Der Übersetzer (1937)

Franz Fühmann

Sein Kopf ist müd. Er stützt ihn in die Hand,
jedoch das Denken drängt ihn: Übertrage
die eine Zeile noch, sinn nach und sage
den ungeheuren Sinn, der dir erstand

aus diesen Worten fremder Sprache! Wage
dies einz’ge Wort nur: Es wird Widerstand,
es wird die Feuerschrift auf schwarzer Wand,
die Front ruft wider deines Volkes Plage!

Wie schwillt des Worts Substanz unter der Stirn,
zieht alles Licht auf die gefurchte Fläche,
die hoch sich wölbt über dem wählenden Hirn,
und hämmert, daß es diesen Fels durchbreche,
um auszusprechen sich, dies Wort, dies eine,
in neuer Sprache: Freiheit, die ich meine!

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Hütte am Abend

Martin Heidegger

Weit geschartes Waldgezüge
wandert durch den blauen Duft.
Zeichen ziehen Schwalbenflüge
ungelesen in die Luft.

Jäh verhallt ein junger Schrei.
Langgestreckte Höfe dämmern
in den Abend. Welt wird frei.
Bauern ihre Sensen hämmern.

Grau blickt in das Rot der Stein.
Wind versickert in die Stille.
Abendwärts klagt später Schein.
Hart verlöschen Wahn und Wille.

Rankes Reh kommt an die Quelle,
ob den Berg der erste Stern.
Nacht verhüllt die eigene Helle.
Denken stillt sich scheu und gern.

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Begin

Brendan Kennelly

Begin again to the summoning birds
to the sight of light at the window,
begin to the roar of morning traffic
all along Pembroke Road.
Every beginning is a promise
born in light and dying in dark
determination and exaltation of springtime
flowering the way to work.
Begin to the pageant of queuing girls
the arrogant loneliness of swans in the canal
bridges linking the past and future
old friends passing though with us still.
Begin to the loneliness that cannot end
since it perhaps is what makes us begin,
begin to wonder at unknown faces
at crying birds in the sudden rain
at branches stark in the willing sunlight
at seagulls foraging for bread
at couples sharing a sunny secret
alone together while making good.
Though we live in a world that dreams of ending
that always seems about to give in
something that will not acknowledge conclusion
insists that we forever begin.“

Aus:
The Essential Brendan Kennelly, Dublin, 2011

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Farbenstäubchen

August von Platen

Farben​stäub​chen auf der Schwinge
Sommer​li​cher Schmetterlinge
Flüch​tig sind sie, sind vergänglich
Wie die Gaben, die ich bringe,
Wie die Kränze, die ich flechte,
Wie die Lieder, die ich singe:
Schnell vorüber schwe​ben alle,
Ihre Dauer ist geringe,
Wie ein Schaum auf schwan​ker Welle,
Wie ein Hauch auf blan​ker Klinge.
Nicht Unsterb​lich​keit verlang’ ich,
Ster​ben ist das Loos der Dinge:
Meine Töne sind zerbrechlich
Wie das Glas, an das ich klinge.

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Streit der Organe

Verfasser mir leider unbekannt

Ein Körper hatte Langeweile,
da stritten sich die Körperteile,
wer wohl der Boss von ihnen sei?

„Ich bin der Boss.“ Sprach das Gehirn.
„Ich sitz ganz hoch hinter der Stirn.
Ich muss viel denken, muss euch leiten.
Ich bin der Boss wer will´s bestreiten?“

Die Beine sagten halb im Spaße:
„Gib nicht so an du weiche Masse.
Durch uns der Mensch sich fortbewegt.
Ein Mädchenbein den Mann erregt.
Durch uns wirkt der Mensch erst groß.
Wir sind Boss, ist doch was los.“

Die Augen funkelten und sprühten.
„Wer wird euch vor Gefahr behüten?
Wenn wir nicht alle wachsam wären?
Uns sollte man zum Boss erklären.“

Das Herz, die Nieren und die Lunge,
die Ohren, Nase und die Zunge,
ein Jeder legte schlüssig dar:
„Ich bin der Boss das ist doch klar.“

Und auch der Penis reckt sich groß
und sagt ganz keck: „Ich bin der Boss.“
„Die Menschheit kann mich nicht vermissen,
denn ich bin nicht nur da zum Pissen.“

Bevor man die Debatte schloss,
da furzt der Arsch: „Ich bin der Boss.“

Hei wie die Konkurrenten lachten
und bitterböse Späße machten.
Das Arschloch war drauf´recht verdrossen
und hat sich also gleich verschlossen.

