Besuch vom Narren

Nächtliche Unterhaltung mit einer Romanfigur: Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises am Montag, 03. September 2018, in der Berliner F.A.Z.-Redaktion. 

In diesem Raum gehöre ich zu einer kleinen Minderheit. Ich bin Frank Schirrmacher nie begegnet. Ich habe auch nie mit ihm kommuniziert, nicht per Mail, nicht per SMS. Und mir ist nicht bekannt, ob er je eines meiner Bücher gelesen hat, jedenfalls hat er mich weder gelobt noch gekränkt. Ich bin also ganz objektiv. Mit diesem Disclaimer wollte ich beginnen und dann steilen Flugs ins Allgemeine aufsteigen. Ich wollte erzählen, dass ich, geprägt von der Medienkritik eines Karl Kraus, Frank Schirrmacher zu dessen Lebzeiten immer mit Scheu, ja etwas Furcht beobachtet habe, einfach weil er so mächtig war im Milieu der Kultur, und ich wollte darüber sprechen, wie sehr sich die Weltsituation doch verändert hat – Sorgen müssen uns weiß Gott nicht mehr mächtige Feuilletonisten machen, wollte ich sagen, und dann wollte ich darauf eingehen, wie sehr Frank Schirrmacher in einer Welt von Donald Trump, Viktor Orbán und AfD fehlt. All das wollte ich sagen, aber als ich mich neulich spätabends hingesetzt hatte, um meine Rede zu schreiben, passierte etwas Unerwartetes: Till Eulenspiegel kam zu mir.

Er kam nicht als Erscheinung. Ich habe keine Visionen. Ich hätte sie gern, das wäre nützlich für meine Arbeit, aber bisher waren mir keine Gesichte vergönnt. Ich sollte es also besser so ausdrücken: Till Eulenspiegel wurde mir wieder auf die gleiche Art gegenwärtig, wie er es beim Schreiben meines Romans gewesen war. Damals war es mir oft vorgekommen, als wäre mein Versuch, seine archaische Gestalt in eine Erzählung zu bannen, weniger eine Kraftanstrengung der Erfindungsgabe als vielmehr die Bemühung, klar hinzuhören auf seine hohe und scharfe Stimme. Da war er also und fragte: „Was stellst du da an?“ Und als ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte: „Machst du’s schön staatstragend?“

Ich kenne ihn ja inzwischen ganz gut, und so leicht bin ich auch nicht zu provozieren, also sagte ich ausweichend: „Was schlägst du vor?“

Aber ich wusste seine Antwort schon. Wie ich übrigens beim Schreiben immer gewusst hatte, was er sagen würde. Eine neue, durchgehend seltsame Erfahrung: Nie hatte ich das Gefühl gehabt, mir seine Sätze auszudenken. Wann immer er in meiner Phantasie den Mund geöffnet hatte, hatte er auch schon geredet, als wäre er eine von mir unabhängige Person. „Sprich von dir“, das wusste ich, würde er antworten – und da mir seine Antwort bewusst wurde, hatte er sie auch schon gegeben. „Statt einer geplusterten Dankeschönrede mit Brokat und Silber, statt großer Worte über Gegenwart, Zukunft und was weiß ich, erzähl, wie oft du Angst hattest, es nicht zu schaffen, dein Büchlein. Erzähl davon, dass du oft nur weitergemacht hast, weil du musstest, weil du nämlich den Vorschuss ausgegeben hattest. Von solchen Dingen sprich, das mag ich, oder sprich darüber, wie lustig es ist, dass du einen Preis bekommst, benannt nach einem Mächtigen, vergeben im Rahmen des alleretabliertesten Establishments ausgerechnet für ein Buch über mich! Gehört sich das?“

„Nicht für das Buch über dich!“, sagte ich. „Da steht ausdrücklich: ,für herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens‘.“

„Zum was des Zeitgeschehens?“

„Zum Verständnis.“

„Zum Verständnis des was?“

„Ich weiß, ich weiß. Aber hör mal, das mit dem Establishment ist übertrieben.“

„Das Staatsoberhaupt!“, rief er, und jetzt brauchte ich mir seine Stimme nicht mehr vorzustellen, ich hörte sie wirklich. „Das Staatsoberhaupt redet über dich! Ich bin ein besserer Künstler als du. Kunst kommt von Können, sagen sie, aber was kannst du eigentlich? Ich kann jonglieren und tanzen, und überleben kann ich auch, und zwar am besten, wie sonst hätte ich so vielen Leuten so viele Streiche spielen können! Ich kann Dinge, von denen du nicht mal träumen würdest! Und habe ich je einen Preis von einem Oberhaupt gekriegt? Die Wahrheit ist, ich hab noch kein Oberhaupt getroffen, das mich nicht totschlagen wollte.“

„Die Zeiten sind andere“, sagte ich.

„Ja, noch sind sie’s“, sagte er, und dann stieß er sein meckerndes Lachen aus. „Und wenn sie’s nicht mehr sind, also: wenn sie wieder so sind, wie sie mal waren, denn glaub mir, das kann schnell passieren – dann schauen wir doch mal, wie du dich anstellst.“

Ein unangenehmes Lachen war das, kein herzliches, ein Lachen ohne Liebenswürdigkeit. Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten zu lachen, und sie haben wenig miteinander gemein. Es gibt das Lachen, in dem sich Einverständnis zeigt mit dem allgemeinen Status quo, das freundliche Lachen, das Lachen der netten Leute ohne Humor. Und dann, fast nicht einmal verwandt damit, das Lachen darüber, dass die Welt so ungerecht ist und so gemein. „Das Lachen der Engel“ hat Milan Kundera jenes nette Lachen genannt und dieses „das Lachen der Teufel“, und es sei das Teufelslachen, so Kundera, das Diktatoren und Fanatiker nicht erlauben könnten, während sie das Lachen der Engel jederzeit schätzten. Kurz gesagt: Die Engel lachen darüber, dass die Welt so schön ist und so gut eingerichtet. Die Teufel lachen darüber, dass die Engel behaupten, die Welt wäre schön und gut eingerichtet, obwohl dem nicht so ist.

„Ich sehe, was du da machst“, sagte er.

„Was mache ich denn?“, fragte ich ertappt. „Ich spreche doch von dir. Ich spreche davon, dass du fürs Teufelslachen stehst, für den kompromisslosen Blick, für die Kraft der Unversöhnlichkeit.“

„Ich stehe für nichts.“

„Du stehst für Kunst!“

„Ja, bei dir, weil du dir das so ausgedacht hast, aber in den alten Geschichten bin ich nur einer, der auftaucht, den Leuten was antut und wieder abhaut. Für mich gibt’s nichts Allgemeines. Für mich gibt es das, was gerade ist. Und wenn du über mein Buch sprechen willst . . .“

„Mein Buch!“, korrigierte ich. Das konnte ich nun doch nicht einfach stehenlassen.

„Dann sprich lieber darüber, wie du die Folterung des Müllers geschildert hast. Wie du dich entschieden hast, den Mord zu beschreiben aus der Sicht des Mörders, weil du nicht so dringend das Opfer verstehen wolltest, sondern lieber den Täter. Opfer sein ist leicht, dachtest du, und nicht gerade spannend. Gib es zu!“

„Natürlich gebe ich es zu! Das ist die Aufgabe der Literatur! Wir Schriftsteller sind so, wir versuchen auch das zu verstehen, was wir –“

„Du bist so. Sag nie wieder ,Aufgabe der Literatur‘, sonst tu ich dir weh. Du weißt, ich kann das. So ausgedacht bin ich nicht, dass ich dir nicht weh tun kann. Sprich davon, dass du so bist, sprich davon, dass dich der Mörder mehr interessiert. Sprich davon, was es dich gekostet hat, dir vorzustellen, was in einem Blutrichter vorgeht, sprich davon, dass das kein Spiel ist. Wer so etwas tut, beschwört Dämonen. Sprich davon, wie es war, als sie kamen. Und sprich von dem Kapitel, in dem du mich hast verschüttet gehen lassen unter Brünn. Du wolltest eine Belagerung beschreiben, aber auf einmal war dir alles zu viel Bildermalerei, so dass du es lieber ganz klein haben wolltest, ganz beschränkt, ganz ohne Luft, nur drei Lebende und ein Toter in einem Loch in der Dunkelheit und der Strom der Erinnerungen. Du hast das nur geschrieben. Aber ich musste es aushalten.“

„So schlimm kann’s nicht gewesen sein“, sagte ich. „Du atmest nicht wirklich, also beschwer dich nicht über schlechte Luft.“

„Ich atme vielleicht nicht, aber ich lebe. Das weißt du am allerbesten. Es gibt viele Arten, wirklich zu sein. Ich lebe mehr als du. Ich war lang vor dir da. Ich werde lang nach dir da sein, daran ändert auch dein hochwürdiger Preis nichts. Und wenn du von dem Mann reden willst, nach dem der Preis benannt ist, dann sprich davon, wie plötzlich einer sterben kann. Mitten darin. Alltagsverwickelt, voller Absichten, voll Neugier, Wut, Liebe, kleiner Pläne, großer Pläne. Sprich davon, wie furchtbar das ist. Und sprich davon, wie sehr du’s bei dem Gedanken mit der Angst zu tun kriegst.“

