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Besuch vom Narren

Nächtliche Unterhaltung mit einer Romanfigur: Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises am Montag, 03. September 2018, in der Berliner F.A.Z.-Redaktion. 

In diesem Raum gehöre ich zu einer kleinen Minderheit. Ich bin Frank Schirrmacher nie begegnet. Ich habe auch nie mit ihm kommuniziert, nicht per Mail, nicht per SMS. Und mir ist nicht bekannt, ob er je eines meiner Bücher gelesen hat, jedenfalls hat er mich weder gelobt noch gekränkt. Ich bin also ganz objektiv. Mit diesem Disclaimer wollte ich beginnen und dann steilen Flugs ins Allgemeine aufsteigen. Ich wollte erzählen, dass ich, geprägt von der Medienkritik eines Karl Kraus, Frank Schirrmacher zu dessen Lebzeiten immer mit Scheu, ja etwas Furcht beobachtet habe, einfach weil er so mächtig war im Milieu der Kultur, und ich wollte darüber sprechen, wie sehr sich die Weltsituation doch verändert hat – Sorgen müssen uns weiß Gott nicht mehr mächtige Feuilletonisten machen, wollte ich sagen, und dann wollte ich darauf eingehen, wie sehr Frank Schirrmacher in einer Welt von Donald Trump, Viktor Orbán und AfD fehlt. All das wollte ich sagen, aber als ich mich neulich spätabends hingesetzt hatte, um meine Rede zu schreiben, passierte etwas Unerwartetes: Till Eulenspiegel kam zu mir.

Er kam nicht als Erscheinung. Ich habe keine Visionen. Ich hätte sie gern, das wäre nützlich für meine Arbeit, aber bisher waren mir keine Gesichte vergönnt. Ich sollte es also besser so ausdrücken: Till Eulenspiegel wurde mir wieder auf die gleiche Art gegenwärtig, wie er es beim Schreiben meines Romans gewesen war. Damals war es mir oft vorgekommen, als wäre mein Versuch, seine archaische Gestalt in eine Erzählung zu bannen, weniger eine Kraftanstrengung der Erfindungsgabe als vielmehr die Bemühung, klar hinzuhören auf seine hohe und scharfe Stimme. Da war er also und fragte: „Was stellst du da an?“ Und als ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte: „Machst du’s schön staatstragend?“

Ich kenne ihn ja inzwischen ganz gut, und so leicht bin ich auch nicht zu provozieren, also sagte ich ausweichend: „Was schlägst du vor?“

Aber ich wusste seine Antwort schon. Wie ich übrigens beim Schreiben immer gewusst hatte, was er sagen würde. Eine neue, durchgehend seltsame Erfahrung: Nie hatte ich das Gefühl gehabt, mir seine Sätze auszudenken. Wann immer er in meiner Phantasie den Mund geöffnet hatte, hatte er auch schon geredet, als wäre er eine von mir unabhängige Person. „Sprich von dir“, das wusste ich, würde er antworten – und da mir seine Antwort bewusst wurde, hatte er sie auch schon gegeben. „Statt einer geplusterten Dankeschönrede mit Brokat und Silber, statt großer Worte über Gegenwart, Zukunft und was weiß ich, erzähl, wie oft du Angst hattest, es nicht zu schaffen, dein Büchlein. Erzähl davon, dass du oft nur weitergemacht hast, weil du musstest, weil du nämlich den Vorschuss ausgegeben hattest. Von solchen Dingen sprich, das mag ich, oder sprich darüber, wie lustig es ist, dass du einen Preis bekommst, benannt nach einem Mächtigen, vergeben im Rahmen des alleretabliertesten Establishments ausgerechnet für ein Buch über mich! Gehört sich das?“

„Nicht für das Buch über dich!“, sagte ich. „Da steht ausdrücklich: ,für herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens‘.“

„Zum was des Zeitgeschehens?“

„Zum Verständnis.“

„Zum Verständnis des was?“

„Ich weiß, ich weiß. Aber hör mal, das mit dem Establishment ist übertrieben.“

„Das Staatsoberhaupt!“, rief er, und jetzt brauchte ich mir seine Stimme nicht mehr vorzustellen, ich hörte sie wirklich. „Das Staatsoberhaupt redet über dich! Ich bin ein besserer Künstler als du. Kunst kommt von Können, sagen sie, aber was kannst du eigentlich? Ich kann jonglieren und tanzen, und überleben kann ich auch, und zwar am besten, wie sonst hätte ich so vielen Leuten so viele Streiche spielen können! Ich kann Dinge, von denen du nicht mal träumen würdest! Und habe ich je einen Preis von einem Oberhaupt gekriegt? Die Wahrheit ist, ich hab noch kein Oberhaupt getroffen, das mich nicht totschlagen wollte.“

„Die Zeiten sind andere“, sagte ich.

„Ja, noch sind sie’s“, sagte er, und dann stieß er sein meckerndes Lachen aus. „Und wenn sie’s nicht mehr sind, also: wenn sie wieder so sind, wie sie mal waren, denn glaub mir, das kann schnell passieren – dann schauen wir doch mal, wie du dich anstellst.“

Ein unangenehmes Lachen war das, kein herzliches, ein Lachen ohne Liebenswürdigkeit. Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten zu lachen, und sie haben wenig miteinander gemein. Es gibt das Lachen, in dem sich Einverständnis zeigt mit dem allgemeinen Status quo, das freundliche Lachen, das Lachen der netten Leute ohne Humor. Und dann, fast nicht einmal verwandt damit, das Lachen darüber, dass die Welt so ungerecht ist und so gemein. „Das Lachen der Engel“ hat Milan Kundera jenes nette Lachen genannt und dieses „das Lachen der Teufel“, und es sei das Teufelslachen, so Kundera, das Diktatoren und Fanatiker nicht erlauben könnten, während sie das Lachen der Engel jederzeit schätzten. Kurz gesagt: Die Engel lachen darüber, dass die Welt so schön ist und so gut eingerichtet. Die Teufel lachen darüber, dass die Engel behaupten, die Welt wäre schön und gut eingerichtet, obwohl dem nicht so ist.

„Ich sehe, was du da machst“, sagte er.

„Was mache ich denn?“, fragte ich ertappt. „Ich spreche doch von dir. Ich spreche davon, dass du fürs Teufelslachen stehst, für den kompromisslosen Blick, für die Kraft der Unversöhnlichkeit.“

„Ich stehe für nichts.“

„Du stehst für Kunst!“

„Ja, bei dir, weil du dir das so ausgedacht hast, aber in den alten Geschichten bin ich nur einer, der auftaucht, den Leuten was antut und wieder abhaut. Für mich gibt’s nichts Allgemeines. Für mich gibt es das, was gerade ist. Und wenn du über mein Buch sprechen willst . . .“

„Mein Buch!“, korrigierte ich. Das konnte ich nun doch nicht einfach stehenlassen.

„Dann sprich lieber darüber, wie du die Folterung des Müllers geschildert hast. Wie du dich entschieden hast, den Mord zu beschreiben aus der Sicht des Mörders, weil du nicht so dringend das Opfer verstehen wolltest, sondern lieber den Täter. Opfer sein ist leicht, dachtest du, und nicht gerade spannend. Gib es zu!“

„Natürlich gebe ich es zu! Das ist die Aufgabe der Literatur! Wir Schriftsteller sind so, wir versuchen auch das zu verstehen, was wir –“

„Du bist so. Sag nie wieder ,Aufgabe der Literatur‘, sonst tu ich dir weh. Du weißt, ich kann das. So ausgedacht bin ich nicht, dass ich dir nicht weh tun kann. Sprich davon, dass du so bist, sprich davon, dass dich der Mörder mehr interessiert. Sprich davon, was es dich gekostet hat, dir vorzustellen, was in einem Blutrichter vorgeht, sprich davon, dass das kein Spiel ist. Wer so etwas tut, beschwört Dämonen. Sprich davon, wie es war, als sie kamen. Und sprich von dem Kapitel, in dem du mich hast verschüttet gehen lassen unter Brünn. Du wolltest eine Belagerung beschreiben, aber auf einmal war dir alles zu viel Bildermalerei, so dass du es lieber ganz klein haben wolltest, ganz beschränkt, ganz ohne Luft, nur drei Lebende und ein Toter in einem Loch in der Dunkelheit und der Strom der Erinnerungen. Du hast das nur geschrieben. Aber ich musste es aushalten.“

„So schlimm kann’s nicht gewesen sein“, sagte ich. „Du atmest nicht wirklich, also beschwer dich nicht über schlechte Luft.“

„Ich atme vielleicht nicht, aber ich lebe. Das weißt du am allerbesten. Es gibt viele Arten, wirklich zu sein. Ich lebe mehr als du. Ich war lang vor dir da. Ich werde lang nach dir da sein, daran ändert auch dein hochwürdiger Preis nichts. Und wenn du von dem Mann reden willst, nach dem der Preis benannt ist, dann sprich davon, wie plötzlich einer sterben kann. Mitten darin. Alltagsverwickelt, voller Absichten, voll Neugier, Wut, Liebe, kleiner Pläne, großer Pläne. Sprich davon, wie furchtbar das ist. Und sprich davon, wie sehr du’s bei dem Gedanken mit der Angst zu tun kriegst.“

„Das krieg ich allerdings“, sagte ich leise. Und wieder einmal, ich konnte nicht anders, schauderte mir davor, wie kurz die uns gegebene Zeit ist, selbst unter besten Umständen, selbst wenn man Glück hat und ein sogenanntes langes Leben, das, bei Licht betrachtet, so besonders lang auch nicht ist. Seit ich die Gesichtszüge meines Vaters in meinem Sohn erkenne, fühle ich wirklich dass wir die Dinge und die Zeit bloß an andere weitergeben, und ich dachte an die Warnung, die mir einst ein deutlich älterer Freund gegeben hatte: „Sobald du fünfunddreißig wirst, fangen deine Freunde zu sterben an“, und genauso war es gekommen, und ich dachte ausgerechnet daran, wie ich einst mit Péter Esterházy im Museum war und wie er von der Frau an der Kasse zum ersten Mal in seinem Leben gefragt wurde, ob er ein Seniorenticket wolle; ich dachte daran, dass seine wie immer vorbildlich elegante Reaktion – ein unentschieden abwägendes Schwenken der rechten Hand – seinen Schreck nicht ganz verbergen konnte; und ich dachte daran, dass Péter Esterházys Tod auch schon wieder zwei Jahre her ist, nach kurzer schrecklicher Krankheit, fast so unerwartet wie der Tod Frank Schirrmachers. Und um das Thema wieder einmal ins Allgemeine zu zerren, sagte ich: „Vergänglichkeit wohnt in allem. Buchstäblich allem. Inzwischen meinen die Physiker, dass in unvorstellbar ferner Zeit sogar die Protonen zerfallen. Dann kann es keine Atome mehr geben, dann könnte nichts, buchstäblich: nichts, mehr bestehen. Das Universum selbst ist sterblich. Nicht nur das Leben, auch die harte Materie hat ein Ablaufdatum. Außer natürlich, es gibt Gott, und er erbarmt sich und ruft unsere Toten zurück.“

