Category Archives: Poesie

weihnacht in der großen stadt

James Krüss

Seltsam schaut die Stadt heut aus:
Alle Fenster sind verdunkelt!
Und es flüstert und es munkelt
Sonderbar in jedem Haus.
Straßenbahnen läuten nicht.
Einsam leuchten die Laternen.
Und von oben aus den Sternen
Fällt der Schnee so weich und dicht.
Wie ein Riese schläft die Stadt,
Die der Himmel mit dem feinen
Weißen Schnee wie unter Leinen
Zärtlich eingemummelt hat.
In den Türmen hängen stumm
Große Klöppel im Gehäuse.
Nur der Wind weckt manchmal leise
In den Glocken ein Gebrumm.
Seltsam ruhig ist es heut
In den Straßen und den Gassen.
Selbst der Marktplatz ist verlassen
Und wie tot um diese Zeit.

Aber da mit einemmal
Wehen in das Spiel der Flocken
Von den Türmen, von den Glocken
Silbertöne ohne Zahl.
Und die Kirchen, groß und schwer,
Öffnen mächtig die Portale.
Und da gehn mit einem Male
Wieder Menschen hin und her.
Stimmen lachen, Türen gehn,
Und in schmalen Fensterritzen
Kann ich etwas golden blitzen
Und verwirrend blinken sehn.
Plötzlich scheint die Stadt erwacht.
Auch die Kinder hör ich wieder.
Und es tönen Weihnachtslieder
Fröhlich in die weiße Nacht.

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Rein­hold Au­mai­er

Feiner Herr

Hat mit dieser
grobschl(a)echtigen Welt
fast gar nichts mehr
am Hut

Hängt ihn an den Na­gel

Hebt innerlich ab

Und ist versch
wunderbarerweise
demnächst ein
Wolkerl im end
losen Blau

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 19. Dezember 2019, Nr. 295, S. 9.

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Heinz Piontek

Heinz Piontek: Selbst, 1964; Aquarell, ca.1999 (Heinz Piontek – Archiv, Lauingen)

Die Furt

Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie,
dort ist die seichteste Stelle.
Wolken im Wasser, wie nahe sind sie!
Zögernder lispelt die Welle.


Warten und spähen – die Strömung bespült
höher hinauf mir die Schenkel.
Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt.
Sirrendes Mückengeplänkel.


Kaulquappenstrudel zerstieben erschreckt,
Grundgeröll unter den Zehen.
Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt!
Flutlichter kommen und gehen.


Endlose Furt durch die Fährnis gelegt –
werd ich das Ufer gewinnen?
Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt,
such ich der Angst zu entrinnen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, 14. Dezember 2019, Nr. 291, S. 16.

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Besuch vom Narren

Nächtliche Unterhaltung mit einer Romanfigur: Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises am Montag, 03. September 2018, in der Berliner F.A.Z.-Redaktion. 

In diesem Raum gehöre ich zu einer kleinen Minderheit. Ich bin Frank Schirrmacher nie begegnet. Ich habe auch nie mit ihm kommuniziert, nicht per Mail, nicht per SMS. Und mir ist nicht bekannt, ob er je eines meiner Bücher gelesen hat, jedenfalls hat er mich weder gelobt noch gekränkt. Ich bin also ganz objektiv. Mit diesem Disclaimer wollte ich beginnen und dann steilen Flugs ins Allgemeine aufsteigen. Ich wollte erzählen, dass ich, geprägt von der Medienkritik eines Karl Kraus, Frank Schirrmacher zu dessen Lebzeiten immer mit Scheu, ja etwas Furcht beobachtet habe, einfach weil er so mächtig war im Milieu der Kultur, und ich wollte darüber sprechen, wie sehr sich die Weltsituation doch verändert hat – Sorgen müssen uns weiß Gott nicht mehr mächtige Feuilletonisten machen, wollte ich sagen, und dann wollte ich darauf eingehen, wie sehr Frank Schirrmacher in einer Welt von Donald Trump, Viktor Orbán und AfD fehlt. All das wollte ich sagen, aber als ich mich neulich spätabends hingesetzt hatte, um meine Rede zu schreiben, passierte etwas Unerwartetes: Till Eulenspiegel kam zu mir.

Er kam nicht als Erscheinung. Ich habe keine Visionen. Ich hätte sie gern, das wäre nützlich für meine Arbeit, aber bisher waren mir keine Gesichte vergönnt. Ich sollte es also besser so ausdrücken: Till Eulenspiegel wurde mir wieder auf die gleiche Art gegenwärtig, wie er es beim Schreiben meines Romans gewesen war. Damals war es mir oft vorgekommen, als wäre mein Versuch, seine archaische Gestalt in eine Erzählung zu bannen, weniger eine Kraftanstrengung der Erfindungsgabe als vielmehr die Bemühung, klar hinzuhören auf seine hohe und scharfe Stimme. Da war er also und fragte: „Was stellst du da an?“ Und als ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte: „Machst du’s schön staatstragend?“

Ich kenne ihn ja inzwischen ganz gut, und so leicht bin ich auch nicht zu provozieren, also sagte ich ausweichend: „Was schlägst du vor?“

Aber ich wusste seine Antwort schon. Wie ich übrigens beim Schreiben immer gewusst hatte, was er sagen würde. Eine neue, durchgehend seltsame Erfahrung: Nie hatte ich das Gefühl gehabt, mir seine Sätze auszudenken. Wann immer er in meiner Phantasie den Mund geöffnet hatte, hatte er auch schon geredet, als wäre er eine von mir unabhängige Person. „Sprich von dir“, das wusste ich, würde er antworten – und da mir seine Antwort bewusst wurde, hatte er sie auch schon gegeben. „Statt einer geplusterten Dankeschönrede mit Brokat und Silber, statt großer Worte über Gegenwart, Zukunft und was weiß ich, erzähl, wie oft du Angst hattest, es nicht zu schaffen, dein Büchlein. Erzähl davon, dass du oft nur weitergemacht hast, weil du musstest, weil du nämlich den Vorschuss ausgegeben hattest. Von solchen Dingen sprich, das mag ich, oder sprich darüber, wie lustig es ist, dass du einen Preis bekommst, benannt nach einem Mächtigen, vergeben im Rahmen des alleretabliertesten Establishments ausgerechnet für ein Buch über mich! Gehört sich das?“

