat der Bund seine Kulturförderung deutlich ausgebaut. Ausgehend von einem staatlichen Anteil von unter 1,5% Prozent im Jahr 1985, beträgt der Anteil mittlerweile knapp 15%.[1] Das ist erfreulich, da mehr Kultur – gerade in Zeiten wie diesen – auch ein Mehr an Teilhabe und Bildung bedeuten kann.

Jedoch sollte diese Aktivität des Bundes auch mit einer gewissen Skepsis bedacht werden. Vielleicht mit einem Gefühl, wie es kinderreiche, hart arbeitende Eltern empfinden, wenn ein begüterter Onkel von Zeit zu Zeit vorbeikommt und auf den mühsam mit Brot gefüllten Tisch Schokolade und kostbare Desserts stellt. Den Kindern mag so etwas natürlich Spaß machen, die Eltern aber ärgern sich und meinen vielleicht, statt spektakulärer, seltener Extras hätte uns der Onkel oder die Tante auch mehr Geld zur Aufbesserung der täglichen Hausmannskost geben können.

In der Sprache der Politik: es stünde dem Bund auch frei, die Länder und Kommunen in die Lage zu versetzen, mehr (noch mehr!) für Kunst und Kultur zu tun. In deren sinkende Finanzierungsanteile sprang der Bund nämlich ein. Statt das grundlegende Subsidiaritätsprinzip des Grundgesetzes zu beachten, ein Prinzip, nach dem die übergeordnete staatliche Ebene nur solche Handlungen vornehmen sollte, zu deren Wahrnehmung die untergeordnete Ebene nicht in der Lage ist, herrscht fröhliche Gebieterlaune. Selektiv bestimmt der Bund welches Gericht auf dem Tisch steht.

Das ist auf verschiedene Weise bedenklich. Zum einen gilt es mit einer Förderquote von 50% nun für die Stadtwerke einen ebenso großen Anteil in Höhe von 13 Millionen Euro zu finanzieren. Da der Staatssekretär für Kultur in der Staatskanzlei (Schellenberger) eingebunden war, kann man nur hoffen, dass ein erklecklicher Anteil dieser Summe vom Land übernommen wird. Die Stadt Halle dürfte finanziell ächzen.

Aber insbesondere strukturell sollte man eine sich zunehmend zentralisierende Kulturpolitik hinterfragen. Deren Fähigkeit flächendeckend Originalität, Spontaneität, kritischen Geist sowie Erneuerungswille und formales Experiment aufrechtzuerhalten, bezweifle ich. Die Freude im Herzen wird so durch einen Wermutstropfen getrübt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ingo Herrmann


[1] Vgl. Statistisches Bundesamt: Kulturfinanzberichte, o. J., im Internet verfügbar unter www.destatis.de, der aktuellste: http://miz.org/downloads/dokumente/946/2018_Kulturfinanzbericht.pdf.

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Rasender Stillstand

Michael Krüger

Wir haben es kommen sehen,
das rasende Gewitter,
wie es von Süden her
das Wasser aufmischte
und die letzten Boote vertrieb.
Eben noch saßen wir,
wie erstarrt in der eigenen Ohnmacht,
unter den sesshaften Bäumen
und hörten dem Specht zu,
wie er seine öden Traktate
in die Rinde der Ulme hämmerte.
Dann zeigte der Blitz uns die Zeit,
und der Donner hielt sie an,
bis der Regen wieder nachließ.
Nach dem Gewitter kamen die Mücken
in dichten Geschwadern,
diesen Krieg kann keiner gewinnen.

Quelle:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, 29. Oktober 2019, Nr. 251, S.11

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Zwerge

Text: Helge Schneider (Melodie: Im Frühtau zu Berge)

Im Frühtau die Zwerge, sie gehn, fallera,
sie taumeln, sie schwanken und sie gröhl’n, fallera,
ja seht wie krumm sie laufen, denn gestern war’n sie saufen,
ihr kennt das, ihr wart das ja auch schon mal.

Vom Freibier die Zwerge, sie kommen, trallalla,
zu einer andern Kneipe woll’n sie ziehn, rummtata,
sie sind grad rausgeflogen, weil sie sich nackt auszogen
der Suff macht sie alle pervers, tütata.

