Category Archives: Poesie

Jan Wagner – shepherd’s pie (aus dem Zyklus ‘achtzehn pasteten’)

(shepherd’s pie)

schafe sind wolken, die den boden lieben.
der schäfer liebt marie. streut nüsse auf
den hang, souffliert die drei berühmten worte.
die herde blökt, frißt sie als weiße schrift
aufs tafelgrün. dahinter springt der punkt,
der hirtenhund. am grund des tales zieht
man abendschatten vor die fenster. sieht
den hang nicht und die hügel, nicht die wolken.
wolken, die schafe sind, vom wind getrieben.

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Thomas Kling – Das brennende Archiv

menschen gedenken eines menschen.
herz – brennendes archiv!
es ist erinnerung der engel;
erinnerung an alte gaben.
die formel tod, die überfahrt –
die wir zu übersetzen haben.

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Stephan Hermlin – Die Terrassen von Albi

Vor dieser Brücke und den Bastionen
Lacht Bacchus blind verleugnet Mauern an.
Er ist wie irr. Im gelben Fluß zu wohnen
Biegt rückwärts sich sein Fuß und sucht den Kahn,

Der trägt ihn in die Schluchten, wo das Drohen
Von Kathedrale und Palais erstirbt,
Wo Wälder sich, die ungeheuer-frohen,
Groß um ihn schließen, Mistral um ihn wirbt.

Der wilde Wein begleitend hat gelogen,
denn dies verging: der Wahn, die Ahnung, Glut
Von fremden Herzen, die man suchte. Flogen

Nicht heut noch wilde Tauben südwärts? Gut
Und übersetzbar sei, Fluß! Abendhell
Wachst du vom kahlen Hügel, Traumkastell!

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Tadeusz Dabrowski – Auflösung 

Heute habe ich aus deinem Aktfoto ein Auge ausgewählt
und bis zum Rand des Bildschirms vergrößert, bis
zur äußersten Auflösung (und die ist so hoch,
dass man jetzt an dich glauben kann). Ich vergrößerte
dein rechtes Auge, im Wunsch, mit dem letzten Klick
auf die andere Seite zu springen, seine Seele anzuschauen
oder zumindest mich selbst, ganz zerklickt. Etwa
bei der vierundvierzigsten Vergrößerung
sah ich meine undeutlichen Konturen,
bei der sechsundsechzigsten den Umriss
des Fotoapparats, nur für mich zu erkennen. Und
dann nichts mehr außer grauen Rechtecken,
exakt angeordnet wie Ziegel in einer Mauer, wie
die Steine in der Klagemauer, vor der ich stehe
Tag und Nacht, um beharrlich die Fugen zu sprengen
mit den Zetteln meiner Gedichte.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.

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Bertolt Brecht – Tierverse

Es war einmal ein Adler
Der hatte viele Tadler
Die machten ihn herunter
Und haben ihn verdächtigt
Er könne nicht schwimmen im Teich.
Da versuchte er es sogleich
Und ging natürlich unter.
(Der Tadel war also berechtigt.)

Es war einmal ein Rabe
Ein schlauer alter Knabe
Dem sagte ein Kanari, der
In seinem Käfig sang: Schau her
Von Kunst
Hast du keinen Dunst.
Der Rabe sagte ärgerlich:
Wenn du nicht singen könntest
Wärst du so frei wie ich.

Es war einmal ein Igel
Der fiel in einen Tiegel
Mit ranzigem Salatöl und
Das hat die Stacheln aufgeweicht
Da trat er in den Völkerbund.
Von einem blinden Tiger
Wurd er dann dort herumgereicht
Als ein bekehrter Krieger.

Es war einmal eine Kellerassel
Die geriet in ein Schlamassel
Der Keller, in dem sie asselte
Brach eines schönen Tages ein
So daß das ganze Haus aus Stein
Ihr auf das Köpfchen prasselte.
Sie soll religiös geworden sein.

Es war einmal ein Hund
Der hatte einen zu kleinen Mund
Da konnte er nicht viel fressen
Da freute sein Herr sich dessen
Er sagte: Dieser Hund
Ist ein guter Fund.

Es war einmal ein Schwein
Das hatte nur ein Bein.
Einmal war es in Eil
Da rutschte es auf dem Hinterteil
Ins Veilchenbeet hinein:
Es war ein rechtes Schwein.

Es war einmal ein Huhn
Das hatte nichts zu tun.
Es gähnte alle an.
Doch als es so den Mund aufriß
Da sagte ein Hund: Je nun
Du hast ja keinen einzigen Zahn!
Da ging das Huhn zum Zahnarzt
Und kaufte sich ein Gebiß.
Jetzt kann es ruhig gähnen
Mit seinen neuen Zähnen!

Es war einmal ein Kamel
Das sah in Posemuckel
einen Mann mit einem Buckel
Es blickte auf ihn scheel
Und sagte: Nebenbei
Ich habe zwei.