„Das krieg ich allerdings“, sagte ich leise. Und wieder einmal, ich konnte nicht anders, schauderte mir davor, wie kurz die uns gegebene Zeit ist, selbst unter besten Umständen, selbst wenn man Glück hat und ein sogenanntes langes Leben, das, bei Licht betrachtet, so besonders lang auch nicht ist. Seit ich die Gesichtszüge meines Vaters in meinem Sohn erkenne, fühle ich wirklich dass wir die Dinge und die Zeit bloß an andere weitergeben, und ich dachte an die Warnung, die mir einst ein deutlich älterer Freund gegeben hatte: „Sobald du fünfunddreißig wirst, fangen deine Freunde zu sterben an“, und genauso war es gekommen, und ich dachte ausgerechnet daran, wie ich einst mit Péter Esterházy im Museum war und wie er von der Frau an der Kasse zum ersten Mal in seinem Leben gefragt wurde, ob er ein Seniorenticket wolle; ich dachte daran, dass seine wie immer vorbildlich elegante Reaktion – ein unentschieden abwägendes Schwenken der rechten Hand – seinen Schreck nicht ganz verbergen konnte; und ich dachte daran, dass Péter Esterházys Tod auch schon wieder zwei Jahre her ist, nach kurzer schrecklicher Krankheit, fast so unerwartet wie der Tod Frank Schirrmachers. Und um das Thema wieder einmal ins Allgemeine zu zerren, sagte ich: „Vergänglichkeit wohnt in allem. Buchstäblich allem. Inzwischen meinen die Physiker, dass in unvorstellbar ferner Zeit sogar die Protonen zerfallen. Dann kann es keine Atome mehr geben, dann könnte nichts, buchstäblich: nichts, mehr bestehen. Das Universum selbst ist sterblich. Nicht nur das Leben, auch die harte Materie hat ein Ablaufdatum. Außer natürlich, es gibt Gott, und er erbarmt sich und ruft unsere Toten zurück.“

„Ich kenn ihn schon länger“, sagte Till. „Er macht das nicht.“

„Nein“, sagte ich. „Macht er wohl nicht.“

„Aber die Protonen beunruhigen dich nicht wirklich“, sagte er, während seine Stimme ferner wurde. „Lüg nicht schon wieder. Du hast nicht Angst, dass die Materie vergeht. Vor Krebs hast du Angst. Vor Autounfällen. Du hast Angst, nicht fertig zu werden. Und mit Recht, denn was immer passiert: Es wird keiner fertig.“

Manche Dinge aber doch, wollte ich ihm antworten. Das ist das Geschenk der Kunst: dass sie es hin und wieder erlaubt, etwas abzuschließen. Aber zugleich wusste ich, dass dem Eulenspiegel nicht der Sinn nach versöhnlichen Wendungen steht, und ich wusste auch, dass ich ihn wohl nicht mehr treffen würde. Denn so ist es nun einmal mit mythischen Figuren. Manchmal gewähren sie uns ihre launische Gegenwart und lassen sich zum Schein in ein Buch, ein Bild, ein Lied bannen, aber dann sind sie schon wieder dahin, und wir wünschen uns vergeblich, sie kämen auch nur für einen Moment zurück.

Da also Till Eulenspiegel, der nun schon anderswo ist, vielleicht sogar beim nächsten Schriftsteller, meinen Dank gar nach nicht haben möchte, werde ich diesen lieber Menschen aus Fleisch und Blut abstatten. Vor allem danke ich Anne und Oscar, die mein Lebensglück sind und die mich ertragen haben in den Jahren der Arbeit an diesem besonders schweren Buch und an den Büchern zuvor. Ich danke Frank Schirrmacher für sein Buch „Die Stunde der Welt“. Und ich danke Barbara Laugwitz, und zwar ausdrücklich auch im Namen so unterschiedlicher Kollegen wie Martin Walser, Ildikó von Kürthy, Jonathan Franzen und Eckart von Hirschhausen, für vier Jahre der souveränen und tatkräftigen Arbeit – und dieser simple Satz ist leider schon mehr Dank als die Holtzbrinck-Führung für ihre erfolgreichste Verlegerin erübrigen konnte.

Zuletzt danke ich Alvise Contarini. Sie kennen ihn vielleicht nicht. Kaum einer kennt ihn. Er war Botschafter Venedigs bei den Friedensverhandlungen in Westfalen. Man muss sich das vorstellen: Katholische Gesandte durften nicht mit protestantischen sprechen und Gesandte des Kaisers nicht mit denen des Königs von Frankreich. Wie sollte man da Frieden schließen? Einzig Contarini hatte die Erlaubnis, mit allen Seiten zu reden; als Vermittler eilte er unermüdlich, jahrelang zwischen den Parteien hin und her. Alle Absprachen, alle Diskussionen, alle Einigungen, die den Krieg schließlich beendeten, wurden von ihm geformt, betrieben und möglich gemacht. Aber keiner kennt ihn. Man kennt Wallenstein, man kennt den Kaiser und Gustav Adolf von Schweden, man kennt notfalls noch Tilly und Torstensson, all die Meister des Tötens, aber Contarini wurden keine Lieder gesungen, keine Stücke wurden über ihn geschrieben, ihm wurden weder Biographien gewidmet noch Filme, noch Gedenkveranstaltungen. Doch auf die große und pathetische Frage, was die Welt denn braucht, damals, heute, allezeit, gibt es eine schlichte Antwort: Menschen wie ihn.

Rede von Daniel Kehlmann anlässlicher der Preisverleihung.

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Charles Bukowski – Die Hölle ist ein einsamer Ort

Die Hölle ist ein einsamer Ort

er war 65; seine Frau
war 66 und litt an der
Alzheimerschen Krankheit.

Er hatte Mundkrebs.
Eine Operation nach der
anderen; Strahlenbehandlung
zerrüttete seinen Kieferknochen
der mit Draht verstärkt
werden musste.

Jeden Tag wickelte er
seine Frau wie ein
Baby mit Gummi –
höschen.

Er konnte in seinem Zustand
nicht Auto fahren, musste sich
ein Taxi in die Klinik nehmen
konnte kaum noch reden
musste das Fahrziel
auf einen Zettel
schreiben.

Bei seinem letzten Besuch
teilten sie ihm mit
dass eine weitere Operation
nötig war: Noch ein
bisschen linke Wange
noch ein Stück Zunge.

Als er nach Hause kam
wechselte er seiner Frau
die Windeln, schob zwei
Fertiggerichte in den
Ofen, sah sich die
Abendnachrichten an.
Dann ging er ins
Schlafzimmer, nahm
den Revolver, setzte den
Lauf an ihrer Schläfe
und drückte ab.

Sie fiel nach links.
Er setzte sich auf die
Couch, schob sich den
Lauf in den Mund,
drückte ab.

Die Schüsse fielen den
Nachbarn nicht auf –
später aber das
angebrannte Essen.

Jemand kam, stieß die
Tür auf, sah
es.

Bald kam die
Polizei, machte ihre
Arbeit, fand einiges:
Ein aufgelöstes
Sparbuch, einen
Kontoauszug mit einem
Guthaben von $1,14.

Selbstmord –
schlossen sie
daraus.

Drei Wochen danach
zogen zwei neue
Mieter ein.
Ein Computer-
ingenieur namens
Ross
und seine Frau
Anatana
die Ballet-
unterricht
nahm.

Offenbar ein
aufstrebendes
Paar wie
viele.

Erschienen in: Kamikaze Träume, Köln, 2012, S. 134.

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Die automatisierte Politik

Wie kann es sein, dass achtzig Prozent der Chinesen ihre Erfassung in einem mit Künstlicher Intelligenz betriebenen Punktesystem gutheißen, mit dem ihr Verhalten in potentiell allen Lebensbereichen nicht nur bewertet, sondern automatisch auch belohnt oder bestraft wird? Eine repräsentative Online-Umfrage, die die Freie Universität Berlin in China anstellte, hat soeben genau dieses Ergebnis erbracht. Und ausgerechnet die Gebildeteren, Wohlhabenderen und etwas Älteren, die Stützen also jener Mittelschicht, von der einer bisher gültigen Politiktheorie zufolge das größte Verlangen nach Demokratisierung und Liberalisierung in der Volksrepublik ausgehen wird, ausgerechnet die sind am meisten dafür.

Möglicherweise wird das sogenannte Sozialkreditsystem, das von 2020 an alle Chinesen erfassen soll und das in den westlichen Öffentlichkeiten eine große, aus Faszination und Schrecken gemischte Aufmerksamkeit gefunden hat, immer noch unterschätzt. Man stellt sich darunter oft bloß eine Verlängerung und Vervollkommnung der staatlichen Überwachungsmaschinerie vor, der diktatorischen Herrschaft also, die die Kommunistische Partei über die Bevölkerung ausübt – mit dem Staatsapparat auf der einen Seite und auf der anderen einem Volk geduckter Existenzen, die unter dem Druck der immer weiter gehenden Überwachung immer geduckter werden. Ein solches System wäre kein wirklicher Konkurrent im Wettbewerb der Systeme, in dem sich die Bundesregierung in der neuen globalen Konstellation sieht. Die Geschichte hat zur Genüge erwiesen, dass eine Herrschaftsform, die die Gesellschaft von außen dirigiert und nicht aus sich heraus wirken lässt, auf Dauer schon rein wirtschaftlich nicht überlebensfähig sein kann und der liberal-demokratischen Regierungsweise daher auf Dauer hoffnungslos unterlegen ist.

Doch die von der Politikwissenschaftlerin Genia Kostka angestellte Untersuchung liefert Indizien dafür, dass die Pointe des Sozialkreditsystems eine andere, abgründigere sein könnte. Die Befragten sehen das System nicht vor allem als ein Medium der Überwachung an, sondern als Instrument, um eine institutionelle und regulatorische Lücke zu schließen und damit ihre eigene Lebensqualität zu verbessern. Als einen Hauptmissstand der chinesischen Gesellschaft identifizieren sie einen allgemeinen Mangel an Vertrauen, zumal Staat und Justiz gleichzeitig bemerkenswert schwach darin seien, etwa säumige Schuldner zur Rückzahlung ihrer Schulden zu zwingen. Beides zusammen stelle ein Hindernis für die Vergabe von Krediten und damit für das Funktionieren der Marktwirtschaft überhaupt dar. In dieser Lage versprechen sie sich von den verschiedenen Sozialkreditsystemen im Land eine transparente Messung ihrer Kreditwürdigkeit anhand eindeutiger und präziser Daten und Kriterien und mithin eine Steigerung der eigenen Lebenschancen. Das Thema steht für technologischen Fortschritt.