„Nicht für das Buch über dich!“, sagte ich. „Da steht ausdrücklich: ,für herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens‘.“

„Zum was des Zeitgeschehens?“

„Zum Verständnis.“

„Zum Verständnis des was?“

„Ich weiß, ich weiß. Aber hör mal, das mit dem Establishment ist übertrieben.“

„Das Staatsoberhaupt!“, rief er, und jetzt brauchte ich mir seine Stimme nicht mehr vorzustellen, ich hörte sie wirklich. „Das Staatsoberhaupt redet über dich! Ich bin ein besserer Künstler als du. Kunst kommt von Können, sagen sie, aber was kannst du eigentlich? Ich kann jonglieren und tanzen, und überleben kann ich auch, und zwar am besten, wie sonst hätte ich so vielen Leuten so viele Streiche spielen können! Ich kann Dinge, von denen du nicht mal träumen würdest! Und habe ich je einen Preis von einem Oberhaupt gekriegt? Die Wahrheit ist, ich hab noch kein Oberhaupt getroffen, das mich nicht totschlagen wollte.“

„Die Zeiten sind andere“, sagte ich.

„Ja, noch sind sie’s“, sagte er, und dann stieß er sein meckerndes Lachen aus. „Und wenn sie’s nicht mehr sind, also: wenn sie wieder so sind, wie sie mal waren, denn glaub mir, das kann schnell passieren – dann schauen wir doch mal, wie du dich anstellst.“

Ein unangenehmes Lachen war das, kein herzliches, ein Lachen ohne Liebenswürdigkeit. Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten zu lachen, und sie haben wenig miteinander gemein. Es gibt das Lachen, in dem sich Einverständnis zeigt mit dem allgemeinen Status quo, das freundliche Lachen, das Lachen der netten Leute ohne Humor. Und dann, fast nicht einmal verwandt damit, das Lachen darüber, dass die Welt so ungerecht ist und so gemein. „Das Lachen der Engel“ hat Milan Kundera jenes nette Lachen genannt und dieses „das Lachen der Teufel“, und es sei das Teufelslachen, so Kundera, das Diktatoren und Fanatiker nicht erlauben könnten, während sie das Lachen der Engel jederzeit schätzten. Kurz gesagt: Die Engel lachen darüber, dass die Welt so schön ist und so gut eingerichtet. Die Teufel lachen darüber, dass die Engel behaupten, die Welt wäre schön und gut eingerichtet, obwohl dem nicht so ist.

„Ich sehe, was du da machst“, sagte er.

„Was mache ich denn?“, fragte ich ertappt. „Ich spreche doch von dir. Ich spreche davon, dass du fürs Teufelslachen stehst, für den kompromisslosen Blick, für die Kraft der Unversöhnlichkeit.“

„Ich stehe für nichts.“

„Du stehst für Kunst!“

„Ja, bei dir, weil du dir das so ausgedacht hast, aber in den alten Geschichten bin ich nur einer, der auftaucht, den Leuten was antut und wieder abhaut. Für mich gibt’s nichts Allgemeines. Für mich gibt es das, was gerade ist. Und wenn du über mein Buch sprechen willst . . .“

„Mein Buch!“, korrigierte ich. Das konnte ich nun doch nicht einfach stehenlassen.

„Dann sprich lieber darüber, wie du die Folterung des Müllers geschildert hast. Wie du dich entschieden hast, den Mord zu beschreiben aus der Sicht des Mörders, weil du nicht so dringend das Opfer verstehen wolltest, sondern lieber den Täter. Opfer sein ist leicht, dachtest du, und nicht gerade spannend. Gib es zu!“

„Natürlich gebe ich es zu! Das ist die Aufgabe der Literatur! Wir Schriftsteller sind so, wir versuchen auch das zu verstehen, was wir –“

„Du bist so. Sag nie wieder ,Aufgabe der Literatur‘, sonst tu ich dir weh. Du weißt, ich kann das. So ausgedacht bin ich nicht, dass ich dir nicht weh tun kann. Sprich davon, dass du so bist, sprich davon, dass dich der Mörder mehr interessiert. Sprich davon, was es dich gekostet hat, dir vorzustellen, was in einem Blutrichter vorgeht, sprich davon, dass das kein Spiel ist. Wer so etwas tut, beschwört Dämonen. Sprich davon, wie es war, als sie kamen. Und sprich von dem Kapitel, in dem du mich hast verschüttet gehen lassen unter Brünn. Du wolltest eine Belagerung beschreiben, aber auf einmal war dir alles zu viel Bildermalerei, so dass du es lieber ganz klein haben wolltest, ganz beschränkt, ganz ohne Luft, nur drei Lebende und ein Toter in einem Loch in der Dunkelheit und der Strom der Erinnerungen. Du hast das nur geschrieben. Aber ich musste es aushalten.“

„So schlimm kann’s nicht gewesen sein“, sagte ich. „Du atmest nicht wirklich, also beschwer dich nicht über schlechte Luft.“

„Ich atme vielleicht nicht, aber ich lebe. Das weißt du am allerbesten. Es gibt viele Arten, wirklich zu sein. Ich lebe mehr als du. Ich war lang vor dir da. Ich werde lang nach dir da sein, daran ändert auch dein hochwürdiger Preis nichts. Und wenn du von dem Mann reden willst, nach dem der Preis benannt ist, dann sprich davon, wie plötzlich einer sterben kann. Mitten darin. Alltagsverwickelt, voller Absichten, voll Neugier, Wut, Liebe, kleiner Pläne, großer Pläne. Sprich davon, wie furchtbar das ist. Und sprich davon, wie sehr du’s bei dem Gedanken mit der Angst zu tun kriegst.“

