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Zum MZ-Artikel: Millionen für das Stadtbad

Der Neubau der Kulturstiftung des Bundes in Halle
(Quelle: https://www.kulturstiftung-des-bundes.de)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich über alle Maßen, sollte das Stadtbad in naher Zukunft, mit neuem Konzept und frisch saniert, ein weiterer Wohlfühl-Baustein in unserer Stadt werden. Dennoch gibt es ein Kümmernis: In den letzten Jahren hat der Bund seine Kulturförderung deutlich ausgebaut. Ausgehend von einem staatlichen Anteil von unter 1,5% Prozent im Jahr 1985, beträgt der Anteil mittlerweile knapp 15%.[1] Das ist erfreulich, da mehr Kultur – gerade in Zeiten wie diesen – auch ein Mehr an Teilhabe und Bildung bedeuten kann.

Jedoch sollte diese Aktivität des Bundes auch mit einer gewissen Skepsis bedacht werden. Vielleicht mit einem Gefühl, wie es kinderreiche, hart arbeitende Eltern empfinden, wenn ein begüterter Onkel von Zeit zu Zeit vorbeikommt und auf den mühsam mit Brot gefüllten Tisch Schokolade und kostbare Desserts stellt. Den Kindern mag so etwas natürlich Spaß machen, die Eltern aber ärgern sich und meinen vielleicht, statt spektakulärer, seltener Extras hätte uns der Onkel oder die Tante auch mehr Geld zur Aufbesserung der täglichen Hausmannskost geben können.

In der Sprache der Politik: es stünde dem Bund auch frei, die Länder und Kommunen in die Lage zu versetzen, mehr (noch mehr!) für Kunst und Kultur zu tun. In deren sinkende Finanzierungsanteile sprang der Bund nämlich ein. Statt das grundlegende Subsidiaritätsprinzip des Grundgesetzes zu beachten, ein Prinzip, nach dem die übergeordnete staatliche Ebene nur solche Handlungen vornehmen sollte, zu deren Wahrnehmung die untergeordnete Ebene nicht in der Lage ist, herrscht fröhliche Gebieterlaune. Selektiv bestimmt der Bund welches Gericht auf dem Tisch steht.

Das ist auf verschiedene Weise bedenklich. Zum einen gilt es mit einer Förderquote von 50% nun für die Stadtwerke einen ebenso großen Anteil in Höhe von 13 Millionen Euro zu finanzieren. Da der Staatssekretär für Kultur in der Staatskanzlei (Schellenberger) eingebunden war, kann man nur hoffen, dass ein erklecklicher Anteil dieser Summe vom Land übernommen wird. Die Stadt Halle dürfte finanziell ächzen.

Aber insbesondere strukturell sollte man eine sich zunehmend zentralisierende Kulturpolitik hinterfragen. Deren Fähigkeit flächendeckend Originalität, Spontaneität, kritischen Geist sowie Erneuerungswille und formales Experiment aufrechtzuerhalten, bezweifle ich. Die Freude im Herzen wird so durch einen Wermutstropfen getrübt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ingo Herrmann


[1] Vgl. Statistisches Bundesamt: Kulturfinanzberichte, o. J., im Internet verfügbar unter www.destatis.de, der aktuellste: http://miz.org/downloads/dokumente/946/2018_Kulturfinanzbericht.pdf.

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Rasender Stillstand

Michael Krüger

Wir haben es kommen sehen,
das rasende Gewitter,
wie es von Süden her
das Wasser aufmischte
und die letzten Boote vertrieb.
Eben noch saßen wir,
wie erstarrt in der eigenen Ohnmacht,
unter den sesshaften Bäumen
und hörten dem Specht zu,
wie er seine öden Traktate
in die Rinde der Ulme hämmerte.
Dann zeigte der Blitz uns die Zeit,
und der Donner hielt sie an,
bis der Regen wieder nachließ.
Nach dem Gewitter kamen die Mücken
in dichten Geschwadern,
diesen Krieg kann keiner gewinnen.

Quelle:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, 29. Oktober 2019, Nr. 251, S.11

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Zwerge

Text: Helge Schneider (Melodie: Im Frühtau zu Berge)

Im Frühtau die Zwerge, sie gehn, fallera,
sie taumeln, sie schwanken und sie gröhl’n, fallera,
ja seht wie krumm sie laufen, denn gestern war’n sie saufen,
ihr kennt das, ihr wart das ja auch schon mal.

Vom Freibier die Zwerge, sie kommen, trallalla,
zu einer andern Kneipe woll’n sie ziehn, rummtata,
sie sind grad rausgeflogen, weil sie sich nackt auszogen
der Suff macht sie alle pervers, tütata.

Im Frühtau die Zwerge, bleib’n stehn, lallalla,
sie kotzen in die Büsche und die Seen, rummsassa,
was soll man dazu sagen, sie könn‘ halt nix vertragen,
naja, Zwerge sind nunmal blöd, fallera.

Als pdf zum Download: Hier.

Quelle: YouTube

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Im Wald des Langen Wartens

Charles d’Orléans:

Sein Herz war schwarz gekleidet
Im Wald des Lan­gen Wartens
Vom Schicksalswind, dem harten
Gepeitscht, seh ich, wie’s Bäume bricht,
Doch keinen Weg und Pfade nicht
Für meinen Schritt, den schmerzerstarrten.

Einst sah ich Freude aller Arten,
Die Jugend schenkte mir die zarten
Genüsse – jetzt: kein Funken Licht
Im Wald des Langen Wartens.

Das Alter sagt, mit seinen Martern:
Du hast kein Recht mehr, keine Karten
Im Spiel, vorbei! ruft sein Gericht,
Sind Tage, Monat’, Jahre schlicht:
Sei dir genug, lass all die Fahrten
Im Wald des Langen Wartens.

