Die Nacht

Hermann von Gilm zu Rosenegg

Aus dem Walde tritt die Nacht,
Aus den Bäumen schleicht sie leise,
Schaut sich um in weitem Kreise,
Nun gib acht.

Alle Lichter dieser Welt,
Alle Blumen, alle Farben
Löscht sie aus und stiehlt die Garben
Weg vom Feld.

Alles nimmt sie, was nur hold,
Nimmt das Silber weg des Stroms,
Nimmt vom Kupferdach des Doms
Weg das Gold.

Ausgeplündert steht der Strauch,
Rücke näher, Seel an Seele;
O die Nacht, mir bangt, sie stehle
Dich mir auch.

Hermann von Gilm zu Rosenegg: „Gedichte“. Liebeskind Verlag, Leipzig 1894. 

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Die Welt von oben

1975 machte sich der Philosoph Bazon Brock mit großem Gefolge auf zum Mont Ventoux – um dort an die unerhörte Tat des Dichters Petrarca zu erinnern.

Unter allen menschlichen Tätigkeiten sind diejenigen nicht die schlechtesten, bei deren Betrachtung man sich erst einmal fragt: warum? So wird es auch an diesem Mittwoch sein, wenn sich das Fahrerfeld der Tour de France nicht nur einmal, was schon irrwitzig genug wäre, sondern tatsächlich zweimal den unwirtlichen und nicht nur dem Namen nach windumtosten Berg Mont Ventoux in der französischen Provence hinaufquält.

Auf Unverständnis stieß einst auch der Dichter Francesco Petrarca, als er sich anschickte, am 26. April 1336 in Begleitung seines Bruders Gherardo den Berg zu besteigen, der damals als unbesteigbar galt. Warum, so fragten sich die Zeitgenossen, sollte man sich freiwillig diesem Ozean aus Dornengebüsch aussetzen, der doch weder zum Acker- noch zum Weideland gemacht werden konnte und jenseits der Vegetationsgrenze in eine abweisende Mondlandschaft übergeht? Beim Aufstieg begegnete Petrarca einem Hirten, der ihm sagte, dass von da oben nichts zu erwarten sei außer Blut, Schweiß und zerrissener Kleidung. Der Dichter ließ sich davon nicht beirren und setzte den Aufstieg auf den 1909 Meter hohen Berg fort.

Erst viel, viel später wurde den Menschen klar, welch unerhörte Tat das war. Der Philosoph und Petrarca-Kenner Bazon Brock sieht in ihr einen humanistischen Akt par excellence. Petrarca sei der „erste Seefahrer zu Land“ gewesen. Er habe die größte Autorität akzeptiert, die es gibt: die Natur; der Mont Ventoux sei damals der Inbegriff der Naturgewalt gewesen. Der Dichter habe erkannt, dass man sie nicht bezwingen kann, sondern dass wir uns mit ihr arrangieren müssen. Und zwar denkenderweise. Die Besteigung des Mont Ventoux sei kein Triumph über die Natur gewesen, sondern ein Sieg der Intelligenz im Umgang mit ihr. Die bestehe darin, sich als Bestandteil der Natur deren Gesetzen unterworfen zu sehen und trotzdem die Freiheit zum Agieren zu gewinnen.

Supervision vom Gipfel

Petrarca habe mit seinem Aufstieg das Werk Dantes fortgesetzt, der 15 Jahre vor der Mont-Ventoux-Besteigung gestorben war. Der Weg der Läuterung, wie Dante ihn in der „Göttlichen Komödie“ beschrieben habe, sei ein Aufstieg. Aus der Geschichte hätten die beiden gewusst, dass die Wahl eines erhöhten Standorts hilft, die Welt als Ganzes zu überblicken und zu erfassen; der Begriff der „Supervision“, gebräuchlich etwa in der Managementsprache, kündet noch heute davon. Nur durch Supervision ließen sich Ansprüche auf Führung, Orientierung und Erkenntnis legitimieren.