Und dachte konsequent bei sich:
„Die Zeit arbeitet für mich.
Wenn ich mich weigere zu scheißen,
werde ich die Macht wohl an mich reißen.“

Schlaff wurden Penis, Arme, Beine.
Die Galle produzierte Steine.
Das Herz das stockte schon bedenklich.
Auch das Gehirn fühlte sich kränklich.

Das Arschloch war nicht zu erweichen.
Lies nur ab und zu ein Fürzchen streichen.
Und schließlich sahen alle ein,
der Boss kann nur das Arschloch sein.

Und die Moral von der Geschicht:
Mit Fleiß und Arbeit schaffst du´s nicht.
Um Boss zu werden genügt allein,
ein Arschloch von Format zu sein.

Sollte jemand wissen, wer das geschrieben hat, wäre ich dankbar über einen Hinweis.

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A Picture of Himself / Sein Selbstbildnis

Ben Jonson

A Picture of Himself

I doubt that Love is rather deaf than blind,

For else it could not be,

That she,

Whom I adore so much, should so slight me,

And cast my suit behind.

I’m sure my language to her was as sweet,

And all my closes meet

In numbers of as subtle feet,

As makes the youngest he

That sits in shadow of Apollo’s tree.
 

O but my conscious fears,

That fly my thoughts between,

Prompt me that she hath seen

My hundreds of grey hairs,

Told six-and-forty years,

Read so much waste as she cannot embrace,

My mountain belly and my rocky face,

And all these, through her eyes, have stopped her ears.

Sein Selbstbildnis

übertragen von Werner von Koppenfels

Nicht blind, nein taub ist Liebe offenbar:

Wie wärs sonst möglich, wie,

daß sie

mich nicht beachtet hat, die ich beknie,

und meine Lieb verwarf?

Warn meine Worte doch von solcher Süße,

so elegant die Zeilenschlüsse

so fein der Verse muntere Füße,

wie sie der jüngste Fant

je in Apollos Lorbeerschatten fand!
 

Ach, welche Ängste fahren 

mir durch die Sinne da,

und sagen mir: sie sah

die hundert grauen Haare,

zählte die sechsundvierzig Jahre,

maß eine Wüste, die sie nie umschließt,

mein Bauchgebirg, mein felsiges Gesicht —

und so verschloß das Auge ihr die Ohren.

Erschienen in: „Dem Shakespeare fehlts an Kunst!“ Ben Jonson über sich und die Literatur seiner Zeit. Hrsg. und aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Dieterich’sche Verlagsbuch­handlung, Mainz 2020.

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Die Nacht

Hermann von Gilm zu Rosenegg

Aus dem Walde tritt die Nacht,
Aus den Bäumen schleicht sie leise,
Schaut sich um in weitem Kreise,
Nun gib acht.

Alle Lichter dieser Welt,
Alle Blumen, alle Farben
Löscht sie aus und stiehlt die Garben
Weg vom Feld.

Alles nimmt sie, was nur hold,
Nimmt das Silber weg des Stroms,
Nimmt vom Kupferdach des Doms
Weg das Gold.

Ausgeplündert steht der Strauch,
Rücke näher, Seel an Seele;
O die Nacht, mir bangt, sie stehle
Dich mir auch.

Hermann von Gilm zu Rosenegg: „Gedichte“. Liebeskind Verlag, Leipzig 1894. 

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Die Welt von oben

1975 machte sich der Philosoph Bazon Brock mit großem Gefolge auf zum Mont Ventoux – um dort an die unerhörte Tat des Dichters Petrarca zu erinnern.

Unter allen menschlichen Tätigkeiten sind diejenigen nicht die schlechtesten, bei deren Betrachtung man sich erst einmal fragt: warum? So wird es auch an diesem Mittwoch sein, wenn sich das Fahrerfeld der Tour de France nicht nur einmal, was schon irrwitzig genug wäre, sondern tatsächlich zweimal den unwirtlichen und nicht nur dem Namen nach windumtosten Berg Mont Ventoux in der französischen Provence hinaufquält.

