Leserbrief Mitteldeutsche Zeitung

Sehr geehrter Herr Färber,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mit Ihren Artikeln in der Mitteldeutschen Zeitung zur finanziellen Situation der Oper und der Theater, Oper und Orchester GmbH eine Debatte über die Kulturpolitik in Halle in Gang gesetzt, die ich mir persönlich schon vor einigen Jahren gewünscht hätte.

Mit einem Alter von 34 Jahren war ich in den vergangenen Spielzeiten als Abonnent eines Premierenabos Oper regelmäßig ein jüngerer Zuschauer an der halleschen Oper. Regelmäßig beklagte ich mich über nicht mehr zeitgemäße Inszenierungen, die Ferne zu relevanten gesellschaftlichen Themen, ästhetische Defizite u.v.a.m.

Gerade von einer künstlerischen Leitung erwarte ich, dass sie kein kulturelles Mehlspeisenparadies zur Absättigung darbietet, sondern der Rolle als Wächter der Herzensgeheimnisse, als Initiator von Kritik, Beobachter oder Kommentator, ihrer kulturpolitischen und gesellschaftlichen Verantwortung nachkommt.

Die Erkenntnis, dass der derzeitigen Auseinandersetzung vielleicht auch ein Generationenkonflikt zu Grund liegt, der unterschiedliche ästhetische Auffassungen über den Hebel ökonomischer Kennzahlen (Besucher; Wirtschaftsergebnis, usw.) zu nutzen versucht, macht die Diskussion erträglicher. Streiten wir also darüber ob betrunkene Barockhuren über die Bühne stolpern (Köhler), oder Gedankendurchfall Verwirrung stiftet (Lutz)! Dazu sollte eine intensive Diskussion über die Verantwortlichkeiten in der Theater, Oper und Orchester GmbH geführt werden.

Sicherlich schreitet die Spielzeit beständig auf Stelzen. Der eingeläutete Wandel wird nicht allerorts als Zauber eines Anfangs wahrgenommen. Dennoch spürt man im Engagement der Opern-Leitung eine Verbissenheit, die nach Ziel schmeckt – dem Ziel eine gute Oper zu machen. Die Aufgabe von Florian Lutz und seinen Mitstreitern ist das künstlerische Experiment. Dem Modus des Experiments ist das Scheitern ebenso vorbehalten wie der grandiose Erfolg.

Das im Rahmen dieser Verantwortung auch kaufmännische Aspekte zu berücksichtigen sind, ist unstrittig. Ohne die Stellenbeschreibungen der handelnden Akteure in der TOO GmbH genau zu kennen, liegt jedoch die kaufmännische Gesamtverantwortung in der Händen des Geschäftsführers der TOO GmbH, Stefan Rosinski. Dieser fragte jüngst in einem Beitrag im „Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken „…ob die Stadt- und Staatstheater noch die von der arbeitsteilig organisierten Gesellschaft erwartete Funktionalität gewährleisten können: sie mit Kunst, also Produktion für Beobachtung zu versorgen.“[1] Er stellt fest, dass das „Kunstwollen [an deutschen Stadttheatern] durch eine Versorgungsmentalität ersetzt [ist]…“.[2]

Auch wenn Rosinskis Positionen in dem zitierten Beitrag bedenkenswert sind, trägt er als Geschäftsführer maßgeblich die kaufmännische Verantwortung der Theater, Oper und Orchester GmbH. Im Rahmen dieser Verantwortung muss eine der Aufgaben auch die ökonomische Befähigung der Verantwortungsträger unter seiner Führung sein. Die Positionen Rosinskis im MERKUR werfen hierbei Zweifel auf, ob neben der künstlerischen Verantwortung der notwendige ökonomische Wille in der TOO GmbH vorhanden ist, künstlerische Kompromisse einzugehen um sowohl die „Versorgungsmentalität“ der städtischen Geldgeber wie auch das „Kunstwollen“ unter einen Hut zu bekommen. Diesen Drahtseilakt ohne polemische Häme, intrigante Informationspolitik und mit der notwendigen Härte gegenüber allen Akteuren sowohl im Haus wie auch über die Grenzen des Hauses hinweg zu gestalten, ist Aufgabe der Geschäftsführung.

Ein Nachsatz sei mir letztlich noch zum journalistischen Ethos erlaubt: Auch wenn Quellen abseits von offiziellen Mitteilungen und Zahlen notwendig für die journalistische Arbeit sind, so ist nach meiner Auffassung die Prüfung solcher Informationen, mit dem Ziel nicht ausgewählten Interessen zu dienen, Grundlage der journalistischen Tätigkeit. Hier wünsche ich mir von der Mitteldeutschen Zeitung – vor allem auch zum Schutz der Authentizität des Blattes – zukünftig mehr Professionalität.

Ingo Herrmann

[1] Rosinski, Stefan: Das depressive Staatstheater, erschienen in: Merkur 71 (816), 2017, S.101-106, hier: S. 102.

[2] Rosinski, Stefan: Das depressive Staatstheater, erschienen in: Merkur 71 (816), 2017, S.101-106, hier: S.103.

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