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Etel Adnan – Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Etel Adnan

Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Wenige Wochen vor dem Zusammenbruch seines geordneten Denkvermögens schrieb Nietzsche: „Ich bin ein Rendez-vous von Erfahrungen“; das entscheidende Wort ist „Rendez-vous“. Er habe, wollte er sagen, sein Leben damit verbracht, der Welt entgegenzueilen, und gleichzeitig sei die Welt ihm entgegengeeilt. Diese gegenseitige Anziehungskraft, diese doppelte Bewegung, hatte zentrale Bedeutung für ihn. Die enorme Großzügigkeit seines Geistes machte ihn zum Schnittpunkt kosmischer Kräfte, aktueller gesellschaftlicher Strömungen und Ideen, wobei er letztere häufig eher aufgriff, als dass er sie selbst erdachte. Diese Großzügigkeit war eine Form von Liebe. Auf radikale Weise hat Nietzsche uns nicht allein die Liebe zum Dasein gezeigt, sondern auch die zu den scheinbar unbedeutenden Dingen, überhaupt zu allem, was seinen Verstand berührte und sein Herz. Deshalb bildet sein Werk auch kein System, kreist nicht um ein Zentrum, sondern besteht aus einer Reihe fundamentaler Hingebungen.

Seltsamerweise muss ich bei Nietzsche an al-Hallaj denken, obwohl dessen (islamischer) Mystizismus sich absolut nicht mit Nietzsches Vorstellungswelt zu vertragen scheint.

Den deutschen Philosophen und den arabischen Mystiker des 10. Jahrhunderts trieben ihre schöpferischen Energien bis zum Äußersten, und sie opferten sich selbst für diese radikale Suche. al-Hallaj hatte erklärt: „Ich bin die schöpferische Wahrheit.“ Und weiter: „Ich habe meinen Herrn mit den Augen des Herzens erblickt und ihn gefragt: ‚Wer bist du?‘ Er antwortete mir: ‚Du‘.“ Und Nietzsche spricht in seinen Dionysos-Dithyramben indirekt von sich selbst als einem Mann, der sagt: „Ich bin die Wahrheit.“ Beide verzehrten sich also auf ihrem Weg hin zum Absoluten: Für den einen war das Gott, für den anderen die Umwandlung (und Zerstörung) aller Werte. Das allem übergeordnete leitende Prinzip war für al-Hallaj die Liebe, das Verlangen, sich dem Feuer des göttlichen Willens zu nähren und in es einzudringen, bis hin zum eigenen Tod. al-Hallaj begriff seine Verurteilung zum Tod durch Folter und Kreuzigung als natürlichen Preis seiner leidenschaftlichen Besessenheit und hieß das Urteil willkommen. Nietzsche wiederum zahlte dafür, dass er seiner Suche in Freiheit nachgehen konnte, mit jener absoluten Einsamkeit, die ihn schließlich in den Wahnsinn trieb. Nietzsches leidenschaftliche Hingabe an sein revolutionäres, die Augen öffnendes Denken wiederholte sich in seiner Liebe zu Cosima: In den letzten Schriften seiner umnachteten Jahre bedachte er praktisch alle Menschen, die er jemals gekannt  hatte, mit Hass, außer Cosima Wagner. Und seine letzte bewusste Äußerung scheint eine Notiz an sie gewesen zu sein, in der er ihr (verzweifelt, um das mindeste zu sagen), erklärt: „Ariadne, ich liebe dich, Dionysos.“ Das Übermaß an Liebe bei den Mystikern sämtlicher Religionen dürfte kaum jemanden unberührt lassen. Selbst Ungläubige werden etwa die Schriften der großen Sufi-Meister bewundern, in denen Poesie, philosophisches Fragen und lyrisches Schwärmen sich in ihrem leidenschaftlichen Verlangen nach dem Göttlichen verbinden.

Stärker als alle anderen Ausdrucksformen zeugen mystische Texte von der Erfahrung einer fundamentalen Einheit der Liebe. Das heißt, wir unterscheiden zwar zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen von Liebe, wissen aber, dass sie alle einer einzigen Quelle entspringen: So wie elektrische Energie sich unterschiedlich (und widersprüchlich) manifestiert, kann Liebe sich auf die Natur beziehen, auf Sexuelles, auf Familienbande, auf Wissenschaft und so weiter… dennoch hat sie einen einzigen Ursprung, der sich  ebenso im Gehirn und dessen Vorformen wie in den geheimnisvollen Regionen dessen, was wir die „äußere Welt“ nennen, verbirgt.