Auf Unverständnis stieß einst auch der Dichter Francesco Petrarca, als er sich anschickte, am 26. April 1336 in Begleitung seines Bruders Gherardo den Berg zu besteigen, der damals als unbesteigbar galt. Warum, so fragten sich die Zeitgenossen, sollte man sich freiwillig diesem Ozean aus Dornengebüsch aussetzen, der doch weder zum Acker- noch zum Weideland gemacht werden konnte und jenseits der Vegetationsgrenze in eine abweisende Mondlandschaft übergeht? Beim Aufstieg begegnete Petrarca einem Hirten, der ihm sagte, dass von da oben nichts zu erwarten sei außer Blut, Schweiß und zerrissener Kleidung. Der Dichter ließ sich davon nicht beirren und setzte den Aufstieg auf den 1909 Meter hohen Berg fort.

Erst viel, viel später wurde den Menschen klar, welch unerhörte Tat das war. Der Philosoph und Petrarca-Kenner Bazon Brock sieht in ihr einen humanistischen Akt par excellence. Petrarca sei der „erste Seefahrer zu Land“ gewesen. Er habe die größte Autorität akzeptiert, die es gibt: die Natur; der Mont Ventoux sei damals der Inbegriff der Naturgewalt gewesen. Der Dichter habe erkannt, dass man sie nicht bezwingen kann, sondern dass wir uns mit ihr arrangieren müssen. Und zwar denkenderweise. Die Besteigung des Mont Ventoux sei kein Triumph über die Natur gewesen, sondern ein Sieg der Intelligenz im Umgang mit ihr. Die bestehe darin, sich als Bestandteil der Natur deren Gesetzen unterworfen zu sehen und trotzdem die Freiheit zum Agieren zu gewinnen.

Supervision vom Gipfel

Petrarca habe mit seinem Aufstieg das Werk Dantes fortgesetzt, der 15 Jahre vor der Mont-Ventoux-Besteigung gestorben war. Der Weg der Läuterung, wie Dante ihn in der „Göttlichen Komödie“ beschrieben habe, sei ein Aufstieg. Aus der Geschichte hätten die beiden gewusst, dass die Wahl eines erhöhten Standorts hilft, die Welt als Ganzes zu überblicken und zu erfassen; der Begriff der „Supervision“, gebräuchlich etwa in der Managementsprache, kündet noch heute davon. Nur durch Supervision ließen sich Ansprüche auf Führung, Orientierung und Erkenntnis legitimieren.

Im Aufstieg auf den Berg werde das Ich zum Subjekt. Petrarca, so schreibt Brock in einem Text zum Thema, verstehe die Einwände des Hirten und gehe doch darüber hinaus. „Wenn nicht objektive Bedingungen des Überlebens in der Natur, sondern die des subjektiven Erlebens der Natur unsere Haltungen ihr gegenüber beherrschen, formen wir sie zur Landschaft um.“ Der von Petrarca zum ersten Mal in der Neuzeit erhobene Subjekt-Anspruch erfülle sich, wenn der Lyriker Natur zur Projektionsfläche seiner Wahrnehmungen und Vorstellungen mache, „zum Spiegel der Seele“.

Auch Brock selbst hat an einer scheinbar irrwitzigen Mont-Ventoux-Besteigung mitgewirkt. Das kam so: Im Sommer 1974 trafen sich in der Schwabinger Wohnung des Kunsthistorikers und angehenden Verlegers Hubert Burda der Verlagslektor und Dichter Michael Krüger, der Schriftsteller Peter Handke sowie eben Brock. Nach der Erinnerung Krügers, die er jüngst in seinem Büchlein „Meteorologie des Herzens“ zu Papier gebracht hat, war es wahrscheinlich Brock, der die Runde auf einen Artikel zum 600. Todestag von Petrarca aufmerksam machte. Da selbst in der gut sortierten Bibliothek Burdas keine Ausgabe der Werke zu finden war, machte man sich auf den Weg zur Buchhandlung Lehmkuhl – vergeblich. Auch hier kein Petrarca. Brock sagt: Petrarca sei damals „völlig tot“ gewesen. „Die gesamte linke Intellektualität wollte uns seit 1965 sagen, dass die Individuen keine Rolle mehr spielten, sondern nur mehr die Großkollektive, vor allem das Kollektiv der revolutionären Jugend. Ich dagegen habe gesagt, Europa ist seit 600 Jahren bestimmt durch die Kraft der Individualität, durch die Autorität durch Autorschaft.“ Die sei durch Petrarca geschaffen worden.