Im Frühtau die Zwerge, bleib’n stehn, lallalla,
sie kotzen in die Büsche und die Seen, rummsassa,
was soll man dazu sagen, sie könn‘ halt nix vertragen,
naja, Zwerge sind nunmal blöd, fallera.

Als pdf zum Download: Hier.

Quelle: YouTube

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Im Wald des Langen Wartens

Charles d’Orléans:

Sein Herz war schwarz gekleidet
Im Wald des Lan­gen Wartens
Vom Schicksalswind, dem harten
Gepeitscht, seh ich, wie’s Bäume bricht,
Doch keinen Weg und Pfade nicht
Für meinen Schritt, den schmerzerstarrten.

Einst sah ich Freude aller Arten,
Die Jugend schenkte mir die zarten
Genüsse – jetzt: kein Funken Licht
Im Wald des Langen Wartens.

Das Alter sagt, mit seinen Martern:
Du hast kein Recht mehr, keine Karten
Im Spiel, vorbei! ruft sein Gericht,
Sind Tage, Monat’, Jahre schlicht:
Sei dir genug, lass all die Fahrten
Im Wald des Langen Wartens.

Im französischen Original:

En la forest de Longue Actente

En la forest de Longue Actente,
Par vent de Fortune dolente
Tant y voy abatu de bois
Que sur ma foy je n’y congnois
A present ne voye ne sente.

Pieça y pris joyeuse rente:
Jeunesse la payoit contente;
Or n’y ay qui vaille une nois,
En la forest de Longue Actente.

Viellesse dit, qui me tourmente:
«Pour toy n’y a pesson ne vente
Comme tu as eu autresfois;
Passez sont tes jours, ans et mois:
Souffize toy et te contente
En la forest de Longue Actente.»

Aus dem Französischen von Ralph Dutli

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01. Juni 2019, S. 18; siehe auch: Frankfurter Anthologie sowie Ralph Dutli

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Jaques Durand

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Phoinix und Odysseus beim grollenden Achilles

Wie er da auf seinem Stuhl hockt. Ein Häufchen Elend. Alles hängt an ihm – Schultern, Kopf, der ganze Körper. Der Blick gesenkt, die Augen geschlossen. Sein Gewand umhüllt ihn gänzlich, nur das Gesicht ist zu sehen und die nackten Füße. Und ein Ohr, das unter dem Tuch hervorlugt. Seinen Helm hat er buchstäblich an den Nagel gehängt. Friert der Mann? Oder versteckt er etwas? Zorn sieht jedenfalls anders aus, also kann das doch nicht Achilles sein da auf dem Stuhl. Achilles mit seinem von der Göttin besungenen Zorn. Der da zürnt nicht, der schmollt – würden wir Heutigen sagen. Aber warum bloß schmollt Achilles? Denn es ist ja Achilles, der größte der griechischen Helden. Was ist sein Problem?

Phoinix und Odysseus beim grollenden Achilles –
Abbildung auf einer Vase aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, die in der Basilikata gefunden wurde – © bpk/Antikensammlung, SMB

Das scheint sich auch der Mann zu fragen, dessen wache Augen auf der Jammergestalt da vor ihm ruhen. Er ist ein Bild von einem Kerl – nackt, muskulös, keck ragt sein Penis zwischen den kräftigen Schenkeln empor. Das ist Odysseus. Entspannt sieht er aus. Sein Blick ist zwar etwas ratlos, aber durchaus aufgeschlossen. Zurückgelehnt sitzt er da, die Hände am linken Knie, Hut und Mantel lässig in den Nacken geschoben. Irgendwie scheint Achilles ihn zu amüsieren. Dieser dumme Streit mit Agamemnon – müsste man doch lösen können. Das ganze Drama, Baby, bloß wegen dieses Mädchens? Echt jetzt? Ganz links sitzt übrigens Phoinix, noch ein griechischer Held. Er dreht der Szene eigentlich schon den Rücken zu, seine Haltung drückt aus, dass er mit Achilles längst die Geduld verloren hat. Vergiss es doch, Odysseus! Lass den Burschen schmollen. Gleich wird Phoinix aufstehen und gehen. Und dann auch Odysseus. Und Achilles wird seinen Sitzstreik fortsetzen.

