Im Wald des Langen Wartens

Charles d’Orléans:

Sein Herz war schwarz gekleidet
Im Wald des Lan­gen Wartens
Vom Schicksalswind, dem harten
Gepeitscht, seh ich, wie’s Bäume bricht,
Doch keinen Weg und Pfade nicht
Für meinen Schritt, den schmerzerstarrten.

Einst sah ich Freude aller Arten,
Die Jugend schenkte mir die zarten
Genüsse – jetzt: kein Funken Licht
Im Wald des Langen Wartens.

Das Alter sagt, mit seinen Martern:
Du hast kein Recht mehr, keine Karten
Im Spiel, vorbei! ruft sein Gericht,
Sind Tage, Monat’, Jahre schlicht:
Sei dir genug, lass all die Fahrten
Im Wald des Langen Wartens.

Im französischen Original:

En la forest de Longue Actente

En la forest de Longue Actente,
Par vent de Fortune dolente
Tant y voy abatu de bois
Que sur ma foy je n’y congnois
A present ne voye ne sente.

Pieça y pris joyeuse rente:
Jeunesse la payoit contente;
Or n’y ay qui vaille une nois,
En la forest de Longue Actente.

Viellesse dit, qui me tourmente:
«Pour toy n’y a pesson ne vente
Comme tu as eu autresfois;
Passez sont tes jours, ans et mois:
Souffize toy et te contente
En la forest de Longue Actente.»

Aus dem Französischen von Ralph Dutli

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01. Juni 2019, S. 18; siehe auch: Frankfurter Anthologie sowie Ralph Dutli

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