Im französischen Original:

En la forest de Longue Actente

En la forest de Longue Actente,
Par vent de Fortune dolente
Tant y voy abatu de bois
Que sur ma foy je n’y congnois
A present ne voye ne sente.

Pieça y pris joyeuse rente:
Jeunesse la payoit contente;
Or n’y ay qui vaille une nois,
En la forest de Longue Actente.

Viellesse dit, qui me tourmente:
«Pour toy n’y a pesson ne vente
Comme tu as eu autresfois;
Passez sont tes jours, ans et mois:
Souffize toy et te contente
En la forest de Longue Actente.»

Aus dem Französischen von Ralph Dutli

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01. Juni 2019, S. 18; siehe auch: Frankfurter Anthologie sowie Ralph Dutli

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Jaques Durand

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Phoinix und Odysseus beim grollenden Achilles

Wie er da auf seinem Stuhl hockt. Ein Häufchen Elend. Alles hängt an ihm – Schultern, Kopf, der ganze Körper. Der Blick gesenkt, die Augen geschlossen. Sein Gewand umhüllt ihn gänzlich, nur das Gesicht ist zu sehen und die nackten Füße. Und ein Ohr, das unter dem Tuch hervorlugt. Seinen Helm hat er buchstäblich an den Nagel gehängt. Friert der Mann? Oder versteckt er etwas? Zorn sieht jedenfalls anders aus, also kann das doch nicht Achilles sein da auf dem Stuhl. Achilles mit seinem von der Göttin besungenen Zorn. Der da zürnt nicht, der schmollt – würden wir Heutigen sagen. Aber warum bloß schmollt Achilles? Denn es ist ja Achilles, der größte der griechischen Helden. Was ist sein Problem?

Phoinix und Odysseus beim grollenden Achilles –
Abbildung auf einer Vase aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, die in der Basilikata gefunden wurde – © bpk/Antikensammlung, SMB

Das scheint sich auch der Mann zu fragen, dessen wache Augen auf der Jammergestalt da vor ihm ruhen. Er ist ein Bild von einem Kerl – nackt, muskulös, keck ragt sein Penis zwischen den kräftigen Schenkeln empor. Das ist Odysseus. Entspannt sieht er aus. Sein Blick ist zwar etwas ratlos, aber durchaus aufgeschlossen. Zurückgelehnt sitzt er da, die Hände am linken Knie, Hut und Mantel lässig in den Nacken geschoben. Irgendwie scheint Achilles ihn zu amüsieren. Dieser dumme Streit mit Agamemnon – müsste man doch lösen können. Das ganze Drama, Baby, bloß wegen dieses Mädchens? Echt jetzt? Ganz links sitzt übrigens Phoinix, noch ein griechischer Held. Er dreht der Szene eigentlich schon den Rücken zu, seine Haltung drückt aus, dass er mit Achilles längst die Geduld verloren hat. Vergiss es doch, Odysseus! Lass den Burschen schmollen. Gleich wird Phoinix aufstehen und gehen. Und dann auch Odysseus. Und Achilles wird seinen Sitzstreik fortsetzen.

Schuld ist Agamemnon, der Heerführer der Griechen, denn der hat veranlasst, dass Achilles etwas weggenommen werden soll, weil er, Agamemnon, auch etwas hergeben musste. Es geht also um Beute, um Frauen, die man als griechischer Held halt so zusammengeraubt hat. Achilles benimmt sich allerdings äußerst unheldisch. Seine Freunde sterben reihenweise, die Griechen stehen am Rande der Niederlage. Zehn Jahre Krieg gegen die Trojaner, bekanntlich auch wegen einer Frau, und jetzt scheint das Ende gekommen zu sein. Allerdings das der Angreifer. Die Griechen sind so gut wie erledigt. Und Achilles? Hockt in seinem Zelt und hält sich einfach raus. Kindisch beharrt er auf seinem Recht. Aber Achilles ist eben auch eins. „Kind, warum weinst du?“, hatte ihn die Mutter Thetis gefragt, als ihr Sohn weinend am Ufer Troias saß, untröstlich wegen der Kränkung, die ihm durch den fiesen Agamemnon widerfahren war. Und Apollon seufzte im 24. Gesang der Ilias, dass dem Achill „die Sinne nicht gebührlich sind noch auch das Denken biegsam ist in der Brust“.

Nein, biegsam ist unser Held wirklich nicht. Die moderne Tugend der Kompromissfähigkeit liegt ihm ziemlich fern. Achilles ist der Archetypus des Leistungsträgers im Modus der kompromisslosen Leistungsverweigerung. Davon zeugt unser Krug hier im Saal 5. Der Museumskatalog weist ihn aus als ein Beispiel attisch-rotfiguriger Keramik von 490 vor Christus, dem Jahr der Schlacht von Marathon. Bemalt hat ihn der „Maler aus Florenz“ – der heißt so, weil eine weitere ihm zugeschriebene Vase im Archäologischen Museum von Florenz steht. Gefunden wurde der Krug allerdings bei der kleinen süditalienischen Gemeinde Castelluccio. Wahrscheinlich stammte er ursprünglich aus einem etruskischen Grab. Einem österreichischen Offizier ist es zu verdanken, dass der Krug heute in Berlin ist: Franz von Koller, der 1821 mit der kaiserlichen Armee in Neapel einrückte und dort als General- Intendant für die Durchsetzung der Herrschaftsansprüche der Habsburger sorgte. Koller nutzte seinen mehrjährigen Dienstposten zum Aufbau einer prächtigen Sammlung antiker Vasen, die dann 1828 von König Friedrich Wilhelm III. (der mit der Luise) gekauft wurde und damit ins sogenannte Spree-Athen kam. Der Krug ist eigentlich ein Kalpis, also eine bauchige Sonderform der Hydria. Ein schlichtes Gefäß, etwa vierzig Zentimeter hoch, dickbauchig, kaum Gebrauchsspuren. Sicher kein Meisterwerk, es gab viel talentiertere attische Vasenmaler.