„Das krieg ich allerdings“, sagte ich leise. Und wieder einmal, ich konnte nicht anders, schauderte mir davor, wie kurz die uns gegebene Zeit ist, selbst unter besten Umständen, selbst wenn man Glück hat und ein sogenanntes langes Leben, das, bei Licht betrachtet, so besonders lang auch nicht ist. Seit ich die Gesichtszüge meines Vaters in meinem Sohn erkenne, fühle ich wirklich dass wir die Dinge und die Zeit bloß an andere weitergeben, und ich dachte an die Warnung, die mir einst ein deutlich älterer Freund gegeben hatte: „Sobald du fünfunddreißig wirst, fangen deine Freunde zu sterben an“, und genauso war es gekommen, und ich dachte ausgerechnet daran, wie ich einst mit Péter Esterházy im Museum war und wie er von der Frau an der Kasse zum ersten Mal in seinem Leben gefragt wurde, ob er ein Seniorenticket wolle; ich dachte daran, dass seine wie immer vorbildlich elegante Reaktion – ein unentschieden abwägendes Schwenken der rechten Hand – seinen Schreck nicht ganz verbergen konnte; und ich dachte daran, dass Péter Esterházys Tod auch schon wieder zwei Jahre her ist, nach kurzer schrecklicher Krankheit, fast so unerwartet wie der Tod Frank Schirrmachers. Und um das Thema wieder einmal ins Allgemeine zu zerren, sagte ich: „Vergänglichkeit wohnt in allem. Buchstäblich allem. Inzwischen meinen die Physiker, dass in unvorstellbar ferner Zeit sogar die Protonen zerfallen. Dann kann es keine Atome mehr geben, dann könnte nichts, buchstäblich: nichts, mehr bestehen. Das Universum selbst ist sterblich. Nicht nur das Leben, auch die harte Materie hat ein Ablaufdatum. Außer natürlich, es gibt Gott, und er erbarmt sich und ruft unsere Toten zurück.“

„Ich kenn ihn schon länger“, sagte Till. „Er macht das nicht.“

„Nein“, sagte ich. „Macht er wohl nicht.“

„Aber die Protonen beunruhigen dich nicht wirklich“, sagte er, während seine Stimme ferner wurde. „Lüg nicht schon wieder. Du hast nicht Angst, dass die Materie vergeht. Vor Krebs hast du Angst. Vor Autounfällen. Du hast Angst, nicht fertig zu werden. Und mit Recht, denn was immer passiert: Es wird keiner fertig.“

Manche Dinge aber doch, wollte ich ihm antworten. Das ist das Geschenk der Kunst: dass sie es hin und wieder erlaubt, etwas abzuschließen. Aber zugleich wusste ich, dass dem Eulenspiegel nicht der Sinn nach versöhnlichen Wendungen steht, und ich wusste auch, dass ich ihn wohl nicht mehr treffen würde. Denn so ist es nun einmal mit mythischen Figuren. Manchmal gewähren sie uns ihre launische Gegenwart und lassen sich zum Schein in ein Buch, ein Bild, ein Lied bannen, aber dann sind sie schon wieder dahin, und wir wünschen uns vergeblich, sie kämen auch nur für einen Moment zurück.

Da also Till Eulenspiegel, der nun schon anderswo ist, vielleicht sogar beim nächsten Schriftsteller, meinen Dank gar nach nicht haben möchte, werde ich diesen lieber Menschen aus Fleisch und Blut abstatten. Vor allem danke ich Anne und Oscar, die mein Lebensglück sind und die mich ertragen haben in den Jahren der Arbeit an diesem besonders schweren Buch und an den Büchern zuvor. Ich danke Frank Schirrmacher für sein Buch „Die Stunde der Welt“. Und ich danke Barbara Laugwitz, und zwar ausdrücklich auch im Namen so unterschiedlicher Kollegen wie Martin Walser, Ildikó von Kürthy, Jonathan Franzen und Eckart von Hirschhausen, für vier Jahre der souveränen und tatkräftigen Arbeit – und dieser simple Satz ist leider schon mehr Dank als die Holtzbrinck-Führung für ihre erfolgreichste Verlegerin erübrigen konnte.

Zuletzt danke ich Alvise Contarini. Sie kennen ihn vielleicht nicht. Kaum einer kennt ihn. Er war Botschafter Venedigs bei den Friedensverhandlungen in Westfalen. Man muss sich das vorstellen: Katholische Gesandte durften nicht mit protestantischen sprechen und Gesandte des Kaisers nicht mit denen des Königs von Frankreich. Wie sollte man da Frieden schließen? Einzig Contarini hatte die Erlaubnis, mit allen Seiten zu reden; als Vermittler eilte er unermüdlich, jahrelang zwischen den Parteien hin und her. Alle Absprachen, alle Diskussionen, alle Einigungen, die den Krieg schließlich beendeten, wurden von ihm geformt, betrieben und möglich gemacht. Aber keiner kennt ihn. Man kennt Wallenstein, man kennt den Kaiser und Gustav Adolf von Schweden, man kennt notfalls noch Tilly und Torstensson, all die Meister des Tötens, aber Contarini wurden keine Lieder gesungen, keine Stücke wurden über ihn geschrieben, ihm wurden weder Biographien gewidmet noch Filme, noch Gedenkveranstaltungen. Doch auf die große und pathetische Frage, was die Welt denn braucht, damals, heute, allezeit, gibt es eine schlichte Antwort: Menschen wie ihn.

Rede von Daniel Kehlmann anlässlicher der Preisverleihung.