Bisher haben die meisten Chinesen allerdings nur wenig Erfahrung mit dem staatlichen Sozialkreditsystem, das für alle Bürger verpflichtend sein wird, sich bisher aber noch in der Erprobung befindet und in umfassender Form nur in einigen Modellstädten angewendet wird. Lediglich sieben Prozent der repräsentativ ausgesuchten Teilnehmer der Umfrage waren Teil eines solchen Modellprojekts, während achtzig Prozent angaben, freiwillig an den Sozialkreditsystemen teilzunehmen, die die großen Internetkaufhäuser wie Alibaba ihren Kunden anbieten – und dies, obwohl gerade die kommerziellen Punktekonten sehr weit in der Auswertung privater Daten gehen. „Zhima Credit“ von Alibaba etwa entwirft nach einem unbekannten Algorithmus ein Persönlichkeitsprofil, wie es sich aus der Zahlungsmoral, den Kaufpräferenzen innerhalb des Internetkaufhauses (der Erwerb vieler Computerspiele kann auf Leichtsinn hindeuten, die Anschaffung von Babykleidung dagegen auf Verantwortlichkeit) und sogar aus den Kontakten innerhalb der sozialen Netzwerke zu erkennen gibt. Wer sich auf Leute mit einem niedrigen Punktestand einlässt, senkt automatisch auch die eigene Kreditwürdigkeit, während Bekanntschaften mit Inhabern vieler Punkte das Vertrauen erhöhen, das einem selbst entgegengebracht wird.

Bei einem solchen kommerziellen System kann der Kunde allerdings nicht mehr verlieren als günstige Kauf- und Kreditkonditionen. Beim staatlichen System dagegen kann eine niedrige Punktzahl zu öffentlicher Bloßstellung und zu ganz handfesten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit führen. Schon jetzt stehen Millionen Bürger auf einer von Gerichten veröffentlichten Schwarzen Liste, weil sie Rechnungen nicht beglichen oder Geldbußen nicht entrichtet haben; die Konsequenz ist, dass sie nicht mehr ohne weiteres Tickets für Flugreisen oder für Fahrten mit Hochgeschwindigkeitszügen kaufen können. Verblüffend ist daher, dass bei der FU-Untersuchung die höchsten Zustimmungsraten ausgerechnet bei Befragten erreicht werden, die schon Teil eines staatlichen Modellversuchs sind. In begleitenden Interviews gaben sie an, dass sie erwarten, dass der chinesische Sicherheitsapparat ohnehin alle Daten über sie habe oder haben könne. Wegen des neuen Systems machten sie sich deshalb keine zusätzlichen Sorgen. Anscheinend erhoffen sie sich, dass die ohnehin schon vorhandene Überwachung verlässlicher, weniger willkürlicher werde.

Das erstaunliche Ergebnis der Studie ist also, dass ein Großteil der Befragten das Sozialkreditsystem vor allem als Stärkung der Marktwirtschaft, der Moral und der individuellen Entwicklungsmöglichkeiten empfindet, man könnte auch sagen: der Gesellschaft. Die Autoren der Untersuchung stellen in Rechnung, dass sich in einem autoritären System manche Befragte, auch wenn ihnen Anonymität zugesichert wurde, mit Kritik lieber zurückhalten; doch auch dann bleibe aussagekräftig, dass 49 Prozent sogar starke Zustimmung zu dem Projekt äußerten.

Anscheinend geht das Kalkül der Kommunistischen Partei Chinas auf, die sich nach der Kulturrevolution und dann noch einmal unter veränderten Vorzeichen nach der Demokratiebewegung von 1989 die Frage stellte: Wie kann die Partei alles unter Kontrolle behalten und gleichzeitig die von der Gesellschaft ausgehende Dynamik entfesseln, die für den wirtschaftlichen Erfolg notwendig ist? Schon in den letzten Jahrzehnten hat die KPC diese Paradoxie weit effektiver gemeistert als alle kommunistischen Systeme vor ihr, insbesondere die Sowjetunion. Mit den geduckten Existenzen, die man innerhalb des immer strafferen Autoritarismus erwarten würde, wäre der hochenergetische Kapitalismus auf allen Ebenen der Gesellschaft, der China zur Wirtschaftsmacht gemacht hat, schwer möglich gewesen. Das Sozialkreditsystem treibt den Selbstwiderspruch nun auf die Spitze: Von seiner Grundidee her fallen dort totale Überwachung und totale Selbstorganisation in eins.

Das ist natürlich nur ein Idealtypus. In der sozialen und politischen Wirklichkeit ist das chinesische Parteiregime nach wie vor von zahllosen durch Ignoranz, Schlampigkeit, Opportunismus und Korruption herbeigeführten Dysfunktionalitäten geprägt. Dennoch ist es ratsam, die Herausforderung, die für westliche Demokratien in diesem Modell liegt, ernst zu nehmen. Die Politikwissenschaftlerin Samantha Hoffman weist in einem Papier des Forschungszentrums Merics darauf hin, dass Konzepte einer kybernetischen Leitung der Gesellschaft unter dem Leitthema „Gesellschaftsmanagement“ seit Jahren eine immer größere Rolle in der Theoriebildung der Partei spielen; Hoffman spricht von einem „Autonomen Nervensystem“ Chinas.

Die FU-Studie nennt zu Recht das Stichwort „Gouvernementalität“. Unter diesem Namen fasste Michel Foucault die Säkularisierung von pastoralen Strategien, mit denen seit dem fünfzehnten Jahrhundert die europäischen Staaten das tägliche Verhalten ihrer Bürger zu lenken und zu kontrollieren versuchten; besonders wirkungsvoll gelinge das dem Neoliberalismus, indem er die Selbstverwirklichung der Regierten ins Kalkül der Regierenden einbeziehe: Die „Rationalität der Regierten soll als Regelungsprinzip für die Rationalität der Regierung dienen“. Man könnte denken, China habe dieses Konzept, das Foucault erst durch nachträgliche Abstraktion dem historischen Material abrang, von vornherein als Blaupause für seine Politikplanung genommen. Es hat eine Apparatur eingerichtet, die die Eigenrationalität des Markts (Kredit) ebenso wie der traditionellen Moral (Vertrauenswürdigkeit, was schon im Konfuzianismus eine wichtige Kategorie war) dazu verwendet, die Rationalität des autoritären Staats, die Überwachung, durchzusetzen.

Die Künstliche Intelligenz schafft dabei die Möglichkeit, das eine mit dem anderen quasiautomatisch kurzzuschließen: Sie führt die Daten aus der Beobachtung der digitalen Netze und des öffentlichen Raums zusammen und verbindet sie zugleich mit den Sanktionsmöglichkeiten, indem das aktuelle Punktekonto in die Ausweis- und Chipkarten eingespeist wird, ohne die kein Ticketerwerb, keine Hotelbuchung, kein größerer Kauf, demnächst nicht einmal eine Autofahrt durch ein Stadtzentrum möglich ist. Das erwünschte Verhalten wird damit tendenziell ohne Zwischenschaltung einer von außen eingreifenden Macht herbeigeführt; jedes Verhalten zieht automatisch eine vorher angekündigte Konsequenz nach sich, die wiederum der Logik der verschiedenen gesellschaftlichen Subsysteme entspricht. Auch Firmen und sogar Regierungsbehörden sollen mit Punktekonten bewertet und sanktioniert und damit in das sich selbst regulierende System einbezogen werden. Als übergeordnete Instanz bleibt neben den digitalen Apparaten dann nur die Kommunistische Partei übrig, die die Gesellschaft und jeden Einzelnen in ihr durch den Markt und die Moral selbst überwachen lässt.

Fort fällt dagegen die Vorstellung, dass es Menschen sind, die im Wettbewerb und Ausgleich ihrer unterschiedlichen Auffassungen der Welt die Politik machen. Foucault setzte auf die Gegenreaktionen, die sich etwa in Form des Naturrechts oder der Aufklärung seinerzeit in Europa formiert hatten: den Willen, „nicht auf diese Weise und um diesen Preis regiert zu werden“. Aber in der direkten Konkurrenz mit der totalen Technokratie werden sich die Demokratien wahrscheinlich auch anstrengen müssen, die besseren Ergebnisse zu erzielen.

MARK SIEMONS

(Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Montag, 06. August 2018, S. 11)

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FERGERDE LABEN

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Uwe Greßmann – An den Vogel Frühling

Daunen dringen aus dir.
Davon kommen die Blumen und Gräser.

Federn grünen an dir.
Davon kommt der Wald.

Grüne Lampen leuchten in deinem Gefieder.
Davon bist du so jung.

Mit Perlen hat dich dein Bruder behaucht, der Morgen.
Davon bist du so reich.

Uralter, du kommst aus dem Reich der mächtigen Sonne.
Darum kommen Menschen und Tiere, und: Erde,
Dich zu empfangen.
Da du sie eine Weile besuchst,
Sind sie erlöst und dürfen das weiße Gefängnis verlassen,
In das sie der Winter gesperrt hat.

Und davon kommen die Sänger,
Die dich besingen.
Frühling, du lieblicher.
Du richtest den Kopf hoch.

Davon ist der Himmel so blau.
Und es wärmt uns alle dein gelbes Auge.
Und du siehst uns an.
Und darum leben wir.

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Leserbrief Mitteldeutsche Zeitung – „Alarm im Opernhaus“ (17.November 2017)

Sehr geehrter Herr Eger,

vielen Dank für den aufschlussreichen und besorgniserregenden Artikel vom 17. November. Aufschlussreich, weil er den Weg eines Stefan Rosinski im halleschen Kulturleben als eine weitere Station im Werdegang eines künstlerisch ambitionierten Geschäftsführers aufzeigt. Besorgniserregend, weil eben jene künstlerischen Ambitionen eine Schlüssellochmoral offenbaren, die den Kulturinstitutionen der Stadt auf Dauer schaden können.

Sollten die von Ihnen zitierten Passagen aus dem Geschäftsbericht des Geschäftsführers der TOOH GmbH, Stefan Rosinski, tatsächlich als konzeptionelle Kritik am vermeintlich „…politischen Musiktheater…“ eines Florian Lutz formuliert sein, der sich damit auf eine „…Untergruppe von Opernliebhabern…“ konzentriert, so wirft das eine Vielzahl kulturpolitischer Fragen auf. Zensur wäre sicherlich der schärfste Vorwurf, auch wenn die Gründe nicht in einem kulturpolitischen Gegenkonzept zu suchen wären, sondern in der Kleinmut und Eitelkeit eines von Furcht getriebenen „Don Pizarro“. Mangelndes Interesse am Opernpublikum wäre ein weiterer Aspekt, der vorzubringen wäre. So gab es seit Amtsantritt des neuen Geschäftsführers viele verpasste Gelegenheiten für ein offizielles Gespräch und eine umfassende Meinungsbildung mit dem Vorstand der Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle (Saale) e.V.