Wenn wir einen Schritt zurücktreten, kommt auch gleich sein grandioser Kontext in den Blick. Die Vitrine ist mit sechs weiteren Gefäßen, Schalen und Krügen gefüllt. Von links nach rechts erzählen sie die Geschichte des Trojanischen Krieges. Gerne benutzte man solche Gefäße bei den Symposien. Man trank, sang und schaute auf Szenen aus der Zeit der Helden. Große Kämpfe und noch größere Sieger. Solche Sachen eben, herzstärkend, Mannesruhm. Aber was empfanden diese Zecher wohl beim Anblick eines schmollenden Helden unter seiner Schmusedecke? War das nicht eine ziemlich peinliche Nummer, die Achilles da abzog? Was gefiel trinkenden Polis-Bürgern, die als Hopliten gerade erst bei Marathon das Heer der Perser geschlagen hatten, nur an dieser Szene?

Die Ilias beginnt mit dem Wort „menis“ – Zorn. Joachim Latacz schreibt im Basler Gesamtkommentar zur Ilias, „menis“ bezeichne einen „chronischen Entzürntheitszustand“. Der gängige „Zorn“ sei dafür gar keine angemessene Übersetzung. Latacz schlägt stattdessen Groll vor. Der sei anhaltender, weniger Wut, mehr Frust. Der frisst sich in einen rein, köchelt vor sich hin, Zorn essen Seele auf. Nichts kann Achilles motivieren, wieder mitzumachen. Nicht einmal die schmeichelnden Worte des Odysseus. Die Szene auf der Vase lässt uns an diesem Meeting im neunten Gesang der Ilias teilnehmen, der sogenannten Presbeia, auf Deutsch „Gesandtschaft“. Odysseus und Phoinix wurden von den Führern des griechischen Heeres zu Achilles geschickt, um ihn zu motivieren, doch wieder mitzumachen. Dieser Bittgang der stolzen Helden wird ganz plötzlich ein beliebtes Motiv der attischen Vasenmaler im frühen fünften Jahrhundert vor Christus, man findet ganz ähnliche Darstellungen in Rom, im Louvre oder im Britischen Museum.

Die Grundkonstellation der Szene ist immer gleich. Der eine – Achilles – sitzt und grollt, der andere – Odysseus – steht und redet. Während Achilles ganz Emotion ist, ist Odysseus ganz Verstand, Ratio und Überlegung, die ihm Überlegenheit gibt. Der eine hat Argumente, dem anderen geht es um Anerkennung seiner archaischen Ansprüche. Der coole Odysseus will das griechische Projekt retten, Achilles seine Ehre. In der Ilias ist Odysseus der „Vielduldende“, ein Held mit hoher Frustrationstoleranz und kommunikativer Geschmeidigkeit. Was Achilles völlig mangelt, fällt seinem Gegenspieler überhaupt nicht schwer: Affektkontrolle.

Aber Moment – da gibt es noch diese Szene auf einer Vase von 510 vor Christus links hinten in der Vitrine. Es handelt sich um die Opferung der Polyxena, der Tochter des Priamos und der Hekabe. Im Britischen Museum gibt es eine ältere und auch viel drastischere Darstellung desselben Motivs. Dort wird Polyxena von den Griechen einfach abgeschlachtet – Achilles’ Sohn Neoptolemos schneidet ihr über dem Grab des Vaters brutal die Kehle durch. Müssen wir uns also spätestens jetzt erschrocken fragen, ob unser Altes Museum etwa Objekte mit Gewaltverherrlichung zeigt? Natürlich zeigt es solche. Und bewundern sollen wir sie auch noch! Na und? Wir verzieren zwar nicht unsere Vasen mit Gewaltdarstellungen, aber unsere Bildschirme und Kinoleinwände sind doch voll davon. Insofern beweist uns die Vitrine im Saal 5 nur das Kontinuum der Vermählung von Schönheit und Gewalt in der Geschichte der menschlichen Selbstdarstellung.

Da wäre es also, das Eigene im Fremden. Aber wie das so ist mit den Dingen – sie lassen sich nicht festlegen, ihre Sinnangebote bleiben zwiespältig. Man kann genauso das Fremde in ihnen betonen, ihren rätselhaften Eigensinn, hier den „glücklichen Bellizismus“ der alten Griechen, zu dem uns laut Peter Sloterdijk kein unverfälschter Zugang mehr offensteht. Die Ilias feiere die Verschmelzung der Begriffe Krieg und Glück. Gewalt ist schön. Und Achilles’ Zorn, der sie befeuert, mache in der Presbeia-Szene nur eine Pause, so Sloterdijk, bevor er wieder hervorbreche und erneut die Herrlichkeit seiner Taten und Werke erstrahlen lasse. Folglich galt der „Tod im Kampf, in der – möglichst unversehrten – Vollblüte der Jugend“ den Griechen auch als der schönste Tod, so der Althistoriker Christian Meier. Die menschliche Existenz sei für die Griechen aufs engste mit dem Tod verquickt. Das Sterben in der Schlacht hat bei ihnen auch keinen Sinn, der auf irgendetwas anderes hinausweisen würde. Man tut, was man muss, aber das wenigstens in „heroischen Ausmaßen“.