„Ich kenn ihn schon länger“, sagte Till. „Er macht das nicht.“

„Nein“, sagte ich. „Macht er wohl nicht.“

„Aber die Protonen beunruhigen dich nicht wirklich“, sagte er, während seine Stimme ferner wurde. „Lüg nicht schon wieder. Du hast nicht Angst, dass die Materie vergeht. Vor Krebs hast du Angst. Vor Autounfällen. Du hast Angst, nicht fertig zu werden. Und mit Recht, denn was immer passiert: Es wird keiner fertig.“

Manche Dinge aber doch, wollte ich ihm antworten. Das ist das Geschenk der Kunst: dass sie es hin und wieder erlaubt, etwas abzuschließen. Aber zugleich wusste ich, dass dem Eulenspiegel nicht der Sinn nach versöhnlichen Wendungen steht, und ich wusste auch, dass ich ihn wohl nicht mehr treffen würde. Denn so ist es nun einmal mit mythischen Figuren. Manchmal gewähren sie uns ihre launische Gegenwart und lassen sich zum Schein in ein Buch, ein Bild, ein Lied bannen, aber dann sind sie schon wieder dahin, und wir wünschen uns vergeblich, sie kämen auch nur für einen Moment zurück.

Da also Till Eulenspiegel, der nun schon anderswo ist, vielleicht sogar beim nächsten Schriftsteller, meinen Dank gar nach nicht haben möchte, werde ich diesen lieber Menschen aus Fleisch und Blut abstatten. Vor allem danke ich Anne und Oscar, die mein Lebensglück sind und die mich ertragen haben in den Jahren der Arbeit an diesem besonders schweren Buch und an den Büchern zuvor. Ich danke Frank Schirrmacher für sein Buch „Die Stunde der Welt“. Und ich danke Barbara Laugwitz, und zwar ausdrücklich auch im Namen so unterschiedlicher Kollegen wie Martin Walser, Ildikó von Kürthy, Jonathan Franzen und Eckart von Hirschhausen, für vier Jahre der souveränen und tatkräftigen Arbeit – und dieser simple Satz ist leider schon mehr Dank als die Holtzbrinck-Führung für ihre erfolgreichste Verlegerin erübrigen konnte.

Zuletzt danke ich Alvise Contarini. Sie kennen ihn vielleicht nicht. Kaum einer kennt ihn. Er war Botschafter Venedigs bei den Friedensverhandlungen in Westfalen. Man muss sich das vorstellen: Katholische Gesandte durften nicht mit protestantischen sprechen und Gesandte des Kaisers nicht mit denen des Königs von Frankreich. Wie sollte man da Frieden schließen? Einzig Contarini hatte die Erlaubnis, mit allen Seiten zu reden; als Vermittler eilte er unermüdlich, jahrelang zwischen den Parteien hin und her. Alle Absprachen, alle Diskussionen, alle Einigungen, die den Krieg schließlich beendeten, wurden von ihm geformt, betrieben und möglich gemacht. Aber keiner kennt ihn. Man kennt Wallenstein, man kennt den Kaiser und Gustav Adolf von Schweden, man kennt notfalls noch Tilly und Torstensson, all die Meister des Tötens, aber Contarini wurden keine Lieder gesungen, keine Stücke wurden über ihn geschrieben, ihm wurden weder Biographien gewidmet noch Filme, noch Gedenkveranstaltungen. Doch auf die große und pathetische Frage, was die Welt denn braucht, damals, heute, allezeit, gibt es eine schlichte Antwort: Menschen wie ihn.

Rede von Daniel Kehlmann anlässlicher der Preisverleihung.

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Charles Bukowski – Die Hölle ist ein einsamer Ort

Die Hölle ist ein einsamer Ort

er war 65; seine Frau
war 66 und litt an der
Alzheimerschen Krankheit.

Er hatte Mundkrebs.
Eine Operation nach der
anderen; Strahlenbehandlung
zerrüttete seinen Kieferknochen
der mit Draht verstärkt
werden musste.

Jeden Tag wickelte er
seine Frau wie ein
Baby mit Gummi –
höschen.

Er konnte in seinem Zustand
nicht Auto fahren, musste sich
ein Taxi in die Klinik nehmen
konnte kaum noch reden
musste das Fahrziel
auf einen Zettel
schreiben.

Bei seinem letzten Besuch
teilten sie ihm mit
dass eine weitere Operation
nötig war: Noch ein
bisschen linke Wange
noch ein Stück Zunge.

Als er nach Hause kam
wechselte er seiner Frau
die Windeln, schob zwei
Fertiggerichte in den
Ofen, sah sich die
Abendnachrichten an.
Dann ging er ins
Schlafzimmer, nahm
den Revolver, setzte den
Lauf an ihrer Schläfe
und drückte ab.

Sie fiel nach links.
Er setzte sich auf die
Couch, schob sich den
Lauf in den Mund,
drückte ab.

Die Schüsse fielen den
Nachbarn nicht auf –
später aber das
angebrannte Essen.

Jemand kam, stieß die
Tür auf, sah
es.

Bald kam die
Polizei, machte ihre
Arbeit, fand einiges:
Ein aufgelöstes
Sparbuch, einen
Kontoauszug mit einem
Guthaben von $1,14.

Selbstmord –
schlossen sie
daraus.

Drei Wochen danach
zogen zwei neue
Mieter ein.
Ein Computer-
ingenieur namens
Ross
und seine Frau
Anatana
die Ballet-
unterricht
nahm.

Offenbar ein
aufstrebendes
Paar wie
viele.

Erschienen in: Kamikaze Träume, Köln, 2012, S. 134.

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Uwe Greßmann – An den Vogel Frühling

Daunen dringen aus dir.
Davon kommen die Blumen und Gräser.

Federn grünen an dir.
Davon kommt der Wald.

Grüne Lampen leuchten in deinem Gefieder.
Davon bist du so jung.

Mit Perlen hat dich dein Bruder behaucht, der Morgen.
Davon bist du so reich.

Uralter, du kommst aus dem Reich der mächtigen Sonne.
Darum kommen Menschen und Tiere, und: Erde,
Dich zu empfangen.
Da du sie eine Weile besuchst,
Sind sie erlöst und dürfen das weiße Gefängnis verlassen,
In das sie der Winter gesperrt hat.

Und davon kommen die Sänger,
Die dich besingen.
Frühling, du lieblicher.
Du richtest den Kopf hoch.

Davon ist der Himmel so blau.
Und es wärmt uns alle dein gelbes Auge.
Und du siehst uns an.
Und darum leben wir.

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Max Frisch – Fragebögen

1. Erhaltung des Menschengeschlechts

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
2. Warum? Stichworte genügen.
3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu  wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
9. Wen hingegen nicht?
10. Hätten Sie lieber einer andern Nation (Kultur) angehört und welcher?
11. Wie alt möchten Sie werden?
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv?
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden, oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie sich selber übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
20. Lieben Sie jemand?
21. Und woraus schließen Sie das?
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, daß es dazu nie gekommen ist.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
24. Wofür sind Sie dankbar?
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als ein gesundes Tier? Und als welches?

2. Ehe

1. Ist die Ehe für Sie noch ein Problem?
2. Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie diese bei andern sehen oder in Ihrem eignen Fall?
3. Was haben Sie andern öfter geraten:a. dass sie sich trennen?b. dass sie sich nicht trennen?
4. Kennen Sie auch Versöhnungen, die keine Narben hinterlassen auf der einen oder auf der andern oder auf beiden Seiten?
5. Welche Probleme löst die gute Ehe?
6. Wie lange leben Sie durchschnittlich mit einem Partner zusammen, bis die Aufrichtigkeit vor sich selbst schwindet, d. h. dass Sie auch im Stillen nicht mehr zu denken wagen, was den Partner erschrecken könnte?
7. Wie erklären Sie es sich, dass Sie bei sich selbst oder beim Partner nach einer Schuld suchen, wenn Sie an Trennung denken?
8. Hätten Sie von sich aus die Ehe erfunden?
9. Fühlen Sie sich identisch mit den gemeinsamen Gewohnheiten in Ihrer derzeitigen Ehe? Und wenn nicht: glauben Sie, dass Ihr ehelicher Partner sich identisch fühlt mit diesen Gewohnheiten, und woraus schließen Sie das?
10. Wann macht Sie die Ehe eher nervös:
a. im Alltag? b. auf Reisen? c. wenn Sie allein sind? d. in Gesellschaft mit vielen? e. unter vier Augen? f. abends? g. morgens?
11. Entwickelt sich in der Ehe ein gemeinsamer Geschmack (wie die Möblierung ehelicher Wohnung vermuten lässt) oder findet für Sie beim Kauf einer Lampe, eines Teppichs, einer Vase , usw. jeweils eine stille Kapitulation statt?
12. Wenn Kinder vorhanden sind: fühlen Sie sich den Kindern gegenüber schuldig, wenn es zur Trennung kommt, d. h. glauben Sie, dass Kinder ein Anrecht haben auf unglückliche Eltern? Und wenn ja: bis zu welchem Lebensalter der Kinder?
13. Was hat Sie zum Eheversprechen bewogen:
a. Bedürfnis nach Sicherheit? b. ein Kind? c. die gesellschaftlichen Nachteile eines unehelichen Zustandes, Umständlichkeiten in Hotels, Belästigung durch Klatsch, Taktlosigkeiten, Komplikationen mit Behörden oder Nachbarn usw.? d. das Brauchtum? e. Vereinfachung des Haushalts? f. Rücksicht auf die Familien? g. die Erfahrung, dass die uneheliche Verbindung gleichermaßen zur Gewöhnung führt, zur Ermattung, zur Alltäglichkeit usw.? h. Aussicht auf eine Erbschaft? i. Hoffnung auf Wunder? j. die Meinung, es handle sich lediglich um eine Formalität?
14. Hätten Sie der standesamtlichen oder der kirchlichen Formel für das Eheversprechen irgendetwas beizufügen:
a. als Frau? b. als Mann?(Bitte um genauen Text)
15. Falls Sie sich schon mehrere Male verehelicht haben: worin sind Ihre Ehen sich ähnlicher gewesen, in ihrem Anfang oder in ihrem Ende?
16. Wenn Sie vernehmen, dass ein Partner nach der Trennung nicht aufhört Sie zu beschuldigen: schließen Sie daraus, dass Sie mehr geliebt worden sind, als Sie damals ahnten, oder erleichtert Sie das?
17. Was pflegen Sie zu sagen, wenn es in Ihrem Freundeskreis wieder zu einer Scheidung kommt, und warum haben Sie’s bisher den Beteiligten verschwiegen?
18. Können Sie zu beiden Seiten eines Ehepaares gleichermaßen offen sein, wenn sie es unter sich nicht sind?
19. Wenn Ihre derzeitige Ehe als glücklich zu bezeichnen ist: worauf führen Sie das zurück? (Stichworte genügen)
20. Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer Ehe, die als glücklich zu bezeichnen ist, und einer Inspiration, einer Intelligenz, einer Berufung usw., die das eheliche Glück möglicherweise gefährdet: was wäre Ihnen wichtiger:
a. als Mann? b. als Frau?
21. Warum?
22. Meinen Sie erraten zu können, wie Ihr derzeitiger Partner diesen Fragebogen beantwortet? und wenn nicht:
23. Möchten Sie seine Antworten wissen?
24. Möchten Sie umgekehrt, dass der Partner weiß, wie Sie diesen Fragebogen beantwortet haben?
25. Halten Sie Geheimnislosigkeit für ein Gebot der Ehe oder finden Sie, dass gerade das Geheimnis, das zwei Menschen voreinander haben, sie verbindet?