Es war einmal ein Pferd
Das war nicht sehr viel wert
Für das Rennen war es zu dumm
Vor den Wagen gespannt, fiel es um
Da wurde es Politiker
Es ist jetzt hoch geehrt.

Es war einmal ein Elefant
Der hatte keinen Verstand
Drum schleppte er einmal auf Befehl
Zwanzig Bäume statt zwei
Und brach ein Bein dabei.
Ein Dummkopf, meiner Seel!

Es war einmal eine Maus
Die war einmal nicht zu Haus
Da fischte des Königs Koch
Eine Nuß aus ihrem Loch
Er fischte sie heraus
Und machte für das Schloßpersonal
Ein Mittagessen draus.

Es war einmal ein Aal
Der meinte, er sei aus Stahl
Er ging in vollem Frieden
Stracks in ein Waffenarsenal
Und bat, man solle fürs Vaterland
Einen Ehrendolch aus ihm schmieden.
Es heißt, daß er’s nicht überstand.

Es war einmal eine Ziege
Die sagte: An meiner Wiege
Sang man mir, ein starker Mann
Wird kommen und mich frein.
Der Ochse sah sie komisch an
Und sagte zu dem Schwein:
Das wird der Metzger sein.

Es war einmal eine Brillenschlange
Die tat Dienst als Fahnenstange
Stach sie den Fahnenträger dann
Gab er sie einem anderen Mann
Und starb fürs Vaterland als Held.
Die Brillenschlange sagte: So
Die Fahnenstange steht, wenn der Mann auch fällt!
(Es klang sehr hoffnungsfroh!)

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HUMAN STUFF – Human Stuff, die Kernseife pur – Aus Liebe zu Mensch und Natur

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was  mit  den Kadavern passiert, die tagtäglich in  der  3.  Welt anfallen?

Sie  wissen doch: Alle zwei  Sekunden  verhungert  ein Kind.  Pro Tag sind das ca. 40 Tausend Kinder, d.h in  der  Woche 280  Tausend, im Monat 1,2 Millionen!!!!
Meine  Damen und Herren,  das sieht nicht nur recht unschön  aus, das  ist auch wegen des sich bildenden Leichengiftes  eine  große Belastung für Mutter Natur!!

Können wir das vor uns und unseren Kindern verantworten?

Nein!!

Sicherlich nicht! Und  darum  sind wir vom  Forum  Ökologischer  Produzenten eingeschritten und es ist uns in kürzester Zeit gelungen, aus der Not eine Tugend zu machen.
Wir haben vor Ort, also in den Hunger-Gebieten mit großem Leichenreservoir, moderne Seifenherstellungsfabriken erbaut, wo täglich Tausende von Kinderleichen  eingeliefert  werden, die dann den wertvollen biologischen  Rohstoff für HUMAN STUFF Kernseife bilden. Diese Lösung, die Seifenlösung, ist allen Beteiligten von Nutzen: Uns,  da  wir ein wertvolles, dank des  Welthungers  unausschöpfliches  Rohstoffreservoir  erschlossen haben;  den  Menschen  der 3.Welt  (es konnten einige hundert Arbeiter  eingestellt  werden, die  den Antransport und die Verarbeitung der toten  Kinderkörper besorgen), und last but not least: Mutter Natur .
Hier, an dem Produkt HUMAN STUFF , zeigt sich damit abermals,  wie menschenfreundlich  und umweltbewußt die Unternehmenspolitik  der modernen  kapitalistischen  Betriebe ist. Alles was  wir  wollen, ist, Sie glücklich zu machen.
HUMAN STUFF

Human Stuff, die Kernseife pur

Aus Liebe zu Mensch und Natur

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Die anhaltinische Friedensbirne

Nach einem Streit zwischen Fürst Leopold und einem befreundeten Bauern, der allein des standesgemäßen Unterschiedes wegen zugunsten Fürst Leopolds hätte entschieden werden müssen, verließ der im Rang unterlegene wutentbrannt das Schloss des Fürsten. In einem Komplott mit mehreren Bauern, die dem Fürsten ebenso zugetan waren, beschloss man dem Fürsten eine kleine, mehr freundschaftliche, Lehre zu erteilen. Der Fürst jedoch ward nicht allein wegen seiner guten Beziehungen zu den einheimischen Bauern gemocht, sondern hatte auch sonst viele Bewunderer in seinem Fürstentum. Und so kam es, dass der Plan der Bauern nicht lange unausgesprochen blieb – es war wohl ein Beteiligter selbst, der einem guten Freund im Vertrauen von den Plänen berichtete – und alsbald wurde der Fürst über den Komplott unterrichtet. Auch wenn das schlängelnde Gerücht sich längst zu einer bösartigen Schlange mit gespaltener Zunge entwickelt hatte, wusste der Fürst die ihm zugetragenen Informationen richtig zu deuten und erkannte die Lehrabsichten seiner Freunde. Er beauftragte einen Diener, ihm einige Birnen herbeizuschaffen und kurz im Salon zu warten. Derweil schnitt er eigenhändig die Birnen auf und drapierte sie auf einem allein für den Fürsten bestimmten Teller. Der Diener hatte nun die Aufgabe den mit Birnenstücken drapierten Fürstenteller hinüber ins Gasthaus zu tragen, wo die Bauern gewohnheitsgemäß zu dieser Stunde saßen. Diese erkannten den Großmut des Herrschers und verwarfen beschämt ihre unseligen Pläne. Treuherzig lief der einst Wutentbrannte mit dem Birnentellerchen zu seiner Gattin, die aus den Birnen ein köstliches Kompott für den Fürsten kochte, das ihr Mann am folgenden Tag als Geste der Freundschaft ins Schloss hinüber brachte. Seither spricht man in Anhalt – nicht ohne ein Schmunzeln – von der „Friedensbirne“ und dem „Komplott-Kompott“.