Wir nennen das archaisch – und müssten dann eigentlich erst recht befremdet sein. Das sind doch nicht mehr wir. Allerdings kämpfen Achilles, Odysseus und Phoinix auf unserer Vase gar nicht. Die wollen doch nur sitzen und reden. Jedenfalls Odysseus. Aber nirgends in der Ilias wird Achilles von Homer so beschrieben, also mit der Decke überm Kopf und dem Herzen voller Groll. Als Odysseus und seine Begleiter im neunten Gesang das Zelt von Achilles betreten, springt dieser bei Homer vielmehr erfreut auf, wirft die Laute weg und begrüßt seine Freunde voller Freude. Es wird natürlich reichlich getrunken, behaglich knistert das Feuer, man sitzt und schmaust, und erst dann beginnt das Palaver. Und Achilles? Geht auf alle ein, antwortet seitenlang, argumentiert, verteidigt sich – kurz: Vom verstockten Groll des Peleiaden im Sitzstreik kann im neunten Gesang der Ilias keine Rede sein. Aber woher stammt die beliebte Szene dann?

Die Historikerin Brigitte Knittlmayer vermutet, dass das eigentliche Vorbild der Szene gar nicht die Ilias ist, sondern eine viel jüngere Quelle: Nämlich das 490 uraufgeführte Drama „Die Myrmidonen“ von Aischylos, das leider nur in Fragmenten überliefert ist. Auch da geht es um die Presbeia, doch mit einem entscheidenden Unterschied: Achilles tritt dort zu Beginn auf – und dann setzt er sich, zieht sich den Mantel über den Kopf und schweigt. Denn bei Aischylos geschieht etwas Unerhörtes: Ein anderer Achaier, dessen Name nicht überliefert ist, droht Achilles die Steinigung durch das Heer an, sollte er bei seiner als Verrat aufgefassten Weigerung bleiben, für die Griechen wieder in den Kampf zu ziehen. War es vielleicht Odysseus, der in unserer Vasen-Szene diese Drohung gerade ausgesprochen hat? Knittlmayer jedenfalls sieht hier den Streit zwischen Individuum und Gemeinschaft aufgeführt. Die Gemeinschaft, verkörpert durch den beredten Odysseus, fordere von Achilles ihr Recht auf dessen Einsatz für das Wohl der Gesamtheit der Griechen. Dem Helden scheint diese Forderung die Sprache verschlagen zu haben. Verantwortung? Er, Achilles? Für die Gemeinschaft?

Solche Fragen sind natürlich nicht mehr der Gedankenhorizont eines Homers. Die Männer auf der Vase tragen die Namen der epischen Helden der heroischen Dichtung, aber sie führen die Gespräche der Bürger der athenischen Polis nach den Reformen des Kleisthenes vom Ende des sechsten Jahrhunderts. Im Zuge der von diesen Reformen ausgelösten Veränderungen der Bürgerschaft, so Knittlmayer, bildete sich die neue Vorstellung einer Öffentlichkeit von Gleichen, die von allen diesen Gleichen – also auch von den Adligen – Rechenschaft verlangen konnte über die Sozialverträglichkeit ihrer Leidenschaften und Interessen. Mehr Odysseus wagen und weniger Achilles? So ganz fremd war das den Helden des homerischen Epos ja nicht. Auch dort, so Christian Meier in seiner Studie zur Entstehung des Politischen bei den Griechen, betreibt eine Handvoll Adliger, Fürsten und Heroen Innenpolitik wie in einer Polis. Was wird in der Ilias nicht geredet – ständig geht es bei all den Versammlungen um die „ganze Not des Einschwörens Auseinanderstrebender auf ein Ziel“. Doch um 500 vor Christus ging es längst um mehr, jetzt musste sich unter diesen Männern die Bereitschaft durchsetzen, „Verantwortung nicht nur in Ausnahmefällen, sondern in der Regel der Politik wahrzunehmen, unabhängig davon, ob Anlass zur Erregung bestand“. Es war nicht mehr maßgeblich, dass Achilles eigentlich recht hatte in seinem Groll. Zorn war kein Argument mehr.

Zeigt unser Krug demnach die Domestikation des Helden zum Staatsbürger? So viel Eigenes hätte man auf einem 2500 Jahre alten Stück Geschirr doch gar nicht erwartet. Natürlich ist das sehr modern gedacht. Sind wir und Athen verflochten in einem Kontinuum von Gemeinsamkeiten? Solange die alten Dinge noch zu uns sprechen und wir ihre Sprache verstehen können, wäre es jedenfalls noch nicht ganz zerrissen. GERALD WAGNER

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Sonnen

Sonnen (ALMA)

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Der Nußbaum, die Zeit

Michael Krüger

Der Nußbaum musste dran glauben,
um die Sehnsucht nach Ordnung zu stillen.
Vor zehn Jahren habe ich einen Trieb
in die Erde gesteckt, einen puritanischen Stecken,
nach drei Jahren die ersten Nüsse,
rätselhafte Früchte, angeblich
Abbild unseres Gehirns.
Alles wird der Ordnung geopfert,
die Kindheit, die Jugend, der Garten, die Sorge.
Nur mein Gehirn ist so unordentlich geblieben
wie der ungehobelte Nußbaum,
der dem Hasel das Wasser abgräbt.
Aber ich brauchte seinen Schatten,
um mich auszuruhen und zu schauen,
meinetwegen auf Kosten der Wahrheit.
Den freien Platz besetzt jetzt das Unglück,
in dessen Schatten sich die Zeit niederläßt,
die gefräßige Zeit, die alles an sich reißt,
über und unter der Erde, am hellichten Tag.