3. Frauen

1. Tun Ihnen die Frauen leid?
2. Warum? (Warum nicht?)
3. Wenn in den Händen und Augen und Lippen einer Frau sich Erregung ausdrückt, Begierde usw., weil Sie sie berühren: beziehen Sie das auf sich persönlich?
4. Wie stehen Sie zu Männern:
a. wenn Sie der Nachfolger sind? b. wenn Sie der Vorgänger sind? c. wenn Sie dieselbe Frau gleichzeitig lieben?
5. Haben Sie Ihre Lebensgefährtin gewählt?
6. Kommt es nach Jahr und Tag zum freundlichen Wiedersehen mit früheren Gefährtinnen: überzeugt Sie dann Ihre einstige Paarschaft oder verwundert es Sie, d. h. haben Sie dann den Eindruck, dass Ihre berufliche Arbeit und Ihre politischen Ansichten sie wirklich interessiert haben, oder scheint es Ihnen heute, dass man sich alle diesbezüglichen Gespräche hätte sparen können?
7. Befremdet Sie eine kluge Lesbierin?
8. Meinen Sie zu wissen, wodurch Sie die Liebe einer Frau gewinnen, und wenn es sich eines Tages herausstellt, wodurch Sie die Liebe einer Frau tatsächlich gewonnen haben: zweifeln Sie an ihrer Liebe?
9. Was bezeichnen Sie als männlich?
10. Haben Sie hinreichende Beweise dafür, daß sich die Frauen für bestimmte Arbeiten, die der Mann für sich als unwürdig empfindet, besonders eignen?
11. Was hat Sie am häufigsten verführt:
a. Mütterlichkeit?b. dass Sie sich bewundert wähnen?c. Alkohol?d. die Angst, kein Mann zu sein?e. Schönheit?f. die voreilige Gewissheit, dass Sie der überlegene Teil sein werden und sei es als liebevoller Beschützer?
12. Wer hat den Kastrationskomplex erfunden?
13. In welchem der beiden Fälle sprechen Sie liebevoller von einer vergangenen Paarschaft: wenn Sie eine Frau verlassen haben oder wenn Sie verlassen worden sind?
14. Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?
15. Wenn Sie mit Frauen immer wieder dieselbe Erfahrung machen: denken Sie, dass es an den Frauen liegt, d. h. halten Sie sich infolgedessen für einen Frauenkenner?
16. Möchten Sie Ihre Frau sein?
17. Woher wissen Sie mehr über die intimen Beziehungen zwischen den Geschlechtern: aus dem Gespräch mit andern Männern oder aus dem Gespräch mit Frauen? Oder erfahren Sie das meiste ohne Gespräch: aus den Reaktionen der Frauen, d. h. indem Sie merken, was Frauen gewohnt sind und was nicht, was sie von einem Mann erwarten, befürchten usw.?
18. Wenn Sie das Gespräch mit einer Frau anregt: wie lange gelingt es Ihnen, ein solches Gespräch zu führen, ohne beiläufig auf Gedanken zu kommen, die Sie verschweigen, weil sie nicht zum Thema gehören?
19. Können Sie sich eine Frauenwelt vorstellen?
20. Was trauen Sie der Frau nicht zu:
a. Philosophie? b. Organisation? c. Kunst? d. Technologie? e. Politik?
und bezeichnen Sie daher eine Frau, die sich nicht an Ihr männliches Vorurteil hält, als unfraulich?
21. Was bewundern Sie an Frauen?
22. Möchten Sie von einer Frau ausgehalten werden:
a. durch ihre Erbschaft?b. durch ihre Berufsarbeit?
23. Und warum nicht?
24. Glauben Sie an Biologie, d. h. dass das derzeitige Verhältnis zwischen Mann und Frau unabänderlich ist, oder halten Sie es beispielsweise für ein Resultat der jahrtausendelangen Geschichte, dass die Frauen für ihre Denkweise keine eigene Grammatik haben, sondern auf die männliche Sprachregelung angewiesen sind und infolgedessen unterlegen?
25. Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

4. Hoffnung 

1. Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?
2. Wie oft muß eine bestimmte Hoffnung (z. B. eine politische) sich nicht erfüllen, damit Sie die betroffene Hoffnung aufgeben, und gelingt Ihnen dies, ohne sich sofort eine andere Hoffnung zu machen?
3. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?
4. Wenn eine private Hoffnung sich endlich erfüllt hat: wie lange finden Sie in der Regel, es sei eine richtige Hoffnung gewesen, d. h. dass deren Erfüllung so viel bedeute, wie Sie jahrzehntelang gemeint haben?
5. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
6. Wie viele Stunden im Tag oder wie viele Tage im Jahr genügt Ihnen die herabgesetzte Hoffnung: dass es wieder Frühling wird, dass die Kopfschmerzen verschwinden, dass etwas nie an den Tag kommt, dass Gäste aufbrechen usw.?
7. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?
8. Hoffen Sie angesichts der Weltlage:
a. auf die Vernunft? b. auf ein Wunder? c. daß es weitergeht wie bisher?
9. Können Sie ohne Hoffnung denken?
10. Können Sie einen Menschen lieben, der früher oder später, weil er Sie zu kennen meint, wenig Hoffnung auf Sie setzt?
11. Was erfüllt Sie mit Hoffnung:
a. die Natur? b. die Kunst? c. die Wissenschaft? d. die Geschichte der Menschheit?
12. Genügen Ihnen die privaten Hoffnungen? 13. Gesetzt den Fall, Sie unterscheiden zwischen Ihren eignen Hoffnungen und den Hoffnungen, die andere (Eltern, Lehrer, Kameraden, Liebespartner) auf Sie setzen: bedrückt es Sie da mehr, wenn sich die ersteren oder wenn sich die letzteren nicht erfüllen?
14. Was erhoffen Sie sich von Reisen?
15. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?
16. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?
17. Was bekräftigt Sie in Ihrer persönlichen Hoffnung:
a. Zuspruch? b. die Einsicht, welchen Fehler Sie gemacht haben? c. Alkohol? d. Ehrungen? e. Glück im Spiel? f. ein Horoskop? g. dass sich jemand in Sie verliebt?
18. Gesetzt den Fall, Sie leben in der großen Hoffnung („…daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist…“ – B. Brecht) und haben Freunde, die sich aber dieser Hoffnung nicht anschließen können: verringert sich dadurch Ihre Freundschaft oder Ihre große Hoffnung?
19. Wie verhalten Sie sich im umgekehrten Fall, d. h. wenn Sie die große Hoffnung eines Freundes nicht teilen: fühlen Sie sich jedesmal, wenn er die Enttäuschung erlebt, klüger als der Enttäuschte?
20. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?
21. Keine Revolution hat je die Hoffnung derer, die sie gemacht haben, vollkommen erfüllt; leiten Sie aus dieser Tatsache ab, dass die große Hoffnung lächerlich ist, dass Revolution sich erübrigt, dass nur der Hoffnungslose sich Enttäuschungen erspart usw., und was erhoffen Sie sich von solcher Ersparnis?
22. Hoffen Sie auf ein Jenseits?
23. Wonach richten Sie Ihre täglichen Handlungen, Entscheidungen, Pläne, Überlegungen usw., wenn nicht nach einer genauen oder vagen Hoffnung?
24. Sind Sie schon einen Tag lang oder eine Stunde lang tatsächlich ohne jede Hoffnung gewesen, auch ohne die Hoffnung, daß alles einmal aufhört, wenigstens für Sie?
25. Wenn Sie einen Toten sehen: welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