Schuld ist Agamemnon, der Heerführer der Griechen, denn der hat veranlasst, dass Achilles etwas weggenommen werden soll, weil er, Agamemnon, auch etwas hergeben musste. Es geht also um Beute, um Frauen, die man als griechischer Held halt so zusammengeraubt hat. Achilles benimmt sich allerdings äußerst unheldisch. Seine Freunde sterben reihenweise, die Griechen stehen am Rande der Niederlage. Zehn Jahre Krieg gegen die Trojaner, bekanntlich auch wegen einer Frau, und jetzt scheint das Ende gekommen zu sein. Allerdings das der Angreifer. Die Griechen sind so gut wie erledigt. Und Achilles? Hockt in seinem Zelt und hält sich einfach raus. Kindisch beharrt er auf seinem Recht. Aber Achilles ist eben auch eins. „Kind, warum weinst du?“, hatte ihn die Mutter Thetis gefragt, als ihr Sohn weinend am Ufer Troias saß, untröstlich wegen der Kränkung, die ihm durch den fiesen Agamemnon widerfahren war. Und Apollon seufzte im 24. Gesang der Ilias, dass dem Achill „die Sinne nicht gebührlich sind noch auch das Denken biegsam ist in der Brust“.

Nein, biegsam ist unser Held wirklich nicht. Die moderne Tugend der Kompromissfähigkeit liegt ihm ziemlich fern. Achilles ist der Archetypus des Leistungsträgers im Modus der kompromisslosen Leistungsverweigerung. Davon zeugt unser Krug hier im Saal 5. Der Museumskatalog weist ihn aus als ein Beispiel attisch-rotfiguriger Keramik von 490 vor Christus, dem Jahr der Schlacht von Marathon. Bemalt hat ihn der „Maler aus Florenz“ – der heißt so, weil eine weitere ihm zugeschriebene Vase im Archäologischen Museum von Florenz steht. Gefunden wurde der Krug allerdings bei der kleinen süditalienischen Gemeinde Castelluccio. Wahrscheinlich stammte er ursprünglich aus einem etruskischen Grab. Einem österreichischen Offizier ist es zu verdanken, dass der Krug heute in Berlin ist: Franz von Koller, der 1821 mit der kaiserlichen Armee in Neapel einrückte und dort als General- Intendant für die Durchsetzung der Herrschaftsansprüche der Habsburger sorgte. Koller nutzte seinen mehrjährigen Dienstposten zum Aufbau einer prächtigen Sammlung antiker Vasen, die dann 1828 von König Friedrich Wilhelm III. (der mit der Luise) gekauft wurde und damit ins sogenannte Spree-Athen kam. Der Krug ist eigentlich ein Kalpis, also eine bauchige Sonderform der Hydria. Ein schlichtes Gefäß, etwa vierzig Zentimeter hoch, dickbauchig, kaum Gebrauchsspuren. Sicher kein Meisterwerk, es gab viel talentiertere attische Vasenmaler.

Wenn wir einen Schritt zurücktreten, kommt auch gleich sein grandioser Kontext in den Blick. Die Vitrine ist mit sechs weiteren Gefäßen, Schalen und Krügen gefüllt. Von links nach rechts erzählen sie die Geschichte des Trojanischen Krieges. Gerne benutzte man solche Gefäße bei den Symposien. Man trank, sang und schaute auf Szenen aus der Zeit der Helden. Große Kämpfe und noch größere Sieger. Solche Sachen eben, herzstärkend, Mannesruhm. Aber was empfanden diese Zecher wohl beim Anblick eines schmollenden Helden unter seiner Schmusedecke? War das nicht eine ziemlich peinliche Nummer, die Achilles da abzog? Was gefiel trinkenden Polis-Bürgern, die als Hopliten gerade erst bei Marathon das Heer der Perser geschlagen hatten, nur an dieser Szene?