Auch wenn man landläufig unter Liebe vor allem ein romantisches oder leidenschaftliches Gefühl für einen anderen Menschen versteht, muss sie nicht zwangsläufig darauf reduziert sein. So erinnere ich mich an zwei Leidenschaften in meinem Leben, die nicht einem Menschen galten und trotzdem eine Zeit lang alles andere beherrschten.

Ich bin in Beirut aufgewachsen und habe als Kind häufig zusammen mit anderen Kindern im Meer gebadet. Das war in den dreißiger Jahren. Zu der Zeit gab es noch nicht die exklusiven Badeorte, die die Menschen heutzutage im Sommer aufsuchen. Damals schlugen die Wellen unmittelbar an den Stadtrand, und der Strand, sehr felsig, mit hier und da kleinen Badestellen dazwischen, war kaum mehr als einen halben Kilometer von unserem Haus entfernt. Meine Mutter setzte sich dann auf einen dieser Felsen und ließ mich herumpaddeln. Zur Sicherheit schlang sie immer eine Art Schnur oder Seil wie eine Hundeleine um meine Brust und hielt sie sorgfältig fest. Auf diese Weise entwickelte ich schon als kleines Kind ein sinnliches Gefühl für das Meer, ein geradezu fasziniertes Verlangen danach, und frönte ihm heimlich. Diese Leidenschaft entzückte mich, und sie isolierte mich. Sie hat mich ein Leben lang nicht verlassen.

Ein paar Jahrzehnte später ließ ich mich in Kalifornien nieder. In den Anfangsjahren empfand ich mich als zutiefst entwurzelt. Ich wohnte damals nördlich von San Francisco, auf der anderen Seite der Golden-Gate-Brücke, und entwickelte so etwas wie einen vertrauten Umgang mit Mount Tamalpais, einem Berg, der die Landschaft dort beherrscht. Nach und nach wurde der Berg zu einer konkreten Bezugsgröße. Ich begann mich an ihm zu orientieren, aus der Nähe ebenso wie aus der Ferne. Er wurde zu einem Gefährten. Und als ich dann irgendwann Malerin wurde, begann ich ihn zu malen, in Öl. Ich zog in ein Haus in Sausalito, aus dessen sämtlichen Fenstern er zu sehen war. Ich malte nur noch den Berg, und das ging jahrelang so, bis ich nichts anderes mehr denken konnte. Es wurde meine Hauptbeschäftigung, den Berg in seiner unaufhörlichen Veränderung zu beobachten. Ich schrieb sogar ein Buch über den Berg, um ihn und meine Gefühle in den Griff zu bekommen – doch die Erfahrung trat über die Ufer meines Schreibens. Ich war süchtig.

Doch ja, ich trieb mich in Jazzkellern herum, ging immer wieder ans Meer, fuhr ins Yosemite-Tal, atmete kalifornisches Wetter… aber das war es auch. Ich hatte vergessen, dass es noch andere Arten von Privatleben gab!  Das bedaure ich nicht. Im Gegenteil, es waren ekstatische Jahre.

Man könnte meinen, dass die Liebe zu einem bestimmten Baum oder zur Natur als solcher harmlos sei; aber keine Liebe ist harmlos. Sie kann die gesamte eigene Existenz in Mitleidenschaft ziehen und tut es auch. Was wir „Natur“ nennen, umfasst eine unendliche Zahl von Reaktionsweisen; unter anderem das Auskundschaften, das Eingehen von Risiken, die völlige Umwälzung des eigenen Lebens. Die Liebe zur Natur kann einen auf die Gipfel des Himalaja führen, an den Kraterrand von Vulkanen, in Höhlen und in Forschungslabore; sie öffnet einem die Augen für das eigene Ich; sie inspiriert bildende Künstler, Dichter und Philosophen; sie zeigt einem Wege zum Verständnis ihrer Großartigkeit.