Die Förderung des Landes Sachsen-Anhalt für die TOOH GmbH – derzeit immerhin knapp 10 Millionen Euro pro Jahr – zielt auch auf „nationale Exzellenz“, ein Ziel, welches durch die neue Intendanz erfolgreich angegangen wurde. Sollten die städtischen Geldgeber andere Absichten haben, gilt es diesen Zielkonflikt zu moderieren. Der Moderator: Stefan Rosinski. Doch statt Moderation, Dialog und Führung erlangt man den Eindruck, dass die Geschäftsführung den übergelaufenen Kelch der Missetaten auf die Bühne drängt. Vielleicht nicht die beste Regie-Idee.

In Zeiten politischer Gleichgültigkeit sollten wir froh über die politischen Aspekte der Kunst sein. Diese sind seit jeher integraler Bestandteil künstlerischen Schaffens und als vorpolitische Instanz (oder Überbau – je nach Ideologie) wegweisend für unser Zusammenleben und die Werte und Normen eines jeden einzelnen. Dies abzutun, zu verunglimpfen und Kritik als einzige Form der Anerkennung gelten zu lassen, wäre fatal.

Der grausame Gang der prunkvollen Nichtigkeiten nimmt derweil seinen Lauf. Die öffentliche Diskussion disziplinarischer Maßnahmen, eine irritierend späte Abo-Kampagne in der laufenden Spielzeit: Der potentielle Schaden für die Kulturinstitutionen der Stadt ist nicht zu unterschätzen. Die anstehenden Verhandlungen mit dem Land über die Fortführung der Förderung der TOOH GmbH werden durch verhärtete Fronten, Uneinigikeit und offen ausgetragene Konflikte zu einer Gewährsprobe, die immerhin die Chance auf ein Zusammenraufen bereithält. Was ist die Strategie der TOOH GmbH und welches das künstlerische Konzept der Zukunft? Der düstere Glanz eines abgetakelten Provinztheaters? Erfolg um den Preis vernichtenden Neons? Ich bin gespannt auf einen weiteren Akt dieses destruktiven Stadttheaters…

Was bleibt ist die Kunst. „Mögen die Höhepunkte der Vergangenheit die Tiefpunkte der Zukunft sein.“ (Olli Schulz)

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Ingo Herrmann

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Max Frisch – Fragebögen

1. Erhaltung des Menschengeschlechts

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
2. Warum? Stichworte genügen.
3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu  wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
9. Wen hingegen nicht?
10. Hätten Sie lieber einer andern Nation (Kultur) angehört und welcher?
11. Wie alt möchten Sie werden?
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv?
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden, oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie sich selber übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
20. Lieben Sie jemand?
21. Und woraus schließen Sie das?
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, daß es dazu nie gekommen ist.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
24. Wofür sind Sie dankbar?
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als ein gesundes Tier? Und als welches?

2. Ehe

1. Ist die Ehe für Sie noch ein Problem?
2. Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie diese bei andern sehen oder in Ihrem eignen Fall?
3. Was haben Sie andern öfter geraten:a. dass sie sich trennen?b. dass sie sich nicht trennen?
4. Kennen Sie auch Versöhnungen, die keine Narben hinterlassen auf der einen oder auf der andern oder auf beiden Seiten?
5. Welche Probleme löst die gute Ehe?
6. Wie lange leben Sie durchschnittlich mit einem Partner zusammen, bis die Aufrichtigkeit vor sich selbst schwindet, d. h. dass Sie auch im Stillen nicht mehr zu denken wagen, was den Partner erschrecken könnte?
7. Wie erklären Sie es sich, dass Sie bei sich selbst oder beim Partner nach einer Schuld suchen, wenn Sie an Trennung denken?
8. Hätten Sie von sich aus die Ehe erfunden?
9. Fühlen Sie sich identisch mit den gemeinsamen Gewohnheiten in Ihrer derzeitigen Ehe? Und wenn nicht: glauben Sie, dass Ihr ehelicher Partner sich identisch fühlt mit diesen Gewohnheiten, und woraus schließen Sie das?
10. Wann macht Sie die Ehe eher nervös:
a. im Alltag? b. auf Reisen? c. wenn Sie allein sind? d. in Gesellschaft mit vielen? e. unter vier Augen? f. abends? g. morgens?
11. Entwickelt sich in der Ehe ein gemeinsamer Geschmack (wie die Möblierung ehelicher Wohnung vermuten lässt) oder findet für Sie beim Kauf einer Lampe, eines Teppichs, einer Vase , usw. jeweils eine stille Kapitulation statt?
12. Wenn Kinder vorhanden sind: fühlen Sie sich den Kindern gegenüber schuldig, wenn es zur Trennung kommt, d. h. glauben Sie, dass Kinder ein Anrecht haben auf unglückliche Eltern? Und wenn ja: bis zu welchem Lebensalter der Kinder?
13. Was hat Sie zum Eheversprechen bewogen:
a. Bedürfnis nach Sicherheit? b. ein Kind? c. die gesellschaftlichen Nachteile eines unehelichen Zustandes, Umständlichkeiten in Hotels, Belästigung durch Klatsch, Taktlosigkeiten, Komplikationen mit Behörden oder Nachbarn usw.? d. das Brauchtum? e. Vereinfachung des Haushalts? f. Rücksicht auf die Familien? g. die Erfahrung, dass die uneheliche Verbindung gleichermaßen zur Gewöhnung führt, zur Ermattung, zur Alltäglichkeit usw.? h. Aussicht auf eine Erbschaft? i. Hoffnung auf Wunder? j. die Meinung, es handle sich lediglich um eine Formalität?
14. Hätten Sie der standesamtlichen oder der kirchlichen Formel für das Eheversprechen irgendetwas beizufügen:
a. als Frau? b. als Mann?(Bitte um genauen Text)
15. Falls Sie sich schon mehrere Male verehelicht haben: worin sind Ihre Ehen sich ähnlicher gewesen, in ihrem Anfang oder in ihrem Ende?
16. Wenn Sie vernehmen, dass ein Partner nach der Trennung nicht aufhört Sie zu beschuldigen: schließen Sie daraus, dass Sie mehr geliebt worden sind, als Sie damals ahnten, oder erleichtert Sie das?
17. Was pflegen Sie zu sagen, wenn es in Ihrem Freundeskreis wieder zu einer Scheidung kommt, und warum haben Sie’s bisher den Beteiligten verschwiegen?
18. Können Sie zu beiden Seiten eines Ehepaares gleichermaßen offen sein, wenn sie es unter sich nicht sind?
19. Wenn Ihre derzeitige Ehe als glücklich zu bezeichnen ist: worauf führen Sie das zurück? (Stichworte genügen)
20. Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer Ehe, die als glücklich zu bezeichnen ist, und einer Inspiration, einer Intelligenz, einer Berufung usw., die das eheliche Glück möglicherweise gefährdet: was wäre Ihnen wichtiger:
a. als Mann? b. als Frau?
21. Warum?
22. Meinen Sie erraten zu können, wie Ihr derzeitiger Partner diesen Fragebogen beantwortet? und wenn nicht:
23. Möchten Sie seine Antworten wissen?
24. Möchten Sie umgekehrt, dass der Partner weiß, wie Sie diesen Fragebogen beantwortet haben?
25. Halten Sie Geheimnislosigkeit für ein Gebot der Ehe oder finden Sie, dass gerade das Geheimnis, das zwei Menschen voreinander haben, sie verbindet?

3. Frauen

1. Tun Ihnen die Frauen leid?
2. Warum? (Warum nicht?)
3. Wenn in den Händen und Augen und Lippen einer Frau sich Erregung ausdrückt, Begierde usw., weil Sie sie berühren: beziehen Sie das auf sich persönlich?
4. Wie stehen Sie zu Männern:
a. wenn Sie der Nachfolger sind? b. wenn Sie der Vorgänger sind? c. wenn Sie dieselbe Frau gleichzeitig lieben?
5. Haben Sie Ihre Lebensgefährtin gewählt?
6. Kommt es nach Jahr und Tag zum freundlichen Wiedersehen mit früheren Gefährtinnen: überzeugt Sie dann Ihre einstige Paarschaft oder verwundert es Sie, d. h. haben Sie dann den Eindruck, dass Ihre berufliche Arbeit und Ihre politischen Ansichten sie wirklich interessiert haben, oder scheint es Ihnen heute, dass man sich alle diesbezüglichen Gespräche hätte sparen können?
7. Befremdet Sie eine kluge Lesbierin?
8. Meinen Sie zu wissen, wodurch Sie die Liebe einer Frau gewinnen, und wenn es sich eines Tages herausstellt, wodurch Sie die Liebe einer Frau tatsächlich gewonnen haben: zweifeln Sie an ihrer Liebe?
9. Was bezeichnen Sie als männlich?
10. Haben Sie hinreichende Beweise dafür, daß sich die Frauen für bestimmte Arbeiten, die der Mann für sich als unwürdig empfindet, besonders eignen?
11. Was hat Sie am häufigsten verführt:
a. Mütterlichkeit?b. dass Sie sich bewundert wähnen?c. Alkohol?d. die Angst, kein Mann zu sein?e. Schönheit?f. die voreilige Gewissheit, dass Sie der überlegene Teil sein werden und sei es als liebevoller Beschützer?
12. Wer hat den Kastrationskomplex erfunden?
13. In welchem der beiden Fälle sprechen Sie liebevoller von einer vergangenen Paarschaft: wenn Sie eine Frau verlassen haben oder wenn Sie verlassen worden sind?
14. Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?
15. Wenn Sie mit Frauen immer wieder dieselbe Erfahrung machen: denken Sie, dass es an den Frauen liegt, d. h. halten Sie sich infolgedessen für einen Frauenkenner?
16. Möchten Sie Ihre Frau sein?
17. Woher wissen Sie mehr über die intimen Beziehungen zwischen den Geschlechtern: aus dem Gespräch mit andern Männern oder aus dem Gespräch mit Frauen? Oder erfahren Sie das meiste ohne Gespräch: aus den Reaktionen der Frauen, d. h. indem Sie merken, was Frauen gewohnt sind und was nicht, was sie von einem Mann erwarten, befürchten usw.?
18. Wenn Sie das Gespräch mit einer Frau anregt: wie lange gelingt es Ihnen, ein solches Gespräch zu führen, ohne beiläufig auf Gedanken zu kommen, die Sie verschweigen, weil sie nicht zum Thema gehören?
19. Können Sie sich eine Frauenwelt vorstellen?
20. Was trauen Sie der Frau nicht zu:
a. Philosophie? b. Organisation? c. Kunst? d. Technologie? e. Politik?
und bezeichnen Sie daher eine Frau, die sich nicht an Ihr männliches Vorurteil hält, als unfraulich?
21. Was bewundern Sie an Frauen?
22. Möchten Sie von einer Frau ausgehalten werden:
a. durch ihre Erbschaft?b. durch ihre Berufsarbeit?
23. Und warum nicht?
24. Glauben Sie an Biologie, d. h. dass das derzeitige Verhältnis zwischen Mann und Frau unabänderlich ist, oder halten Sie es beispielsweise für ein Resultat der jahrtausendelangen Geschichte, dass die Frauen für ihre Denkweise keine eigene Grammatik haben, sondern auf die männliche Sprachregelung angewiesen sind und infolgedessen unterlegen?
25. Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