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Benjamin Britten – War Requiem (Texte von Wilfred Owen)

II. Dies Irae

Bariton:

Bugles sang, saddening the evening air;
And bugles answered, sorrowful to hear.
Voices of boys were by the river-side.
Sleep mothered them; and left the twilight sad.
The shadow of the morrow weighed on men.
Voices of old despondency resigned,
Bowed by the shadow of the morrow, slept.

Hörnerklang klagt durch die Abendluft,
Von weitem Antwort, kummervoll im Ohr.
Drüben am Fluss, noch Stimmen, junger Sang –
Schlaf lullt sie ein; und leer das Zwielicht kam,
Der Schatten neuen Lebens lastet schwer
Stimmung der alten Zweifelsucht gab nach,
Beugt‘ sich dem Schatten dieses Morgens, schlief.

Tenor:

Think how it wakes the seeds –
Woke, once, the clays of a cold star.
Are limbs, so dear-acheived, are sides,
Full-nerved – still warm – too hard to stir?
Was it for this the clay grew tall?

Denk wie sie Samen weckt –
Weckt’ einst den Lehm eines kalten Sterns.
Der Leib, so fein erdacht die Glieder
Voll Nerv – noch warm – steh’n nicht mehr auf?
War das der Sinn, das Lehm ward Form?

 

(Deutsch von Ludwig Landgraf und Friedrich Fischer-Dieskau)

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Thomas Gsella – Schlafenszeit

Thomas Gsella

Schlafenszeit

Viel gewesen, nichts geblieben
Zwischen Buch und Internet.
Viel gelesen, nichts geschrieben:
Heute ohne Text ins Bett.

Viel gelegen, nicht geschlafen
Zwischen Müdigkeit und Schweiß:
Armut wird den Dichter strafen,
Der nicht reich zu dichten weiß.

Viele Kaffees, wenig Weile
Zwischen Nacht und sieben Uhr.
Erst am Morgen eine Zeile:
„Guten Morgen, Hauptfigur.“

Mehr ist heute nicht zu sagen,
Und die Welt ist nicht mein Bier:
Lieber als mit Müll im Magen
Lieg ich hungrig neben dir.

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Günter Grass – Ehe

Günter Grass

EHE

Wir haben Kinder, das zählt bis zwei.
Meistens gehen wir in verschiedene Filme.
Vom Auseinanderleben sprechen die Freunde.
Doch meine und Deine Interessen
berühren sich immer noch an immer den gleichen Stellen.
Nicht nur die Frage nach den Manschettenköpfen.
Auch Dienstleistungen:
Halt mal den Spiegel.
Glühbirnen auswechseln.
Etwas abholen.
Oder Gespräche, bis alles besprochen ist.
Zwei Sender, die manchmal gleichzeitig
auf Empfang gestellt sind.
Soll ich abschalten?
Erschöpfung lügt Harmonie.
Was sind wir uns schuldig? Das.
Ich mag das nicht: Deine Haare im Klo.
Aber nach elf Jahren noch Spaß an der Sache.
Ein Fleisch sein bei schwankenden Preisen.
Wir denken sparsam in Kleingeld.
Im Dunkeln glaubst Du mir alles.
Aufribbeln und Neustricken.
Gedehnte Vorsicht.
Dankeschönsagen.
Nimm Dich zusammen.
Dein Rasen vor unserem Haus.
Jetzt bist Du wieder ironisch.
Lach doch darüber.
Hau doch ab, wenn Du kannst.
Unser Haß ist witterungsbeständig.
Doch manchmal, zerstreut, sind wir zärtlich.
Die Zeugnisse der Kinder
müssen unterschrieben werden.
Wir setzen uns von der Steuer ab.
Erst übermorgen ist Schluß.
Du. Ja Du. Rauch nicht so viel.

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