Das Verhalten von immer mehr Menschen lässt allerdings darauf schließen, dass sie die Natur ignorieren, sie ablehnen oder sogar verachten. Sonst hätten wir nämlich nicht die heutige ökologische Katastrophe. Wenn diese Menschen läsen, was der amerikanische Indianer, Häuptling Joseph, einst sagte, würden sie es nicht verstehen. Als Indianer Land für die amerikanischen Siedler pflügen sollten, sagte er: „Wie kann ich den Leib meiner Mutter mit einem Pflug aufreißen?“ Und das meinte er nicht metaphorisch, sondern wörtlich. Denn schließlich ist die Erde unsere Mutter. Sie erhält uns am Leben. Wir kommen aus ihr: Die Religionen sagen es auf ihre Weise, die Wissenschaft sagt es ebenfalls und der gesunde Menschenverstand auch. Folglich lieben wir unsere erste, unsere ursprüngliche Mutter nicht. Mehr noch, wir haben sie aufgegeben. Wir haben sie hinter uns gelassen. Wir sind zum Mond geflogen.

Symbolisch gesehen ist es absolut wahr, dass wir das Interesse an unserem nomadischen Planeten verloren haben. Die avancierteste Forschung der Welt befasst sich entweder mit dem unendlich Kleinen (dem Bereich der Atome) oder mit Astronomie. Die Menschheit sieht sich schon nach Möglichkeiten des Lebens auf anderen Planeten um… und die Technologie stellt sich komplett in den Dienst abstrakter Wissenschaft und ihrer Beschäftigung mit nicht mehr vorstellbaren Dingen. Der Planet Erde scheint Schnee von gestern. Er ist das Haus, dessen wir uns gerade entledigen. Wir lieben die Erde ganz entschieden nicht. Offensichtlich glauben wir sogar, wir brauchten sie gar nicht. Weil der Preis für die Liebe, die sie retten kann, unvorstellbar hoch wäre. Es würde bedeuten, dass wir unsere Lebensweise radikal verändern und auf manche Bequemlichkeiten verzichten müssten – auf unser Spielzeug, unsere Lieblingsgeräte, aber vor allem auf unsere politischen und religiösen Mythologien. Wir müssten eine neue Welt (keine „Schöne neue Welt“!) erschaffen. Zu alledem sind wir nicht bereit. So sind wir schlicht und einfach zum Untergang verdammt.

Wir müssen nur an all die politisch Militanten, die Helden der Befreiungsbewegungen, die echten Kämpfer für Menschenrechte, die Rebellen denken… Was machen wir mit ihnen? Wir sorgen dafür, dass sie in Irrenhäusern, in Gefängnissen, im Exil enden… Nur die Vergötterer von Macht, Geld, Krieg und organisiertem Verbrechen scheinen sich im Rampenlicht zu bewegen. Wir sind an einem historischen Punkt angelangt, an dem die westlichen Demokratien, die sich für den ultimativen Garanten der Freiheit halten, erleben, wie ihre Werte hohl, ihre Freiheiten zweifelhaft werden und wie ihr Humanismus verloren geht. Und das, weil sie feststellen, dass ihre Macht auf der Weltbühne dahinschwindet, worüber sie in blanke Panik geraten. Was ist zu tun? Zuallererst sollten wir dringend ein Gefühl für Solidarität entwickeln, ohne die keine Gesellschaft zusammenhält. Tolstoi notierte am 5.November 1873 in seinem Tagebuch: „Liebe ist verstörend.“ Ja, politisches Handeln ist eine Form von Liebe, und sie kann explosiv sein und zu großem Aufruhr führen. Aber was ist, wenn wir solche Risiken nicht eingehen, wenn wir die Dinge so weiterlaufen lassen, wie sie zur Zeit laufen, weil es uns sicherer scheint? Die Antwort ist einfach: Wenn wir nicht den Preis zahlen, den es kostet, die Welt zu verändern, dann wird die Welt sich auf ihre Weise ändern. Ändern wird sie sich auf jeden Fall, nur werden wir dann keine Möglichkeit mehr haben, sie in Bahnen zu lenken, die wir für positiv halten, und am Ende wird der Preis sehr viel höher sein, und es wird zu spät sein! Das Problem ist – und das ist das Schlimmste – schlicht universell.

Und nun können wir gern über die Vorstellung von Liebe nachsinnen, die seit jeher am häufigsten vorkommt, am abgedroschensten ist und heute fast immer missverstanden wird. Die Liebe ist der am stärksten kommerzialisierte Begriff überhaupt.

Aber es gibt sie dennoch, die Liebe in ihrer wahrhaftigsten Bedeutung. Es kann in der Kindheit beginnen: Im Alter von neun oder zehn verlieben Kinder sich in Schulkameraden, in ein anderes Kind, das ihre Aufmerksamkeit fesselt – und ihr Herz. Sie spüren schon früh den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe.