4. Hoffnung 

1. Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?
2. Wie oft muß eine bestimmte Hoffnung (z. B. eine politische) sich nicht erfüllen, damit Sie die betroffene Hoffnung aufgeben, und gelingt Ihnen dies, ohne sich sofort eine andere Hoffnung zu machen?
3. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?
4. Wenn eine private Hoffnung sich endlich erfüllt hat: wie lange finden Sie in der Regel, es sei eine richtige Hoffnung gewesen, d. h. dass deren Erfüllung so viel bedeute, wie Sie jahrzehntelang gemeint haben?
5. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
6. Wie viele Stunden im Tag oder wie viele Tage im Jahr genügt Ihnen die herabgesetzte Hoffnung: dass es wieder Frühling wird, dass die Kopfschmerzen verschwinden, dass etwas nie an den Tag kommt, dass Gäste aufbrechen usw.?
7. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?
8. Hoffen Sie angesichts der Weltlage:
a. auf die Vernunft? b. auf ein Wunder? c. daß es weitergeht wie bisher?
9. Können Sie ohne Hoffnung denken?
10. Können Sie einen Menschen lieben, der früher oder später, weil er Sie zu kennen meint, wenig Hoffnung auf Sie setzt?
11. Was erfüllt Sie mit Hoffnung:
a. die Natur? b. die Kunst? c. die Wissenschaft? d. die Geschichte der Menschheit?
12. Genügen Ihnen die privaten Hoffnungen? 13. Gesetzt den Fall, Sie unterscheiden zwischen Ihren eignen Hoffnungen und den Hoffnungen, die andere (Eltern, Lehrer, Kameraden, Liebespartner) auf Sie setzen: bedrückt es Sie da mehr, wenn sich die ersteren oder wenn sich die letzteren nicht erfüllen?
14. Was erhoffen Sie sich von Reisen?
15. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?
16. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?
17. Was bekräftigt Sie in Ihrer persönlichen Hoffnung:
a. Zuspruch? b. die Einsicht, welchen Fehler Sie gemacht haben? c. Alkohol? d. Ehrungen? e. Glück im Spiel? f. ein Horoskop? g. dass sich jemand in Sie verliebt?
18. Gesetzt den Fall, Sie leben in der großen Hoffnung („…daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist…“ – B. Brecht) und haben Freunde, die sich aber dieser Hoffnung nicht anschließen können: verringert sich dadurch Ihre Freundschaft oder Ihre große Hoffnung?
19. Wie verhalten Sie sich im umgekehrten Fall, d. h. wenn Sie die große Hoffnung eines Freundes nicht teilen: fühlen Sie sich jedesmal, wenn er die Enttäuschung erlebt, klüger als der Enttäuschte?
20. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?
21. Keine Revolution hat je die Hoffnung derer, die sie gemacht haben, vollkommen erfüllt; leiten Sie aus dieser Tatsache ab, dass die große Hoffnung lächerlich ist, dass Revolution sich erübrigt, dass nur der Hoffnungslose sich Enttäuschungen erspart usw., und was erhoffen Sie sich von solcher Ersparnis?
22. Hoffen Sie auf ein Jenseits?
23. Wonach richten Sie Ihre täglichen Handlungen, Entscheidungen, Pläne, Überlegungen usw., wenn nicht nach einer genauen oder vagen Hoffnung?
24. Sind Sie schon einen Tag lang oder eine Stunde lang tatsächlich ohne jede Hoffnung gewesen, auch ohne die Hoffnung, daß alles einmal aufhört, wenigstens für Sie?
25. Wenn Sie einen Toten sehen: welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

5. Humor

1. Wenn Sie jemand dazu bringen, dass er den Humor verliert (z. B. weil Sie seine Scham verletzt haben), und wenn Sie dann feststellen, der betroffene Mensch habe keinen Humor: finden Sie, dass Sie deswegen Humor haben, weil Sie jetzt über ihn lachen?
2. Wie unterscheiden sich Witz und Humor?
3. Wenn Sie spüren, daß Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?
4. Halten Sie es für Humor:
a. wenn wir über Dritte lachen?b. wenn Sie über sich selber lachen?c. wenn Sie jemand dazu bringen, dass er, ohne sich zu schämen, über sich selber lachen kann?
5. Wenn Sie alles Lachen abziehen, das auf Kosten von Dritten geht: finden Sie, daß Sie oft Humor haben?
6. Woran merken Sie es zuerst, wenn Sie in einer Gesellschaft alle Sympathie verspielt haben: verschließt man sich Ihrer ernsten Argumentation, Ihren Kenntnissen usw., oder kommt einfach die Art von Humor, die Ihnen eigen wäre, nicht mehr an, d. h. dass Sie humorlos werden?
7. Haben Sie Humor, wenn Sie allein sind?
8. Wenn Sie von einem Menschen sagen, er habe Humor: meinen Sie damit, dass er Sie zum Lachen bringt oder daß es Ihnen gelingt, ihn zum Lachen zu bringen?
9. Kennen Sie Tiere mit Humor?
10. Was gibt Ihnen unversehens das Vertrauen, dass Sie sich mit einer Frau intim verstehen könnten: ihre Physiognomie, ihre Lebensgeschichte, ihre Glaubensbekenntnisse usw. oder ein erstes Zeichen, dass man im Humor übereinstimmt, wenn auch keineswegs in Meinungsfragen?
11. Was offenbart Affinität im Humor:
a. Gleichartigkeit des Intellekts?b. dass zwei oder mehrere Menschen übereinstimmen in ihrer Fantasie?c. Verwandtschaft in der Scham?
12. Wenn Ihnen bewusst ist, dass Sie im Augenblick tatsächlich keinen Humor haben: erscheint Ihnen dann der Humor, den Sie zuweilen haben, als ein oberflächliches Verhalten?
13. Können Sie sich eine Ehe ohne Humor vorstellen?
14. Was versetzt Sie eher in Eifersucht: dass die Person, die Sie lieben, eine andere Person küsst, umarmt usw. oder dass es dieser andern Person gelingt, Humor zu befreien, den Sie an Ihrem Partner nicht kennen?
15. Warum scheuen Revolutionäre den Humor?
16. Können Sie einen Menschen oder eine Gesellschaftsschicht, die Sie aus politischen Gründen hassen, mit Humor sehen (nicht bloß mit Witz), ohne dabei den Hass zu verlieren?
17. Gibt es einen klassenlosen Humor?
18. Wenn Sie ein Untergebener sind: halten Sie es für Humor, wenn der Vorgesetzte über Ihre ernsten Beschwerden und Forderungen lächelt, d. h. für einen Mangel an Humor, wenn Sie nicht auch lächeln, oder lachen Sie dann, bis der Vorgesetzte seinen Humor einstellt, und womit erreichen Sie noch weniger?
19. Kommt es vor, dass Sie sich im Humor als ein anderer entpuppen, als Sie gerne sein möchten, d. h. dass Sie der eigene Humor erschreckt?
20. Entsteht Humor nur aus Resignation?
21. Gesetzt den Fall, Sie haben die Gabe, jedermann zum Lachen zu bringen, und Sie gebrauchen diese Gabe in jeder Gesellschaft, sodass Sie nachgerade als Humorist bekannt sind – was versprechen Sie sich davon:
a. Kommunikation? b. dass Sie’s mit niemand verderben? c. dass Sie eine Infamie loswerden und nachher sagen können, es sei Humor gewesen und wenn der Betroffene keinen Humor verstehe usw.?d. dass Sie sich selber nie langweilen?e. dass Ihnen in einer Sache, die mit Argumenten nicht zu vertreten ist, die Lacher trotzdem rechtgeben?
22. Was ertragen Sie nur mit Humor?
23. Wenn Sie in der Fremde leben und erfahren müssen, daß Ihr eigentlicher Humor sich nie mitteilt: können Sie sich damit abfinden, daß es eine Verständigung nur im Ernst gibt, oder werden Sie sich dadurch selber fremd?
24. Verändert im Alter sich der Humor?
25. Wie meinen Sie im Humor zu sein:
a. versöhnlich? b. frei von Ehrgeiz? c. angstlos? d. unabhängig von Moral? e. sich selbst überlegen? f. kühner als sonst? g. frei von Selbstmitleid? h. aufrichtiger als sonst? i. lebensdankbar