Nur das letzte Stück gingen sie zu Fuß

Die Schwabinger Runde überlegte also, wie man dem Geist der Zeit etwas entgegensetzen könnte. Auf dem Rückweg von der legendären Buchhandlung, so Krüger, sei Burda, der damals schon wohlhabend und auf der Suche nach intellektueller Veredlung seiner biographischen Erblast war, auf die Idee gekommen, einen Petrarca-Preis für Lyrik zu stiften. Er sollte jeweils verliehen werden an herausragenden Orten, die mit Petrarca in besonderer Weise verbunden waren. So kam man 1975 an den Mont Ventoux.

Der Aufstieg muss nicht ganz so heroisch gewesen sein wie der Petrarcas, aber wenigstens auch nicht so tragisch wie die letzte Etappe des Radrennfahrers Tom Simpson, der 1967, voll mit Aufputschmitteln und Alkohol, kurz vor dem Gipfel kollabierte und starb. Die Truppe um Brock, Burda, Handke und Krüger, begleitet von Journalisten, ließ sich jedenfalls mit dem Bus einen Gutteil des Weges nach oben fahren, um dann nur das letzte Stück aus eigener Kraft zu gehen. Dieter E. Zimmer, damals für Die Zeit dabei, erdreistete sich danach zu schreiben: Um Petrarcas Aufstieg nachzuvollziehen, „gebrach es den deutschen Dichtern und ihren Begleitern an Rüstigkeit“. Der Berg gab sich ihnen trotzdem in all seiner Urwüchsigkeit zu erkennen: „Wir mussten uns in den Windschatten einer Hütte begeben, um überhaupt sprechen zu können“, erzählt Brock, einen auch im Radsport geläufigen Begriff gebrauchend.

Auf dem Gipfel las Krüger den berühmten Brief Petrarcas an seinen Beichtvater vor, in dem er über seine Exkursion berichtet: „Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdientermaßen Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen. Dabei trieb mich einzig die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen.“

Der Lorbeerkranz in der Plastiktüte

Hubert Burda, der für Kost und Logis in Frankreich aufkam, hat vor ein paar Jahren daran erinnert, dass Brock den gesamten intellektuellen Überbau für die Reise geliefert habe. Mehrere Zeugen berichten davon, wie Brock einen Vortrag über die weltgeschichtliche Bedeutung von Petrarcas Besteigung gehalten und wie er sogar – im Gedenken an die Dichterkrönung Petrarcas – eine Dichterkrönung vollzogen habe, mit einem Lorbeerkranz, den er in einer Plastiktüte einer Frankfurter Buchhandlung mitgeführt hatte. Die Frau des ersten Petrarca-Preisträgers Rolf Dieter Brinkmann, der zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr lebte, habe die Krone „nicht ohne Verlegenheit“ entgegengenommen, schreibt der Zeit-Autor Zimmer. Sie habe sich wohl die Frage gestellt, wie ihr Mann, der leicht reizbare Dichter und Übersetzer, auf dieses Spektakel reagiert hätte. Hätte er es so windig gefunden wie den Berg? Oder es gar als „abgefuckten Einfall“ bezeichnet wie der ebenfalls anwesende Schriftsteller Jörg Schröder?

Brock sagt, die Reisegesellschaft habe seine Erläuterungen „wohlwollend geduldet“. Allerdings sei Peter Handke, der sich als sein Konkurrent betrachtet habe, renitent gewesen. „Er fand das widerwärtig, diese dauernde Belehrung.“ Handke habe keine Ahnung gehabt von dem, was wirklich historisch passiert ist, und es angeblich auch nicht wissen wollen. Auch bei späteren Exkursionen im Zeichen Petrarcas habe Handke lieber „den Popstar“ gegeben, am Pool abgehangen und einmal auch einen Verleger hineingeschubst, als sich intellektuell ernsthaft mit dem großen italienischen Dichter auseinanderzusetzen.

Und was bedeutet das alles nun für die Tour-de-France-Fahrer? Seit Petrarca müsse allen klar sein, auch den Radprofis, dass man die Natur nicht besiegen, sondern nur intelligent mit ihr umgehen kann. Sagt wiederum Brock. Das bedeute, man müsse sich bilden, trainieren, um am Berg zu bestehen. Die Fahrer wüssten, dass der Aufstieg mit dem Rad symbolisch der Aufstieg auf jeder Ebene sei: der berufliche Aufstieg, der Aufstieg zum Gipfel der Erkenntnis, der Seelenaufstieg zu Gott. „Alles, was für die Menschen groß ist, geht nach oben“, sagt Brock. Die Hölle hingegen sei der Abstieg, die Abfahrt. Worte, die auch den Radprofis Auftrieb geben könnten.