5. Humor

1. Wenn Sie jemand dazu bringen, dass er den Humor verliert (z. B. weil Sie seine Scham verletzt haben), und wenn Sie dann feststellen, der betroffene Mensch habe keinen Humor: finden Sie, dass Sie deswegen Humor haben, weil Sie jetzt über ihn lachen?
2. Wie unterscheiden sich Witz und Humor?
3. Wenn Sie spüren, daß Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?
4. Halten Sie es für Humor:
a. wenn wir über Dritte lachen?b. wenn Sie über sich selber lachen?c. wenn Sie jemand dazu bringen, dass er, ohne sich zu schämen, über sich selber lachen kann?
5. Wenn Sie alles Lachen abziehen, das auf Kosten von Dritten geht: finden Sie, daß Sie oft Humor haben?
6. Woran merken Sie es zuerst, wenn Sie in einer Gesellschaft alle Sympathie verspielt haben: verschließt man sich Ihrer ernsten Argumentation, Ihren Kenntnissen usw., oder kommt einfach die Art von Humor, die Ihnen eigen wäre, nicht mehr an, d. h. dass Sie humorlos werden?
7. Haben Sie Humor, wenn Sie allein sind?
8. Wenn Sie von einem Menschen sagen, er habe Humor: meinen Sie damit, dass er Sie zum Lachen bringt oder daß es Ihnen gelingt, ihn zum Lachen zu bringen?
9. Kennen Sie Tiere mit Humor?
10. Was gibt Ihnen unversehens das Vertrauen, dass Sie sich mit einer Frau intim verstehen könnten: ihre Physiognomie, ihre Lebensgeschichte, ihre Glaubensbekenntnisse usw. oder ein erstes Zeichen, dass man im Humor übereinstimmt, wenn auch keineswegs in Meinungsfragen?
11. Was offenbart Affinität im Humor:
a. Gleichartigkeit des Intellekts?b. dass zwei oder mehrere Menschen übereinstimmen in ihrer Fantasie?c. Verwandtschaft in der Scham?
12. Wenn Ihnen bewusst ist, dass Sie im Augenblick tatsächlich keinen Humor haben: erscheint Ihnen dann der Humor, den Sie zuweilen haben, als ein oberflächliches Verhalten?
13. Können Sie sich eine Ehe ohne Humor vorstellen?
14. Was versetzt Sie eher in Eifersucht: dass die Person, die Sie lieben, eine andere Person küsst, umarmt usw. oder dass es dieser andern Person gelingt, Humor zu befreien, den Sie an Ihrem Partner nicht kennen?
15. Warum scheuen Revolutionäre den Humor?
16. Können Sie einen Menschen oder eine Gesellschaftsschicht, die Sie aus politischen Gründen hassen, mit Humor sehen (nicht bloß mit Witz), ohne dabei den Hass zu verlieren?
17. Gibt es einen klassenlosen Humor?
18. Wenn Sie ein Untergebener sind: halten Sie es für Humor, wenn der Vorgesetzte über Ihre ernsten Beschwerden und Forderungen lächelt, d. h. für einen Mangel an Humor, wenn Sie nicht auch lächeln, oder lachen Sie dann, bis der Vorgesetzte seinen Humor einstellt, und womit erreichen Sie noch weniger?
19. Kommt es vor, dass Sie sich im Humor als ein anderer entpuppen, als Sie gerne sein möchten, d. h. dass Sie der eigene Humor erschreckt?
20. Entsteht Humor nur aus Resignation?
21. Gesetzt den Fall, Sie haben die Gabe, jedermann zum Lachen zu bringen, und Sie gebrauchen diese Gabe in jeder Gesellschaft, sodass Sie nachgerade als Humorist bekannt sind – was versprechen Sie sich davon:
a. Kommunikation? b. dass Sie’s mit niemand verderben? c. dass Sie eine Infamie loswerden und nachher sagen können, es sei Humor gewesen und wenn der Betroffene keinen Humor verstehe usw.?d. dass Sie sich selber nie langweilen?e. dass Ihnen in einer Sache, die mit Argumenten nicht zu vertreten ist, die Lacher trotzdem rechtgeben?
22. Was ertragen Sie nur mit Humor?
23. Wenn Sie in der Fremde leben und erfahren müssen, daß Ihr eigentlicher Humor sich nie mitteilt: können Sie sich damit abfinden, daß es eine Verständigung nur im Ernst gibt, oder werden Sie sich dadurch selber fremd?
24. Verändert im Alter sich der Humor?
25. Wie meinen Sie im Humor zu sein:
a. versöhnlich? b. frei von Ehrgeiz? c. angstlos? d. unabhängig von Moral? e. sich selbst überlegen? f. kühner als sonst? g. frei von Selbstmitleid? h. aufrichtiger als sonst? i. lebensdankbar

6. Geld

1. Hassen Sie Bargeld?
2. Warum?
3. Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
4. Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch (nicht über Geld) trotz allem den Reichen?
5. Wieviel Geld möchten Sie besitzen?
6. Gesetzt den Fall, Sie sind bedürftig und haben einen reichen Freund, der Ihnen helfen will, und er gibt Ihnen eine beträchtliche Summe (zum Beispiel damit Sie studieren können) und gelegentlich auch Anzüge von sich, die noch solid sind: was nehmen Sie unbefangener an?
7. Haben Sie schon gestohlen:
a. Bargeld?b. Gegenstände (ein Taschenbuch am Kiosk, Blumen aus einem fremden Garten, eine Erstausgabe, Schokolade auf einem Camping-Platz, Kugelschreiber, die umherliegen, ein Andenken an einen Toten, Handtücher im Hotel usw.)?c. eine Idee?
8. Solange Sie kein Vermögen und ein schwaches Einkommen haben, reden die Reichen vor Ihnen ungern über Geld und umso lebhafter über Fragen, die mit Geld nicht zu lösen sind, z. B. über Kunst: empfinden Sie dies als Takt?
9. Was halten Sie von Erbschaft:
a. wenn Sie eine in Aussicht haben? b. wenn nicht? c. wenn Sie einen Säugling betrachten und dabei wissen, daß er, wie immer er sich entwickle, die Hälfte einer Fabrik besitzen wird oder eine Villa, ein Areal, das keine Inflation zu fürchten braucht, ein Ferienhaus auf Sardinien, fünf Miethäuser in der Vorstadt?
10. Sind Sie ein Sparer? Und wenn ja:
11. Erklären Sie, wieso die Staatsbank bestimmt, wieviel das Geld wert ist, das Sie als Lohn erhalten und gespart haben, und zu wessen Gunsten sich Ihre Ersparnisse plötzlich verflüchtigen?
12. Gesetzt den Fall, Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und verfügen unversehens über ein großes Einkommen, sodass das Geld für Sie sozusagen keine Rolle mehr spielt: fühlen Sie sich als Person unverändert? Und wenn ja: finden das Ihre bisherigen Freunde auch oder finden sie, das Geld spiele wohl eine Rolle, indem es Sie als Person deformiert?
13. Was kostet zurzeit ein Pfund Butter?
14. Wenn Sie in der Lage sein sollten, von Zinsen leben zu können: halten Sie sich deswegen nicht für einen Ausbeuter, weil Sie, obschon Sie von den Zinsen leben könnten, selber auch arbeiten?
15. Fürchten Sie sich vor den Armen?
16. Warum nicht?
17. Gesetzt den Fall, Sie sind ein großer Mäzen, d. h. Sie verteilen an Leute, die Sie persönlich schätzen, teilweise die beträchtlichen Zinsen aus der Arbeit andrer Leute: verstehen Sie die öffentliche Hochachtung, die Sie als Mäzen genießen, und Ihre eigene Unbefangenheit dabei?
18. Was tun Sie für Geld nicht?
19. Timon von Athen hat eines Tages, um die Freundschaft seiner Freunde zu prüfen, nur Schüsseln voll Wasser aufgetischt; er erfuhr dabei, was er eigentlich schon wusste, und gab sich bitter vor Enttäuschung über die Menschen, denn siehe, sie kamen immer nur seines Reichtums wegen und waren keine wahren Freunde. Finden Sie seine großen Flüche über die andern berechtigt? Offenbar hatte der reiche Timon von Athen gemeint, Freundschaft kaufen zu können.
20. Möchten Sie eine reiche Frau?
21. Wie erklären Sie es sich, dass Sie als Reicher es gerne zeigen, wenn Sie sich etwas versagen, was Sie sich ohne weiteres leisten könnten (z. B. eine Yacht), und dass Sie sich fast kindlich freuen, wenn Sie irgend etwas besonders billig erworben haben, geradezu spottbillig, sodass jedermann es sich hätte leisten können, und warum sind Sie zugleich erpicht auf unersetzbare Objekte, beispielsweise Ikonen, Säbel, Porzellan aus der Ming-Zeit, Kupferstiche, Werke toter Meister, historische Münzen, Autographen, Gebetsteppiche aus Tibet usw.?
22. Was missfällt Ihnen an einem Neureichen:
a. dass er ohne Heraldik auskommt? b. dass er vom Geld spricht? c. dass er nicht von Ihnen abhängig ist?
23. Wie rechtfertigen Sie eignen Reichtum:
a. durch Gotteswillen? b. dass Sie es einzig und allein Ihrer persönlichen Tüchtigkeit verdanken, d. h. durch die Annahme, dass andere Fähigkeiten, die sich nicht in Einkommen umsetzen, minderwertig seien?c. durch würdiges Benehmen?d. indem Sie sich sagen, dass nur die Reichen überhaupt eine Wirtschaft in Gang bringen können zum Gedeihen aller, d. h. durch Unternehmergeist?e. durch Caritas?f. durch Ihre höhere Bildung, die Sie einem ererbten Reichtum verdanken oder einer Stiftung?g. durch asketische Lebensart?h. durch vorbildliche Gewissenhaftigkeit in allen sittlichen Belangen, die das bürgerliche Profit-System nicht berühren, sowie durch Verinnerlichung der Gegebenheiten, Sensibilität für Kulturelles, Geschmack usw.?i. indem Sie beträchtliche Steuern zahlen? j. durch Gastgeberschaft?k. indem Sie sich sagen, dass es seit Menschengedenken immer Arme und Reiche gegeben hat und also immer geben wird, d. h. dass Sie gar keine Rechtfertigung brauchen?
24. Wenn Sie nicht aus eignem Entschluss (wie der Heilige Franziskus), sondern umständehalber nochmals arm werden: wären Sie den Reichen gegenüber, nachdem Sie als Gleichgestellter einmal ihre Denkweise kennengelernt haben, so duldsam wie früher, wehrlos durch Respekt?
25. Haben Sie einmal eine Banknote mit dem Porträt eines großen Dichters oder eines großen Feldherrn, dessen Würde von Hand zu Hand geht, angezündet mit einem Feuerzeug und sich angesichts der Asche gefragt, wo jetzt der verbürgte Wert bleibt?

