Ich sehne mich nach Streit

Morgen werde ich sechsundzwanzig. Ich bin einer aus der „Generation Merkel“. Und ich sehne mich nach mehr.

Ich sehne mich nach einer Treppe, die hinaufführt vom belebten Platz, von den Menschen, hin zu einem Raum mit offenen Fenstern. Darin nichts als ein langer Tisch. An ihm sitzen verhinderte Einzelgänger, abseits der Allgemeinheit, nur in dieser Gruppe zu Hause. Es sind keine Freunde, keine Engvertrauten, ihr Blick aufeinander ist nicht eingeübt. Allein ihre Jugend verbindet sie, noch nicht dreißig ist das Kriterium und: ein Fragender zu sein, kein Besserwisser. Es ist eine Sinngemeinschaft, deren Rollenspiel jede soziale Schichtung unterläuft. Geld, Herkunft, Wissen sind nebensächlich. Was zählt, ist der Erfahrungsbericht. Wie die Welt von jedem erlebt wird, was schon gut ist, wofür zu kämpfen lohnt – das sind die entscheidenden Fragen, auf die jeder Antwort geben muss. Einmal im Monat, bis tief in die Nacht: Maßnehmen am Wort der anderen, gemeinsames Abstecken der Gefahrenzonen, Pflöcke einschlagen an der glitschigen Wand einer eigenen Meinung.

Ich sehne mich nach Streit. Nach Gesinnungsfronten in Fragen der Moral, nach zornigen Gegensätzen in politischer Anschauung. Damit der Sprung in die Schützengräben des Geistes wieder lohnt, man sich mit scharfer Argumentation wappnen muss gegen den Angriff der anderen Überzeugung. Dass es wieder um etwas geht in den Gesprächen über Politik. Nur aus überwundener Zwietracht kann doch Eintracht werden, wenn von vornherein alles schon einig und alternativlos ist, wenn der status quo der status nascendi ist, dann stimmt doch was nicht, dann lassen wir unsere Reaktionsfähigkeit einschlafen und vertrauen ganz auf den Autopiloten.

Ich sehne mich nach wildem Denken, auch nach Gedanken, die unordentlich sind, ungefügt, damit man sich an ihnen stoßen kann, abgrenzen vielleicht. „Was für eine Meinung vertrittst du, die nicht auch die Mehrheit teilt?“, fragt die Tischgemeinschaft zu Beginn jedes Abends. Nicht um zu provozieren, sondern um das Bewusstsein zu lösen, frei zu machen von den Zwängen des Sag- und Nichtsagbaren.

Ich sehne mich nach Ernst. Nach Gesprächen ohne doppelten Boden und heimliche Seitenausgänge. Ohne Schulterzucken, ohne Kaugummi. Danach, dass die Hände aus den Hosentaschen genommen werden, die Augen blitzen und die Stimme Fahrt aufnimmt. Weil es um etwas geht, etwas, das einen betrifft, das man nicht auf sichere Distanz halten kann. Was nützt denn die überhebliche Ironie, der ewig kühle Zynismus, der jede spannende Erzählung aus ihrer Verankerung lösen, dekonstruieren will mit dem Gestus der erkenntnistheoretischen Überlegenheit? Daran ist nichts mehr mutig, das haben wir doch jetzt gesehen. Ich will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit spüren. Wie wir Autoren töten, Ideologien entzaubern und neue „turns“ einschlagen, das wissen wir nun, aber was ist mit dem eigenen, dem selbständigen Entwurf? Wie könnte ein neuer Plan aussehen? Ich sehne mich nach dem Gespräch mit denen, die berührbar sind von Schönheit, Ideal und dem weiten Feld. Die Angst haben und Gefühl, aber trotzdem scharf denken. Ich sehne mich nach einem Manifest, einer Position. Die ernst gemeint ist, kein Witz, kein Aufruf zur Anti-Haltung.

Ich sehne mich nach verschwendeter Liebe. Nach Leidenschaft. Sex, der für den anderen brennt, nicht nur auf sich selbst schaut und darauf, dass auch noch das letzte Schamhaar wegrasiert ist. Eine Liebe jenseits der maschinellen Sportübungen, mit mehr Phantasie à la Schnitzler und weniger Vorhersehbarkeit à la Youporn und Tinder. Sex nicht als hygienische Gewohnheitssache mit anschließendem Duschgang, sondern als gefährliches Spiel, als nächtliche Kletterei runter zum See, bei der man sich verletzen, verlaufen, auch beschmutzen kann. Die Lust auf das geheimnisvoll Unbestimmte, das sich nicht einhegen lässt in Moralvorstellungen und Gesetzesparagraphen. Wie wir Geschlechterrollen hinter den Ofen stellen und sexuelle Ausrichtung als politisches Programm verwerten können, das wissen wir jetzt, aber wie wir wieder zu Sinnlichkeit anstiften, neue Phantasien entwickeln, das müssen wir wieder lernen.

