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Entwurf einer Hochzeitsrede

Hochzeitsfeiern sind vom Grund her positive Gelegenheiten einer Lebensentscheidung eine würdige Form zu geben. Andererseits ist das Treffen einer solchen Entscheidung auch ein Massenmord an Möglichkeiten. In diesem Fall der Massenmord an mehr als dreieinhalb Milliarden anderen Frauen bzw. Männern, mit denen man auch eine Ehe hätte schließen können. Wir leben nun einmal in einem Land, in dem Polygamie nicht erlaubt ist. Ob leider oder nicht muss an einem anderen Ort als diesem entschieden werden.

Als ich von der Hochzeit von XXX und YYY gehört habe, war ich auch überrascht, aber gut, Entscheidung ist Entscheidung und mir liegt es fern Scheidungsstatistiken zu zitieren oder andere Zweifel zu säen. Ich gehe davon aus, das beide diese Entscheidung nicht aufgrund irgendeiner Statistik gefällt haben, sondern weil sie sich lieben.

Und da sind wir auch schon bei Thema: Bedingungslose Liebe! Ich persönlich bin der festen Überzeugung, das Mutterliebe die einzig wahre Liebe sein kann. Vaterliebe kommt gleich im Anschluss und dann kommt lange Zeit nichts. Ebbe. Gähnende Leere. Die Beziehung zu unseren Eltern ist eben auch eine biologische. Mütter lieben ohne Bedingung, vergeben immer und ertragen durchaus auch mal einen rüden Rüffel seitens der eigenen Tochter bzw. Sohnes.

Aber bevor man jemand anderen lieben kann, muss man zuallererst sich selbst zu lieben gelernt haben. Dabei meine ich keine klassische Selbstverliebtheit, kein arrogantes und hochnäsiges Gehabe, das einen selbst über andere erhebt, sondern eine Selbstzufriedenheit die keine Resignation gegen sich selbst ist, sondern ein akzeptieren von Stärken aber eben auch Schwächen. Allem Anschein nach gibt es Menschen, denen gelingt dieser Balanceakt auf dem Seil erst nach einigen Versuchen, nach einigen Stürzen und Fehltritten, andere strahlen diese Zufriedenheit ohne große Anstrengung aus, sie sind Naturtalente. Und dabei denke ich natürlich an XXX. Es gibt nur wenige Menschen hier im Saal die ich uneingeschränkt bewundere. ZZZ – auch wenn er seine Hochzeit im Sommer schon hinter sich gebracht hat, sei an dieser Stelle beispielhaft erwähnt – und XXX.

Ich erinnere mich an eine Anekdote auf einer Hochzeit in Kolumbien als ich eine Freundin, die Braut des Abends, besuchte. Ich kann weder Spanisch und die meisten Gäste konnten wenig Englisch, aber irgendwann kam der Brautvater zu mir, ein sehr alter gut gekleideter (ok, das ist auch einer Hochzeit nicht schwer, aber ich hatte ihn die Tage davor auch schon zwei mal ähnlich elegant gekleidet gesehen) Mann. Wir waren beide schon ein wenig angeschickert und haben uns deswegen wahrscheinlich trotzdem verstanden. Er hat uns dann bei einem der Kellner einen Rum bestellt und mir sinngemäß seine Hoffnung offenbart, das JJJ – eines erkennt. Anfangs seien alle Frauen perfekt, die großartigsten Menschen der Erde die man bedingungslos zu lieben glaubt. So denkt man wenn man geheiratet hat. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man Fehler zu erkennen beginnt. Kleinigkeiten. Größere Dinge. Im schlimmsten Fall die Ähnlichkeit mit der eigenen Schwiegermutter – wobei das im heutigen Fall sicher eher eine Entwicklung zum Punkt auf dem i wäre, als eine Beleidigung. Und irgendwann am Ende stünden dann vielleicht Selbstzweifel. Aber genau an diesem Punkt, wenn man die ersten Fehler zu erkennen glaubt – das war seine Quintessenz – muss man sich eines bewusst machen: Wenn Sie die Macken und Fehler die sich jetzt offenbaren nicht von Anfang an in sich getragen hätte, hätte sie sicherlich einen besseren geheiratet als seinen frisch gebackenen Schwiegersohn. Kolumbianer sind ein altes Indianervolk, die – glaube ich – diverse illegale Drogen konsumieren und eben mit aufgebauschten Weisheiten nicht hinter dem Berg halten können, aber irgendwie habe ich an diesem Abend diese Moral mitgenommen – und eine Durchfallerkrankung, aber das nur am Rande.

