Monthly Archives: Juni 2014

Salonkritik – Strieses Biertunnel (Besuch am 26.Juni 2014)

Biertunnel – ein hallisches Bonmot der gastronomischen Selbstbezichtigung. Diese geistreiche Bezeichnung ist nämlich zugleich Sinnbild für die bauliche Verbindung zum unmittelbar anschließenden „neuen theater“, der das Lokal seit seiner Gründung in den frühen 1990er Jahren zu einem beliebten Schauspieler-Treffpunkt nach langen Proben und Theaterabenden machte. Zugleich fühlen sich Künstler, Publikum und andere Gäste dem zentral gelegenen Biertunnel verbunden, weil er eben nicht mehr sein will, ehrlich ist und authentisch: Ein Ort an dem bierselig über Theater, Kunst oder Gott-und-die-Welt gesprochen werden kann und spät am Abend auch ein saumseliges „Ach, ach…“ erlaubt ist. Hier soll Bier durch die Kehlen fließen und der Geist des Theaters die Gäste durchfluten.

Robert Gernhardt

Am Abend

Wenn ich vom Abendlärm der Städte
getrieben in die Schenke trete
um erst mit innigstem Behagen
so ein, zwei Klare einzujagen
um dann mit freudigstem Begreifen
diverse Bierchen einzupfeifen
um drauf mit holdestem Entzücken
rasch drei, vier Obstler zu verdrücken
um noch mit dankbarstem Verstehen
verschiedne Weine einzudrehen –
dann pfleg ich mit gespieltem Klagen
„Ach, ach“ und auch „Doch, doch“ zu sagen.

Der Biertunnel beweist dabei mit Bravour, dass rustikales Ambiente nicht schäbig meint. Sauber und aufgeräumt, Toiletten von denen man nicht in den Gastraum zurückfliehen möchte und keine klebrigen Biertische, wie man es in vermeintlichen Bierhallen erwarten könnte. Man ist vielmehr kulturbeflissen: Gedichte am Pissoir, echte Blumen auf den Tischen und Dekorationswille auf dem Teller unterstreichen die Sympathien für diesen Ort. Ob einem die Täfelung und der hölzern-dunkle Charakter des Gastraumes zusagen oder nicht, dürfte Geschmackssache sein, genau wie die servierten Speisen. Selbstredend, dass ein Biertunnel keine Haute cuisine bietet: Ein Standard-Repertoire an bürgerlicher Küche, jahreszeitlich angepasst aber wenig experimentierfreudig. Wer wert auf moderne, leichte oder kreativ-vegetarische Küche legt, wird jedoch enttäuscht. Auch auf sprachliche Raffinessen in der Speisenbezeichnung, sowie hochwertige Porzellane oder Gläser wird durchgehend verzichtet – man vermisst sie jedoch auch nicht! Dafür stimmt der Preis.

Kritik ruft nur die Bierauswahl hervor, die nicht allzu reichhaltig daherkommt. Ebenso dürfte das durchschnittliche Besucheralter eher gen 50. als gen 30. tendieren, was hier und da Unwohlsein hervorruft – auch wenn jeder willkommen scheint. Ob das mangelnde Hörvermögen der (älteren) Besucher und deren proportionaler Anstieg der Stimmgewalt, multipliziert mit der Anzahl der verkonsumierten Biere verantwortlich für den erhöhten Geräuschpegel ist, bleibt unbewiesen. Vielleicht ist es auch schlichtweg baulichen Gründen oder der euphorischen Siegerlaune der WM-Zuschauer geschuldet? Nichtsdestotrotz kommt man gerne an diesen Ort, der Herzlichkeit und Wärme mit zünftigem Essen und meist interessanten Gesprächen verbindet. Eine warme Empfehlung.

Ingo Herrmann

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Oskar Loerke – Die Laubwolke

Oskar Loerke
Die Laubwolke

Beständig ist das leicht Verletzliche.

Lange hing die grüne Wolke über der Erde,
Wohin ging sie?

Im neuen Frühling schwebt sie wieder an
Und erfüllt ihren Ort
Zwischen Grund und Höhe.
Vom Winde gesteuert,
Vom Regen gedrängt,
Vom Licht gehoben,
Kehrt sie immer zurück
Und bleibt so viele Jahre.

Jedesmal in den herbstlichen Lichtern
Klagts aus ihr: ich sinke, warum ich?
Und lauter mit dem Sinn von Dichtern :
Es stürzt mich, ja, warum nicht mich?

Wird es dann Winter –
Im Himmel kriecht gekrümmtes Gestäbe,
Den einmal gewachsenen Abstand nicht ändernd,
Eins des andern vielleicht nicht gewahr,
Doch beisammen in gleicher Spreizung.

Zwischen Grund und Höhe,
Von der Säge des Gärtners unzerrissen,
Von der Axt des Fällers nicht getroffen,
Bleibt das Gesetz:
Beständig ist das leicht Verletzliche.

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Wulf Kirstens – selbst (1991)

Wulf Kirstens

selbst (1991)

die gartenmauer hangunter in die knie gesunken,
die klaffenden bruchsteinfugen holunderbesetzt,
am zaun wucherte wilder hopfen voller glocken
und rankte die welt vor meinen augen zu,
ich lag im gras, die arme unter dem kopf.

neben mir morschte ein birnbaum, erstickt
im braunen mulm, schosserbündel steilten ins licht,
kunstvoll gesetzt und gerundet spechtloch an spechtloch,
so wurde der baum den staren zur flöte,
ich sah in die grüne sonne, die arme unter dem kopf.

aus dem brombeerdörnicht und der hainbuchenhecke,
ein blätterüberdachter wall hinab zum wasser,
schwirrten sterzende kobolde aus dem zaunkönigsnest
und huschten durch mein abgezirktes kindheitsversteck,
in dem ich lag, die arme unter dem kopf.

ein tagträumer, der ganze nachmittage lustvoll vertrödelte
und begeistert den wolkenbildern nachsah,
lag still für sich als fauler stauner in blutigen zeiten
auf einem grasverfilzten wiesenhang dorfaus
mit angezogenen knien, die arme unter dem kopf.

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