Ich sehne mich nach Arbeit. Nach einer Hilfsdefinition. Einer Form, die äußeren Halt gibt, ohne innere Bewegung einzuschränken. Wie ein gut sitzendes Hemd. Eine Arbeit, die nicht alles ausfüllt, die Teil, nicht Ganzheit des Lebens ist. Neben der anderes zu tun bleibt, ohne Dienstplan, ohne Berechnung. Die einem die Brötchen ins Haus bringt, aber nicht den Burn-out. Eine Beschäftigung ohne Vollversorgung, meinetwegen auch ohne Urlaubsgeld. Und neben dem Tagesgeschäft die Werkarbeit. Als Gegengewicht und Verladeplatz. Hier vor allem nimmt die Suche nicht nach Verwirklichung, sondern nach Wirklichkeit ihre Fährte auf. Hier entlastet man sich, entwirft, denkt frei. Ein Leben mit unterschiedlichen Rollenbesetzungen, keine breitsprossige Leiter, keine einspurige Ausfallstraße, sondern ein Flanieren zwischen den Einsatzorten, ein freudiges Hin- und-her-Hüpfen auf die unterschiedlichen Sitze in der Lebensbahn. Versuche. Fehler. Umwege. Die Kehre als Konstitutiv, nicht Devianzerscheinung. Ich sehne mich nach Gesprächen, die nicht mit „viel zu tun“ oder „Stress“ beginnen. Nach durchlässigen Bürowänden und ausgetickten Stechuhren. Und Mittagspausen, in denen nicht von Auszeit oder Aufstieg geträumt wird.

Ich sehne mich nach der Vergangenheit. Nach der Geschichte als Lebensmacht. Das Annehmen einer gewesenen Haltung als Antwort auf die Verspießerung der Zukunftsvisionen. Noch mehr reproduzierter Schein, noch weniger Mechanik. Häuser ohne Lichtschalter, Armbandtelefone als Lebensmittel, Eizellen im Tiefkühlfach. Verbeamtung, Rente, Biozitronen. Stattdessen sich anhauchen lassen vom Wunderkind „Vergangenheit“. Das Staunen wieder lernen. Aufs Verstehen zielen. Das Kritisieren End- nicht Ausgangspunkt der Betrachtung sein lassen. Auch Aufschauen zu dem, was vorher war. Nicht den Standpunkt des Besserwissers oder Richters einnehmen, lieber beweglich bleiben, ein teilnehmender Beobachter sein. Anverwandlung. Imitation. Vorbild. „Wer bewundert, hat recht“, sagt Claudel. Der Langeweile über das zeitgenössische Ich durch die Begegnung mit dem historischen Du entkommen. Das „man“ außen vor lassen. Nicht nur Fakten sammeln und Beweise führen, sondern auch nach Wirkung suchen und Übertragungen wagen. Wissenslust als Füllung der Wissenslücke.

Ich hab’ Sehnsucht nach Gemeinschaft, weil es zum Einzelgänger nicht reicht. Ich will Gespräch, ich will Papier. Gesichter, die leuchten, auch wenn alle Bildschirme dunkel bleiben. Freiheit und Freundschaft. Die Worte haben doch denselben Stamm. Gehören zusammen. Vereinigung als kategorischer Imperativ. Die abstrakte Institution durch die Gemeinschaft ersetzen, das Virtuelle mit dem Handschlag, der Umarmung überlisten, die Liebe zum anderen als Heilmittel gegen das Leergut des Selbst. Es geht darum, die Sphären des Intermediären wieder zu stärken, sie als Bastionen aufzubauen gegenüber dem Allgemeinen und der Fadheit inspirationsloser Selbstsucht. Die Zeit der großen Einzelnen ist vorbei, die der weitverzweigten Netzwerke hat längst schon begonnen. Der eigene Weg müsste dazwischen verlaufen.

Die geheime Tischgesellschaft, nach der ich mich sehne, trüge das richtige Maß. Hier würden Einzelheit und Gemeinschaft, Sinnlichkeit und Reflexion auf engem Raum zusammenkommen. Weinflaschen und Manuskriptentwürfe im Kerzenschein. Es darf auch eine Energiesparlampe sein. Meinetwegen. Am Tisch sitzen müssten Menschen unterschiedlicher Art und Bestimmung. Einige mit Geld, andere mit Gedichten. Schreiber und Denker, Macher und Verkäufer. Das Ziel aller müsste sein, mit Nietzsche „gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und zugunsten einer kommenden Zeit“ zu wirken. Und dabei die „Krankheit der Jugend“ auszuhalten. Sich vorzubereiten auf das Danach. Neben die Tage auch die Werke stellen. Und die Fragen. Die Fragen sind doch das Allerwichtigste. Aber auch sie gehen nur in Gemeinschaft. Morgen werde ich sechsundzwanzig. Noch habe ich sie nicht gefunden, die Tischgesellschaft meines Lebens.

„Trau keinem über dreißig“: Das war die Parole unserer Eltern. Heute versuchen sie immer noch, ewig jung zu bleiben. Und wir sind schon längst erwachsen. Und gehören nun zur „Generation Merkel“. Und jammern viel zu viel. Das hört auf, wenn ich dreißig bin. Oder wenn ich sie hochsteige, die Treppe, die hinaufführt zum Raum mit den offenen Fenstern.

Simon Strauß (FAZ, FEUILLETON, SONNTAG, 14. DEZEMBER 2014)

 

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