Auch an diesem Abend erzählte mir eine Bekannte von MMM eine kolumbianische Hochzeitsgeschichte, die mir auch in Vorbereitung der ganzen Hochzeiten in diesem Jahr wieder eingefallen ist und die auch das Ende meiner kurzen Ausführungen bilden soll: Die Geschichte von Hahn oder Ente. Ein frisch verheiratetes Paar geht eines Abends – Sommer, lau – gemeinsam im Wald spazieren und verbringen eine ungetrübte Zeit miteinander. Irgendwann hören beide in der Ferne ein: „Quak, quak!“ Und die Frau dreht sich zu ihrem Gatten und sagt, „Hörst du das? Da muss irgendwo ein Hahn sein.“ Er – etwas irritiert – nein, MMM, dass war eine Ente aber kein Hahn. Daraufhin MMM energisch: „Unsinn, ich mir da ganz sicher dass das ein Hahn war!“ JJJ – durch und durch rationaler Naturwissenschaftler – daraufhin: „Ausgeschlossen, ein Hahn macht kikeriki und eine Ente macht QUAK, QUAK. Also MUSS ES EINE ENTE SEIN – SCHATZ!“ Und noch mal ruft es aus der Ferne: „Quak, Quak!“ und er gleich hinterher: „Hör doch hin! Das ist keine Ente!“ Sie stampft mit dem Fuß auf: „Es ist eine Ente!“ Er: „Es bleibt ein Hahn!“ „Verdammt noch mal, jetzt hör doch mal hin – das quakt – das muss eine E-N-T-E sein, du ….“ Zum Glück quakt es in diesem Moment noch mal. Ich könnte mir vorstellen, das Etikett wäre nicht sonderlich freundlich formuliert worden. Mittlerweile hat sie schon begonnen zu weinen, schluchzt nur noch das es definitiv ein Hahn ist und sie nicht versteht warum er das nicht hören kann usw. Und plötzlich – und wie gesagt, das ganze ist eine Latinogeschichte – kommt natürlich ihm, dem Mann, dem Retter und Helden – die Erinnerung, warum er seine Frau vor einigen Monaten, Jahren wie auch immer geheiratet hat. Also man kann die Rollen wahrscheinlich auch vertauschen. In dem Fall werden seine verhärteten Gesichtszüge werden etwas weicher, er lächelt wieder und sagt: „Tut mir leid, ich glaube du hast recht. Es ist doch ein Hahn…“. Und sie ist wie befreit, drückt ihm seine Hand und sie gehen weiter durch den Wald spazieren. Und im Hintergrund quakt, quakt es ab und an.

Warum wollte ich das noch erzählen? Weil ich glaube das der Grund für diesen Spaziergang nur das gemeinsame Spazieren war, zusammen einen netten Abend verbringen – vielleicht ein paar anderen Vögeln beim zwitschern zuhören – und das wars. Wie viele Beziehungen scheitern wegen solchen Belanglosigkeiten? Und Hahn und Ente sind da nur ein Beispiel unter vielen. Die Ehe ist wichtiger als Rechthaben. Ehe ist eine Verbindlichkeit, eine historische Institution deren Werte ich vielleicht nicht teile, aber ich Wünsche euch beiden, dass einer von euch immer die Geistesgegenwart hat, das Rechthaberische zurückzustellen und die Gemeinsamkeiten herauszustellen vermag. Alles Gute.

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Anmerk.1: Die Hochzeitsrede war für Manon und Stefan bestimmt, leider kam sie mir zu diesem Zeitpunkt aber unfertig vor und deswegen habe ich Sie nicht gehalten. Also: Falls ihr sie im Nachgang noch lesen solltet…

Anmerk.2: Ein ähnliche Geschichte wie die Entengeschichte oben habe ich mittlerweile auch in einem Buch gefunden: Brahm, Ajahn; Die Kuh die weinte. Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück, Lotos, 2004.

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