Quelle: Timo Frasch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 7. Juli 2021, S. 9

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Wie Klimaklagen den Armen schaden

Wohlmeinende Aktivisten versuchen, den Klimaschutz auf Kosten aller anderen erstrebenswerten Ziele zu erzwingen.

Von Björn Lomborg

Trotz großer Sorgen um das Klima sind die meisten Wähler nicht bereit, die Billionen Euro auszugeben, die nötig wären, um Emissionen drastisch zu senken. Deshalb verfolgen Klimaschützer eine neue Strategie: Klimapolitik durch Gerichte zu erzwingen. Weltweit zählen die Vereinten Nationen (UN) mindestens 1550 solcher Klimaklagen in 38 Ländern – oft von jungen Menschen eingereicht, die sich auf die Angst um ihre Zukunft berufen. Leider untergraben solche Fälle die Demokratie, schaden den Armen und halten uns von intelligenteren Wegen zur Lösung des Klimaproblems ab.

Seit Beginn internationaler Klimaverhandlungen war es schwer, Regierungen zu großen Versprechen zu zwingen, geschweige denn, diese einzuhalten. Die Vereinten Nationen schätzten kurz vor der Covid-Pandemie, dass sich die tatsächlichen globalen Emissionen trotz immenser Klimaanstrengungen nicht unterscheiden von denen einer Welt ohne Klimapolitik.

Gerichtsverfahren könnten politischen Prozess umgehen

Das liegt daran, dass eine weitreichende Klimapolitik enorm teuer ist und oft nur geringen Klimanutzen bringt. US-Präsident Joe Biden hatte schon im Wahlkampf versprochen, jährlich 500 Milliarden Dollar für Klimaschutz auszugeben. Doch sein kürzlich gemachtes, medial gepriesenes Gelöbnis, die einst von Barack Obama versprochenen Reduktionen zu verdoppeln, wird dem Klima selbst bei vollständiger Umsetzung und Beibehaltung über dieses Jahrhundert nur wenig nutzen. Nach dem UN-Standard-Klimamodell wird Bidens Versprechen die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts höchstes um 0,04 Grad senken.

Außerdem ist es schwierig, beständige Mehrheiten für eine teure Klimapolitik zu finden. Bidens Versprechen kostet jeden Amerikaner 1500 Dollar im Jahr, während Umfragen zeigen, dass die meisten nicht bereit sind, mehr als 24 Dollar jährlich für den Klimaschutz auszugeben. Das ist unhaltbar, genauso wie die französische Öko-Steuer, welche 2018 zu jahrelangen Protesten der Gelbwesten führte und letztendlich wieder abgeschafft wurde.

Weit von einer Katastrophe entfernt

Siegreiche Gerichtsverfahren, wie in den Niederlanden 2019 oder das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vergangenen Monat, können jedoch den politischen Prozess umgehen und eine härtere Klimapolitik erzwingen als ursprünglich von Wählern und Regierungen vorgesehen. Viele Verfahren berufen sich darauf, dass der Klimawandel jungen Menschen ihre Zukunft raube. Das ist die alarmistische Darstellung in den Medien, welche von Politikern unterfüttert wird, die behaupten, der Klimawandel sei eine „existenzielle Bedrohung“.

Aber der UN-Klimarat stützt diesen Alarmismus nicht. Er bestätigt, dass der Klimawandel ein Problem ist, aber die Auswirkungen sind weit von einer Katastrophe entfernt. In seinem jüngsten Bericht stellt er fest, dass die Schäden durch einen ungebremsten Klimawandel bis zum Jahr 2100 2,6 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts kosten werden. Bis dahin erwartet die UN aber auch, dass die durchschnittliche Person 450 Prozent reicher als heute sein wird. Negative Klimafolgen bedeuten, dass wir nur dann „nur“ noch 438 Prozent so reich sein werden.