Die Liebe beginnt damit, dass mir eine geschwungene Nackenlinie, die Länge einer Augenbraue, der Beginn eines Lächelns auffällt. „Es passiert!“ Die Gegenwart eines anderen menschlichen Wesens mobilisiert die Aufmerksamkeit, die eigenen Sinne. Dieses Gefühl wächst, wird zum Wunsch, die neue Erfahrung möge sich wiederholen. Es wird zu einem Routenplan. Einer Reise. Die Einbildungskraft bemächtigt sich der Realität und beginnt, sie zu bearbeiten, entwirft Fantasien, Träume, Projekte… Sie erschafft ihre eigene Notwendigkeit, und bei manchen Menschen nimmt sie das gesamte Leben in Beschlag. Das Gefühl wird zur Stimme in der Nacht, die „ich liebe dich“ sagt und die eigene Existenz aus den Angeln hebt. Es kann so weit gehen, dass man schließlich das gesamte Universum infrage stellt; das Gefühl domestiziert das eigene Denken und endet als Sucht! Und in den tragischsten Fällen stürzt es in einen Abgrund der Schmerzensschreie, in dem die Liebenden jedes Empfinden für Dimension, für die Realität verlieren. Das ist der Moment, von dem Dichter sagen, die Liebe ändere den Lauf der Zeit.

Dieser Zustand der Verliebtheit ist ungemütlich: Er ist labil, allen Winden ausgesetzt, nahezu irrational. Er kann leicht Angstzustände produzieren, etwas Zwanghaftes bekommen. Der Herzschlag beschleunigt sich, man löscht das Licht, legt sich zu einem anderen Körper und versinkt in einer Art verzweifelter Seligkeit.

Wer könnte eine derartige Intensität lange aushalten? Die Liebe wird zu einem Feuerfluss, der das Blut in den Adern ersetzt. Sie nimmt einem den Atem. Man möchte stillhalten, sich nicht rühren, die Zeit vergessen. Selbst das Empfinden für den eigenen Körper verschwindet. Er verschwindet aus dem Gedächtnis. Es entsteht eine Art Starre. Sie verdankt sich der totalen Mobilisierung aller Sinne, die fortan auf neue Weise funktionieren. Sogar das Verlangen bleibt dahinter zurück. Seltsamerweise hat dieser Zustand eine große Ähnlichkeit mit der Todeserfahrung.

Wer könnte einen derartigen inneren Aufruhr über längere Zeit ertragen? Die Liebenden selbst beginnen sich schließlich vor ihrem Glück zu fürchten und sind bereit, es zu zerstören. Und die Gesellschaft verdächtigt eine solche Liebe ohnehin. Sie unterdrückt sie mit aller Macht, hält sie für subversiv und potenziell revolutionär.

Die Liebe kommt stets wie ein Erdbeben. Sie affiziert nicht nur die Liebenden selbst, sondern auch ihre Zuschauer. Letztere werden neidisch. Es packt sie die große Eifersucht. Kein Wunder, dass es „Ehrenmorde“ gibt, ebenso wie all die anderen kriminellen Akte gegen Frauen im Zusammenhang mit Liebe und Sexualität. Die katholische Kirche ist sowieso ganz unmissverständlich gegen das Lustprinzip im Privatleben ihrer Anhänger. Sie bindet Sexualität an die Fortpflanzung, die Bedeutung, die sie Marias Jungfräulichkeit beimisst, ist nur ein Beispiel unter vielen. Es gibt kein Entkommen. Liebe hat einen Preis (wie jede andere menschliche Äußerung). Wir sind eine gesellige Spezies, und die Gesellschaft lastet unausweichlich auf unserem Leben.

Es stimmt, wir leben in einer Zeit, in der die Verbindung von Sexualität und Liebe aufgelöst wurde. Und die Naiven, die sich vor leidenschaftlichen Affären fürchten, weil so etwas womöglich ihr Leben umkrempelt und zu Unglück führt, können Filmstars und literarische Figuren etc. entspannter lieben als einen persönlichen Partner – wenn sie ihre Abende nicht gerade mit Sportzeitungen und Fußballsendungen verbringen… Es wird so viel Zeit verschwendet auf Leidenschaften, die keine direkte Herausforderung für den Einzelnen sind… Das „moderne Leben“ bietet immer mehr Möglichkeiten, sich an eine sinnlose Welt zu verlieren.