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Freiheit braucht Gelassenheit

Freiheit ist nicht das Recht zur lebenslänglichen Beliebigkeit, sondern fordert die Kraft zur Bindung. Von Paul Kirchhof

Freiheit sichert Unabhängigkeit vom Staat, setzt aber die individuelle Kraft zur Freiheit voraus. Der Mensch ist von Geburt an frei, muss aber lernen, seine Begabung zur Freiheit zu entfalten. Er wächst zur Freiheit, Selbstverantwortung, Mündigkeit, Wahlfähigkeit heran, weil ihn die Eltern in Sprache und Gemeinschaftsleben einführen, die Schule ihm eine Grundbildung vermittelt, er durch Berufsqualifikation und Kulturteilhabe besondere Fertigkeiten gewinnt. Staat und Wirtschaft stützen ihn bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und Not. Gemeinschaft ist die Quelle der Freiheit. Der Staat garantiert in dieser Gemeinschaftsgebundenheit die individuelle Freiheit, gewährt diese aber als ein definiertes – begrenztes, auf die Mitmenschen abgestimmtes – Recht.

Freiheit heißt, sich vom anderen unterscheiden zu dürfen. Der eine widmet sich dem Erwerb, der andere dem Sport, ein Dritter den schönen Künsten. Diese Verschiedenheiten sind freiheitlich gerechtfertigt, rechtfertigen grundsätzlich keine Umverteilung. Doch der Zugang zur Freiheit muss durch Entfaltungs-, Bildungs-, Arbeits- und Gründungshilfen möglichst gleich erschlossen werden. Unterschiedliche Erfolge bei Wahrnehmung der Freiheit sind dann im Freiheitsrecht angelegt und anerkannt.

Die Freiheit selbst ist ein Angebot. Der Freie ist nicht verpflichtet, dieses anzunehmen. Würden die Menschen keine Familien gründen, wäre das Recht nicht verletzt. Doch ein Gemeinwesen ohne Kinder hätte keine Zukunft. Würden die Menschen sich am Erwerbsleben nicht beteiligen, sondern in den Tag hineinleben und unter der Brücke schlafen, so wäre dieses ihr Recht. Doch die Soziale Marktwirtschaft, der Finanz- und Steuerstaat würden an ihrer eigenen Freiheitlichkeit scheitern. Freiheit ist ein Vertrauenskonzept. Der Staat erwartet von seinen Bürgern die Fähigkeit und Bereitschaft, ihre Freiheit wahrzunehmen. Der Verfassungsstaat ist so frei, wie die Bürger ihre Kraft und Qualifikation zur Freiheit entfalten.

Die demokratische Freiheit sichert dem Bürger, als Teil des Staatsvolkes im Staat mitzuwirken. Das Staatsvolk wirkt im Staat wie die Hand im Handschuh. Der Handschuh liegt schlaff darnieder, bis die Hand hineinfährt und ihm Beweglichkeit verleiht. Der Staat wird durch das Staatsvolk handlungsfähig, setzt dabei voraus, dass die Bürger aus ihrer Kultur ähnliche Leitvorstellungen über ein gutes Zusammenleben entwickeln. Der Grundrechtsschutz ist ein allen Bürgern gemeinsames Anliegen. Die jeweilige Minderheit darf darauf vertrauen, in einem fairen Verfahren später einmal zur Mehrheit zu werden. Der gewählte Abgeordnete ist Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden. Er wird durch Koalitionsvereinbarungen, die sich „Koalitionsvertrag“ nennen, rechtlich nicht gebunden, ist sich auch bewusst, dass eine Politik von heute in einem Vierjahresplan die Fragen und Antworten zukünftiger Politik nicht voraussehen und nicht vorschreiben kann. Er darf insbesondere nicht ihm obliegende Entscheidungen an eine parteilich befangene, nicht das ganze Volk repräsentierende „Basis“ seiner Partei abtreten. Im Parlamentsalltag baut er auf die Arbeitsteilung in Fraktionen, behält sich aber stets die eigene, freie Entscheidung vor.

Freiheit ist nicht das Recht zur lebenslänglichen Beliebigkeit, sondern fordert in den das Leben prägenden Freiheiten die Kraft zur Bindung. Nur wer den Vorhof der Freiheit, die Beliebigkeit, verlässt und durch das Tor zur langfristigen Selbstbindung schreitet, macht sich die großen Zukunftsfreiheiten zu eigen. Wer einen Beruf wählt, muss sich dafür in Studium und Ausbildung qualifizieren. Wer eine Ehe und Familie gründet, verspricht dem Partner lebenslängliche Treue und ist seinem Kind unkündbar und unscheidbar verbunden. Wer ein Unternehmen eröffnet, übernimmt Verantwortlichkeit für seine Arbeitnehmer, sein Produkt, seine Vorlieferanten, den Standort, die Umgebung seines Betriebes. Freiheit ist verantwortliche Selbstbindung.

Der Rechtsstaat legt bei seiner Freiheitspolitik heute oft das Instrumentarium des Rechts beiseite und wählt den goldenen Zügel, der den Menschen ein anstrengungsloses Einkommen verspricht, wenn er sich willig einem staatlichen Lenkungsplan fügt. Der Mensch erscheint käuflich und empfängt Geld für staatlich definiertes Wohlverhalten. Doch jede Subvention trägt den Hang zum Privileg in sich. Sie begünstigt wenig Auserwählte, schließt die Allgemeinheit von der Wohltat aus. Der Mensch wird auch als ein gesamtwirtschaftlich steuerbares Objekt gesehen, das man durch steuerliche Anreize lenken, durch geldpolitische Veränderungen vor wirtschaftliche Fakten stellen, durch digitale Daten manipulieren kann.

