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Charles Bukowski – Die Hölle ist ein einsamer Ort

Die Hölle ist ein einsamer Ort

er war 65; seine Frau
war 66 und litt an der
Alzheimerschen Krankheit.

Er hatte Mundkrebs.
Eine Operation nach der
anderen; Strahlenbehandlung
zerrüttete seinen Kieferknochen
der mit Draht verstärkt
werden musste.

Jeden Tag wickelte er
seine Frau wie ein
Baby mit Gummi –
höschen.

Er konnte in seinem Zustand
nicht Auto fahren, musste sich
ein Taxi in die Klinik nehmen
konnte kaum noch reden
musste das Fahrziel
auf einen Zettel
schreiben.

Bei seinem letzten Besuch
teilten sie ihm mit
dass eine weitere Operation
nötig war: Noch ein
bisschen linke Wange
noch ein Stück Zunge.

Als er nach Hause kam
wechselte er seiner Frau
die Windeln, schob zwei
Fertiggerichte in den
Ofen, sah sich die
Abendnachrichten an.
Dann ging er ins
Schlafzimmer, nahm
den Revolver, setzte den
Lauf an ihrer Schläfe
und drückte ab.

Sie fiel nach links.
Er setzte sich auf die
Couch, schob sich den
Lauf in den Mund,
drückte ab.

Die Schüsse fielen den
Nachbarn nicht auf –
später aber das
angebrannte Essen.

Jemand kam, stieß die
Tür auf, sah
es.

Bald kam die
Polizei, machte ihre
Arbeit, fand einiges:
Ein aufgelöstes
Sparbuch, einen
Kontoauszug mit einem
Guthaben von $1,14.

Selbstmord –
schlossen sie
daraus.

Drei Wochen danach
zogen zwei neue
Mieter ein.
Ein Computer-
ingenieur namens
Ross
und seine Frau
Anatana
die Ballet-
unterricht
nahm.

Offenbar ein
aufstrebendes
Paar wie
viele.

Erschienen in: Kamikaze Träume, Köln, 2012, S. 134.

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Friedrich Hölderlin – Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

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Günter Eich – Ende eines Sommers

Günter Eich

Ende eines Sommers

Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!

Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben!
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.

Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.
Er misst seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.
Seine Strecken
werden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang,
die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

Es heißt Geduld haben.
Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,
unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.

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