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Charles Bukowski – Die Hölle ist ein einsamer Ort

Die Hölle ist ein einsamer Ort

er war 65; seine Frau
war 66 und litt an der
Alzheimerschen Krankheit.

Er hatte Mundkrebs.
Eine Operation nach der
anderen; Strahlenbehandlung
zerrüttete seinen Kieferknochen
der mit Draht verstärkt
werden musste.

Jeden Tag wickelte er
seine Frau wie ein
Baby mit Gummi –
höschen.

Er konnte in seinem Zustand
nicht Auto fahren, musste sich
ein Taxi in die Klinik nehmen
konnte kaum noch reden
musste das Fahrziel
auf einen Zettel
schreiben.

Bei seinem letzten Besuch
teilten sie ihm mit
dass eine weitere Operation
nötig war: Noch ein
bisschen linke Wange
noch ein Stück Zunge.

Als er nach Hause kam
wechselte er seiner Frau
die Windeln, schob zwei
Fertiggerichte in den
Ofen, sah sich die
Abendnachrichten an.
Dann ging er ins
Schlafzimmer, nahm
den Revolver, setzte den
Lauf an ihrer Schläfe
und drückte ab.

Sie fiel nach links.
Er setzte sich auf die
Couch, schob sich den
Lauf in den Mund,
drückte ab.

Die Schüsse fielen den
Nachbarn nicht auf –
später aber das
angebrannte Essen.

Jemand kam, stieß die
Tür auf, sah
es.

Bald kam die
Polizei, machte ihre
Arbeit, fand einiges:
Ein aufgelöstes
Sparbuch, einen
Kontoauszug mit einem
Guthaben von $1,14.

Selbstmord –
schlossen sie
daraus.

Drei Wochen danach
zogen zwei neue
Mieter ein.
Ein Computer-
ingenieur namens
Ross
und seine Frau
Anatana
die Ballet-
unterricht
nahm.

Offenbar ein
aufstrebendes
Paar wie
viele.

Erschienen in: Kamikaze Träume, Köln, 2012, S. 134.

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Uwe Greßmann – An den Vogel Frühling

Daunen dringen aus dir.
Davon kommen die Blumen und Gräser.

Federn grünen an dir.
Davon kommt der Wald.

Grüne Lampen leuchten in deinem Gefieder.
Davon bist du so jung.

Mit Perlen hat dich dein Bruder behaucht, der Morgen.
Davon bist du so reich.

Uralter, du kommst aus dem Reich der mächtigen Sonne.
Darum kommen Menschen und Tiere, und: Erde,
Dich zu empfangen.
Da du sie eine Weile besuchst,
Sind sie erlöst und dürfen das weiße Gefängnis verlassen,
In das sie der Winter gesperrt hat.

Und davon kommen die Sänger,
Die dich besingen.
Frühling, du lieblicher.
Du richtest den Kopf hoch.

Davon ist der Himmel so blau.
Und es wärmt uns alle dein gelbes Auge.
Und du siehst uns an.
Und darum leben wir.

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Geschützt: Max Frisch – Fragebögen

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Jochen Jung – Anderes Licht

Nach dem Gewitter bricht
ein Licht sich Bahn
das nicht von den Gestirnen kommt
Es hat etwas Eklektisches
zugleich Beseelt-Elektrisches
Es leuchtet wie das Innere vom Licht
wie Katzenblick und Psalmenfeuer

Dazu dann noch der Regenbogen
der immer aussieht wie gelogen

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Heinrich Heine – Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hohlwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

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Etel Adnan – Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Etel Adnan

Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Wenige Wochen vor dem Zusammenbruch seines geordneten Denkvermögens schrieb Nietzsche: „Ich bin ein Rendez-vous von Erfahrungen“; das entscheidende Wort ist „Rendez-vous“. Er habe, wollte er sagen, sein Leben damit verbracht, der Welt entgegenzueilen, und gleichzeitig sei die Welt ihm entgegengeeilt. Diese gegenseitige Anziehungskraft, diese doppelte Bewegung, hatte zentrale Bedeutung für ihn. Die enorme Großzügigkeit seines Geistes machte ihn zum Schnittpunkt kosmischer Kräfte, aktueller gesellschaftlicher Strömungen und Ideen, wobei er letztere häufig eher aufgriff, als dass er sie selbst erdachte. Diese Großzügigkeit war eine Form von Liebe. Auf radikale Weise hat Nietzsche uns nicht allein die Liebe zum Dasein gezeigt, sondern auch die zu den scheinbar unbedeutenden Dingen, überhaupt zu allem, was seinen Verstand berührte und sein Herz. Deshalb bildet sein Werk auch kein System, kreist nicht um ein Zentrum, sondern besteht aus einer Reihe fundamentaler Hingebungen.

Seltsamerweise muss ich bei Nietzsche an al-Hallaj denken, obwohl dessen (islamischer) Mystizismus sich absolut nicht mit Nietzsches Vorstellungswelt zu vertragen scheint.