Im Aufstieg auf den Berg werde das Ich zum Subjekt. Petrarca, so schreibt Brock in einem Text zum Thema, verstehe die Einwände des Hirten und gehe doch darüber hinaus. „Wenn nicht objektive Bedingungen des Überlebens in der Natur, sondern die des subjektiven Erlebens der Natur unsere Haltungen ihr gegenüber beherrschen, formen wir sie zur Landschaft um.“ Der von Petrarca zum ersten Mal in der Neuzeit erhobene Subjekt-Anspruch erfülle sich, wenn der Lyriker Natur zur Projektionsfläche seiner Wahrnehmungen und Vorstellungen mache, „zum Spiegel der Seele“.

Auch Brock selbst hat an einer scheinbar irrwitzigen Mont-Ventoux-Besteigung mitgewirkt. Das kam so: Im Sommer 1974 trafen sich in der Schwabinger Wohnung des Kunsthistorikers und angehenden Verlegers Hubert Burda der Verlagslektor und Dichter Michael Krüger, der Schriftsteller Peter Handke sowie eben Brock. Nach der Erinnerung Krügers, die er jüngst in seinem Büchlein „Meteorologie des Herzens“ zu Papier gebracht hat, war es wahrscheinlich Brock, der die Runde auf einen Artikel zum 600. Todestag von Petrarca aufmerksam machte. Da selbst in der gut sortierten Bibliothek Burdas keine Ausgabe der Werke zu finden war, machte man sich auf den Weg zur Buchhandlung Lehmkuhl – vergeblich. Auch hier kein Petrarca. Brock sagt: Petrarca sei damals „völlig tot“ gewesen. „Die gesamte linke Intellektualität wollte uns seit 1965 sagen, dass die Individuen keine Rolle mehr spielten, sondern nur mehr die Großkollektive, vor allem das Kollektiv der revolutionären Jugend. Ich dagegen habe gesagt, Europa ist seit 600 Jahren bestimmt durch die Kraft der Individualität, durch die Autorität durch Autorschaft.“ Die sei durch Petrarca geschaffen worden.

Nur das letzte Stück gingen sie zu Fuß

Die Schwabinger Runde überlegte also, wie man dem Geist der Zeit etwas entgegensetzen könnte. Auf dem Rückweg von der legendären Buchhandlung, so Krüger, sei Burda, der damals schon wohlhabend und auf der Suche nach intellektueller Veredlung seiner biographischen Erblast war, auf die Idee gekommen, einen Petrarca-Preis für Lyrik zu stiften. Er sollte jeweils verliehen werden an herausragenden Orten, die mit Petrarca in besonderer Weise verbunden waren. So kam man 1975 an den Mont Ventoux.

Der Aufstieg muss nicht ganz so heroisch gewesen sein wie der Petrarcas, aber wenigstens auch nicht so tragisch wie die letzte Etappe des Radrennfahrers Tom Simpson, der 1967, voll mit Aufputschmitteln und Alkohol, kurz vor dem Gipfel kollabierte und starb. Die Truppe um Brock, Burda, Handke und Krüger, begleitet von Journalisten, ließ sich jedenfalls mit dem Bus einen Gutteil des Weges nach oben fahren, um dann nur das letzte Stück aus eigener Kraft zu gehen. Dieter E. Zimmer, damals für Die Zeit dabei, erdreistete sich danach zu schreiben: Um Petrarcas Aufstieg nachzuvollziehen, „gebrach es den deutschen Dichtern und ihren Begleitern an Rüstigkeit“. Der Berg gab sich ihnen trotzdem in all seiner Urwüchsigkeit zu erkennen: „Wir mussten uns in den Windschatten einer Hütte begeben, um überhaupt sprechen zu können“, erzählt Brock, einen auch im Radsport geläufigen Begriff gebrauchend.

