Monthly Archives: Dezember 2019

weihnacht in der großen stadt

James Krüss

Seltsam schaut die Stadt heut aus:
Alle Fenster sind verdunkelt!
Und es flüstert und es munkelt
Sonderbar in jedem Haus.
Straßenbahnen läuten nicht.
Einsam leuchten die Laternen.
Und von oben aus den Sternen
Fällt der Schnee so weich und dicht.
Wie ein Riese schläft die Stadt,
Die der Himmel mit dem feinen
Weißen Schnee wie unter Leinen
Zärtlich eingemummelt hat.
In den Türmen hängen stumm
Große Klöppel im Gehäuse.
Nur der Wind weckt manchmal leise
In den Glocken ein Gebrumm.
Seltsam ruhig ist es heut
In den Straßen und den Gassen.
Selbst der Marktplatz ist verlassen
Und wie tot um diese Zeit.

Aber da mit einemmal
Wehen in das Spiel der Flocken
Von den Türmen, von den Glocken
Silbertöne ohne Zahl.
Und die Kirchen, groß und schwer,
Öffnen mächtig die Portale.
Und da gehn mit einem Male
Wieder Menschen hin und her.
Stimmen lachen, Türen gehn,
Und in schmalen Fensterritzen
Kann ich etwas golden blitzen
Und verwirrend blinken sehn.
Plötzlich scheint die Stadt erwacht.
Auch die Kinder hör ich wieder.
Und es tönen Weihnachtslieder
Fröhlich in die weiße Nacht.

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Rudolf Borchardt

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke – Gedichte, hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten – Textkritisch rev. und erw. Neuedition – erw. Auflage 2003
ISBN: 978-3-608-93574-5

Kürzester Tag

In eine Winterfrühe hebst du dich,
So hingegeben in den Stundenschlag
Wie einer Jugendliedern lauschen mag,
Und lauschend nicht mehr hört, und tief in sich
Die alten Augen wendet bitterlich:
Nun ist doch Morgen, und das Licht wie zag!
Am Himmel steht der hoffnungslose Tag
Im Unsichtbaren unerschütterlich.

Es ist nicht schwer, von Tischen aufzustehen,
Wo alle Becher umgeworfen sind
Und wüste Decken in die Nachtluft wehen –
Es ist beinahe leicht, durch diesen Wind
Und nun durch diesen ersten Schnee zu gehen!
Du fühlst dein Herz nicht mehr und bist wie blind.

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Rein­hold Au­mai­er

Feiner Herr

Hat mit dieser
grobschl(a)echtigen Welt
fast gar nichts mehr
am Hut

Hängt ihn an den Na­gel

Hebt innerlich ab

Und ist versch
wunderbarerweise
demnächst ein
Wolkerl im end
losen Blau

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 19. Dezember 2019, Nr. 295, S. 9.

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Heinz Piontek

Heinz Piontek: Selbst, 1964; Aquarell, ca.1999 (Heinz Piontek – Archiv, Lauingen)

Die Furt

Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie,
dort ist die seichteste Stelle.
Wolken im Wasser, wie nahe sind sie!
Zögernder lispelt die Welle.


Warten und spähen – die Strömung bespült
höher hinauf mir die Schenkel.
Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt.
Sirrendes Mückengeplänkel.


Kaulquappenstrudel zerstieben erschreckt,
Grundgeröll unter den Zehen.
Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt!
Flutlichter kommen und gehen.


Endlose Furt durch die Fährnis gelegt –
werd ich das Ufer gewinnen?
Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt,
such ich der Angst zu entrinnen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, 14. Dezember 2019, Nr. 291, S. 16.

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