Es gilt als Befreiung des Körpers, wenn er autonom wird und nach seinem eigenen Recht verlangt. Sexualität als Spiel gilt als Ausdruck höchsten Raffinements, und es ist sicher richtig, dass etwas Zynismus dabei nicht schaden kann. Aber auf lange Sicht kann die Leugnung von Gefühlen zu Gewalt führen und tut es auch… So produziert die „befreite“ Fantasie in der Filmindustrie inzwischen nur noch Science-Fiction-Geschichten oder solche über Verbrechen… Und ist die Herstellung von Pornographie mittlerweile nicht zu einem globalen Geschäft geworden?

Aber was ist Liebe? Und was geben wir auf, wenn wir sie aufgeben?

Liebe lässt sich nicht beschreiben, man muss sie leben. Wir können sie leugnen, aber wir erkennen sie, wenn sie uns ergreift. Wenn etwas in uns sich unser Ich unterwirft. Gefangener seiner selbst, das ist, der Liebende. Ein seltsames Fieber. Aber es muss nicht immer und unbedingt ein menschliches Wesen sein, das die Liebe hervorruft. Ein Sonderfall. Ja.

Ich ging von Beirut nach Paris, um Philosophie zu studieren. Wie viele junge Mädchen hatte ich viele männliche Freunde… Für meine Generation war ein Freund jemand, mit dem man endlos durch die Straßen spazierte, tanzen ging, über die Liebe sprach… Wir hatten kein Sexualleben, allenfalls einige vage sexuelle „Affären“. Etwas, das ich „atmosphärische“ Erfahrungen nennen würde, ein Wohlgefühl, der Stolz darauf, von vielen Jungen für attraktiv gehalten zu werden. Und natürlich noch etwas darüber hinaus, eine Unruhe im Körper, ein Verlangen, das nicht Verlangen genannt wurde… Dabei hielten wir uns für ziemlich raffiniert und modern, denn wir waren die erste Generation junger Mädchen, denen ein gewisser (begrenzter) Zugang zu jungen Männern zugestanden wurde. Das galt als großes Abenteuer!

In meiner Anfangszeit in Paris hatte ich keine engen Freunde. Verständlicherweise. Damals brauchte es Zeit, bis ausländische Studenten Freundschaften mit Kommilitonen schließen konnten. Ich fühlte mich ziemlich allein; aber das Entdecken der Stadt wurde zu einer Beschäftigung, die mich völlig ausfüllte: Sie begeisterte mich, ich war glücklich.

Damals liebte ich die Nacht; ich tue es immer noch. Nacht gehört zur Liebe; wie Nebel. Sie befreit den Raum, lässt Frische einkehren. Ihr Zauber beflügelt den Körper, macht das Mysterium spürbar, lebendig zu sein, kurzum, zu sein. Der Himmel wird, mit Sternen und Galaxien oder ohne sie, zum privaten Reich – zum Betätigungsfeld der Fantasie. In solchen Momenten ist zwischen dem Mond und einem selbst alles erreichbar.

Und dann, an einem dieser kühlen, leuchtenden Tage, einem dieser wie eine Radierung silbrig gedämpften Nachmittage, ging ich in den Louvre.

Ich betrat diesen Tempel leise, unschuldig; zum ersten Mal. Nach wenigen Schritten stand ich vor der Nike von Samothrake. Vor der geflügelten Siegesgöttin. Ich blieb dort stehen, völlig entgeistert. Diese Gestalt schwang sich in die Höhe, war im Begriff, vom Boden abzuheben, wie ein Flugzeug in einem stummen Traum. War mehr als ein Flugzeug. Vor meinen Augen hob eine Zivilisation vom Boden ab und blieb doch auf der Erde, eine Zivilisation, von der alles beseitigt worden war, bis auf ihre archetypische Gestalt.