6. Geld

1. Hassen Sie Bargeld?
2. Warum?
3. Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
4. Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch (nicht über Geld) trotz allem den Reichen?
5. Wieviel Geld möchten Sie besitzen?
6. Gesetzt den Fall, Sie sind bedürftig und haben einen reichen Freund, der Ihnen helfen will, und er gibt Ihnen eine beträchtliche Summe (zum Beispiel damit Sie studieren können) und gelegentlich auch Anzüge von sich, die noch solid sind: was nehmen Sie unbefangener an?
7. Haben Sie schon gestohlen:
a. Bargeld?b. Gegenstände (ein Taschenbuch am Kiosk, Blumen aus einem fremden Garten, eine Erstausgabe, Schokolade auf einem Camping-Platz, Kugelschreiber, die umherliegen, ein Andenken an einen Toten, Handtücher im Hotel usw.)?c. eine Idee?
8. Solange Sie kein Vermögen und ein schwaches Einkommen haben, reden die Reichen vor Ihnen ungern über Geld und umso lebhafter über Fragen, die mit Geld nicht zu lösen sind, z. B. über Kunst: empfinden Sie dies als Takt?
9. Was halten Sie von Erbschaft:
a. wenn Sie eine in Aussicht haben? b. wenn nicht? c. wenn Sie einen Säugling betrachten und dabei wissen, daß er, wie immer er sich entwickle, die Hälfte einer Fabrik besitzen wird oder eine Villa, ein Areal, das keine Inflation zu fürchten braucht, ein Ferienhaus auf Sardinien, fünf Miethäuser in der Vorstadt?
10. Sind Sie ein Sparer? Und wenn ja:
11. Erklären Sie, wieso die Staatsbank bestimmt, wieviel das Geld wert ist, das Sie als Lohn erhalten und gespart haben, und zu wessen Gunsten sich Ihre Ersparnisse plötzlich verflüchtigen?
12. Gesetzt den Fall, Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und verfügen unversehens über ein großes Einkommen, sodass das Geld für Sie sozusagen keine Rolle mehr spielt: fühlen Sie sich als Person unverändert? Und wenn ja: finden das Ihre bisherigen Freunde auch oder finden sie, das Geld spiele wohl eine Rolle, indem es Sie als Person deformiert?
13. Was kostet zurzeit ein Pfund Butter?
14. Wenn Sie in der Lage sein sollten, von Zinsen leben zu können: halten Sie sich deswegen nicht für einen Ausbeuter, weil Sie, obschon Sie von den Zinsen leben könnten, selber auch arbeiten?
15. Fürchten Sie sich vor den Armen?
16. Warum nicht?
17. Gesetzt den Fall, Sie sind ein großer Mäzen, d. h. Sie verteilen an Leute, die Sie persönlich schätzen, teilweise die beträchtlichen Zinsen aus der Arbeit andrer Leute: verstehen Sie die öffentliche Hochachtung, die Sie als Mäzen genießen, und Ihre eigene Unbefangenheit dabei?
18. Was tun Sie für Geld nicht?
19. Timon von Athen hat eines Tages, um die Freundschaft seiner Freunde zu prüfen, nur Schüsseln voll Wasser aufgetischt; er erfuhr dabei, was er eigentlich schon wusste, und gab sich bitter vor Enttäuschung über die Menschen, denn siehe, sie kamen immer nur seines Reichtums wegen und waren keine wahren Freunde. Finden Sie seine großen Flüche über die andern berechtigt? Offenbar hatte der reiche Timon von Athen gemeint, Freundschaft kaufen zu können.
20. Möchten Sie eine reiche Frau?
21. Wie erklären Sie es sich, dass Sie als Reicher es gerne zeigen, wenn Sie sich etwas versagen, was Sie sich ohne weiteres leisten könnten (z. B. eine Yacht), und dass Sie sich fast kindlich freuen, wenn Sie irgend etwas besonders billig erworben haben, geradezu spottbillig, sodass jedermann es sich hätte leisten können, und warum sind Sie zugleich erpicht auf unersetzbare Objekte, beispielsweise Ikonen, Säbel, Porzellan aus der Ming-Zeit, Kupferstiche, Werke toter Meister, historische Münzen, Autographen, Gebetsteppiche aus Tibet usw.?
22. Was missfällt Ihnen an einem Neureichen:
a. dass er ohne Heraldik auskommt? b. dass er vom Geld spricht? c. dass er nicht von Ihnen abhängig ist?
23. Wie rechtfertigen Sie eignen Reichtum:
a. durch Gotteswillen? b. dass Sie es einzig und allein Ihrer persönlichen Tüchtigkeit verdanken, d. h. durch die Annahme, dass andere Fähigkeiten, die sich nicht in Einkommen umsetzen, minderwertig seien?c. durch würdiges Benehmen?d. indem Sie sich sagen, dass nur die Reichen überhaupt eine Wirtschaft in Gang bringen können zum Gedeihen aller, d. h. durch Unternehmergeist?e. durch Caritas?f. durch Ihre höhere Bildung, die Sie einem ererbten Reichtum verdanken oder einer Stiftung?g. durch asketische Lebensart?h. durch vorbildliche Gewissenhaftigkeit in allen sittlichen Belangen, die das bürgerliche Profit-System nicht berühren, sowie durch Verinnerlichung der Gegebenheiten, Sensibilität für Kulturelles, Geschmack usw.?i. indem Sie beträchtliche Steuern zahlen? j. durch Gastgeberschaft?k. indem Sie sich sagen, dass es seit Menschengedenken immer Arme und Reiche gegeben hat und also immer geben wird, d. h. dass Sie gar keine Rechtfertigung brauchen?
24. Wenn Sie nicht aus eignem Entschluss (wie der Heilige Franziskus), sondern umständehalber nochmals arm werden: wären Sie den Reichen gegenüber, nachdem Sie als Gleichgestellter einmal ihre Denkweise kennengelernt haben, so duldsam wie früher, wehrlos durch Respekt?
25. Haben Sie einmal eine Banknote mit dem Porträt eines großen Dichters oder eines großen Feldherrn, dessen Würde von Hand zu Hand geht, angezündet mit einem Feuerzeug und sich angesichts der Asche gefragt, wo jetzt der verbürgte Wert bleibt?

7. Freundschaft

1. Halten Sie sich für einen guten Freund?
2. Was empfinden Sie als Verrat:
a. wenn der andere es tut? b. wenn Sie es tun?
3. Wie viele Freunde haben Sie zurzeit?
4. Halten Sie die Dauer einer Freundschaft (Unverbrüchlichkeit) für ein Wertmaß der Freundschaft?
5. Was würden Sie einem Freund nicht verzeihen:
a. Doppelzüngigkeit? b. dass er Ihnen eine Frau ausspannt? c. dass er Ihrer sicher ist? d. Ironie auch Ihnen gegenüber? e. dass er keine Kritik verträgt? f. dass er Personen, mit denen Sie sich verfeindet haben, durchaus schätzt und gerne mit ihnen verkehrt?g. dass Sie keinen Einfluss auf ihn haben?
6. Möchten Sie ohne Freunde auskommen können?
7. Halten Sie sich einen Hund als Freund?
8. Ist es schon vorgekommen, dass sie überhaupt gar keine Freundschaft hatten, oder setzen Sie dann Ihre diesbezüglichen Ansprüche einfach herab?
9. Kennen Sie Freundschaft mit Frauen:
a. vor Geschlechtsverkehr? b. nach Geschlechtsverkehr? c. ohne Geschlechtsverkehr?
10. Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?
11. Warum?
12. Gibt es Feinde, die Sie insgeheim zu Freunden machen möchten, um sie müheloser verehren zu können?
13. Wenn jemand in der Lage ist, Ihnen mit Geld zu helfen, oder wenn Sie in der Lage sind, jemand mit Geld zu helfen: sehen Sie darin eine Gefährdung der bisherigen Freundschaft?
14. Halten Sie die Natur für einen Freund?
15. Wenn Sie auf Umwegen erfahren, dass ein böser Witz über Sie ausgerechnet von einem Freund ausgegangen ist: kündigen Sie daraufhin die Freundschaft? Und wenn ja:
16. Wieviel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft oder schriftlich oder unter vier Augen?
17. Gesetzt den Fall, Sie haben einen Freund, der Ihnen in intellektueller Hinsicht sehr überlegen ist: tröstet Sie seine Freundschaft darüber hinweg oder zweifeln Sie insgeheim an einer Freundschaft, die Sie sich allein durch Bewunderung, Treue, Hilfsbereitschaft usw. erwerben?
18. Worauf sind Sie aus dem natürlichen Bedürfnis nach Freundschaft öfter hereingefallen:
a. auf Schmeichelei? b. auf Landsmannschaft in der Fremde?c. auf die Einsicht, dass Sie sich eine Feindschaft in diesem Fall gar nicht leisten können, z. B. weil dadurch ihre berufliche Karriere gefährdet wäre? d. auf Ihren eignen Charme?e. weil es Ihnen schmeichelt, wenn Sie jemand, der gerade Ansehen genießt, öffentlich als Freund bezeichnen können (mit Vornamen)? f. auf ideologisches Einverständnis?
19. Wie reden Sie über verlorene Freunde?
20. Wenn es dahin kommt, daß Freundschaft zu etwas verpflichtet, was eigentlich Ihrem Gewissen widerspricht, und Sie haben es um der Freundschaft willen getan: hat sich die betreffende Freundschaft dadurch erhalten?
21. Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?
22. Was halten Sie ferner für unerlässlich, damit Sie eine Beziehung zwischen zwei Personen nicht bloß als Interessen-Gemeinschaft, sondern als Freundschaft empfinden:
a. Wohlgefallen am andern Gesichtb. daß man sich unter vier Augen einmal gehenlassen kann, d. h. das Vertrauen, daß nicht alles ausgeplaudert wirdc. politisches Einverständnis grosso modod. daß einer den andern in den Zustand der Hoffnung versetzen kann nur schon dadurch, daß er da ist, daß er anruft, daß er schreibte. Nachsichtf. Mut zum offenen Widerspruch, aber mit Fühlern dafür, wieviel Aufrichtigkeit der andere gerade noch verkraften kann, und also Geduldg. Ausfall von Prestige-Fragenh. daß man dem andern ebenfalls Geheimnisse zubilligt, also nicht verletzt ist, wenn etwas auskommt, wovon er nie gesprochen hati. Verwandtschaft in der Schamj. wenn man sich zufällig trifft: Freude, obschon man eigentlich gar keine Zeit hat, als erster Reflex beiderseitsk. daß man für den andern hoffen kannl. die Gewähr, daß der eine wie der andere, wenn eine üble Nachrede über den andern im Umlauf ist, zumindest Belege verlangt, bevor er zustimmtm. Treffpunkte in der Begeisterungn. Erinnerungen, die man gemeinsam hat und die wertloser wären, wenn man sie nicht gemeinsam hätteo. Dankbarkeitp. daß der eine den andern gelegentlich im Unrecht sehen kann, aber deswegen nicht richterlich wirdq. Ausfall jeder Art von Geizr. daß man einander nicht festlegt auf Meinungen, die einmal zur Einigkeit führten, d. h. daß keiner von beiden sich ein neues Bewußtsein versagen muß aus Rücksicht?
(Unzutreffendes streichen.)
23. Wie groß kann dabei der Altersunterschied sein?
24. Wenn eine langjährige Freundschaft sich verflüchtigt, z. B. weil die neue Gefährtin eines Freundes nicht zu integrieren ist: bedauern Sie dann, daß Freundschaft einmal bestanden hat?
25. Sind Sie sich selber ein Freund?

