Offen gesagt – H&T-Journal – 01/2015

Zweitausendfünfzehn – das Jahr des Mindestlohns. Lange hat man debattiert, lange gebraucht, dieses Thema zum Abschluss zu bringen. Das Hadern der Politik konnte ich recht gut verstehen – sind es doch zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen.

So erinnere ich mich an die ersten Januartage, als ich beim Bäcker in der Schlange stand und die Verkäuferin wutentbrannte Beschimpfungen Ihrer Kunden über sich ergehen lassen musste. Das Brot kostete plötzlich 3,80 €. Die arme Frau hinter dem Bedien-Tresen war zugleich erzürnt und hilflos, musste sie doch unmittelbar erklären, was zum ersten Januar in Kraft getreten war. Mindestlohn! Sie war Profiteurin, gab es doch eine deutliche Lohnsteigerung. Zugleich stand sie – sinnbildlich – ebenso in einer anderen Schlange und beklagte die steigenden Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen. Ein Dilemma das so alt ist, wie die Wirtschaftswissenschaften.

Derweil sind einige Tage verstrichen. Die Brotpreise erzürnen niemanden mehr und der Mindestlohn legt seine kuriosen Gewänder ab: Amateurfußballer, durchreisende Fernfahrer usw. Gerade als Unternehmer bin ich positiv überrascht, wie wohlwollend und verständnisvoll diese Lohnanpassung zum großen Teil von unseren Kunden aufgenommen wurde. Jeder unserer Mitarbeiter hat ein Mehr an Lohn verdient. Und als einer der größten Arbeitgeber in der Region ist es nicht nur gesetzliche Pflicht, sondern auch Herzensthema. Der Weg dahin bedarf – gerade gegenüber unseren Kunden – noch einer Entschuldigung.

So wurde 2013 ein Tarifvertrag beschlossen, der den Lohn für 2015 auf 8,21 € / Stunde festlegte. Ohne große Anstrengungen hätte auch dieser Lohn gezahlt werden können, gilt doch für bestehende Tarifverträge bis 2017 ein Bestandsschutz. Jedoch haben wir als Branche uns entschlossen: Wir machen mit, beim Mindestlohn. Der bestehende Tarifvertrag wurde „aufgeschnürt“ und die 8,50 € / Stunde aufgenommen – zum Wohle unserer Mitarbeiter, die fast 7% Lohnerhöhung bekamen.

Der Einklang mit dem Gesetz, die Einhaltung von Arbeitsschutz und anderen Vorschriften sollte keine gönnerhafte Geste, sondern Selbstverständlichkeit sein. Dieser Selbstverständlichkeit fühlen wir uns seit jeher verpflichtet, weil wir wissen wie hart und aufreibend die tägliche Arbeit sein kann. Leider hat das nicht jeder Mitbewerber bisher erkannt. Letztlich befinden wir uns alle immer auf dem letzten Stand des Irrtums.

Ein erbauliches Frühjahr!

Ihr Ingo Herrmann

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