Den deutschen Philosophen und den arabischen Mystiker des 10. Jahrhunderts trieben ihre schöpferischen Energien bis zum Äußersten, und sie opferten sich selbst für diese radikale Suche. al-Hallaj hatte erklärt: „Ich bin die schöpferische Wahrheit.“ Und weiter: „Ich habe meinen Herrn mit den Augen des Herzens erblickt und ihn gefragt: ‚Wer bist du?‘ Er antwortete mir: ‚Du‘.“ Und Nietzsche spricht in seinen Dionysos-Dithyramben indirekt von sich selbst als einem Mann, der sagt: „Ich bin die Wahrheit.“ Beide verzehrten sich also auf ihrem Weg hin zum Absoluten: Für den einen war das Gott, für den anderen die Umwandlung (und Zerstörung) aller Werte. Das allem übergeordnete leitende Prinzip war für al-Hallaj die Liebe, das Verlangen, sich dem Feuer des göttlichen Willens zu nähren und in es einzudringen, bis hin zum eigenen Tod. al-Hallaj begriff seine Verurteilung zum Tod durch Folter und Kreuzigung als natürlichen Preis seiner leidenschaftlichen Besessenheit und hieß das Urteil willkommen. Nietzsche wiederum zahlte dafür, dass er seiner Suche in Freiheit nachgehen konnte, mit jener absoluten Einsamkeit, die ihn schließlich in den Wahnsinn trieb. Nietzsches leidenschaftliche Hingabe an sein revolutionäres, die Augen öffnendes Denken wiederholte sich in seiner Liebe zu Cosima: In den letzten Schriften seiner umnachteten Jahre bedachte er praktisch alle Menschen, die er jemals gekannt  hatte, mit Hass, außer Cosima Wagner. Und seine letzte bewusste Äußerung scheint eine Notiz an sie gewesen zu sein, in der er ihr (verzweifelt, um das mindeste zu sagen), erklärt: „Ariadne, ich liebe dich, Dionysos.“ Das Übermaß an Liebe bei den Mystikern sämtlicher Religionen dürfte kaum jemanden unberührt lassen. Selbst Ungläubige werden etwa die Schriften der großen Sufi-Meister bewundern, in denen Poesie, philosophisches Fragen und lyrisches Schwärmen sich in ihrem leidenschaftlichen Verlangen nach dem Göttlichen verbinden.

Stärker als alle anderen Ausdrucksformen zeugen mystische Texte von der Erfahrung einer fundamentalen Einheit der Liebe. Das heißt, wir unterscheiden zwar zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen von Liebe, wissen aber, dass sie alle einer einzigen Quelle entspringen: So wie elektrische Energie sich unterschiedlich (und widersprüchlich) manifestiert, kann Liebe sich auf die Natur beziehen, auf Sexuelles, auf Familienbande, auf Wissenschaft und so weiter… dennoch hat sie einen einzigen Ursprung, der sich  ebenso im Gehirn und dessen Vorformen wie in den geheimnisvollen Regionen dessen, was wir die „äußere Welt“ nennen, verbirgt.

Auch wenn man landläufig unter Liebe vor allem ein romantisches oder leidenschaftliches Gefühl für einen anderen Menschen versteht, muss sie nicht zwangsläufig darauf reduziert sein. So erinnere ich mich an zwei Leidenschaften in meinem Leben, die nicht einem Menschen galten und trotzdem eine Zeit lang alles andere beherrschten.

Ich bin in Beirut aufgewachsen und habe als Kind häufig zusammen mit anderen Kindern im Meer gebadet. Das war in den dreißiger Jahren. Zu der Zeit gab es noch nicht die exklusiven Badeorte, die die Menschen heutzutage im Sommer aufsuchen. Damals schlugen die Wellen unmittelbar an den Stadtrand, und der Strand, sehr felsig, mit hier und da kleinen Badestellen dazwischen, war kaum mehr als einen halben Kilometer von unserem Haus entfernt. Meine Mutter setzte sich dann auf einen dieser Felsen und ließ mich herumpaddeln. Zur Sicherheit schlang sie immer eine Art Schnur oder Seil wie eine Hundeleine um meine Brust und hielt sie sorgfältig fest. Auf diese Weise entwickelte ich schon als kleines Kind ein sinnliches Gefühl für das Meer, ein geradezu fasziniertes Verlangen danach, und frönte ihm heimlich. Diese Leidenschaft entzückte mich, und sie isolierte mich. Sie hat mich ein Leben lang nicht verlassen.

Ein paar Jahrzehnte später ließ ich mich in Kalifornien nieder. In den Anfangsjahren empfand ich mich als zutiefst entwurzelt. Ich wohnte damals nördlich von San Francisco, auf der anderen Seite der Golden-Gate-Brücke, und entwickelte so etwas wie einen vertrauten Umgang mit Mount Tamalpais, einem Berg, der die Landschaft dort beherrscht. Nach und nach wurde der Berg zu einer konkreten Bezugsgröße. Ich begann mich an ihm zu orientieren, aus der Nähe ebenso wie aus der Ferne. Er wurde zu einem Gefährten. Und als ich dann irgendwann Malerin wurde, begann ich ihn zu malen, in Öl. Ich zog in ein Haus in Sausalito, aus dessen sämtlichen Fenstern er zu sehen war. Ich malte nur noch den Berg, und das ging jahrelang so, bis ich nichts anderes mehr denken konnte. Es wurde meine Hauptbeschäftigung, den Berg in seiner unaufhörlichen Veränderung zu beobachten. Ich schrieb sogar ein Buch über den Berg, um ihn und meine Gefühle in den Griff zu bekommen – doch die Erfahrung trat über die Ufer meines Schreibens. Ich war süchtig.

Doch ja, ich trieb mich in Jazzkellern herum, ging immer wieder ans Meer, fuhr ins Yosemite-Tal, atmete kalifornisches Wetter… aber das war es auch. Ich hatte vergessen, dass es noch andere Arten von Privatleben gab!  Das bedaure ich nicht. Im Gegenteil, es waren ekstatische Jahre.

Man könnte meinen, dass die Liebe zu einem bestimmten Baum oder zur Natur als solcher harmlos sei; aber keine Liebe ist harmlos. Sie kann die gesamte eigene Existenz in Mitleidenschaft ziehen und tut es auch. Was wir „Natur“ nennen, umfasst eine unendliche Zahl von Reaktionsweisen; unter anderem das Auskundschaften, das Eingehen von Risiken, die völlige Umwälzung des eigenen Lebens. Die Liebe zur Natur kann einen auf die Gipfel des Himalaja führen, an den Kraterrand von Vulkanen, in Höhlen und in Forschungslabore; sie öffnet einem die Augen für das eigene Ich; sie inspiriert bildende Künstler, Dichter und Philosophen; sie zeigt einem Wege zum Verständnis ihrer Großartigkeit.