Auf dem Gipfel las Krüger den berühmten Brief Petrarcas an seinen Beichtvater vor, in dem er über seine Exkursion berichtet: „Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdientermaßen Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen. Dabei trieb mich einzig die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen.“

Der Lorbeerkranz in der Plastiktüte

Hubert Burda, der für Kost und Logis in Frankreich aufkam, hat vor ein paar Jahren daran erinnert, dass Brock den gesamten intellektuellen Überbau für die Reise geliefert habe. Mehrere Zeugen berichten davon, wie Brock einen Vortrag über die weltgeschichtliche Bedeutung von Petrarcas Besteigung gehalten und wie er sogar – im Gedenken an die Dichterkrönung Petrarcas – eine Dichterkrönung vollzogen habe, mit einem Lorbeerkranz, den er in einer Plastiktüte einer Frankfurter Buchhandlung mitgeführt hatte. Die Frau des ersten Petrarca-Preisträgers Rolf Dieter Brinkmann, der zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr lebte, habe die Krone „nicht ohne Verlegenheit“ entgegengenommen, schreibt der Zeit-Autor Zimmer. Sie habe sich wohl die Frage gestellt, wie ihr Mann, der leicht reizbare Dichter und Übersetzer, auf dieses Spektakel reagiert hätte. Hätte er es so windig gefunden wie den Berg? Oder es gar als „abgefuckten Einfall“ bezeichnet wie der ebenfalls anwesende Schriftsteller Jörg Schröder?

Brock sagt, die Reisegesellschaft habe seine Erläuterungen „wohlwollend geduldet“. Allerdings sei Peter Handke, der sich als sein Konkurrent betrachtet habe, renitent gewesen. „Er fand das widerwärtig, diese dauernde Belehrung.“ Handke habe keine Ahnung gehabt von dem, was wirklich historisch passiert ist, und es angeblich auch nicht wissen wollen. Auch bei späteren Exkursionen im Zeichen Petrarcas habe Handke lieber „den Popstar“ gegeben, am Pool abgehangen und einmal auch einen Verleger hineingeschubst, als sich intellektuell ernsthaft mit dem großen italienischen Dichter auseinanderzusetzen.

Und was bedeutet das alles nun für die Tour-de-France-Fahrer? Seit Petrarca müsse allen klar sein, auch den Radprofis, dass man die Natur nicht besiegen, sondern nur intelligent mit ihr umgehen kann. Sagt wiederum Brock. Das bedeute, man müsse sich bilden, trainieren, um am Berg zu bestehen. Die Fahrer wüssten, dass der Aufstieg mit dem Rad symbolisch der Aufstieg auf jeder Ebene sei: der berufliche Aufstieg, der Aufstieg zum Gipfel der Erkenntnis, der Seelenaufstieg zu Gott. „Alles, was für die Menschen groß ist, geht nach oben“, sagt Brock. Die Hölle hingegen sei der Abstieg, die Abfahrt. Worte, die auch den Radprofis Auftrieb geben könnten.

Quelle: Timo Frasch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 7. Juli 2021, S. 9

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Wie Klimaklagen den Armen schaden

Wohlmeinende Aktivisten versuchen, den Klimaschutz auf Kosten aller anderen erstrebenswerten Ziele zu erzwingen.

Von Björn Lomborg

Trotz großer Sorgen um das Klima sind die meisten Wähler nicht bereit, die Billionen Euro auszugeben, die nötig wären, um Emissionen drastisch zu senken. Deshalb verfolgen Klimaschützer eine neue Strategie: Klimapolitik durch Gerichte zu erzwingen. Weltweit zählen die Vereinten Nationen (UN) mindestens 1550 solcher Klimaklagen in 38 Ländern – oft von jungen Menschen eingereicht, die sich auf die Angst um ihre Zukunft berufen. Leider untergraben solche Fälle die Demokratie, schaden den Armen und halten uns von intelligenteren Wegen zur Lösung des Klimaproblems ab.

