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Streit der Organe

Verfasser mir leider unbekannt

Ein Körper hatte Langeweile,
da stritten sich die Körperteile,
wer wohl der Boss von ihnen sei?

„Ich bin der Boss.“ Sprach das Gehirn.
„Ich sitz ganz hoch hinter der Stirn.
Ich muss viel denken, muss euch leiten.
Ich bin der Boss wer will´s bestreiten?“

Die Beine sagten halb im Spaße:
„Gib nicht so an du weiche Masse.
Durch uns der Mensch sich fortbewegt.
Ein Mädchenbein den Mann erregt.
Durch uns wirkt der Mensch erst groß.
Wir sind Boss, ist doch was los.“

Die Augen funkelten und sprühten.
„Wer wird euch vor Gefahr behüten?
Wenn wir nicht alle wachsam wären?
Uns sollte man zum Boss erklären.“

Das Herz, die Nieren und die Lunge,
die Ohren, Nase und die Zunge,
ein Jeder legte schlüssig dar:
„Ich bin der Boss das ist doch klar.“

Und auch der Penis reckt sich groß
und sagt ganz keck: „Ich bin der Boss.“
„Die Menschheit kann mich nicht vermissen,
denn ich bin nicht nur da zum Pissen.“

Bevor man die Debatte schloss,
da furzt der Arsch: „Ich bin der Boss.“

Hei wie die Konkurrenten lachten
und bitterböse Späße machten.
Das Arschloch war drauf´recht verdrossen
und hat sich also gleich verschlossen.

Und dachte konsequent bei sich:
„Die Zeit arbeitet für mich.
Wenn ich mich weigere zu scheißen,
werde ich die Macht wohl an mich reißen.“

Schlaff wurden Penis, Arme, Beine.
Die Galle produzierte Steine.
Das Herz das stockte schon bedenklich.
Auch das Gehirn fühlte sich kränklich.

Das Arschloch war nicht zu erweichen.
Lies nur ab und zu ein Fürzchen streichen.
Und schließlich sahen alle ein,
der Boss kann nur das Arschloch sein.

Und die Moral von der Geschicht:
Mit Fleiß und Arbeit schaffst du´s nicht.
Um Boss zu werden genügt allein,
ein Arschloch von Format zu sein.

Sollte jemand wissen, wer das geschrieben hat, wäre ich dankbar über einen Hinweis.

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A Picture of Himself / Sein Selbstbildnis

Ben Jonson

A Picture of Himself

I doubt that Love is rather deaf than blind,

For else it could not be,

That she,

Whom I adore so much, should so slight me,

And cast my suit behind.

I’m sure my language to her was as sweet,

And all my closes meet

In numbers of as subtle feet,

As makes the youngest he

That sits in shadow of Apollo’s tree.
 

O but my conscious fears,

That fly my thoughts between,

Prompt me that she hath seen

My hundreds of grey hairs,

Told six-and-forty years,

Read so much waste as she cannot embrace,

My mountain belly and my rocky face,

And all these, through her eyes, have stopped her ears.

Sein Selbstbildnis

übertragen von Werner von Koppenfels

Nicht blind, nein taub ist Liebe offenbar:

Wie wärs sonst möglich, wie,

daß sie

mich nicht beachtet hat, die ich beknie,

und meine Lieb verwarf?

Warn meine Worte doch von solcher Süße,

so elegant die Zeilenschlüsse

so fein der Verse muntere Füße,

wie sie der jüngste Fant

je in Apollos Lorbeerschatten fand!
 

Ach, welche Ängste fahren 

mir durch die Sinne da,

und sagen mir: sie sah

die hundert grauen Haare,

zählte die sechsundvierzig Jahre,

maß eine Wüste, die sie nie umschließt,

mein Bauchgebirg, mein felsiges Gesicht —

und so verschloß das Auge ihr die Ohren.

Erschienen in: „Dem Shakespeare fehlts an Kunst!“ Ben Jonson über sich und die Literatur seiner Zeit. Hrsg. und aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Dieterich’sche Verlagsbuch­handlung, Mainz 2020.

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Schon den Wicht

Elke Erb

Mein Lieber,

Du bist kein reißender Wolf.
Schone den Wicht

Sie riskieren es nicht
Geh weg von dem Wicht

Sie gönnen dem Glück keine Stunde!