Und dann drehte ich mich um und sah die Venus von Milo. Die Statue aus weißem Marmor stand dort, anscheinend überlebensgroß, richtete sich auf oder beugte sich, je nach Blickwinkel. Wie lange stand ich dort und schaute sie an? Zeit spielte mit Sicherheit keine Rolle. Ich war allein. Wir waren allein. Meine Augen wanderten über ihren Körper aus einem Stoff zwischen Fleisch und Stein – blieben an verschiedenen Stellen haften, entdeckten ihre Kurven, die gleichzeitig lockten und auf Distanz hielten, bestaunten das Geheimnis einer derartigen Präsenz, die lebendig war und doch aus Marmor, dafür geschaffen, von ihr zu träumen, aber nicht, sie zu berühren. Die Liebe, die den griechischen Bildhauer dazu bewegt hatte, diese Göttin zu formen, zu gestalten, zum Leben zu erwecken, ging auf mich über. All meine Sinne erwachten gleichzeitig. Ich verlor den Verstand über ihrer eisigen und doch so gefährlichen Schönheit. Die Begegnung wurde zu einer Initiation. Zu einem Tor in mein eigenes Inneres. Ich verbrachte diese Nacht der Offenbarung mit ihr in der tiefsten und wichtigsten Einsamkeit, die ich jemals erlebt habe. Es war Winter, aber ich schwitzte die ganze Nacht. Ich schloss die Augen und presste das Gesicht ins Kissen. Ich brannte lichterloh vor Leidenschaft. Ich weinte. Mein Körper verlangte nach ihr. Ich schlief mit ihr ganz ohne sie, und meine Fantasie stand in Flammen.

Natürlich waren die Erfahrungen, die dann folgten, anders… Ich wurde in das geworfen, was man die „wirkliche Welt“ nennt, und zwar mit allem, was dieser Begriff umfasst. Aber jenes ursprüngliche Erlebnis hat mich immer begleitet, als Frage, als wiederkehrendes Bild, als Offenbarung: Die Macht der Kunst, die dieses „Ereignis“ bezeugte, bleibt bedrohlich. Ich ging dazu über, die Erinnerung an die Geschehnisse jener Nacht als eine Meditation über die Natur der Liebe zu begreifen… ihr Geheimnis wurde dadurch nur noch tiefer.

Vor seinem Selbstmord notierte Majakowski diesen knappen Satz: „Lili, lieb mich!“ Revolution und Poesie waren vergessen. Die unmögliche Liebe (das Leben, das misslang) starrte ihn mit unverminderter Glut an.

Es ist wahr, dass die Liebe zum Leben wird, und wenn man die eine verliert, wird das andere sinnlos. Doch da die meisten Menschen die Folgen ihrer Leidenschaften nicht zu akzeptieren wagen, verklären sie diejenigen, die diese Leidenschaften um jeden Preis ausleben. Seien es historische Gestalten oder romantische Erfindungen. Lieben wir denn nicht Anna Karenina und lesen ihre Geschichte mit echten Tränen? Sehen wir nicht vor unserem inneren Auge den Zug, unter den sie sich wirft? Glauben wir nicht heimlich, dass sie recht daran tat, wenn wir über sie lesen – in unserem hübsch geheizten Heim, nachdem die Kinder sicher im Bett liegen? Das gilt auch für die Dichter: Immer wieder von Neuem lesen wir die Geschichte von Leila und Madschnun, der, verrückt geworden, bis zur völligen Erschöpfung durch die arabische Wüste irrt, weil er nicht mehr bei Leila sein darf; oder wir bedauern, mit Rimbaud, die klägliche Feigheit von Verlaine, der in seinem letzten Brief an den verzweifelten Geliebten von Mutter, Ehefrau und Kirche spricht!

Wenn man liebt, wird man zum Vogel: Man reckt den Hals und vernimmt ein Lied, das sich nicht laut äußern lässt. Man ist sprachlos. Aber sie werden immer zahlreicher, jene Menschen, die für diesen Augenblick nicht ihr Leben riskieren möchten. Sie wollen nicht einmal viel weniger riskieren, sie wollen sich nicht rühren. Sie haben Angst. Sie fühlen sich wohler in ihrer Mittelmäßigkeit. Wir können sie verstehen: Die Liebe in all ihren Erscheinungsformen ist das Wichtigste, das uns je widerfahren kann, sie ist aber auch das Gefährlichste, das am wenigsten Vorhersehbare, das, was einen völlig wahnsinnig machen kann. Aber sie ist auch die einzig mir bekannte Erlösung.

Etel Adnan

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Wer braucht denn schon Schneeketten?

Im Südtiroler Ultental - Ingo Herrmann

Ingo Herrmann, Ultental, Südtirol

Wie immer ohne Schneeketten ins Ultental gefahren. Skifahren. Und wie immer lief (fast) alles problemlos. Nur am Anreise-Tag war der Neuschnee so zahlreich, das ich den Berg nicht hochgekommen bin. Aber nicht verzagen: Einfach den Räumdienst abwarten und schon gehts weiter. Wer braucht denn schon Schneeketten?

 

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