Seit Beginn internationaler Klimaverhandlungen war es schwer, Regierungen zu großen Versprechen zu zwingen, geschweige denn, diese einzuhalten. Die Vereinten Nationen schätzten kurz vor der Covid-Pandemie, dass sich die tatsächlichen globalen Emissionen trotz immenser Klimaanstrengungen nicht unterscheiden von denen einer Welt ohne Klimapolitik.

Gerichtsverfahren könnten politischen Prozess umgehen

Das liegt daran, dass eine weitreichende Klimapolitik enorm teuer ist und oft nur geringen Klimanutzen bringt. US-Präsident Joe Biden hatte schon im Wahlkampf versprochen, jährlich 500 Milliarden Dollar für Klimaschutz auszugeben. Doch sein kürzlich gemachtes, medial gepriesenes Gelöbnis, die einst von Barack Obama versprochenen Reduktionen zu verdoppeln, wird dem Klima selbst bei vollständiger Umsetzung und Beibehaltung über dieses Jahrhundert nur wenig nutzen. Nach dem UN-Standard-Klimamodell wird Bidens Versprechen die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts höchstes um 0,04 Grad senken.

Außerdem ist es schwierig, beständige Mehrheiten für eine teure Klimapolitik zu finden. Bidens Versprechen kostet jeden Amerikaner 1500 Dollar im Jahr, während Umfragen zeigen, dass die meisten nicht bereit sind, mehr als 24 Dollar jährlich für den Klimaschutz auszugeben. Das ist unhaltbar, genauso wie die französische Öko-Steuer, welche 2018 zu jahrelangen Protesten der Gelbwesten führte und letztendlich wieder abgeschafft wurde.

Weit von einer Katastrophe entfernt

Siegreiche Gerichtsverfahren, wie in den Niederlanden 2019 oder das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vergangenen Monat, können jedoch den politischen Prozess umgehen und eine härtere Klimapolitik erzwingen als ursprünglich von Wählern und Regierungen vorgesehen. Viele Verfahren berufen sich darauf, dass der Klimawandel jungen Menschen ihre Zukunft raube. Das ist die alarmistische Darstellung in den Medien, welche von Politikern unterfüttert wird, die behaupten, der Klimawandel sei eine „existenzielle Bedrohung“.

Aber der UN-Klimarat stützt diesen Alarmismus nicht. Er bestätigt, dass der Klimawandel ein Problem ist, aber die Auswirkungen sind weit von einer Katastrophe entfernt. In seinem jüngsten Bericht stellt er fest, dass die Schäden durch einen ungebremsten Klimawandel bis zum Jahr 2100 2,6 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts kosten werden. Bis dahin erwartet die UN aber auch, dass die durchschnittliche Person 450 Prozent reicher als heute sein wird. Negative Klimafolgen bedeuten, dass wir nur dann „nur“ noch 438 Prozent so reich sein werden.

Trotz des Klimawandels wird das Leben der jungen Menschen weltweit im Jahr 2100 deutlich besser sein. In den UN-Szenarien für das 21. Jahrhundert werden die Menschen länger leben, besser ausgebildet sein und mehr Ressourcen zur Verfügung haben. Sie können das Leben genießen und gleichzeitig unvorhersehbare und vorhersehbare Herausforderungen, einschließlich des Klimawandels, bewältigen.

Vor diesem Hintergrund sind Klima-Gerichtsverfahren keine ultimativen Bemühungen, Demokratien zur Sicherung eines lebenswerten Planeten zu zwingen. Stattdessen verkürzen sie einfach den lästigen demokratischen Prozess, um die Ausgabenpräferenzen für eine Untergruppe sicherzustellen, die keine Mehrheit für ihre Vorschläge bekommen konnte.