7. Freundschaft

1. Halten Sie sich für einen guten Freund?
2. Was empfinden Sie als Verrat:
a. wenn der andere es tut? b. wenn Sie es tun?
3. Wie viele Freunde haben Sie zurzeit?
4. Halten Sie die Dauer einer Freundschaft (Unverbrüchlichkeit) für ein Wertmaß der Freundschaft?
5. Was würden Sie einem Freund nicht verzeihen:
a. Doppelzüngigkeit? b. dass er Ihnen eine Frau ausspannt? c. dass er Ihrer sicher ist? d. Ironie auch Ihnen gegenüber? e. dass er keine Kritik verträgt? f. dass er Personen, mit denen Sie sich verfeindet haben, durchaus schätzt und gerne mit ihnen verkehrt?g. dass Sie keinen Einfluss auf ihn haben?
6. Möchten Sie ohne Freunde auskommen können?
7. Halten Sie sich einen Hund als Freund?
8. Ist es schon vorgekommen, dass sie überhaupt gar keine Freundschaft hatten, oder setzen Sie dann Ihre diesbezüglichen Ansprüche einfach herab?
9. Kennen Sie Freundschaft mit Frauen:
a. vor Geschlechtsverkehr? b. nach Geschlechtsverkehr? c. ohne Geschlechtsverkehr?
10. Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?
11. Warum?
12. Gibt es Feinde, die Sie insgeheim zu Freunden machen möchten, um sie müheloser verehren zu können?
13. Wenn jemand in der Lage ist, Ihnen mit Geld zu helfen, oder wenn Sie in der Lage sind, jemand mit Geld zu helfen: sehen Sie darin eine Gefährdung der bisherigen Freundschaft?
14. Halten Sie die Natur für einen Freund?
15. Wenn Sie auf Umwegen erfahren, dass ein böser Witz über Sie ausgerechnet von einem Freund ausgegangen ist: kündigen Sie daraufhin die Freundschaft? Und wenn ja:
16. Wieviel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft oder schriftlich oder unter vier Augen?
17. Gesetzt den Fall, Sie haben einen Freund, der Ihnen in intellektueller Hinsicht sehr überlegen ist: tröstet Sie seine Freundschaft darüber hinweg oder zweifeln Sie insgeheim an einer Freundschaft, die Sie sich allein durch Bewunderung, Treue, Hilfsbereitschaft usw. erwerben?
18. Worauf sind Sie aus dem natürlichen Bedürfnis nach Freundschaft öfter hereingefallen:
a. auf Schmeichelei? b. auf Landsmannschaft in der Fremde?c. auf die Einsicht, dass Sie sich eine Feindschaft in diesem Fall gar nicht leisten können, z. B. weil dadurch ihre berufliche Karriere gefährdet wäre? d. auf Ihren eignen Charme?e. weil es Ihnen schmeichelt, wenn Sie jemand, der gerade Ansehen genießt, öffentlich als Freund bezeichnen können (mit Vornamen)? f. auf ideologisches Einverständnis?
19. Wie reden Sie über verlorene Freunde?
20. Wenn es dahin kommt, daß Freundschaft zu etwas verpflichtet, was eigentlich Ihrem Gewissen widerspricht, und Sie haben es um der Freundschaft willen getan: hat sich die betreffende Freundschaft dadurch erhalten?
21. Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?
22. Was halten Sie ferner für unerlässlich, damit Sie eine Beziehung zwischen zwei Personen nicht bloß als Interessen-Gemeinschaft, sondern als Freundschaft empfinden:
a. Wohlgefallen am andern Gesichtb. daß man sich unter vier Augen einmal gehenlassen kann, d. h. das Vertrauen, daß nicht alles ausgeplaudert wirdc. politisches Einverständnis grosso modod. daß einer den andern in den Zustand der Hoffnung versetzen kann nur schon dadurch, daß er da ist, daß er anruft, daß er schreibte. Nachsichtf. Mut zum offenen Widerspruch, aber mit Fühlern dafür, wieviel Aufrichtigkeit der andere gerade noch verkraften kann, und also Geduldg. Ausfall von Prestige-Fragenh. daß man dem andern ebenfalls Geheimnisse zubilligt, also nicht verletzt ist, wenn etwas auskommt, wovon er nie gesprochen hati. Verwandtschaft in der Schamj. wenn man sich zufällig trifft: Freude, obschon man eigentlich gar keine Zeit hat, als erster Reflex beiderseitsk. daß man für den andern hoffen kannl. die Gewähr, daß der eine wie der andere, wenn eine üble Nachrede über den andern im Umlauf ist, zumindest Belege verlangt, bevor er zustimmtm. Treffpunkte in der Begeisterungn. Erinnerungen, die man gemeinsam hat und die wertloser wären, wenn man sie nicht gemeinsam hätteo. Dankbarkeitp. daß der eine den andern gelegentlich im Unrecht sehen kann, aber deswegen nicht richterlich wirdq. Ausfall jeder Art von Geizr. daß man einander nicht festlegt auf Meinungen, die einmal zur Einigkeit führten, d. h. daß keiner von beiden sich ein neues Bewußtsein versagen muß aus Rücksicht?
(Unzutreffendes streichen.)
23. Wie groß kann dabei der Altersunterschied sein?
24. Wenn eine langjährige Freundschaft sich verflüchtigt, z. B. weil die neue Gefährtin eines Freundes nicht zu integrieren ist: bedauern Sie dann, daß Freundschaft einmal bestanden hat?
25. Sind Sie sich selber ein Freund?

8. Väterlichkeit

1. Sind Sie stolz darauf, Vater zu sein?
2. Mögen Sie Kinder allgemein?
3. Sind Sie sicher, dass Sie von Ihren erwachsenen Kindern keine Dankbarkeit erwarten? Und wenn nicht: Dankbarkeit wofür? (Stichworte genügen)
4. Wollten Sie jemals Vater werden?
5. Wenn Sie meinen, Ihre Kinder haben es besser, als sie es gehabt haben: beglückt sie das oder meinen Sie es als Vorwurf?
6. Wie stehen Sie zum Säugling?7. Hatten Sie das väterliche Verantwortungsbewusstsein schon vor der Zeugung oder während der Zeugung oder wann hat es sich bei Ihnen eingestellt?
8. Was macht Sie an Kindern traurig?
a. Ähnlichkeiten mit der Mutter?b. Ähnlichkeiten mit Ihnen?
9. Inwiefern fühlen Sie sich durch ein ungeborenes Kind lebenslänglich verbunden mit der betreffenden Frau?
10. Wenn andere Leute (Gäste, Nachbarn, Lehrer usw.) durchblicken lassen, dass sie ihr Kind nicht außerordentlich finden: wem nehmen Sie’s übel, dem Kind oder den Leuten? Oder der Mutter?
11. Fühlen Sie Blutsverwandtschaft?
12. Bis zu welchem Alter des Kindes?
13. Haben Sie Kinder je geschlagen? Und wenn nicht: weil Sie durch eine bessere Methode erreichten, was Sie wollten, oder aus Prinzip?
14. Wenn Sie eigene Kinder unter ihresgleichen sehen , z.B. bei einem sit-in, haben Sie den Eindruck, dass Sie den eigenen Kindern näherstehen als ihren Altersgenossen, und woraus schließen Sie das?
15. Was beglückt Sie als Vater vorallem?
16. Glauben Sie sich als Erzieher? Z.B. wenn Sie einen neuen Wagen haben und die Kinder betrachten ihn als ihr Eigentum: verweigern Sie ihnen die Benutzung des Wagens aus erzieherischen Gründen?
17. Wann fühlen Sie sich als Vater wohler:
a. ? allein mit dem Kind?b. ? wenn die Mutter dabei ist?
18. Wenn Sie mit einer anderen Frau ins Bett gehen, empfinden Sie sich dann als Vater?
19. Nimmt bei Ihnen die Väterlichkeit ab:
a. wenn die Kinder selber ihr Geld verdienen?b. wenn das Kind sich verheiratet?c. wenn es sich herausstellt, dass das Kind mehr weiß als Sie oder geschickter ist als Sie, lebenstüchtiger usw.?
20. Was erschreckt Sie mehr: wenn Kinder daran leiden, dass Sie ihr Vater sind, oder wenn Ihnen die Kinder von anderen Leuten insgeheim besser gefallen?
21. Ist es Ihnen bewusst, dass Sie sich anders verhalten, wenn Ihre erwachsenen Kinder zugegen sind, und was verhehlen Sie vor Ihnen?
22. Warum?23. Gesetzt den Fall, dass Sie sich der Mutter nicht verbunden fühlen als Mann: überzeugt es Sie, dass Sie der Vater ihres Kindes sind?
24. Können Sie sich ohne Kinder vorstellen?
25. Ist es Ihnen gelungen, die eigenen Kinder kennenzulernen, d.h. sie nicht als Söhne oder Töchter zu sehen?

9. Heimat

1. Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?
2. Hat Heimat für Sie eine Flagge?
3. Worauf könnten Sie eher verzichten:
a. auf Heimatb. auf Vaterlandc. auf die Fremde
4. Was bezeichnen Sie als Heimat?
a. ein Dorfb. eine Stadt oder ein Quartier darinc. einen Sprachraumd. einen Erdteil e. eine Wohnung
5. Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst: Könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist?
6. Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders?
a. die Landschaftb. dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h. dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher auf Einverständnis rechnen können?c. das Brauchtumd. dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommene. Erinnerungen an die Kindheit
7. Haben Sie schon Auswanderung erwogen?
8. Welche Speisen essen Sie aus Heimweh (z.B. die deutschen Urlauber auf den Kanarischen Inseln lassen sich täglich das Sauerkraut mit dem Flugzeug nachschicken) und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?
9. Gesetzt den Fall, Heimat kennzeichnet sich für Sie durch waldiges Gebirge mit Wasserfällen: Rührt es Sie, wenn Sie in einem andern Erdteil dieselbe Art von waldigem Gebirge mit Wasserfällen treffen, oder enttäuscht es Sie?
10. Warum gibt es keine heimatlose Rechte?

11. Wenn Sie die Zollgrenze überschreiten und sich wieder in der Heimat wissen: Kommt es vor, dass Sie sich einsamer fühlen gerade in diesem Augenblick, in dem das Heimweh sich verflüchtigt, oder bestärkt Sie beispielsweise der Anblick von vertrauten Uniformen (Eisenbahner, Polizei, Militär etc.) im Gefühl, eine Heimat zu haben?
12. Wie viel Heimat brauchen Sie?
13. Wenn Sie als Mann und Frau zusammenleben, ohne die gleiche Heimat zu haben: Fühlen Sie sich von der Heimat des andern ausgeschlossen oder befreien Sie einander davon?
14. Insofern Heimat der landschaftliche und gesellschaftliche Bezirk ist, wo Sie geboren und aufgewachsen sind, ist Heimat unvertauschbar: Sind Sie dafür dankbar?
15. Wem?
16. Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw., die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?
17. Was macht Sie heimatlos?
a. Arbeitslosigkeitb. Vertreibung aus politischen Gründen c. Karriere in der Fremded. dass Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen e. ein Fahneneid, der missbraucht wird
18. Haben Sie eine zweite Heimat…?
19. …und wenn ja: Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann bei der ersten?
20. Kann Ideologie zu einer Heimat werden?
21. Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für Sie die Heimat wäre, z.B. Harlem, und beschäftigt es Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?
22. Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?
23. Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: Wer bestimmt, was Sie der Heimat schulden?
24. Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?
25. Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?