Das Verhalten von immer mehr Menschen lässt allerdings darauf schließen, dass sie die Natur ignorieren, sie ablehnen oder sogar verachten. Sonst hätten wir nämlich nicht die heutige ökologische Katastrophe. Wenn diese Menschen läsen, was der amerikanische Indianer, Häuptling Joseph, einst sagte, würden sie es nicht verstehen. Als Indianer Land für die amerikanischen Siedler pflügen sollten, sagte er: „Wie kann ich den Leib meiner Mutter mit einem Pflug aufreißen?“ Und das meinte er nicht metaphorisch, sondern wörtlich. Denn schließlich ist die Erde unsere Mutter. Sie erhält uns am Leben. Wir kommen aus ihr: Die Religionen sagen es auf ihre Weise, die Wissenschaft sagt es ebenfalls und der gesunde Menschenverstand auch. Folglich lieben wir unsere erste, unsere ursprüngliche Mutter nicht. Mehr noch, wir haben sie aufgegeben. Wir haben sie hinter uns gelassen. Wir sind zum Mond geflogen.

Symbolisch gesehen ist es absolut wahr, dass wir das Interesse an unserem nomadischen Planeten verloren haben. Die avancierteste Forschung der Welt befasst sich entweder mit dem unendlich Kleinen (dem Bereich der Atome) oder mit Astronomie. Die Menschheit sieht sich schon nach Möglichkeiten des Lebens auf anderen Planeten um… und die Technologie stellt sich komplett in den Dienst abstrakter Wissenschaft und ihrer Beschäftigung mit nicht mehr vorstellbaren Dingen. Der Planet Erde scheint Schnee von gestern. Er ist das Haus, dessen wir uns gerade entledigen. Wir lieben die Erde ganz entschieden nicht. Offensichtlich glauben wir sogar, wir brauchten sie gar nicht. Weil der Preis für die Liebe, die sie retten kann, unvorstellbar hoch wäre. Es würde bedeuten, dass wir unsere Lebensweise radikal verändern und auf manche Bequemlichkeiten verzichten müssten – auf unser Spielzeug, unsere Lieblingsgeräte, aber vor allem auf unsere politischen und religiösen Mythologien. Wir müssten eine neue Welt (keine „Schöne neue Welt“!) erschaffen. Zu alledem sind wir nicht bereit. So sind wir schlicht und einfach zum Untergang verdammt.

Wir müssen nur an all die politisch Militanten, die Helden der Befreiungsbewegungen, die echten Kämpfer für Menschenrechte, die Rebellen denken… Was machen wir mit ihnen? Wir sorgen dafür, dass sie in Irrenhäusern, in Gefängnissen, im Exil enden… Nur die Vergötterer von Macht, Geld, Krieg und organisiertem Verbrechen scheinen sich im Rampenlicht zu bewegen. Wir sind an einem historischen Punkt angelangt, an dem die westlichen Demokratien, die sich für den ultimativen Garanten der Freiheit halten, erleben, wie ihre Werte hohl, ihre Freiheiten zweifelhaft werden und wie ihr Humanismus verloren geht. Und das, weil sie feststellen, dass ihre Macht auf der Weltbühne dahinschwindet, worüber sie in blanke Panik geraten. Was ist zu tun? Zuallererst sollten wir dringend ein Gefühl für Solidarität entwickeln, ohne die keine Gesellschaft zusammenhält. Tolstoi notierte am 5.November 1873 in seinem Tagebuch: „Liebe ist verstörend.“ Ja, politisches Handeln ist eine Form von Liebe, und sie kann explosiv sein und zu großem Aufruhr führen. Aber was ist, wenn wir solche Risiken nicht eingehen, wenn wir die Dinge so weiterlaufen lassen, wie sie zur Zeit laufen, weil es uns sicherer scheint? Die Antwort ist einfach: Wenn wir nicht den Preis zahlen, den es kostet, die Welt zu verändern, dann wird die Welt sich auf ihre Weise ändern. Ändern wird sie sich auf jeden Fall, nur werden wir dann keine Möglichkeit mehr haben, sie in Bahnen zu lenken, die wir für positiv halten, und am Ende wird der Preis sehr viel höher sein, und es wird zu spät sein! Das Problem ist – und das ist das Schlimmste – schlicht universell.

Und nun können wir gern über die Vorstellung von Liebe nachsinnen, die seit jeher am häufigsten vorkommt, am abgedroschensten ist und heute fast immer missverstanden wird. Die Liebe ist der am stärksten kommerzialisierte Begriff überhaupt.

Aber es gibt sie dennoch, die Liebe in ihrer wahrhaftigsten Bedeutung. Es kann in der Kindheit beginnen: Im Alter von neun oder zehn verlieben Kinder sich in Schulkameraden, in ein anderes Kind, das ihre Aufmerksamkeit fesselt – und ihr Herz. Sie spüren schon früh den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe.

Die Liebe beginnt damit, dass mir eine geschwungene Nackenlinie, die Länge einer Augenbraue, der Beginn eines Lächelns auffällt. „Es passiert!“ Die Gegenwart eines anderen menschlichen Wesens mobilisiert die Aufmerksamkeit, die eigenen Sinne. Dieses Gefühl wächst, wird zum Wunsch, die neue Erfahrung möge sich wiederholen. Es wird zu einem Routenplan. Einer Reise. Die Einbildungskraft bemächtigt sich der Realität und beginnt, sie zu bearbeiten, entwirft Fantasien, Träume, Projekte… Sie erschafft ihre eigene Notwendigkeit, und bei manchen Menschen nimmt sie das gesamte Leben in Beschlag. Das Gefühl wird zur Stimme in der Nacht, die „ich liebe dich“ sagt und die eigene Existenz aus den Angeln hebt. Es kann so weit gehen, dass man schließlich das gesamte Universum infrage stellt; das Gefühl domestiziert das eigene Denken und endet als Sucht! Und in den tragischsten Fällen stürzt es in einen Abgrund der Schmerzensschreie, in dem die Liebenden jedes Empfinden für Dimension, für die Realität verlieren. Das ist der Moment, von dem Dichter sagen, die Liebe ändere den Lauf der Zeit.