Das untergräbt die Demokratie. In einer Gesellschaft geht es darum, kollektive Bedürfnisse zu steuern, die viel größer sind als die verfügbaren Ressourcen. Wahlen sind das Mittel, diese Quadratur des Kreises zu lenken. Wohlmeinende Aktivisten, die die notwendigen Kompromisse umgehen wollen, versuchen im Grunde genommen, den Klimaschutz auf Kosten aller anderen erstrebenswerten Ziele zu erzwingen. Und wenn wohlmeinende Richter in wohlhabenden Ländern mitspielen, öffnet das die Büchse der Pandora für alle Arten von Rechtsstreitigkeiten. Warum sollten nicht Tausende andere Sonderinteressen die Demokratie umgehen und sich direkt an die Gerichte wenden, um ihr bevorzugtes Ergebnis zu erreichen, etwa Schlagloch-freie Straßen, viel mehr Lehrer und Zugang selbst zu den teuersten Krebsmedikamenten?

Energie für viele heute schon unerschwinglich

Dazu kommt, dass dieser Ansatz die Armen sowohl in den wohlhabenden als auch in den Entwicklungsländern im Stich lässt. Für viele ist Energie schon heute unerschwinglich. In reichen Ländern wie Deutschland haben sich die Strompreise in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt. Das hat dazu geführt, dass bis zu 30 Prozent der Haushalte in Energiearmut leben. In den Entwicklungsländern können sich Milliarden von Armen keinen zuverlässigen Zugang zu Energie leisten. Studien zeigen, dass die Umsetzung des Pariser Abkommens im Jahr 2030 zu mehr armen Menschen führen wird. Eine Verschärfung der Klimapolitik durch Gerichte wird dazu führen, dass aufgrund eines langsameren Wirtschaftswachstums noch mehr Menschen arm bleiben.

Die überwiegende Mehrheit dieser Klimaprozesse findet in reichen Ländern statt, wobei eine dortige Reduzierung der Emissionen nur sehr geringe Wirkungen auf das Weltklima haben wird. Selbst wenn sämtliche OECD-Staaten morgen alle CO2-Emissionen einstellen würden – was immenses Elend und Armut zur Folge hätte, da alles zum Stillstand kommt –, würde dies die Erwärmung im Jahr 2100 nur um 0,4 Grad reduzieren.

Das liegt daran, dass drei Viertel der restlichen Emissionen dieses Jahrhunderts aus den Entwicklungsländern kommen werden, denen es viel wichtiger ist, sich von Armut zu befreien. Nur die Reichen und Wohlmeinenden sind bereit, deutlich mehr zu zahlen, um ihre Emissionen ein wenig zu reduzieren. Und die Gerichtsverfahren verstärken das nur.

Wenn wir globale Emissionen drastisch reduzieren wollen, müssen wir unsere Ausgaben auf mehr Investitionen in grüne Innovationen umstellen. Wenn zukünftige saubere Energien dank technologischen Fortschritts günstiger werden als fossile Brennstoffe, wird jeder umsteigen wollen. Investitionen in grüne Forschung und Entwicklung sind für Wähler viel attraktiver, da sie billiger sind und den Armen nicht schaden. Und sie könnten uns tatsächlich helfen, den Klimawandel zu beheben.

Björn Lomborg ist Präsident des Copenhagen Consensus Centers und Visiting Fellow an der Hoover Institution, Stanford University. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Böll.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 27.05.2021, S.17.

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Ohne Titel (in manchen nächten)

SAID

in manchen nächten

suchen plata­nen nach einem gott

der schwei­gen kann

die dunkel­heit zieht sich zurück

der mond ruft die zikaden

die unbe­lehr­ba­ren beten

auf eine geste des triumphs verzich­ten sie

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Renovierung der Fassade

Tadeusz Dąbrowski

Der Putz fällt von den Mauern des Kapuzinerklosters,

gleichmäßig arbeiten die Meißel, geben keine Ruhe.

In meinem Land an der Weichsel setzen sie Jesus auf den Thron,

und ich lausche in dem Schweizer Städtchen, wie Blumen

erblühen, Banknoten rascheln, ich höre die Vogelstimmen

gegen die globale Erwärmung und den Putz, der

von den Mauern aus dem siebzehnten Jahrhundert fällt.