10. Eigentum

1. Können Sie sich erinnern, seit welchem Lebensjahr es Ihnen selbstverständlich ist, daß Ihnen etwas gehört, beziehungsweise nicht gehört?
2. Wem gehört Ihres Erachtens beispielsweise die Luft?
3. Was empfinden Sie als Eigentum:
a. was Sie gekauft haben? b. was Sie erben? c. was Sie gemacht haben?
4. Auch wenn Sie den betreffenden Gegenstand (Kugelschreiber, Schirm, Armbanduhr usw.) ohne weiteres ersetzen können: empört Sie der Diebstahl als solcher?
5. Warum?
6. Empfinden Sie das Geld schon als Eigentum oder müssen Sie sich dafür irgendetwas kaufen, um sich als Eigentümer zu empfinden, und wie erklären Sie es sich, daß Sie sich umso deutlicher als Eigentümer empfinden, je mehr Sie meinen, daß man Sie um etwas beneidet?
7. Wissen Sie, was Sie brauchen?
8. Gesetzt den Fall, Sie haben ein Grundstück gekauft: wielange dauert es, bis Sie die Bäume auf diesem Grundstück als Eigentum empfinden, d. h., daß das Recht, diese Bäume fällen zu lassen, Sie beglückt oder Ihnen zumindest selbstverständlich vorkommt?
9. Erleben Sie einen Hund als Eigentum?
10. Mögen Sie Einzäunungen?
11. Wenn Sie auf der Straße stehenbleiben, um einem Bettler etwas auszuhändigen: warum machen Sie’s immer so flink und so unauffällig wie möglich?
12. Wie stellen Sie sich Armut vor?
13. Wer hat Sie den Unterschied gelehrt zwischen Eigentum, das sich verbraucht, und Eigentum, das sich vermehrt, oder hat Sie das niemand gelehrt?
14. Sammeln Sie auch Kunst?
15. Kennen Sie ein freies Land, wo die Reichen nicht in der Minderheit sind, und wie erklären Sie es sich, daß die Mehrheit in solchen Ländern glaubt, sie sei an der Macht?
16. Warum schenken Sie gerne?
17. Wieviel Eigentum an Grund und Boden brauchen Sie, um keine Angst zu haben vor der Zukunft? (Angabe in Quadratmetern.) Oder finden Sie, daß die Angst eher zunimmt mit der Größe des Grundeigentums?
18. Wogegen sind Sie nicht versichert?
19. Wenn es nur noch das Eigentum gäbe an Dingen, die Sie verbrauchen, aber kein Eigentum, das Macht gibt über andere: möchten Sie unter solchen Umständen noch leben?
20. Wieviele Arbeitskräfte gehören Ihnen?
21. Wieso?
22. Leiden Sie manchmal unter der Verantwortung des Eigentümers, die Sie nicht den andern überlassen können, ohne Ihr Eigentum zu gefährden, oder ist es die Verantwortung, die Sie glücklich macht?
23. Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?
24. Da zwar ein Recht auf Eigentum besteht, aber erst in Kraft tritt, wenn Eigentum vorhanden ist: könnten Sie es irgendwie verstehen, wenn die Mehrheit Ihrer Landsleute, um ihr Recht in Kraft zu setzen, Sie eines Tages enteignen würde?
25. Und warum nicht?

11. Tod

1. Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr?
2. Was tun Sie dagegen?
3. Haben Sie keine Angst vor dem Tod (weil Sie materialistisch denken, weil Sie nicht materialistisch denken), aber Angst vor dem Sterben?
4. Möchten Sie unsterblich sein?
5. Haben Sie schon einmal gemeint, dass Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen:
a. was Sie hinterlassen?b. die Weltlage?c. eine Landschaft?d. dass alles eitel war?e. was ohne Sie nie zustandekommen wird?f. die Unordnung in den Schubladen?
6. Wovor haben Sie mehr Angst: dass Sie auf dem Totenbett jemand beschimpfen könnten, der es nicht verdient, oder dass Sie allen verzeihen, die es nicht verdienen?
7. Wenn wieder ein Bekannter gestorben ist: überrascht es Sie, wie selbstverständlich es Ihnen ist, dass die andern sterben? Und wenn nicht: haben Sie dann das Gefühl, dass er Ihnen etwas voraushat, oder fühlen Sie sich überlegen?
8. Möchten Sie wissen, wie Sterben ist?
9. Wenn Sie sich unter bestimmten Umständen schon einmal den Tod gewünscht haben und wenn es nicht dazu gekommen ist: finden Sie dann, dass Sie sich geirrt haben, d. h. schätzen Sie infolgedessen die Umstände anders ein?
10. Wem gönnen Sie manchmal Ihren eigenen Tod?
11. Wenn Sie gerade keine Angst haben vor dem Sterben: weil Ihnen dieses Leben gerade lästig ist oder weil Sie gerade den Augenblick genießen?
12. Was stört Sie an Begräbnissen?
13. Wenn Sie jemand bemitleidet oder gehasst haben und zur Kenntnis nehmen, dass er verstorben ist: was machen Sie mit Ihrem bisherigen Hass auf seine Person beziehungsweise mit Ihrem Mitleid?
14. Haben Sie Freunde unter den Toten?
15. Wenn Sie einen toten Menschen sehen: haben Sie dann den Eindruck, dass Sie diesen Menschen gekannt haben?
16. Haben Sie schon Tote geküsst?
17. Wenn Sie nicht allgemein an Tod denken, sondern an Ihren persönlichen Tod: sind Sie jeweils erschüttert, d. h. tun Sie sich selbst leid oder denken Sie an Personen, die Ihnen nach Ihrem Hinschied leidtun?
18. Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?
19. Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten?
20. Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, dass man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat?
21. Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?
22. Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: beruhigt Sie die Vorstellung, dass wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod?
23. Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?
24. Wenn Sie jemand lieben: warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem andern überlassen?
25. Wieso weinen die Sterbenden nie?

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Jochen Jung – Anderes Licht

Nach dem Gewitter bricht
ein Licht sich Bahn
das nicht von den Gestirnen kommt
Es hat etwas Eklektisches
zugleich Beseelt-Elektrisches
Es leuchtet wie das Innere vom Licht
wie Katzenblick und Psalmenfeuer

Dazu dann noch der Regenbogen
der immer aussieht wie gelogen

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Heinrich Heine – Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hohlwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

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Etel Adnan – Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Etel Adnan

Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Wenige Wochen vor dem Zusammenbruch seines geordneten Denkvermögens schrieb Nietzsche: „Ich bin ein Rendez-vous von Erfahrungen“; das entscheidende Wort ist „Rendez-vous“. Er habe, wollte er sagen, sein Leben damit verbracht, der Welt entgegenzueilen, und gleichzeitig sei die Welt ihm entgegengeeilt. Diese gegenseitige Anziehungskraft, diese doppelte Bewegung, hatte zentrale Bedeutung für ihn. Die enorme Großzügigkeit seines Geistes machte ihn zum Schnittpunkt kosmischer Kräfte, aktueller gesellschaftlicher Strömungen und Ideen, wobei er letztere häufig eher aufgriff, als dass er sie selbst erdachte. Diese Großzügigkeit war eine Form von Liebe. Auf radikale Weise hat Nietzsche uns nicht allein die Liebe zum Dasein gezeigt, sondern auch die zu den scheinbar unbedeutenden Dingen, überhaupt zu allem, was seinen Verstand berührte und sein Herz. Deshalb bildet sein Werk auch kein System, kreist nicht um ein Zentrum, sondern besteht aus einer Reihe fundamentaler Hingebungen.

Seltsamerweise muss ich bei Nietzsche an al-Hallaj denken, obwohl dessen (islamischer) Mystizismus sich absolut nicht mit Nietzsches Vorstellungswelt zu vertragen scheint.

Den deutschen Philosophen und den arabischen Mystiker des 10. Jahrhunderts trieben ihre schöpferischen Energien bis zum Äußersten, und sie opferten sich selbst für diese radikale Suche. al-Hallaj hatte erklärt: „Ich bin die schöpferische Wahrheit.“ Und weiter: „Ich habe meinen Herrn mit den Augen des Herzens erblickt und ihn gefragt: ‚Wer bist du?‘ Er antwortete mir: ‚Du‘.“ Und Nietzsche spricht in seinen Dionysos-Dithyramben indirekt von sich selbst als einem Mann, der sagt: „Ich bin die Wahrheit.“ Beide verzehrten sich also auf ihrem Weg hin zum Absoluten: Für den einen war das Gott, für den anderen die Umwandlung (und Zerstörung) aller Werte. Das allem übergeordnete leitende Prinzip war für al-Hallaj die Liebe, das Verlangen, sich dem Feuer des göttlichen Willens zu nähren und in es einzudringen, bis hin zum eigenen Tod. al-Hallaj begriff seine Verurteilung zum Tod durch Folter und Kreuzigung als natürlichen Preis seiner leidenschaftlichen Besessenheit und hieß das Urteil willkommen. Nietzsche wiederum zahlte dafür, dass er seiner Suche in Freiheit nachgehen konnte, mit jener absoluten Einsamkeit, die ihn schließlich in den Wahnsinn trieb. Nietzsches leidenschaftliche Hingabe an sein revolutionäres, die Augen öffnendes Denken wiederholte sich in seiner Liebe zu Cosima: In den letzten Schriften seiner umnachteten Jahre bedachte er praktisch alle Menschen, die er jemals gekannt  hatte, mit Hass, außer Cosima Wagner. Und seine letzte bewusste Äußerung scheint eine Notiz an sie gewesen zu sein, in der er ihr (verzweifelt, um das mindeste zu sagen), erklärt: „Ariadne, ich liebe dich, Dionysos.“ Das Übermaß an Liebe bei den Mystikern sämtlicher Religionen dürfte kaum jemanden unberührt lassen. Selbst Ungläubige werden etwa die Schriften der großen Sufi-Meister bewundern, in denen Poesie, philosophisches Fragen und lyrisches Schwärmen sich in ihrem leidenschaftlichen Verlangen nach dem Göttlichen verbinden.

Stärker als alle anderen Ausdrucksformen zeugen mystische Texte von der Erfahrung einer fundamentalen Einheit der Liebe. Das heißt, wir unterscheiden zwar zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen von Liebe, wissen aber, dass sie alle einer einzigen Quelle entspringen: So wie elektrische Energie sich unterschiedlich (und widersprüchlich) manifestiert, kann Liebe sich auf die Natur beziehen, auf Sexuelles, auf Familienbande, auf Wissenschaft und so weiter… dennoch hat sie einen einzigen Ursprung, der sich  ebenso im Gehirn und dessen Vorformen wie in den geheimnisvollen Regionen dessen, was wir die „äußere Welt“ nennen, verbirgt.

Auch wenn man landläufig unter Liebe vor allem ein romantisches oder leidenschaftliches Gefühl für einen anderen Menschen versteht, muss sie nicht zwangsläufig darauf reduziert sein. So erinnere ich mich an zwei Leidenschaften in meinem Leben, die nicht einem Menschen galten und trotzdem eine Zeit lang alles andere beherrschten.

