Stadtfrust? Landlust!

Die Zu­kunft ge­hört dem länd­li­chen Raum
Ent­ge­gen der weit­ver­brei­te­ten An­nah­me, Deutsch­land sei ein Land der gro­ßen Städ­te, lebt die Mehr­heit der Deut­schen we­der in ei­ner Groß­stadt noch in ei­nem Dorf, son­dern in klei­nen und mitt­le­ren Städ­ten. Der jahr­zehn­te­lan­ge Trend zur Land­flucht, wo­nach im­mer mehr Men­schen in die Städ­te zie­hen und das Land ver­las­sen, ist seit ei­ni­gen Jah­ren ge­stoppt. Die gro­ße Mehr­heit der Deut­schen zieht es nicht mehr in die Groß­städ­te. Ei­ne Be­fra­gung der Stif­tung Bau­kul­tur aus dem Jahr 2015 hat er­ge­ben, dass fast acht­zig Pro­zent am liebs­ten auf dem Land oder in ei­ner Mit­tel- oder Klein­stadt le­ben wür­den. Und ei­ne For­sa-Um­fra­ge hat in die­sem Som­mer für die Haupt­stadt of­fen­bart, dass ein Drit­tel der Ber­li­ner lie­ber an­ders­wo woh­nen wür­de. Von den Neu-Ber­li­nern ist es so­gar fast die Hälf­te. Ei­ner deut­li­chen Mehr­heit der Alt-Ber­li­ner macht das for­cier­te Wachs­tum ih­rer Stadt Sor­gen. Nicht viel an­ders wer­den die Er­geb­nis­se in Frank­furt, Mün­chen, Köln und Ham­burg sein. Für das Come­back des länd­li­chen Raums und der Re­gio­nen spre­chen de­mo­gra­phi­sche, öko­no­mi­sche und tech­no­lo­gi­sche Grün­de.

De­mo­gra­phisch: Die Be­völ­ke­rungs­pro­gno­sen für die nächs­ten Jahr­zehn­te müs­sen auf­grund der Zu­wan­de­rung in den letz­ten Jah­ren neu be­rech­net wer­den. Bis 2021 pro­gnos­ti­ziert das In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft ei­nen An­stieg der Ein­woh­ner von heu­te 82 auf dann rund 84 Mil­lio­nen. Deutsch­land wächst. Für die Schrump­fungs­re­gio­nen in West und Ost, die un­ter Ab­wan­de­rung lei­den, ist dies ei­ne Chan­ce.

Öko­no­misch spricht im­mer mehr für das Um­land. Vie­le Land­krei­se, auch die schrump­fen­den, su­chen hän­de­rin­gend nach Ar­beits­kräf­ten. Nur in zehn von ins­ge­samt 402 Land­krei­sen ist die Zahl der Ar­beits­plät­ze zu­letzt ge­sun­ken. Die Be­deu­tung des länd­li­chen Raums als Wirt­schafts­stand­ort wird über­se­hen. Da­bei sind hier rund sech­zig Pro­zent der Be­trie­be und ein Groß­teil der mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­men an­ge­sie­delt. Vie­le er­folg­rei­che Welt­markt­füh­rer ha­ben in der Pro­vinz ih­ren Sitz. Die Be­schäf­ti­gung ist auf dem Land deut­lich sta­bi­ler. Die Zahl der Ar­beits­lo­sen geht auf dem Land stär­ker zu­rück als in den Groß­städ­ten. Im­mer we­ni­ger kön­nen sich in Zu­kunft in den Groß­städ­ten ei­ne ad­äqua­te Woh­nung leis­ten. Wäh­rend Städ­ter 25 bis 45 Pro­zent ih­res Ein­kom­mens für Mie­te aus­ge­ben, sind es in den länd­li­chen Re­gio­nen oft nur zehn Pro­zent. Im Um­land sind Im­mo­bi­li­en­prei­se und Mie­ten deut­lich ge­rin­ger. Die Ei­gen­heim­quo­te liegt auf dem Land bei acht­zig Pro­zent.