  1. 2. 13

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Ulrich Schacht – Ohne Titel

WOHER WIR KOMMEN bleibt unerschlossen:
Die Daten sind reine Zahl auf Papier.
Am Anfang des Lebens wird Blut vergossen;
am Ende erschrickt ein verwundetes Tier.

Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter –
im Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.
Es gibt kein Gestade für jenen Ritter,
von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.

Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:
ihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.
Wann immer wir in unser Leben schnellten,
gewannen wir nichts und verloren die Zeit.

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Friedrich Hölderlin – Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

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Jan Wagner – shepherd’s pie (aus dem Zyklus ‘achtzehn pasteten’)

(shepherd’s pie)

schafe sind wolken, die den boden lieben.
der schäfer liebt marie. streut nüsse auf
den hang, souffliert die drei berühmten worte.
die herde blökt, frißt sie als weiße schrift
aufs tafelgrün. dahinter springt der punkt,
der hirtenhund. am grund des tales zieht
man abendschatten vor die fenster. sieht
den hang nicht und die hügel, nicht die wolken.
wolken, die schafe sind, vom wind getrieben.

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Stephan Hermlin – Die Terrassen von Albi

Vor dieser Brücke und den Bastionen
Lacht Bacchus blind verleugnet Mauern an.
Er ist wie irr. Im gelben Fluß zu wohnen
Biegt rückwärts sich sein Fuß und sucht den Kahn,

Der trägt ihn in die Schluchten, wo das Drohen
Von Kathedrale und Palais erstirbt,
Wo Wälder sich, die ungeheuer-frohen,
Groß um ihn schließen, Mistral um ihn wirbt.

Der wilde Wein begleitend hat gelogen,
denn dies verging: der Wahn, die Ahnung, Glut
Von fremden Herzen, die man suchte. Flogen

Nicht heut noch wilde Tauben südwärts? Gut
Und übersetzbar sei, Fluß! Abendhell
Wachst du vom kahlen Hügel, Traumkastell!

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Tadeusz Dabrowski – Auflösung 

Heute habe ich aus deinem Aktfoto ein Auge ausgewählt
und bis zum Rand des Bildschirms vergrößert, bis
zur äußersten Auflösung (und die ist so hoch,
dass man jetzt an dich glauben kann). Ich vergrößerte
dein rechtes Auge, im Wunsch, mit dem letzten Klick
auf die andere Seite zu springen, seine Seele anzuschauen
oder zumindest mich selbst, ganz zerklickt. Etwa
bei der vierundvierzigsten Vergrößerung
sah ich meine undeutlichen Konturen,
bei der sechsundsechzigsten den Umriss
des Fotoapparats, nur für mich zu erkennen. Und
dann nichts mehr außer grauen Rechtecken,
exakt angeordnet wie Ziegel in einer Mauer, wie
die Steine in der Klagemauer, vor der ich stehe
Tag und Nacht, um beharrlich die Fugen zu sprengen
mit den Zetteln meiner Gedichte.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.

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Wolf Wondratschek – Am Quai von Siracusa

Wolf Wondratschek

Am Quai von Siracusa

Die Möwen lassen sich durch Winde fallen,
die Schiffe liegen wie auf Grund.
Das Meer steht still zu dieser Stund,
der dunkelsten von allen.

Kein Gast bewohnt im Grand-Hotel die Räume.
Verlassen stehn die Kaufmannshäuser da.
Hier ist die Schönheit ganz dem Ende nah
und ohne Trost selbst deine Träume.

Den Löwen sitzt schon Moder im Gebiß.
Katzen gebären in leeren Palästen. Und
durch das Lächeln der Madonna geht ein Riß.

Eroberer sind hier an Land gegangen.
Die Fischer halten ihren Fang. Die Stadt,
Vergangenheiten überhangen, von Anfang an.

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Uwe Kolbe – Sternsucher

Uwe Kolbe

Sternsucher

Der, hör ich, nachts aus dem Haus geht
und, seh ich, hoch in den Himmel schaut,
den, weiß ich, eine sehr gerne mal träfe,
doch, sagt sie, so wie es aussieht,
der, klagt sie, schaut doch immer nur hoch
und, denkt sie, niemals in mein Gesicht.
So, mein Freund, findest du nie einen Stern.

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