Trotz des Klimawandels wird das Leben der jungen Menschen weltweit im Jahr 2100 deutlich besser sein. In den UN-Szenarien für das 21. Jahrhundert werden die Menschen länger leben, besser ausgebildet sein und mehr Ressourcen zur Verfügung haben. Sie können das Leben genießen und gleichzeitig unvorhersehbare und vorhersehbare Herausforderungen, einschließlich des Klimawandels, bewältigen.

Vor diesem Hintergrund sind Klima-Gerichtsverfahren keine ultimativen Bemühungen, Demokratien zur Sicherung eines lebenswerten Planeten zu zwingen. Stattdessen verkürzen sie einfach den lästigen demokratischen Prozess, um die Ausgabenpräferenzen für eine Untergruppe sicherzustellen, die keine Mehrheit für ihre Vorschläge bekommen konnte.

Das untergräbt die Demokratie. In einer Gesellschaft geht es darum, kollektive Bedürfnisse zu steuern, die viel größer sind als die verfügbaren Ressourcen. Wahlen sind das Mittel, diese Quadratur des Kreises zu lenken. Wohlmeinende Aktivisten, die die notwendigen Kompromisse umgehen wollen, versuchen im Grunde genommen, den Klimaschutz auf Kosten aller anderen erstrebenswerten Ziele zu erzwingen. Und wenn wohlmeinende Richter in wohlhabenden Ländern mitspielen, öffnet das die Büchse der Pandora für alle Arten von Rechtsstreitigkeiten. Warum sollten nicht Tausende andere Sonderinteressen die Demokratie umgehen und sich direkt an die Gerichte wenden, um ihr bevorzugtes Ergebnis zu erreichen, etwa Schlagloch-freie Straßen, viel mehr Lehrer und Zugang selbst zu den teuersten Krebsmedikamenten?

Energie für viele heute schon unerschwinglich

Dazu kommt, dass dieser Ansatz die Armen sowohl in den wohlhabenden als auch in den Entwicklungsländern im Stich lässt. Für viele ist Energie schon heute unerschwinglich. In reichen Ländern wie Deutschland haben sich die Strompreise in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt. Das hat dazu geführt, dass bis zu 30 Prozent der Haushalte in Energiearmut leben. In den Entwicklungsländern können sich Milliarden von Armen keinen zuverlässigen Zugang zu Energie leisten. Studien zeigen, dass die Umsetzung des Pariser Abkommens im Jahr 2030 zu mehr armen Menschen führen wird. Eine Verschärfung der Klimapolitik durch Gerichte wird dazu führen, dass aufgrund eines langsameren Wirtschaftswachstums noch mehr Menschen arm bleiben.

Die überwiegende Mehrheit dieser Klimaprozesse findet in reichen Ländern statt, wobei eine dortige Reduzierung der Emissionen nur sehr geringe Wirkungen auf das Weltklima haben wird. Selbst wenn sämtliche OECD-Staaten morgen alle CO2-Emissionen einstellen würden – was immenses Elend und Armut zur Folge hätte, da alles zum Stillstand kommt –, würde dies die Erwärmung im Jahr 2100 nur um 0,4 Grad reduzieren.

Das liegt daran, dass drei Viertel der restlichen Emissionen dieses Jahrhunderts aus den Entwicklungsländern kommen werden, denen es viel wichtiger ist, sich von Armut zu befreien. Nur die Reichen und Wohlmeinenden sind bereit, deutlich mehr zu zahlen, um ihre Emissionen ein wenig zu reduzieren. Und die Gerichtsverfahren verstärken das nur.

Wenn wir globale Emissionen drastisch reduzieren wollen, müssen wir unsere Ausgaben auf mehr Investitionen in grüne Innovationen umstellen. Wenn zukünftige saubere Energien dank technologischen Fortschritts günstiger werden als fossile Brennstoffe, wird jeder umsteigen wollen. Investitionen in grüne Forschung und Entwicklung sind für Wähler viel attraktiver, da sie billiger sind und den Armen nicht schaden. Und sie könnten uns tatsächlich helfen, den Klimawandel zu beheben.

Björn Lomborg ist Präsident des Copenhagen Consensus Centers und Visiting Fellow an der Hoover Institution, Stanford University. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Böll.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 27.05.2021, S.17.

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Ohne Titel (in manchen nächten)

SAID

in manchen nächten

suchen plata­nen nach einem gott

der schwei­gen kann

die dunkel­heit zieht sich zurück

der mond ruft die zikaden

die unbe­lehr­ba­ren beten

auf eine geste des triumphs verzich­ten sie

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