Das Grundgesetz gewährte anfangs Freiheit von Angst – vor den täglichen Fliegerangriffen, der Geheimen Staatspolizei, vor Hunger und existentieller Not. Die neue Verfassung vertritt ein Menschenbild, in dem der Mensch nicht der Feind ist, dem man argwöhnisch, abwehrend, defensiv begegnet, sondern eher der Freund, dem man begegnen, in Gemeinschaft verbunden sein will. Dieser Mensch ist mehr vernünftig als triebgesteuert, hat eine eigene Würde, steht als Berechtigter in der Mitte des Rechts und macht das Recht vom Menschen abhängig. In dieser Schlichtheit ist der Mensch freiheitsberechtigter und mitgestaltender Demokrat. Er verdient Vertrauen. Doch je mehr das Recht Genehmigungs- und Kontrollvorbehalte aufbaut, Berichts- und Dokumentationspflichten begründet, Belege und Nachweise fordert, desto mehr verbreitet der Staat Misstrauen und erstickt Freiheit.

Freiheit braucht Gelassenheit. Der Gelassene tritt bedacht und zeitbewusst in eine Welt, in der er auch einmal von sich selbst und den Dingen lassen, ohne die Frage nach dem Warum denken und handeln kann. In dieser Offenheit auch für Gefühl und Sinne widmet er sich der Geselligkeit und dem Spiel, der Kunst und der Religion. Der Gelassene weiß, dass er vertrauen muss, will er nicht sprichwörtlich um den Schlaf gebracht werden.

Wenn Flüchtende ihre Hoffnung auf Zugang und Bleiberecht in Deutschland setzen, die Bürger sich in ihrer freiheitlichen Selbstbestimmung aber überfordert fühlen, wird die Freiheit als begrenztes Recht sichtbar. Die Demokratie braucht die Staatsgrenze als Schutz gegen den militärischen Angreifer, das Staatsgebiet als Raum ihrer Rechtsverantwortlichkeit, die Grenzschranke als Instrument für das Recht von Austausch und Begegnung. Unter dieser Voraussetzung bemühen sich freie Menschen um offene Grenzen, respektieren aber stets die Grenze zwischen der eigenen Freiheit und der des anderen. Den Flüchtenden ist am besten geholfen, wenn ihnen in ihrem Herkunftsland eine Heimat geboten wird, wir ihnen Helfer mit Kapital zum Aufbau moderner Lebensbedingungen schicken, die einen zarten Aufwuchs eigener Entwicklung nicht überschwemmen, sondern bestärken und ergänzen.

Am Beginn der Neuzeit forderte Freiheit vor allem den Mut, seinen Verstand zu gebrauchen. Mit Vernunft werde die Natur beherrscht, ein Konflikt nicht mehr durch Faust und Fehde, sondern allein in der Rationalität des Sprachlichen gelöst, Frieden gesichert, Herrschaft gemäßigt, Wissenschaft entfaltet. Freiheit schützt das Handeln nach Vernunft, gewährt aber auch das Recht, unvernünftig sein zu dürfen. Der Mensch folgt nicht nur Vernunft und Logik. Er will auch lachen und lieben, tanzen und musizieren, staunen und sich verzaubern lassen. Er will sich aufregen und empören, begeistert und enttäuscht sein, vertrauen und hoffen. Er will auch einmal leichten Sinnes sein und damit einen Platz im Recht finden. Deswegen verstehen wir, dass die Mutter dem verlorenen Sohn das zehnte Mal verzeiht, der Extremsportler erneut zu einem riskanten Flug ansetzt, die Zuschauer den Fußballstar bejubeln. Dieses ist nicht vernünftig, aber menschlich. Freiheit fordert ein Handeln mit Verstand und Herz.

Die vernunftgeleitete Freiheit droht gegenwärtig in Teilrationalitäten verengt zu werden. Die Naturwissenschaften folgen einem Prinzip empirischer Beweisbarkeit, fragen nach dem menschlichen Können, vernachlässigen aber die Frage nach dem menschlichen Dürfen. Die Geschichte lehrt den Menschen seine begrenzte Einsichts- und Erlebnisfähigkeit, warnt vor der Wiederholung von Fehlentwicklungen, ist aber auch eine Geschichte des Zufalls. Die Wirtschaft folgt einem Wettbewerb, der nach einem fairen Verfahren die Wettbewerber in Sieger und Besiegte trennt, Unbeteiligte vom Wettbewerbserfolg von vornherein ausschließt, mit dieser Härte nur neben Ausgleichs- und Solidaritätsstrukturen erträglich ist. Die Geldwirtschaft baut auf ein Einlösungsversprechen, das allein in einem Systemvertrauen wurzelt, ohne eine dieses Vertrauen rechtfertigende Wirtschaftsdisziplin zu garantieren. Der Staat finanziert sich aus Steuern, darf nicht mehr ausgeben, als er eingenommen hat. Weicht er in eine überhöhte Staatsverschuldung aus, nimmt er der nachfolgenden Generation ein Stück ihrer Freiheit. Diese Teilrationalitäten werden zur Unvernunft, wenn nicht eine lebensübergreifende Vernunft und eine freiheitsbestimmende Humanität die Teilsysteme zusammenführen.

Der technische Fortschritt erweitert Freiheit, erleichtert das Leben, erschließt Denk- und Entscheidungsformen, die bisher unmöglich schienen. Die moderne IT-Technik bietet den Menschen neuartige Instrumente des Begegnens und Verständigens, des Gedächtnisses und der Gedankenkombinationen, droht jedoch, ohne Wissen der Betroffenen ein eigenes Potential an Wissen, Kombinations- und Entscheidungsfähigkeiten aufzubauen, das die Menschen beherrscht und lenkt. Deshalb werden freie Gesellschaften ihr Menschenbild und ihre Werte in diese Maschinen und Algorithmen einbringen, die formatierte Freiheit des Menschen bewusstseinsbildend weiten.