Ich bin in Beirut aufgewachsen und habe als Kind häufig zusammen mit anderen Kindern im Meer gebadet. Das war in den dreißiger Jahren. Zu der Zeit gab es noch nicht die exklusiven Badeorte, die die Menschen heutzutage im Sommer aufsuchen. Damals schlugen die Wellen unmittelbar an den Stadtrand, und der Strand, sehr felsig, mit hier und da kleinen Badestellen dazwischen, war kaum mehr als einen halben Kilometer von unserem Haus entfernt. Meine Mutter setzte sich dann auf einen dieser Felsen und ließ mich herumpaddeln. Zur Sicherheit schlang sie immer eine Art Schnur oder Seil wie eine Hundeleine um meine Brust und hielt sie sorgfältig fest. Auf diese Weise entwickelte ich schon als kleines Kind ein sinnliches Gefühl für das Meer, ein geradezu fasziniertes Verlangen danach, und frönte ihm heimlich. Diese Leidenschaft entzückte mich, und sie isolierte mich. Sie hat mich ein Leben lang nicht verlassen.

Ein paar Jahrzehnte später ließ ich mich in Kalifornien nieder. In den Anfangsjahren empfand ich mich als zutiefst entwurzelt. Ich wohnte damals nördlich von San Francisco, auf der anderen Seite der Golden-Gate-Brücke, und entwickelte so etwas wie einen vertrauten Umgang mit Mount Tamalpais, einem Berg, der die Landschaft dort beherrscht. Nach und nach wurde der Berg zu einer konkreten Bezugsgröße. Ich begann mich an ihm zu orientieren, aus der Nähe ebenso wie aus der Ferne. Er wurde zu einem Gefährten. Und als ich dann irgendwann Malerin wurde, begann ich ihn zu malen, in Öl. Ich zog in ein Haus in Sausalito, aus dessen sämtlichen Fenstern er zu sehen war. Ich malte nur noch den Berg, und das ging jahrelang so, bis ich nichts anderes mehr denken konnte. Es wurde meine Hauptbeschäftigung, den Berg in seiner unaufhörlichen Veränderung zu beobachten. Ich schrieb sogar ein Buch über den Berg, um ihn und meine Gefühle in den Griff zu bekommen – doch die Erfahrung trat über die Ufer meines Schreibens. Ich war süchtig.

Doch ja, ich trieb mich in Jazzkellern herum, ging immer wieder ans Meer, fuhr ins Yosemite-Tal, atmete kalifornisches Wetter… aber das war es auch. Ich hatte vergessen, dass es noch andere Arten von Privatleben gab!  Das bedaure ich nicht. Im Gegenteil, es waren ekstatische Jahre.

Man könnte meinen, dass die Liebe zu einem bestimmten Baum oder zur Natur als solcher harmlos sei; aber keine Liebe ist harmlos. Sie kann die gesamte eigene Existenz in Mitleidenschaft ziehen und tut es auch. Was wir „Natur“ nennen, umfasst eine unendliche Zahl von Reaktionsweisen; unter anderem das Auskundschaften, das Eingehen von Risiken, die völlige Umwälzung des eigenen Lebens. Die Liebe zur Natur kann einen auf die Gipfel des Himalaja führen, an den Kraterrand von Vulkanen, in Höhlen und in Forschungslabore; sie öffnet einem die Augen für das eigene Ich; sie inspiriert bildende Künstler, Dichter und Philosophen; sie zeigt einem Wege zum Verständnis ihrer Großartigkeit.

Das Verhalten von immer mehr Menschen lässt allerdings darauf schließen, dass sie die Natur ignorieren, sie ablehnen oder sogar verachten. Sonst hätten wir nämlich nicht die heutige ökologische Katastrophe. Wenn diese Menschen läsen, was der amerikanische Indianer, Häuptling Joseph, einst sagte, würden sie es nicht verstehen. Als Indianer Land für die amerikanischen Siedler pflügen sollten, sagte er: „Wie kann ich den Leib meiner Mutter mit einem Pflug aufreißen?“ Und das meinte er nicht metaphorisch, sondern wörtlich. Denn schließlich ist die Erde unsere Mutter. Sie erhält uns am Leben. Wir kommen aus ihr: Die Religionen sagen es auf ihre Weise, die Wissenschaft sagt es ebenfalls und der gesunde Menschenverstand auch. Folglich lieben wir unsere erste, unsere ursprüngliche Mutter nicht. Mehr noch, wir haben sie aufgegeben. Wir haben sie hinter uns gelassen. Wir sind zum Mond geflogen.

Symbolisch gesehen ist es absolut wahr, dass wir das Interesse an unserem nomadischen Planeten verloren haben. Die avancierteste Forschung der Welt befasst sich entweder mit dem unendlich Kleinen (dem Bereich der Atome) oder mit Astronomie. Die Menschheit sieht sich schon nach Möglichkeiten des Lebens auf anderen Planeten um… und die Technologie stellt sich komplett in den Dienst abstrakter Wissenschaft und ihrer Beschäftigung mit nicht mehr vorstellbaren Dingen. Der Planet Erde scheint Schnee von gestern. Er ist das Haus, dessen wir uns gerade entledigen. Wir lieben die Erde ganz entschieden nicht. Offensichtlich glauben wir sogar, wir brauchten sie gar nicht. Weil der Preis für die Liebe, die sie retten kann, unvorstellbar hoch wäre. Es würde bedeuten, dass wir unsere Lebensweise radikal verändern und auf manche Bequemlichkeiten verzichten müssten – auf unser Spielzeug, unsere Lieblingsgeräte, aber vor allem auf unsere politischen und religiösen Mythologien. Wir müssten eine neue Welt (keine „Schöne neue Welt“!) erschaffen. Zu alledem sind wir nicht bereit. So sind wir schlicht und einfach zum Untergang verdammt.

Wir müssen nur an all die politisch Militanten, die Helden der Befreiungsbewegungen, die echten Kämpfer für Menschenrechte, die Rebellen denken… Was machen wir mit ihnen? Wir sorgen dafür, dass sie in Irrenhäusern, in Gefängnissen, im Exil enden… Nur die Vergötterer von Macht, Geld, Krieg und organisiertem Verbrechen scheinen sich im Rampenlicht zu bewegen. Wir sind an einem historischen Punkt angelangt, an dem die westlichen Demokratien, die sich für den ultimativen Garanten der Freiheit halten, erleben, wie ihre Werte hohl, ihre Freiheiten zweifelhaft werden und wie ihr Humanismus verloren geht. Und das, weil sie feststellen, dass ihre Macht auf der Weltbühne dahinschwindet, worüber sie in blanke Panik geraten. Was ist zu tun? Zuallererst sollten wir dringend ein Gefühl für Solidarität entwickeln, ohne die keine Gesellschaft zusammenhält. Tolstoi notierte am 5.November 1873 in seinem Tagebuch: „Liebe ist verstörend.“ Ja, politisches Handeln ist eine Form von Liebe, und sie kann explosiv sein und zu großem Aufruhr führen. Aber was ist, wenn wir solche Risiken nicht eingehen, wenn wir die Dinge so weiterlaufen lassen, wie sie zur Zeit laufen, weil es uns sicherer scheint? Die Antwort ist einfach: Wenn wir nicht den Preis zahlen, den es kostet, die Welt zu verändern, dann wird die Welt sich auf ihre Weise ändern. Ändern wird sie sich auf jeden Fall, nur werden wir dann keine Möglichkeit mehr haben, sie in Bahnen zu lenken, die wir für positiv halten, und am Ende wird der Preis sehr viel höher sein, und es wird zu spät sein! Das Problem ist – und das ist das Schlimmste – schlicht universell.

Und nun können wir gern über die Vorstellung von Liebe nachsinnen, die seit jeher am häufigsten vorkommt, am abgedroschensten ist und heute fast immer missverstanden wird. Die Liebe ist der am stärksten kommerzialisierte Begriff überhaupt.

Aber es gibt sie dennoch, die Liebe in ihrer wahrhaftigsten Bedeutung. Es kann in der Kindheit beginnen: Im Alter von neun oder zehn verlieben Kinder sich in Schulkameraden, in ein anderes Kind, das ihre Aufmerksamkeit fesselt – und ihr Herz. Sie spüren schon früh den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe.

Die Liebe beginnt damit, dass mir eine geschwungene Nackenlinie, die Länge einer Augenbraue, der Beginn eines Lächelns auffällt. „Es passiert!“ Die Gegenwart eines anderen menschlichen Wesens mobilisiert die Aufmerksamkeit, die eigenen Sinne. Dieses Gefühl wächst, wird zum Wunsch, die neue Erfahrung möge sich wiederholen. Es wird zu einem Routenplan. Einer Reise. Die Einbildungskraft bemächtigt sich der Realität und beginnt, sie zu bearbeiten, entwirft Fantasien, Träume, Projekte… Sie erschafft ihre eigene Notwendigkeit, und bei manchen Menschen nimmt sie das gesamte Leben in Beschlag. Das Gefühl wird zur Stimme in der Nacht, die „ich liebe dich“ sagt und die eigene Existenz aus den Angeln hebt. Es kann so weit gehen, dass man schließlich das gesamte Universum infrage stellt; das Gefühl domestiziert das eigene Denken und endet als Sucht! Und in den tragischsten Fällen stürzt es in einen Abgrund der Schmerzensschreie, in dem die Liebenden jedes Empfinden für Dimension, für die Realität verlieren. Das ist der Moment, von dem Dichter sagen, die Liebe ändere den Lauf der Zeit.

Dieser Zustand der Verliebtheit ist ungemütlich: Er ist labil, allen Winden ausgesetzt, nahezu irrational. Er kann leicht Angstzustände produzieren, etwas Zwanghaftes bekommen. Der Herzschlag beschleunigt sich, man löscht das Licht, legt sich zu einem anderen Körper und versinkt in einer Art verzweifelter Seligkeit.

Wer könnte eine derartige Intensität lange aushalten? Die Liebe wird zu einem Feuerfluss, der das Blut in den Adern ersetzt. Sie nimmt einem den Atem. Man möchte stillhalten, sich nicht rühren, die Zeit vergessen. Selbst das Empfinden für den eigenen Körper verschwindet. Er verschwindet aus dem Gedächtnis. Es entsteht eine Art Starre. Sie verdankt sich der totalen Mobilisierung aller Sinne, die fortan auf neue Weise funktionieren. Sogar das Verlangen bleibt dahinter zurück. Seltsamerweise hat dieser Zustand eine große Ähnlichkeit mit der Todeserfahrung.

Wer könnte einen derartigen inneren Aufruhr über längere Zeit ertragen? Die Liebenden selbst beginnen sich schließlich vor ihrem Glück zu fürchten und sind bereit, es zu zerstören. Und die Gesellschaft verdächtigt eine solche Liebe ohnehin. Sie unterdrückt sie mit aller Macht, hält sie für subversiv und potenziell revolutionär.