Dieser Zustand der Verliebtheit ist ungemütlich: Er ist labil, allen Winden ausgesetzt, nahezu irrational. Er kann leicht Angstzustände produzieren, etwas Zwanghaftes bekommen. Der Herzschlag beschleunigt sich, man löscht das Licht, legt sich zu einem anderen Körper und versinkt in einer Art verzweifelter Seligkeit.

Wer könnte eine derartige Intensität lange aushalten? Die Liebe wird zu einem Feuerfluss, der das Blut in den Adern ersetzt. Sie nimmt einem den Atem. Man möchte stillhalten, sich nicht rühren, die Zeit vergessen. Selbst das Empfinden für den eigenen Körper verschwindet. Er verschwindet aus dem Gedächtnis. Es entsteht eine Art Starre. Sie verdankt sich der totalen Mobilisierung aller Sinne, die fortan auf neue Weise funktionieren. Sogar das Verlangen bleibt dahinter zurück. Seltsamerweise hat dieser Zustand eine große Ähnlichkeit mit der Todeserfahrung.

Wer könnte einen derartigen inneren Aufruhr über längere Zeit ertragen? Die Liebenden selbst beginnen sich schließlich vor ihrem Glück zu fürchten und sind bereit, es zu zerstören. Und die Gesellschaft verdächtigt eine solche Liebe ohnehin. Sie unterdrückt sie mit aller Macht, hält sie für subversiv und potenziell revolutionär.

Die Liebe kommt stets wie ein Erdbeben. Sie affiziert nicht nur die Liebenden selbst, sondern auch ihre Zuschauer. Letztere werden neidisch. Es packt sie die große Eifersucht. Kein Wunder, dass es „Ehrenmorde“ gibt, ebenso wie all die anderen kriminellen Akte gegen Frauen im Zusammenhang mit Liebe und Sexualität. Die katholische Kirche ist sowieso ganz unmissverständlich gegen das Lustprinzip im Privatleben ihrer Anhänger. Sie bindet Sexualität an die Fortpflanzung, die Bedeutung, die sie Marias Jungfräulichkeit beimisst, ist nur ein Beispiel unter vielen. Es gibt kein Entkommen. Liebe hat einen Preis (wie jede andere menschliche Äußerung). Wir sind eine gesellige Spezies, und die Gesellschaft lastet unausweichlich auf unserem Leben.

Es stimmt, wir leben in einer Zeit, in der die Verbindung von Sexualität und Liebe aufgelöst wurde. Und die Naiven, die sich vor leidenschaftlichen Affären fürchten, weil so etwas womöglich ihr Leben umkrempelt und zu Unglück führt, können Filmstars und literarische Figuren etc. entspannter lieben als einen persönlichen Partner – wenn sie ihre Abende nicht gerade mit Sportzeitungen und Fußballsendungen verbringen… Es wird so viel Zeit verschwendet auf Leidenschaften, die keine direkte Herausforderung für den Einzelnen sind… Das „moderne Leben“ bietet immer mehr Möglichkeiten, sich an eine sinnlose Welt zu verlieren.

Es gilt als Befreiung des Körpers, wenn er autonom wird und nach seinem eigenen Recht verlangt. Sexualität als Spiel gilt als Ausdruck höchsten Raffinements, und es ist sicher richtig, dass etwas Zynismus dabei nicht schaden kann. Aber auf lange Sicht kann die Leugnung von Gefühlen zu Gewalt führen und tut es auch… So produziert die „befreite“ Fantasie in der Filmindustrie inzwischen nur noch Science-Fiction-Geschichten oder solche über Verbrechen… Und ist die Herstellung von Pornographie mittlerweile nicht zu einem globalen Geschäft geworden?

Aber was ist Liebe? Und was geben wir auf, wenn wir sie aufgeben?

Liebe lässt sich nicht beschreiben, man muss sie leben. Wir können sie leugnen, aber wir erkennen sie, wenn sie uns ergreift. Wenn etwas in uns sich unser Ich unterwirft. Gefangener seiner selbst, das ist, der Liebende. Ein seltsames Fieber. Aber es muss nicht immer und unbedingt ein menschliches Wesen sein, das die Liebe hervorruft. Ein Sonderfall. Ja.

Ich ging von Beirut nach Paris, um Philosophie zu studieren. Wie viele junge Mädchen hatte ich viele männliche Freunde… Für meine Generation war ein Freund jemand, mit dem man endlos durch die Straßen spazierte, tanzen ging, über die Liebe sprach… Wir hatten kein Sexualleben, allenfalls einige vage sexuelle „Affären“. Etwas, das ich „atmosphärische“ Erfahrungen nennen würde, ein Wohlgefühl, der Stolz darauf, von vielen Jungen für attraktiv gehalten zu werden. Und natürlich noch etwas darüber hinaus, eine Unruhe im Körper, ein Verlangen, das nicht Verlangen genannt wurde… Dabei hielten wir uns für ziemlich raffiniert und modern, denn wir waren die erste Generation junger Mädchen, denen ein gewisser (begrenzter) Zugang zu jungen Männern zugestanden wurde. Das galt als großes Abenteuer!

In meiner Anfangszeit in Paris hatte ich keine engen Freunde. Verständlicherweise. Damals brauchte es Zeit, bis ausländische Studenten Freundschaften mit Kommilitonen schließen konnten. Ich fühlte mich ziemlich allein; aber das Entdecken der Stadt wurde zu einer Beschäftigung, die mich völlig ausfüllte: Sie begeisterte mich, ich war glücklich.