Wenn die Algorithmen Menschen, Gegenstände, Zustände und Eigenschaften vergleichen und zählen, können sie einen Großteil der das menschliche Leben bestimmenden Wirklichkeit nicht erfassen. Freude und Begeisterung, Liebe und Trauer, Hoffnung und Enttäuschung ereignen sich im Innenleben des Menschen, verschließen sich der Verallgemeinerung in einem für jedermann geltenden Maß. Die Teilperspektive einer allein das Zählbare beobachtenden Weltsicht gibt Anlass, diese Begrenztheit bewusst zu machen, die Akteure aus der Anonymität des Systems in Dialog und Verantwortlichkeit zu drängen. Der Staat wird vielfach auf die Begegnung von Menschen in Sprache, Rechenschaft und persönlicher Verantwortlichkeit nicht verzichten können.

Der europaoffene Verfassungsstaat hat einen Teil seiner Aufgaben und Kompetenzen an die Europäische Union übertragen. Damit geht ein Stück der Freiheitsgarantie auf diesen Staatenverbund über. Die gemeinsame Ausübung von Hoheitsrechten muss vor allem die Verbindlichkeit des Rechts, die in der Union insbesondere im Finanzrecht sehr gelitten hat, im Dienst der individuellen Freiheit wiederherstellen. Freiheit ohne Recht ist unmöglich. Suchen Machthaber sich vom Recht zu lösen, bedrohen sie die Freiheit. Die Erwartung, die EU brauche nicht den Zusammenhalt im Recht, sondern könne die Mitgliedstaaten durch Zuwendung anstrengungsloser Einnahmen binden, muss als Irrtum entlarvt werden. Ein System, in dem der Empfänger stets glaubt, zu wenig zu erhalten, der Zahler meint, zu viel leisten zu müssen, entsolidarisiert. Das Ergebnis ist die Flucht in den Kredit des billigen Geldes, der den Sparer nach und nach enteignet, die Jedermannsfreiheit des gesparten Ertragseigentums zerstört.

Die grundlegende Erneuerung der EU ist durch das Einstimmigkeitsprinzip erschwert. Deshalb empfiehlt es sich, in den europäischen Gremien unter Beteiligung der mitgliedschaftlichen Parlamente eine neue Grundordnung zu entwerfen. Für diesen Entwurf genügen Mehrheiten, vielleicht qualifizierte Mehrheiten. Die Mitgliedstaaten können dann neu entscheiden, ob sie in einer Union mit diesem Rechtskonzept bleiben wollen. Das Einstimmigkeitsprinzip wird so durch die Entscheidung über die Zugehörigkeit eines Staates in der zukünftigen EU ersetzt. Dies könnte ein Befreiungsakt sein – für die Freiheit der Unionsbürger, für die Demokratie in den Mitgliedstaaten, für die Eigenheit Europas als ein freiheitlich und demokratisch strukturiertes Völkerrechtssubjekt.

Professor Dr. Dres. h. c. Paul Kirchhof, Bundesverfassungsrichter a. D., ist Seniorprofessor distinctus der Universität Heidelberg.

Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 11.10.2018, S. 8 (Staat und Recht).

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Stadtfrust? Landlust!

Die Zu­kunft ge­hört dem länd­li­chen Raum
Ent­ge­gen der weit­ver­brei­te­ten An­nah­me, Deutsch­land sei ein Land der gro­ßen Städ­te, lebt die Mehr­heit der Deut­schen we­der in ei­ner Groß­stadt noch in ei­nem Dorf, son­dern in klei­nen und mitt­le­ren Städ­ten. Der jahr­zehn­te­lan­ge Trend zur Land­flucht, wo­nach im­mer mehr Men­schen in die Städ­te zie­hen und das Land ver­las­sen, ist seit ei­ni­gen Jah­ren ge­stoppt. Die gro­ße Mehr­heit der Deut­schen zieht es nicht mehr in die Groß­städ­te. Ei­ne Be­fra­gung der Stif­tung Bau­kul­tur aus dem Jahr 2015 hat er­ge­ben, dass fast acht­zig Pro­zent am liebs­ten auf dem Land oder in ei­ner Mit­tel- oder Klein­stadt le­ben wür­den. Und ei­ne For­sa-Um­fra­ge hat in die­sem Som­mer für die Haupt­stadt of­fen­bart, dass ein Drit­tel der Ber­li­ner lie­ber an­ders­wo woh­nen wür­de. Von den Neu-Ber­li­nern ist es so­gar fast die Hälf­te. Ei­ner deut­li­chen Mehr­heit der Alt-Ber­li­ner macht das for­cier­te Wachs­tum ih­rer Stadt Sor­gen. Nicht viel an­ders wer­den die Er­geb­nis­se in Frank­furt, Mün­chen, Köln und Ham­burg sein. Für das Come­back des länd­li­chen Raums und der Re­gio­nen spre­chen de­mo­gra­phi­sche, öko­no­mi­sche und tech­no­lo­gi­sche Grün­de.

De­mo­gra­phisch: Die Be­völ­ke­rungs­pro­gno­sen für die nächs­ten Jahr­zehn­te müs­sen auf­grund der Zu­wan­de­rung in den letz­ten Jah­ren neu be­rech­net wer­den. Bis 2021 pro­gnos­ti­ziert das In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft ei­nen An­stieg der Ein­woh­ner von heu­te 82 auf dann rund 84 Mil­lio­nen. Deutsch­land wächst. Für die Schrump­fungs­re­gio­nen in West und Ost, die un­ter Ab­wan­de­rung lei­den, ist dies ei­ne Chan­ce.