8. Väterlichkeit

1. Sind Sie stolz darauf, Vater zu sein?
2. Mögen Sie Kinder allgemein?
3. Sind Sie sicher, dass Sie von Ihren erwachsenen Kindern keine Dankbarkeit erwarten? Und wenn nicht: Dankbarkeit wofür? (Stichworte genügen)
4. Wollten Sie jemals Vater werden?
5. Wenn Sie meinen, Ihre Kinder haben es besser, als sie es gehabt haben: beglückt sie das oder meinen Sie es als Vorwurf?
6. Wie stehen Sie zum Säugling?7. Hatten Sie das väterliche Verantwortungsbewusstsein schon vor der Zeugung oder während der Zeugung oder wann hat es sich bei Ihnen eingestellt?
8. Was macht Sie an Kindern traurig?
a. Ähnlichkeiten mit der Mutter?b. Ähnlichkeiten mit Ihnen?
9. Inwiefern fühlen Sie sich durch ein ungeborenes Kind lebenslänglich verbunden mit der betreffenden Frau?
10. Wenn andere Leute (Gäste, Nachbarn, Lehrer usw.) durchblicken lassen, dass sie ihr Kind nicht außerordentlich finden: wem nehmen Sie’s übel, dem Kind oder den Leuten? Oder der Mutter?
11. Fühlen Sie Blutsverwandtschaft?
12. Bis zu welchem Alter des Kindes?
13. Haben Sie Kinder je geschlagen? Und wenn nicht: weil Sie durch eine bessere Methode erreichten, was Sie wollten, oder aus Prinzip?
14. Wenn Sie eigene Kinder unter ihresgleichen sehen , z.B. bei einem sit-in, haben Sie den Eindruck, dass Sie den eigenen Kindern näherstehen als ihren Altersgenossen, und woraus schließen Sie das?
15. Was beglückt Sie als Vater vorallem?
16. Glauben Sie sich als Erzieher? Z.B. wenn Sie einen neuen Wagen haben und die Kinder betrachten ihn als ihr Eigentum: verweigern Sie ihnen die Benutzung des Wagens aus erzieherischen Gründen?
17. Wann fühlen Sie sich als Vater wohler:
a. ? allein mit dem Kind?b. ? wenn die Mutter dabei ist?
18. Wenn Sie mit einer anderen Frau ins Bett gehen, empfinden Sie sich dann als Vater?
19. Nimmt bei Ihnen die Väterlichkeit ab:
a. wenn die Kinder selber ihr Geld verdienen?b. wenn das Kind sich verheiratet?c. wenn es sich herausstellt, dass das Kind mehr weiß als Sie oder geschickter ist als Sie, lebenstüchtiger usw.?
20. Was erschreckt Sie mehr: wenn Kinder daran leiden, dass Sie ihr Vater sind, oder wenn Ihnen die Kinder von anderen Leuten insgeheim besser gefallen?
21. Ist es Ihnen bewusst, dass Sie sich anders verhalten, wenn Ihre erwachsenen Kinder zugegen sind, und was verhehlen Sie vor Ihnen?
22. Warum?23. Gesetzt den Fall, dass Sie sich der Mutter nicht verbunden fühlen als Mann: überzeugt es Sie, dass Sie der Vater ihres Kindes sind?
24. Können Sie sich ohne Kinder vorstellen?
25. Ist es Ihnen gelungen, die eigenen Kinder kennenzulernen, d.h. sie nicht als Söhne oder Töchter zu sehen?

9. Heimat

1. Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?
2. Hat Heimat für Sie eine Flagge?
3. Worauf könnten Sie eher verzichten:
a. auf Heimatb. auf Vaterlandc. auf die Fremde
4. Was bezeichnen Sie als Heimat?
a. ein Dorfb. eine Stadt oder ein Quartier darinc. einen Sprachraumd. einen Erdteil e. eine Wohnung
5. Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst: Könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist?
6. Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders?
a. die Landschaftb. dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h. dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher auf Einverständnis rechnen können?c. das Brauchtumd. dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommene. Erinnerungen an die Kindheit
7. Haben Sie schon Auswanderung erwogen?
8. Welche Speisen essen Sie aus Heimweh (z.B. die deutschen Urlauber auf den Kanarischen Inseln lassen sich täglich das Sauerkraut mit dem Flugzeug nachschicken) und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?
9. Gesetzt den Fall, Heimat kennzeichnet sich für Sie durch waldiges Gebirge mit Wasserfällen: Rührt es Sie, wenn Sie in einem andern Erdteil dieselbe Art von waldigem Gebirge mit Wasserfällen treffen, oder enttäuscht es Sie?
10. Warum gibt es keine heimatlose Rechte?

11. Wenn Sie die Zollgrenze überschreiten und sich wieder in der Heimat wissen: Kommt es vor, dass Sie sich einsamer fühlen gerade in diesem Augenblick, in dem das Heimweh sich verflüchtigt, oder bestärkt Sie beispielsweise der Anblick von vertrauten Uniformen (Eisenbahner, Polizei, Militär etc.) im Gefühl, eine Heimat zu haben?
12. Wie viel Heimat brauchen Sie?
13. Wenn Sie als Mann und Frau zusammenleben, ohne die gleiche Heimat zu haben: Fühlen Sie sich von der Heimat des andern ausgeschlossen oder befreien Sie einander davon?
14. Insofern Heimat der landschaftliche und gesellschaftliche Bezirk ist, wo Sie geboren und aufgewachsen sind, ist Heimat unvertauschbar: Sind Sie dafür dankbar?
15. Wem?
16. Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw., die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?
17. Was macht Sie heimatlos?
a. Arbeitslosigkeitb. Vertreibung aus politischen Gründen c. Karriere in der Fremded. dass Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen e. ein Fahneneid, der missbraucht wird
18. Haben Sie eine zweite Heimat…?
19. …und wenn ja: Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann bei der ersten?
20. Kann Ideologie zu einer Heimat werden?
21. Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für Sie die Heimat wäre, z.B. Harlem, und beschäftigt es Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?
22. Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?
23. Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: Wer bestimmt, was Sie der Heimat schulden?
24. Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?
25. Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?

10. Eigentum

1. Können Sie sich erinnern, seit welchem Lebensjahr es Ihnen selbstverständlich ist, daß Ihnen etwas gehört, beziehungsweise nicht gehört?
2. Wem gehört Ihres Erachtens beispielsweise die Luft?
3. Was empfinden Sie als Eigentum:
a. was Sie gekauft haben? b. was Sie erben? c. was Sie gemacht haben?
4. Auch wenn Sie den betreffenden Gegenstand (Kugelschreiber, Schirm, Armbanduhr usw.) ohne weiteres ersetzen können: empört Sie der Diebstahl als solcher?
5. Warum?
6. Empfinden Sie das Geld schon als Eigentum oder müssen Sie sich dafür irgendetwas kaufen, um sich als Eigentümer zu empfinden, und wie erklären Sie es sich, daß Sie sich umso deutlicher als Eigentümer empfinden, je mehr Sie meinen, daß man Sie um etwas beneidet?
7. Wissen Sie, was Sie brauchen?
8. Gesetzt den Fall, Sie haben ein Grundstück gekauft: wielange dauert es, bis Sie die Bäume auf diesem Grundstück als Eigentum empfinden, d. h., daß das Recht, diese Bäume fällen zu lassen, Sie beglückt oder Ihnen zumindest selbstverständlich vorkommt?
9. Erleben Sie einen Hund als Eigentum?
10. Mögen Sie Einzäunungen?
11. Wenn Sie auf der Straße stehenbleiben, um einem Bettler etwas auszuhändigen: warum machen Sie’s immer so flink und so unauffällig wie möglich?
12. Wie stellen Sie sich Armut vor?
13. Wer hat Sie den Unterschied gelehrt zwischen Eigentum, das sich verbraucht, und Eigentum, das sich vermehrt, oder hat Sie das niemand gelehrt?
14. Sammeln Sie auch Kunst?
15. Kennen Sie ein freies Land, wo die Reichen nicht in der Minderheit sind, und wie erklären Sie es sich, daß die Mehrheit in solchen Ländern glaubt, sie sei an der Macht?
16. Warum schenken Sie gerne?
17. Wieviel Eigentum an Grund und Boden brauchen Sie, um keine Angst zu haben vor der Zukunft? (Angabe in Quadratmetern.) Oder finden Sie, daß die Angst eher zunimmt mit der Größe des Grundeigentums?
18. Wogegen sind Sie nicht versichert?
19. Wenn es nur noch das Eigentum gäbe an Dingen, die Sie verbrauchen, aber kein Eigentum, das Macht gibt über andere: möchten Sie unter solchen Umständen noch leben?
20. Wieviele Arbeitskräfte gehören Ihnen?
21. Wieso?
22. Leiden Sie manchmal unter der Verantwortung des Eigentümers, die Sie nicht den andern überlassen können, ohne Ihr Eigentum zu gefährden, oder ist es die Verantwortung, die Sie glücklich macht?
23. Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?
24. Da zwar ein Recht auf Eigentum besteht, aber erst in Kraft tritt, wenn Eigentum vorhanden ist: könnten Sie es irgendwie verstehen, wenn die Mehrheit Ihrer Landsleute, um ihr Recht in Kraft zu setzen, Sie eines Tages enteignen würde?
25. Und warum nicht?