Damals liebte ich die Nacht; ich tue es immer noch. Nacht gehört zur Liebe; wie Nebel. Sie befreit den Raum, lässt Frische einkehren. Ihr Zauber beflügelt den Körper, macht das Mysterium spürbar, lebendig zu sein, kurzum, zu sein. Der Himmel wird, mit Sternen und Galaxien oder ohne sie, zum privaten Reich – zum Betätigungsfeld der Fantasie. In solchen Momenten ist zwischen dem Mond und einem selbst alles erreichbar.

Und dann, an einem dieser kühlen, leuchtenden Tage, einem dieser wie eine Radierung silbrig gedämpften Nachmittage, ging ich in den Louvre.

Ich betrat diesen Tempel leise, unschuldig; zum ersten Mal. Nach wenigen Schritten stand ich vor der Nike von Samothrake. Vor der geflügelten Siegesgöttin. Ich blieb dort stehen, völlig entgeistert. Diese Gestalt schwang sich in die Höhe, war im Begriff, vom Boden abzuheben, wie ein Flugzeug in einem stummen Traum. War mehr als ein Flugzeug. Vor meinen Augen hob eine Zivilisation vom Boden ab und blieb doch auf der Erde, eine Zivilisation, von der alles beseitigt worden war, bis auf ihre archetypische Gestalt.

Und dann drehte ich mich um und sah die Venus von Milo. Die Statue aus weißem Marmor stand dort, anscheinend überlebensgroß, richtete sich auf oder beugte sich, je nach Blickwinkel. Wie lange stand ich dort und schaute sie an? Zeit spielte mit Sicherheit keine Rolle. Ich war allein. Wir waren allein. Meine Augen wanderten über ihren Körper aus einem Stoff zwischen Fleisch und Stein – blieben an verschiedenen Stellen haften, entdeckten ihre Kurven, die gleichzeitig lockten und auf Distanz hielten, bestaunten das Geheimnis einer derartigen Präsenz, die lebendig war und doch aus Marmor, dafür geschaffen, von ihr zu träumen, aber nicht, sie zu berühren. Die Liebe, die den griechischen Bildhauer dazu bewegt hatte, diese Göttin zu formen, zu gestalten, zum Leben zu erwecken, ging auf mich über. All meine Sinne erwachten gleichzeitig. Ich verlor den Verstand über ihrer eisigen und doch so gefährlichen Schönheit. Die Begegnung wurde zu einer Initiation. Zu einem Tor in mein eigenes Inneres. Ich verbrachte diese Nacht der Offenbarung mit ihr in der tiefsten und wichtigsten Einsamkeit, die ich jemals erlebt habe. Es war Winter, aber ich schwitzte die ganze Nacht. Ich schloss die Augen und presste das Gesicht ins Kissen. Ich brannte lichterloh vor Leidenschaft. Ich weinte. Mein Körper verlangte nach ihr. Ich schlief mit ihr ganz ohne sie, und meine Fantasie stand in Flammen.

Natürlich waren die Erfahrungen, die dann folgten, anders… Ich wurde in das geworfen, was man die „wirkliche Welt“ nennt, und zwar mit allem, was dieser Begriff umfasst. Aber jenes ursprüngliche Erlebnis hat mich immer begleitet, als Frage, als wiederkehrendes Bild, als Offenbarung: Die Macht der Kunst, die dieses „Ereignis“ bezeugte, bleibt bedrohlich. Ich ging dazu über, die Erinnerung an die Geschehnisse jener Nacht als eine Meditation über die Natur der Liebe zu begreifen… ihr Geheimnis wurde dadurch nur noch tiefer.

Vor seinem Selbstmord notierte Majakowski diesen knappen Satz: „Lili, lieb mich!“ Revolution und Poesie waren vergessen. Die unmögliche Liebe (das Leben, das misslang) starrte ihn mit unverminderter Glut an.

Es ist wahr, dass die Liebe zum Leben wird, und wenn man die eine verliert, wird das andere sinnlos. Doch da die meisten Menschen die Folgen ihrer Leidenschaften nicht zu akzeptieren wagen, verklären sie diejenigen, die diese Leidenschaften um jeden Preis ausleben. Seien es historische Gestalten oder romantische Erfindungen. Lieben wir denn nicht Anna Karenina und lesen ihre Geschichte mit echten Tränen? Sehen wir nicht vor unserem inneren Auge den Zug, unter den sie sich wirft? Glauben wir nicht heimlich, dass sie recht daran tat, wenn wir über sie lesen – in unserem hübsch geheizten Heim, nachdem die Kinder sicher im Bett liegen? Das gilt auch für die Dichter: Immer wieder von Neuem lesen wir die Geschichte von Leila und Madschnun, der, verrückt geworden, bis zur völligen Erschöpfung durch die arabische Wüste irrt, weil er nicht mehr bei Leila sein darf; oder wir bedauern, mit Rimbaud, die klägliche Feigheit von Verlaine, der in seinem letzten Brief an den verzweifelten Geliebten von Mutter, Ehefrau und Kirche spricht!

Wenn man liebt, wird man zum Vogel: Man reckt den Hals und vernimmt ein Lied, das sich nicht laut äußern lässt. Man ist sprachlos. Aber sie werden immer zahlreicher, jene Menschen, die für diesen Augenblick nicht ihr Leben riskieren möchten. Sie wollen nicht einmal viel weniger riskieren, sie wollen sich nicht rühren. Sie haben Angst. Sie fühlen sich wohler in ihrer Mittelmäßigkeit. Wir können sie verstehen: Die Liebe in all ihren Erscheinungsformen ist das Wichtigste, das uns je widerfahren kann, sie ist aber auch das Gefährlichste, das am wenigsten Vorhersehbare, das, was einen völlig wahnsinnig machen kann. Aber sie ist auch die einzig mir bekannte Erlösung.

Etel Adnan

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