Drei alte Ordensschwestern kennen mich schon,

sie sind wie Brieftauben aus einer gelichteten Schar

während des letzten Fluges, haben Probleme mit dem Gehör

und wundern sich, als ich erkläre, ich könne nicht schlafen,

weil die Meißel gleichmäßig den Putz von den Mauern des Klosters

Maria Opferung aus dem siebzehnten Jahrhundert schlagen,

ein vermodertes Kreuzgerüst entblößend. Indessen geht über

meinem Land ein Regenbogen auf, eine fröhliche Menge trägt

in der Monstranz eine Vagina als Hostie, und von den Sockeln

stürzen die Denkmäler der Priester, die sich ins Paradies zu drängen

versuchten durchs Nadelöhr kindlicher After und Scheiden.

Vögelchen singen, und Bienchen sumsen in den Gärten

des Kapuzinerklosters in Zug, wo drei alte

Ordensschwestern geduldig auf die Berufung

in die Ewigkeit warten. Auf der Promenade am See, der

an den See Genezareth erinnert, spazieren mit geblähten

Bäuchen zukünftige Mütter. Eine Stunde von hier

sterben an einer Spritze mit Gift die lebensmüden

Eigentümer des Lebens. Die Renovierung zieht sich

schon drei Monate, ich kann nicht schlafen, obwohl die Schwestern

behaupten, die Meißel arbeiteten nur am Tag, gleichmäßig

den Putz von den Mauern des Klosters schlagend. Die Glocken

der leeren Kirchen läuten jede Viertelstunde, die Glocken an den

Kuh- und Schafshälsen läuten fast ununterbrochen. Ansonsten

Stille, der Trauerzug der Wolken, der erstickende Geruch

nach verblühenden Glyzinien und dem Putz der alten Mauern

des Kapuzinerklosters, das schon im nächsten Jahr wie neu

aussehen wird, glaubt man den Meistern und den drei

Ordensschwestern mit ihren verkalkten, zerbrechlichen Körpern.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

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Gegen den Absolutismus des Ichs

Es sind weise Worte, die der Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse in seinem Beitrag „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?“ (F.A.Z. vom 21. Februar) in den öffentlichen Diskurs einbringt. Der Absolutismus des Ichs führt in der Beziehung zu den anderen ins Unglück. Als Christ weiß ich mich, durch Gott, in die Welt gesetzt. Diese Erkenntnis führt zu einer demutsvollen Wahrnehmung des eigenen Ichs und meiner Umwelt. Das heißt, meine Betroffenheit von gesellschaftlichen Umständen führt nicht automatisch dazu, dass meine Sicht der Dinge für die Allgemeinheit der richtige Weg ist. Als Bürger der Republik haben wir alle den Auftrag, die Gesellschaft weiterzuentwickeln.

Als fortschrittsliebender Liberaler stöhnt man deshalb häufig unter dem Joch einer lähmenden Harmoniesucht. Jedoch gerade um die Freiheitsräume des Einzelnen und Freiheitsräume für eine große Vielzahl von Identitäten zu bewahren, ist es entscheidend, einen tragfähigen Grundkonsens in der Gemeinschaft zu bewahren. Die Sprechverbote der Cancel Culture und eine zunehmende Radikalisierung der Sprache wirken hier destruktiv. Wenn ich kategorisch ausschließe, dass die Meinung des anderen konstruktiv sein kann, wenn ich meine Wahrnehmung der Welt zur moralischen Maxime verkläre, gibt es keinen vernunftbasierten, gemeinschaftlichen Fortschritt, sondern eine gesinnungsbasierte Aufspaltung der Gesellschaft.