Die Liebe kommt stets wie ein Erdbeben. Sie affiziert nicht nur die Liebenden selbst, sondern auch ihre Zuschauer. Letztere werden neidisch. Es packt sie die große Eifersucht. Kein Wunder, dass es „Ehrenmorde“ gibt, ebenso wie all die anderen kriminellen Akte gegen Frauen im Zusammenhang mit Liebe und Sexualität. Die katholische Kirche ist sowieso ganz unmissverständlich gegen das Lustprinzip im Privatleben ihrer Anhänger. Sie bindet Sexualität an die Fortpflanzung, die Bedeutung, die sie Marias Jungfräulichkeit beimisst, ist nur ein Beispiel unter vielen. Es gibt kein Entkommen. Liebe hat einen Preis (wie jede andere menschliche Äußerung). Wir sind eine gesellige Spezies, und die Gesellschaft lastet unausweichlich auf unserem Leben.

Es stimmt, wir leben in einer Zeit, in der die Verbindung von Sexualität und Liebe aufgelöst wurde. Und die Naiven, die sich vor leidenschaftlichen Affären fürchten, weil so etwas womöglich ihr Leben umkrempelt und zu Unglück führt, können Filmstars und literarische Figuren etc. entspannter lieben als einen persönlichen Partner – wenn sie ihre Abende nicht gerade mit Sportzeitungen und Fußballsendungen verbringen… Es wird so viel Zeit verschwendet auf Leidenschaften, die keine direkte Herausforderung für den Einzelnen sind… Das „moderne Leben“ bietet immer mehr Möglichkeiten, sich an eine sinnlose Welt zu verlieren.

Es gilt als Befreiung des Körpers, wenn er autonom wird und nach seinem eigenen Recht verlangt. Sexualität als Spiel gilt als Ausdruck höchsten Raffinements, und es ist sicher richtig, dass etwas Zynismus dabei nicht schaden kann. Aber auf lange Sicht kann die Leugnung von Gefühlen zu Gewalt führen und tut es auch… So produziert die „befreite“ Fantasie in der Filmindustrie inzwischen nur noch Science-Fiction-Geschichten oder solche über Verbrechen… Und ist die Herstellung von Pornographie mittlerweile nicht zu einem globalen Geschäft geworden?

Aber was ist Liebe? Und was geben wir auf, wenn wir sie aufgeben?

Liebe lässt sich nicht beschreiben, man muss sie leben. Wir können sie leugnen, aber wir erkennen sie, wenn sie uns ergreift. Wenn etwas in uns sich unser Ich unterwirft. Gefangener seiner selbst, das ist, der Liebende. Ein seltsames Fieber. Aber es muss nicht immer und unbedingt ein menschliches Wesen sein, das die Liebe hervorruft. Ein Sonderfall. Ja.

Ich ging von Beirut nach Paris, um Philosophie zu studieren. Wie viele junge Mädchen hatte ich viele männliche Freunde… Für meine Generation war ein Freund jemand, mit dem man endlos durch die Straßen spazierte, tanzen ging, über die Liebe sprach… Wir hatten kein Sexualleben, allenfalls einige vage sexuelle „Affären“. Etwas, das ich „atmosphärische“ Erfahrungen nennen würde, ein Wohlgefühl, der Stolz darauf, von vielen Jungen für attraktiv gehalten zu werden. Und natürlich noch etwas darüber hinaus, eine Unruhe im Körper, ein Verlangen, das nicht Verlangen genannt wurde… Dabei hielten wir uns für ziemlich raffiniert und modern, denn wir waren die erste Generation junger Mädchen, denen ein gewisser (begrenzter) Zugang zu jungen Männern zugestanden wurde. Das galt als großes Abenteuer!

In meiner Anfangszeit in Paris hatte ich keine engen Freunde. Verständlicherweise. Damals brauchte es Zeit, bis ausländische Studenten Freundschaften mit Kommilitonen schließen konnten. Ich fühlte mich ziemlich allein; aber das Entdecken der Stadt wurde zu einer Beschäftigung, die mich völlig ausfüllte: Sie begeisterte mich, ich war glücklich.

Damals liebte ich die Nacht; ich tue es immer noch. Nacht gehört zur Liebe; wie Nebel. Sie befreit den Raum, lässt Frische einkehren. Ihr Zauber beflügelt den Körper, macht das Mysterium spürbar, lebendig zu sein, kurzum, zu sein. Der Himmel wird, mit Sternen und Galaxien oder ohne sie, zum privaten Reich – zum Betätigungsfeld der Fantasie. In solchen Momenten ist zwischen dem Mond und einem selbst alles erreichbar.

Und dann, an einem dieser kühlen, leuchtenden Tage, einem dieser wie eine Radierung silbrig gedämpften Nachmittage, ging ich in den Louvre.

Ich betrat diesen Tempel leise, unschuldig; zum ersten Mal. Nach wenigen Schritten stand ich vor der Nike von Samothrake. Vor der geflügelten Siegesgöttin. Ich blieb dort stehen, völlig entgeistert. Diese Gestalt schwang sich in die Höhe, war im Begriff, vom Boden abzuheben, wie ein Flugzeug in einem stummen Traum. War mehr als ein Flugzeug. Vor meinen Augen hob eine Zivilisation vom Boden ab und blieb doch auf der Erde, eine Zivilisation, von der alles beseitigt worden war, bis auf ihre archetypische Gestalt.

Und dann drehte ich mich um und sah die Venus von Milo. Die Statue aus weißem Marmor stand dort, anscheinend überlebensgroß, richtete sich auf oder beugte sich, je nach Blickwinkel. Wie lange stand ich dort und schaute sie an? Zeit spielte mit Sicherheit keine Rolle. Ich war allein. Wir waren allein. Meine Augen wanderten über ihren Körper aus einem Stoff zwischen Fleisch und Stein – blieben an verschiedenen Stellen haften, entdeckten ihre Kurven, die gleichzeitig lockten und auf Distanz hielten, bestaunten das Geheimnis einer derartigen Präsenz, die lebendig war und doch aus Marmor, dafür geschaffen, von ihr zu träumen, aber nicht, sie zu berühren. Die Liebe, die den griechischen Bildhauer dazu bewegt hatte, diese Göttin zu formen, zu gestalten, zum Leben zu erwecken, ging auf mich über. All meine Sinne erwachten gleichzeitig. Ich verlor den Verstand über ihrer eisigen und doch so gefährlichen Schönheit. Die Begegnung wurde zu einer Initiation. Zu einem Tor in mein eigenes Inneres. Ich verbrachte diese Nacht der Offenbarung mit ihr in der tiefsten und wichtigsten Einsamkeit, die ich jemals erlebt habe. Es war Winter, aber ich schwitzte die ganze Nacht. Ich schloss die Augen und presste das Gesicht ins Kissen. Ich brannte lichterloh vor Leidenschaft. Ich weinte. Mein Körper verlangte nach ihr. Ich schlief mit ihr ganz ohne sie, und meine Fantasie stand in Flammen.

Natürlich waren die Erfahrungen, die dann folgten, anders… Ich wurde in das geworfen, was man die „wirkliche Welt“ nennt, und zwar mit allem, was dieser Begriff umfasst. Aber jenes ursprüngliche Erlebnis hat mich immer begleitet, als Frage, als wiederkehrendes Bild, als Offenbarung: Die Macht der Kunst, die dieses „Ereignis“ bezeugte, bleibt bedrohlich. Ich ging dazu über, die Erinnerung an die Geschehnisse jener Nacht als eine Meditation über die Natur der Liebe zu begreifen… ihr Geheimnis wurde dadurch nur noch tiefer.

Vor seinem Selbstmord notierte Majakowski diesen knappen Satz: „Lili, lieb mich!“ Revolution und Poesie waren vergessen. Die unmögliche Liebe (das Leben, das misslang) starrte ihn mit unverminderter Glut an.

Es ist wahr, dass die Liebe zum Leben wird, und wenn man die eine verliert, wird das andere sinnlos. Doch da die meisten Menschen die Folgen ihrer Leidenschaften nicht zu akzeptieren wagen, verklären sie diejenigen, die diese Leidenschaften um jeden Preis ausleben. Seien es historische Gestalten oder romantische Erfindungen. Lieben wir denn nicht Anna Karenina und lesen ihre Geschichte mit echten Tränen? Sehen wir nicht vor unserem inneren Auge den Zug, unter den sie sich wirft? Glauben wir nicht heimlich, dass sie recht daran tat, wenn wir über sie lesen – in unserem hübsch geheizten Heim, nachdem die Kinder sicher im Bett liegen? Das gilt auch für die Dichter: Immer wieder von Neuem lesen wir die Geschichte von Leila und Madschnun, der, verrückt geworden, bis zur völligen Erschöpfung durch die arabische Wüste irrt, weil er nicht mehr bei Leila sein darf; oder wir bedauern, mit Rimbaud, die klägliche Feigheit von Verlaine, der in seinem letzten Brief an den verzweifelten Geliebten von Mutter, Ehefrau und Kirche spricht!

Wenn man liebt, wird man zum Vogel: Man reckt den Hals und vernimmt ein Lied, das sich nicht laut äußern lässt. Man ist sprachlos. Aber sie werden immer zahlreicher, jene Menschen, die für diesen Augenblick nicht ihr Leben riskieren möchten. Sie wollen nicht einmal viel weniger riskieren, sie wollen sich nicht rühren. Sie haben Angst. Sie fühlen sich wohler in ihrer Mittelmäßigkeit. Wir können sie verstehen: Die Liebe in all ihren Erscheinungsformen ist das Wichtigste, das uns je widerfahren kann, sie ist aber auch das Gefährlichste, das am wenigsten Vorhersehbare, das, was einen völlig wahnsinnig machen kann. Aber sie ist auch die einzig mir bekannte Erlösung.

Etel Adnan

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Ulrich Schacht – Ohne Titel

WOHER WIR KOMMEN bleibt unerschlossen:
Die Daten sind reine Zahl auf Papier.
Am Anfang des Lebens wird Blut vergossen;
am Ende erschrickt ein verwundetes Tier.

Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter –
im Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.
Es gibt kein Gestade für jenen Ritter,
von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.

Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:
ihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.
Wann immer wir in unser Leben schnellten,
gewannen wir nichts und verloren die Zeit.

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Friedrich Hölderlin – Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

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Eva Zeller – Postscriptum

Was ich dir noch sagen wollte
Wenn ich dir einen Tipp geben darf
Ich meine
Ich bitte dich
um alles in der Welt
und wider besseres Wissen:

Halte dich nicht schadlos
Zieh den Kürzeren
Lass dir etwas entgehen

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