11. Tod

1. Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr?
2. Was tun Sie dagegen?
3. Haben Sie keine Angst vor dem Tod (weil Sie materialistisch denken, weil Sie nicht materialistisch denken), aber Angst vor dem Sterben?
4. Möchten Sie unsterblich sein?
5. Haben Sie schon einmal gemeint, dass Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen:
a. was Sie hinterlassen?b. die Weltlage?c. eine Landschaft?d. dass alles eitel war?e. was ohne Sie nie zustandekommen wird?f. die Unordnung in den Schubladen?
6. Wovor haben Sie mehr Angst: dass Sie auf dem Totenbett jemand beschimpfen könnten, der es nicht verdient, oder dass Sie allen verzeihen, die es nicht verdienen?
7. Wenn wieder ein Bekannter gestorben ist: überrascht es Sie, wie selbstverständlich es Ihnen ist, dass die andern sterben? Und wenn nicht: haben Sie dann das Gefühl, dass er Ihnen etwas voraushat, oder fühlen Sie sich überlegen?
8. Möchten Sie wissen, wie Sterben ist?
9. Wenn Sie sich unter bestimmten Umständen schon einmal den Tod gewünscht haben und wenn es nicht dazu gekommen ist: finden Sie dann, dass Sie sich geirrt haben, d. h. schätzen Sie infolgedessen die Umstände anders ein?
10. Wem gönnen Sie manchmal Ihren eigenen Tod?
11. Wenn Sie gerade keine Angst haben vor dem Sterben: weil Ihnen dieses Leben gerade lästig ist oder weil Sie gerade den Augenblick genießen?
12. Was stört Sie an Begräbnissen?
13. Wenn Sie jemand bemitleidet oder gehasst haben und zur Kenntnis nehmen, dass er verstorben ist: was machen Sie mit Ihrem bisherigen Hass auf seine Person beziehungsweise mit Ihrem Mitleid?
14. Haben Sie Freunde unter den Toten?
15. Wenn Sie einen toten Menschen sehen: haben Sie dann den Eindruck, dass Sie diesen Menschen gekannt haben?
16. Haben Sie schon Tote geküsst?
17. Wenn Sie nicht allgemein an Tod denken, sondern an Ihren persönlichen Tod: sind Sie jeweils erschüttert, d. h. tun Sie sich selbst leid oder denken Sie an Personen, die Ihnen nach Ihrem Hinschied leidtun?
18. Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?
19. Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten?
20. Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, dass man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat?
21. Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?
22. Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: beruhigt Sie die Vorstellung, dass wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod?
23. Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?
24. Wenn Sie jemand lieben: warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem andern überlassen?
25. Wieso weinen die Sterbenden nie?

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Jacques Durand Shooting (September 2017)

Ingo Herrmann für Jacques Durand – Plakat Silmo 2017 – Idee/Konzeption: Anette Scholz, Foto: Felix Brokbals.

Ingo Herrmann für Jacques Durand – Plakat Silmo 2017 – Idee/Konzeption: Anette Scholz, Foto: Felix Brokbals.

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DER 9. NOVEMBER – EIN DEUTSCHER SCHICKSALSTAG?

Vorbereitungen – Vortrag Salon 9. November 2017

Leider konnte bzw. wird der Vortrag von mir nicht gehalten. Hier dennoch meine (unvollständigen) Vorbereitungen:

2001

Video – ohne Kommentar. (Nine-Eleven statt Eleven-Nine)…

1989

Die DDR im Herbst 1989: Hunderttausende haben das Land verlassen. Über die österreichisch-ungarische Grenze können DDR Bürger frei ausreisen. Anspannung, Unmut oder Unsicherheit sind vorherrschende Gefühle.

Nachdem am 9. Oktober eine „chinesische Lösung“ in bei den Demonstrationen in Leipzig vermieden wurde, Honecker am 18. Oktober seinen Rücktritt erklärte (nicht ganz freiwillig), tagt – wie in diesem Tagen so oft –  auch am 9. November das Zentralkomitee, das höchste Beschlussorgan der SED zwischen den Parteitagen. Nachdem Egon Krenz mit dem Politbüro eine Übereinkunft zu einem neuen Reisegesetz getroffen hat, stellt er diesen Originaltext dem ZK vor:

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski (2/2)

Keineswegs ist mit der Regelung vorgesehen, die Mauer einzureißen. Beabsichtigt ist vielmehr, beginnend mit dem 10. November 1989, ständige Ausreißen – also die Übersiedlung in die Bundesrepublik – nun auch über die deutsch-deutsche Grenze zu genehmigen, aber erst nach einem entsprechenden Antrag. Bisher war eine Ausreise lediglich über Drittstaaten möglich, was dem Ansehen der DDR – so Krenz – dauerhaft schade. Besuchsreisen sollten – ebenfalls auf Antrag – bis zu 30 Tagen pro Jahr genehmigt werden, jedoch an die Erteilung eines Visums und den Besitz eines Reisepasses gekoppelt werden. Einen Reisepass besaßen zu dieser Zeit jedoch nur etwa  4 Millionen Bürger, nämlich die Renter. Alle anderen – so das Kalkül – müssen zunächst einen Pass beantragen und sich dann noch einmal mindestens 4 Wochen gedulden. Einem sofortigen Aufbruch aller Bürger – so meinte man – sei damit ein Riegel vorgeschoben.

Die Reiseverordnung soll am 10. November mit ihrer Bekanntgabe in den DDR Medien in Kraft treten. Die Pressemitteilung hat deshalb eine Sperrfrist, 10. November, vier Uhr. Obwohl die Regelung formell noch nicht durch den Ministerrat beschlossen ist, beauftragt Krenz den Regierungssprecher die Mitteilung gleich zu veröffentlichen und hebt damit die Sperrfrist beiläufig auf.

Diese Fehlentscheidung wäre noch korrigierbar gewesen, denn Regierungssprecher Wolfgang Meyer kennt den Hintergrund der Sperrfrist. Doch bereits die nächste Entscheidung von Krenz ist unumkehrbar. Er händigt die Vorlage Günther Schabowski, dem SED Pressesprecher, aus, der sie auf seiner, live vom DDR Fernsehen übertragenen, internationalen Pressekonferenz bekanntgibt. Schabowski weiß nichts von einer Sperrfrist und vermittelt den Eindruck, als sei die Verordnung bereits in Kraft.

Die Medien interpretieren Schabowskis Äußerungen als bedingungslose Grenzöffnung. Mit Meldungen wie „DDR öffnet Grenze“ und „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“ lösen sie – und nicht die Pressekonferenz selbst – später am Abend einen Ansturm von Ost- und Westberlinern auf die Grenzübergänge und das Brandenburger Tor aus.

Dadurch wird das gemeldete Ereignis, die angeblich schon offene Grenze, erst wirklich herbeigeführt. Der Fall der Berliner Mauer – der 9. November 1989 – ist damit das erste welthistorische Ereignis, dass als Folge seiner vorrauseilenden Verkündung durch Presseagenturen, Fernsehen und Hörfunk eintritt.

1923

Am Morgen des 9. November 1923 veröffentlichte Alfred Rosenberg, einer der einflussreichsten Akteure im kommenden Nationalsozialismus („Chefideologe“) einen Artikel im Völkischen Beobachter, der Parteizeitschrift der NSDAP.

Am 9. November 1918 wurde das um sein Dasein kämpfende Volk hinterrücks überfallen und verraten. Seit dieser Zeit wird deutsche Ehre von Verrätern und Meineidigen straflos mit Füßen getreten. Seit dem 9. November 1918 setzt eine planmäßige Deutschenverfolgung ein, um die Nutznießer des Novemberverrats die Früchte ihres Verbrechens ungehindert genießen zu lassen. Das ist jetzt zu Ende! Am 9. November 1918 siegte der Hochverrat, am 9. November 1923 beginnt die Sühne, das gerechte Gericht an den Volksbetrügern. […] Die führenden Schufte des Verrates vom 9. November 1918 […] sind ab heute als vogelfrei erklärt. Jeder Deutsche […] hat die Pflicht, sie tot oder lebendig in die Hand der Völkischen Nationalregierung zu liefern.

Proklamation an das deutsche Volk!, Hitler-Ludendorff-Putsch in München, 8./9. November 1923. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv).

Die Geschichte nahm bekanntermaßen nicht den von Rosenberg und Hitler vorgesehen Lauf. Der Putsch scheiterte kläglich. Friedrich Ebert und Gustav Stresemann waren auch am Abend noch frei, während 16 Anhänger des Nationalsozialismus sowie 4 Polizisten getötet wurden.

1938

Hitler – der sich nach dem absehbaren Scheitern im Kleiderschrank in einem Haus nahe München versteckte – und Ludendorff wurden festgenommen. Die NSDAP wie auch der Völkische Beobachter wurden verboten. Nach der Neugründung der NSDAP im Februar 1925 erschien am 9. November 1925 auf dem Titel des Völkischen Beobachters ein ganzseitiges „Gedenken dem im Kampf um Deutschlands Wiedergeburt gefallenen Kameraden“. Seither wurde von den Nationalsozialisten den Ereignissen des 9. November immer gedacht.

Der Putschmarsch vom Münchner Bürgerbräu-Keller zur Feldherrenhalle – über die die Putschisten nicht hinauskamen – wurde jährlich wiederholt. Abends versammelte Hitler seiner Getreuen. Die Versammlung vom 9. November 1938 war der Ausgangspunkt der sogenannten Reichskristallnacht.

1918

Ausrufung der Republik.

1848

09. November 1848 – Erschießung R. Blums

Heinrich Steffeck (zugeschrieben): Erschießung Robert Blums (1807-1848) am 9. November 1848 auf der Brigittenau bei Wien, 1848/49, Öl auf Holz, 21 x 34,5 cm, DHM – Deutsches Historisches Museum Berlin, Inv.-Nr. Kg 78-5.

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Bitcoin: Ein elektronisches Peer­-to­-Peer­ Bezahlsystem

Das Grundlagen-Paper von Satoshi Nakamoto wurde durch bitcoin.de übersetzt und steht seither auch auf deutsch zu Verfügung. Hier gibt es das Paper: Satoshi Nakamoto – Grunlagen Paper Bitcoin Deutsch.

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