Die Ilias beginnt mit dem Wort „menis“ – Zorn. Joachim Latacz schreibt im Basler Gesamtkommentar zur Ilias, „menis“ bezeichne einen „chronischen Entzürntheitszustand“. Der gängige „Zorn“ sei dafür gar keine angemessene Übersetzung. Latacz schlägt stattdessen Groll vor. Der sei anhaltender, weniger Wut, mehr Frust. Der frisst sich in einen rein, köchelt vor sich hin, Zorn essen Seele auf. Nichts kann Achilles motivieren, wieder mitzumachen. Nicht einmal die schmeichelnden Worte des Odysseus. Die Szene auf der Vase lässt uns an diesem Meeting im neunten Gesang der Ilias teilnehmen, der sogenannten Presbeia, auf Deutsch „Gesandtschaft“. Odysseus und Phoinix wurden von den Führern des griechischen Heeres zu Achilles geschickt, um ihn zu motivieren, doch wieder mitzumachen. Dieser Bittgang der stolzen Helden wird ganz plötzlich ein beliebtes Motiv der attischen Vasenmaler im frühen fünften Jahrhundert vor Christus, man findet ganz ähnliche Darstellungen in Rom, im Louvre oder im Britischen Museum.

Die Grundkonstellation der Szene ist immer gleich. Der eine – Achilles – sitzt und grollt, der andere – Odysseus – steht und redet. Während Achilles ganz Emotion ist, ist Odysseus ganz Verstand, Ratio und Überlegung, die ihm Überlegenheit gibt. Der eine hat Argumente, dem anderen geht es um Anerkennung seiner archaischen Ansprüche. Der coole Odysseus will das griechische Projekt retten, Achilles seine Ehre. In der Ilias ist Odysseus der „Vielduldende“, ein Held mit hoher Frustrationstoleranz und kommunikativer Geschmeidigkeit. Was Achilles völlig mangelt, fällt seinem Gegenspieler überhaupt nicht schwer: Affektkontrolle.

Aber Moment – da gibt es noch diese Szene auf einer Vase von 510 vor Christus links hinten in der Vitrine. Es handelt sich um die Opferung der Polyxena, der Tochter des Priamos und der Hekabe. Im Britischen Museum gibt es eine ältere und auch viel drastischere Darstellung desselben Motivs. Dort wird Polyxena von den Griechen einfach abgeschlachtet – Achilles’ Sohn Neoptolemos schneidet ihr über dem Grab des Vaters brutal die Kehle durch. Müssen wir uns also spätestens jetzt erschrocken fragen, ob unser Altes Museum etwa Objekte mit Gewaltverherrlichung zeigt? Natürlich zeigt es solche. Und bewundern sollen wir sie auch noch! Na und? Wir verzieren zwar nicht unsere Vasen mit Gewaltdarstellungen, aber unsere Bildschirme und Kinoleinwände sind doch voll davon. Insofern beweist uns die Vitrine im Saal 5 nur das Kontinuum der Vermählung von Schönheit und Gewalt in der Geschichte der menschlichen Selbstdarstellung.

Da wäre es also, das Eigene im Fremden. Aber wie das so ist mit den Dingen – sie lassen sich nicht festlegen, ihre Sinnangebote bleiben zwiespältig. Man kann genauso das Fremde in ihnen betonen, ihren rätselhaften Eigensinn, hier den „glücklichen Bellizismus“ der alten Griechen, zu dem uns laut Peter Sloterdijk kein unverfälschter Zugang mehr offensteht. Die Ilias feiere die Verschmelzung der Begriffe Krieg und Glück. Gewalt ist schön. Und Achilles’ Zorn, der sie befeuert, mache in der Presbeia-Szene nur eine Pause, so Sloterdijk, bevor er wieder hervorbreche und erneut die Herrlichkeit seiner Taten und Werke erstrahlen lasse. Folglich galt der „Tod im Kampf, in der – möglichst unversehrten – Vollblüte der Jugend“ den Griechen auch als der schönste Tod, so der Althistoriker Christian Meier. Die menschliche Existenz sei für die Griechen aufs engste mit dem Tod verquickt. Das Sterben in der Schlacht hat bei ihnen auch keinen Sinn, der auf irgendetwas anderes hinausweisen würde. Man tut, was man muss, aber das wenigstens in „heroischen Ausmaßen“.