Tech­no­lo­gisch führt die Di­gi­ta­li­sie­rung zu ei­ner De­zen­tra­li­sie­rung von Le­ben und Ar­beit. Das Le­ben auf dem Land wird für im­mer mehr Men­schen mög­lich. Co-Working und Co-Li­ving sind längst kei­ne ur­ba­nen Trends mehr. Mit flä­chen­de­ckend schnel­lem In­ter­net lässt sich in je­dem Dorf, je­der Klein­stadt pro­du­zie­ren und ar­bei­ten. Schon heu­te kann sich je­der zwei­te Ar­beit­neh­mer vor­stel­len, von zu Hau­se aus zu ar­bei­ten. Lan­ge Weg­stre­cken und Pen­deln wer­den zum Aus­lauf­mo­dell. Auch für die Un­ter­neh­men hat der länd­li­che Raum Zu­kunft. Ei­ne Be­fra­gung kom­mu­na­ler Un­ter­neh­men aus die­sem Jahr kommt zu dem Er­geb­nis, dass der länd­li­che Raum durch die Di­gi­ta­li­sie­rung als Wohn- und Ar­beits­ort auf­ge­wer­tet wird. Neue For­men der so­zia­len Da­seins­vor­sor­ge ent­ste­hen. Ei­ne Ant­wort auf den Ärz­te­man­gel auf dem Land sind On­line-Pra­xen. „Mo­bi­le Health“ bringt den Land­arzt zu­rück. Pa­ti­en­ten wer­den am Te­le­fon oder on­line be­han­delt. Das Re­zept und die Krank­schrei­bung fol­gen per Mail. Lan­ge Weg­stre­cken und War­te­zei­ten wer­den über­flüs­sig. Ei­ner Stu­die der Ber­tels­mann Stif­tung zu­fol­ge kön­nen sich mehr als acht­zig Pro­zent der Bür­ger vor­stel­len, zu Hau­se ei­nen Ro­bo­ter zu nut­zen, wenn sie da­durch im Al­ter län­ger in den ei­ge­nen vier Wän­den woh­nen kön­nen.

Doch trotz „Hei­mat­mi­nis­te­ri­um“ fehlt ei­ne Zu­kunfts­stra­te­gie für das Le­ben jen­seits der Groß­städ­te. Ge­fragt ist ei­ne in­no­va­ti­ve Ge­samt­stra­te­gie für die Zu­kunfts­the­men Di­gi­ta­li­sie­rung, Mo­bi­li­tät, Ge­sund­heit, Bil­dung, neu­es Ar­bei­ten und Tou­ris­mus. Vor­aus­set­zung ist ei­ne bes­se­re In­fra­struk­tur und An­bin­dung des Um­lands bis hin an die Rand­re­gio­nen. Dort­hin, wo das Ge­fühl des Ab­ge­häng­tseins wächst. Bei­de, Stadt wie Land, sind auf­ein­an­der an­ge­wie­sen. Smart Ci­ties und Smart Coun­tries be­din­gen ein­an­der. Die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on macht ei­ne Re­vo­lu­ti­on des öf­fent­li­chen Re­gio­nal­ver­kehrs mög­lich und nö­tig. Ei­ne Mo­bi­li­täts­flat für al­le wür­de den Un­ter­schied zwi­schen Stadt und Land über­flüs­sig ma­chen und wä­re ein star­kes Sym­bol, dass nie­mand ab­ge­hängt wird. Den Städ­ten muss kei­ne Über­fül­lung dro­hen, wenn der Leer­stand auf dem Land als Chan­ce er­kannt wird.

Der Ge­gen­satz zwi­schen Stadt und Land wird zu­neh­mend ob­so­let. Die Zu­kunfts­for­schung hat für den Wan­del ei­nen schö­nen Be­griff er­fun­den: „Glo­ka­li­sie­rung“. Wir den­ken glo­bal und han­deln lo­kal. Da­ni­el Dett­ling

Der Au­tor lei­tet das Ber­li­ner Bü­ro des Zu­kunfts­in­sti­tuts.

Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2018, S. 12.

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