Öko­no­misch spricht im­mer mehr für das Um­land. Vie­le Land­krei­se, auch die schrump­fen­den, su­chen hän­de­rin­gend nach Ar­beits­kräf­ten. Nur in zehn von ins­ge­samt 402 Land­krei­sen ist die Zahl der Ar­beits­plät­ze zu­letzt ge­sun­ken. Die Be­deu­tung des länd­li­chen Raums als Wirt­schafts­stand­ort wird über­se­hen. Da­bei sind hier rund sech­zig Pro­zent der Be­trie­be und ein Groß­teil der mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­men an­ge­sie­delt. Vie­le er­folg­rei­che Welt­markt­füh­rer ha­ben in der Pro­vinz ih­ren Sitz. Die Be­schäf­ti­gung ist auf dem Land deut­lich sta­bi­ler. Die Zahl der Ar­beits­lo­sen geht auf dem Land stär­ker zu­rück als in den Groß­städ­ten. Im­mer we­ni­ger kön­nen sich in Zu­kunft in den Groß­städ­ten ei­ne ad­äqua­te Woh­nung leis­ten. Wäh­rend Städ­ter 25 bis 45 Pro­zent ih­res Ein­kom­mens für Mie­te aus­ge­ben, sind es in den länd­li­chen Re­gio­nen oft nur zehn Pro­zent. Im Um­land sind Im­mo­bi­li­en­prei­se und Mie­ten deut­lich ge­rin­ger. Die Ei­gen­heim­quo­te liegt auf dem Land bei acht­zig Pro­zent.

Tech­no­lo­gisch führt die Di­gi­ta­li­sie­rung zu ei­ner De­zen­tra­li­sie­rung von Le­ben und Ar­beit. Das Le­ben auf dem Land wird für im­mer mehr Men­schen mög­lich. Co-Working und Co-Li­ving sind längst kei­ne ur­ba­nen Trends mehr. Mit flä­chen­de­ckend schnel­lem In­ter­net lässt sich in je­dem Dorf, je­der Klein­stadt pro­du­zie­ren und ar­bei­ten. Schon heu­te kann sich je­der zwei­te Ar­beit­neh­mer vor­stel­len, von zu Hau­se aus zu ar­bei­ten. Lan­ge Weg­stre­cken und Pen­deln wer­den zum Aus­lauf­mo­dell. Auch für die Un­ter­neh­men hat der länd­li­che Raum Zu­kunft. Ei­ne Be­fra­gung kom­mu­na­ler Un­ter­neh­men aus die­sem Jahr kommt zu dem Er­geb­nis, dass der länd­li­che Raum durch die Di­gi­ta­li­sie­rung als Wohn- und Ar­beits­ort auf­ge­wer­tet wird. Neue For­men der so­zia­len Da­seins­vor­sor­ge ent­ste­hen. Ei­ne Ant­wort auf den Ärz­te­man­gel auf dem Land sind On­line-Pra­xen. „Mo­bi­le Health“ bringt den Land­arzt zu­rück. Pa­ti­en­ten wer­den am Te­le­fon oder on­line be­han­delt. Das Re­zept und die Krank­schrei­bung fol­gen per Mail. Lan­ge Weg­stre­cken und War­te­zei­ten wer­den über­flüs­sig. Ei­ner Stu­die der Ber­tels­mann Stif­tung zu­fol­ge kön­nen sich mehr als acht­zig Pro­zent der Bür­ger vor­stel­len, zu Hau­se ei­nen Ro­bo­ter zu nut­zen, wenn sie da­durch im Al­ter län­ger in den ei­ge­nen vier Wän­den woh­nen kön­nen.

Doch trotz „Hei­mat­mi­nis­te­ri­um“ fehlt ei­ne Zu­kunfts­stra­te­gie für das Le­ben jen­seits der Groß­städ­te. Ge­fragt ist ei­ne in­no­va­ti­ve Ge­samt­stra­te­gie für die Zu­kunfts­the­men Di­gi­ta­li­sie­rung, Mo­bi­li­tät, Ge­sund­heit, Bil­dung, neu­es Ar­bei­ten und Tou­ris­mus. Vor­aus­set­zung ist ei­ne bes­se­re In­fra­struk­tur und An­bin­dung des Um­lands bis hin an die Rand­re­gio­nen. Dort­hin, wo das Ge­fühl des Ab­ge­häng­tseins wächst. Bei­de, Stadt wie Land, sind auf­ein­an­der an­ge­wie­sen. Smart Ci­ties und Smart Coun­tries be­din­gen ein­an­der. Die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on macht ei­ne Re­vo­lu­ti­on des öf­fent­li­chen Re­gio­nal­ver­kehrs mög­lich und nö­tig. Ei­ne Mo­bi­li­täts­flat für al­le wür­de den Un­ter­schied zwi­schen Stadt und Land über­flüs­sig ma­chen und wä­re ein star­kes Sym­bol, dass nie­mand ab­ge­hängt wird. Den Städ­ten muss kei­ne Über­fül­lung dro­hen, wenn der Leer­stand auf dem Land als Chan­ce er­kannt wird.

Der Ge­gen­satz zwi­schen Stadt und Land wird zu­neh­mend ob­so­let. Die Zu­kunfts­for­schung hat für den Wan­del ei­nen schö­nen Be­griff er­fun­den: „Glo­ka­li­sie­rung“. Wir den­ken glo­bal und han­deln lo­kal. Da­ni­el Dett­ling

Der Au­tor lei­tet das Ber­li­ner Bü­ro des Zu­kunfts­in­sti­tuts.

Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2018, S. 12.

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