Wir nennen das archaisch – und müssten dann eigentlich erst recht befremdet sein. Das sind doch nicht mehr wir. Allerdings kämpfen Achilles, Odysseus und Phoinix auf unserer Vase gar nicht. Die wollen doch nur sitzen und reden. Jedenfalls Odysseus. Aber nirgends in der Ilias wird Achilles von Homer so beschrieben, also mit der Decke überm Kopf und dem Herzen voller Groll. Als Odysseus und seine Begleiter im neunten Gesang das Zelt von Achilles betreten, springt dieser bei Homer vielmehr erfreut auf, wirft die Laute weg und begrüßt seine Freunde voller Freude. Es wird natürlich reichlich getrunken, behaglich knistert das Feuer, man sitzt und schmaust, und erst dann beginnt das Palaver. Und Achilles? Geht auf alle ein, antwortet seitenlang, argumentiert, verteidigt sich – kurz: Vom verstockten Groll des Peleiaden im Sitzstreik kann im neunten Gesang der Ilias keine Rede sein. Aber woher stammt die beliebte Szene dann?

Die Historikerin Brigitte Knittlmayer vermutet, dass das eigentliche Vorbild der Szene gar nicht die Ilias ist, sondern eine viel jüngere Quelle: Nämlich das 490 uraufgeführte Drama „Die Myrmidonen“ von Aischylos, das leider nur in Fragmenten überliefert ist. Auch da geht es um die Presbeia, doch mit einem entscheidenden Unterschied: Achilles tritt dort zu Beginn auf – und dann setzt er sich, zieht sich den Mantel über den Kopf und schweigt. Denn bei Aischylos geschieht etwas Unerhörtes: Ein anderer Achaier, dessen Name nicht überliefert ist, droht Achilles die Steinigung durch das Heer an, sollte er bei seiner als Verrat aufgefassten Weigerung bleiben, für die Griechen wieder in den Kampf zu ziehen. War es vielleicht Odysseus, der in unserer Vasen-Szene diese Drohung gerade ausgesprochen hat? Knittlmayer jedenfalls sieht hier den Streit zwischen Individuum und Gemeinschaft aufgeführt. Die Gemeinschaft, verkörpert durch den beredten Odysseus, fordere von Achilles ihr Recht auf dessen Einsatz für das Wohl der Gesamtheit der Griechen. Dem Helden scheint diese Forderung die Sprache verschlagen zu haben. Verantwortung? Er, Achilles? Für die Gemeinschaft?

Solche Fragen sind natürlich nicht mehr der Gedankenhorizont eines Homers. Die Männer auf der Vase tragen die Namen der epischen Helden der heroischen Dichtung, aber sie führen die Gespräche der Bürger der athenischen Polis nach den Reformen des Kleisthenes vom Ende des sechsten Jahrhunderts. Im Zuge der von diesen Reformen ausgelösten Veränderungen der Bürgerschaft, so Knittlmayer, bildete sich die neue Vorstellung einer Öffentlichkeit von Gleichen, die von allen diesen Gleichen – also auch von den Adligen – Rechenschaft verlangen konnte über die Sozialverträglichkeit ihrer Leidenschaften und Interessen. Mehr Odysseus wagen und weniger Achilles? So ganz fremd war das den Helden des homerischen Epos ja nicht. Auch dort, so Christian Meier in seiner Studie zur Entstehung des Politischen bei den Griechen, betreibt eine Handvoll Adliger, Fürsten und Heroen Innenpolitik wie in einer Polis. Was wird in der Ilias nicht geredet – ständig geht es bei all den Versammlungen um die „ganze Not des Einschwörens Auseinanderstrebender auf ein Ziel“. Doch um 500 vor Christus ging es längst um mehr, jetzt musste sich unter diesen Männern die Bereitschaft durchsetzen, „Verantwortung nicht nur in Ausnahmefällen, sondern in der Regel der Politik wahrzunehmen, unabhängig davon, ob Anlass zur Erregung bestand“. Es war nicht mehr maßgeblich, dass Achilles eigentlich recht hatte in seinem Groll. Zorn war kein Argument mehr.

Zeigt unser Krug demnach die Domestikation des Helden zum Staatsbürger? So viel Eigenes hätte man auf einem 2500 Jahre alten Stück Geschirr doch gar nicht erwartet. Natürlich ist das sehr modern gedacht. Sind wir und Athen verflochten in einem Kontinuum von Gemeinsamkeiten? Solange die alten Dinge noch zu uns sprechen und wir ihre Sprache verstehen können, wäre es jedenfalls noch nicht ganz zerrissen. GERALD WAGNER

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