Die amerikanische Gesellschaft macht uns vor, wohin das führen kann. In der gespaltenen Gesellschaft hat jeder seine eigene Sprache, seine eigenen Medien, seine eigenen Denkmäler, seine eigene Öffentlichkeit. Jeder hat für sich sein Recht. Der Preis für das Rechthaben ist jedoch die Aufgabe des Gemeinwohls. Die gespaltene Gesellschaft ist nicht nur dialogunfähig, sondern unfrei und letztlich so schwach, dass sie auf Dauer lebensunfähig ist. Es ist richtig und gut, dass Herr Thierse uns alle zu mehr Demut im Umgang miteinander und einer erhöhten Gemeinwohlorientierung aufruft.

Sven Porepp, Wetter an der Ruhr

Quelle: Leserbrief, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2021, S.6

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Beileibe und zumute

Ursula Krechel

Zugute könnte man Appellen halten
dass Reden schwungvoll, Mikrofone
eingeschaltet, ausgeschaltet, sie zischen
in den Ohren, darüber klirren­de Fahnen

zugute auch das Räuspern, Rachenlaute
poröses Lachen, das dann doch erstickt
zugute auch, jemand erschrickt, wenn
eine Wasserwand vor dem Gesicht und

nichts geschieht, still ist es dann, peinvoll
wie ein Versagen, das es nicht ist
Leute palavern, andere schweigen eher
wie’s wem zumute ist, weiß man nicht

Quelle: Ursula Krechel (Beileibe und Zumute), Jung und Jung Verlag, Salzburg, 2021.

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Spielregeln

Friedrich Dürrenmatt

Im Unerbittlichen
fordere nicht Unerfüllbares
Halte die Spielregeln ein

Richte nicht die Gerichteten
Du bist einer von ihnen
Misch dich nicht ein, du bist eingemischt

Sei menschlich, nimm Abstand
Jeden trifft ein eigener Pfeil
Du kannst niemanden schützen

Unrechtes geschieht nicht
aber Furchtbares

Was geschieht, bist du
Es geschieht dir recht

Quelle: Friedrich Dürrenmatt: „Das Mögliche ist ungeheuer“. Ausgewählte Gedichte. Diogenes Verlag, Zürich 1993

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Grau

Konstantinos Kavafis

(aus dem griechischen von Robert Elsie)

Ein grauer Opal, den ich anschaute,
Erinnerte mich an zwei schöne, graue Augen,
Die ich vor vielleicht zwanzig Jahren gesehen hatte…

………………………………………………

Einen Monat lang hatten wir uns geliebt.
Dann fuhr er weg, nach Smyrna, glaube ich,
Um dort zu arbeiten, und wir sahen uns nie mehr.

Sie werden an Glanz verloren haben (wenn er noch lebt),
Die grauen Augen, und auch das Gesicht wird nicht mehr so schön sein.

O Gedächtnis, bewahre sie, wie sie damals waren,
Und, Gedächtnis, von jener Liebe bring mir
Heute abend, soviel du vermagst, zurück.

Aus: Konstantinos Kavafis: „Das Gesamtwerk“, hrsg. von Robert Elsie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt (Main), 1999.

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Golestān – »Rosengarten« (Saadi)

Kapitel, Über den Weg der Könige, 10. Erzählung:

بـنـی آدم اعــضــای یکديگرند
که در آفـرينــش ز یک گوهرند
چو عضوى به درد آورد روزگار
دگر عـضـو ها را نـمـاند قـرار
تو کـز محنت دیگران بـی غمی
نـشــایـد که نـامـت نهند آدمی

Übersetzung aus DIE ZEIT:

Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.

Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.

Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.

Wörtliche Übersetzung und Nachdichtung:

Adams Kinder sind als Glieder einander verbunden,
Da sie der Schöpfung aus einer Perle entstunden.
Fügt nur ein Glied Leid hinzu der Welt,
Die and’ren Glieder dies in Aufruhr hält.
Dir, der dich die Not der and’ren nicht berührt,
Geziemt es nicht, dass dir der Nam’ »ein Mensch« gebührt.

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