Tag Archives: Gedichte

Thomas Kling – Das brennende Archiv

menschen gedenken eines menschen.
herz – brennendes archiv!
es ist erinnerung der engel;
erinnerung an alte gaben.
die formel tod, die überfahrt –
die wir zu übersetzen haben.

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Benjamin Britten – War Requiem (Texte von Wilfred Owen)

II. Dies Irae

Bariton:

Bugles sang, saddening the evening air;
And bugles answered, sorrowful to hear.
Voices of boys were by the river-side.
Sleep mothered them; and left the twilight sad.
The shadow of the morrow weighed on men.
Voices of old despondency resigned,
Bowed by the shadow of the morrow, slept.

Hörnerklang klagt durch die Abendluft,
Von weitem Antwort, kummervoll im Ohr.
Drüben am Fluss, noch Stimmen, junger Sang –
Schlaf lullt sie ein; und leer das Zwielicht kam,
Der Schatten neuen Lebens lastet schwer
Stimmung der alten Zweifelsucht gab nach,
Beugt‘ sich dem Schatten dieses Morgens, schlief.

Tenor:

Think how it wakes the seeds –
Woke, once, the clays of a cold star.
Are limbs, so dear-acheived, are sides,
Full-nerved – still warm – too hard to stir?
Was it for this the clay grew tall?

Denk wie sie Samen weckt –
Weckt’ einst den Lehm eines kalten Sterns.
Der Leib, so fein erdacht die Glieder
Voll Nerv – noch warm – steh’n nicht mehr auf?
War das der Sinn, das Lehm ward Form?

 

(Deutsch von Ludwig Landgraf und Friedrich Fischer-Dieskau)

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Thomas Gsella – Schlafenszeit

Thomas Gsella

Schlafenszeit

Viel gewesen, nichts geblieben
Zwischen Buch und Internet.
Viel gelesen, nichts geschrieben:
Heute ohne Text ins Bett.

Viel gelegen, nicht geschlafen
Zwischen Müdigkeit und Schweiß:
Armut wird den Dichter strafen,
Der nicht reich zu dichten weiß.

Viele Kaffees, wenig Weile
Zwischen Nacht und sieben Uhr.
Erst am Morgen eine Zeile:
„Guten Morgen, Hauptfigur.“

Mehr ist heute nicht zu sagen,
Und die Welt ist nicht mein Bier:
Lieber als mit Müll im Magen
Lieg ich hungrig neben dir.

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Oskar Loerke – Die Laubwolke

Oskar Loerke
Die Laubwolke

Beständig ist das leicht Verletzliche.

Lange hing die grüne Wolke über der Erde,
Wohin ging sie?

Im neuen Frühling schwebt sie wieder an
Und erfüllt ihren Ort
Zwischen Grund und Höhe.
Vom Winde gesteuert,
Vom Regen gedrängt,
Vom Licht gehoben,
Kehrt sie immer zurück
Und bleibt so viele Jahre.

Jedesmal in den herbstlichen Lichtern
Klagts aus ihr: ich sinke, warum ich?
Und lauter mit dem Sinn von Dichtern :
Es stürzt mich, ja, warum nicht mich?

Wird es dann Winter –
Im Himmel kriecht gekrümmtes Gestäbe,
Den einmal gewachsenen Abstand nicht ändernd,
Eins des andern vielleicht nicht gewahr,
Doch beisammen in gleicher Spreizung.

Zwischen Grund und Höhe,
Von der Säge des Gärtners unzerrissen,
Von der Axt des Fällers nicht getroffen,
Bleibt das Gesetz:
Beständig ist das leicht Verletzliche.

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Günter Eich – Ende eines Sommers

Günter Eich

Ende eines Sommers

Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!

Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben!
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.

Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.
Er misst seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.
Seine Strecken
werden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang,
die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

Es heißt Geduld haben.
Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,
unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.

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Khalil Gibran – Von der Freundschaft

Khalil Gibran

Von der Freundschaft

Eurer Freund ist die Antwort auf eure Nöte.
Er ist das Feld, das ihr mit Liebe besät und
mit Dankbarkeit erntet.
Und er ist euer Tisch und euer Herd.
Denn ihr kommt zu ihm mit eurem Hunger,
und ihr sucht euren Frieden bei ihm.
Wenn euer Freund frei heraus spricht,
fürchtet ihr weder das „Nein“ in euren Gedanken,
noch haltet ihr mit dem „Ja“ zurück.
Und wenn er schweigt, hört euer Herz nicht auf,
dem seinen zu lauschen;
Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken,
alle Wünsche, alle Erwartungen ohne Worte geboren
und geteilt, mit Freude, die keinen Beifall braucht.

 

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Ingeborg Bachmann – An die Sonne (1956)

Ingeborg Bachmann – An die Sonne (1956)

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andere Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.
Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Dass ich wieder sehe und dass ich dich wiederseh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein…

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,

Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau!
Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Darum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

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Das Nashorn. Ein Kindergedicht. (Giwi Margwelaschwili)

Nein, Kinder, nein, ich bin nicht froh
Ein normales Nashorn steht im Zoo.
Ich aber steh auf dem Papier
Und frage mich, was soll ich hier.

Immer muss ich um mein Dasein beben.
Denn gelesen werdend leben
Ist sicher das Beschwerlichste
Und auch noch das Gefährlichste.

Was mach ich armes dickes Biest,
Wenn mich keiner liest?
Auf meinem miesen Zeilengrund
Streb ich noch am Leserschwund.

Ach, ich fürchte den Lesertod!
Drum, Kinder, hört mein Angebot:
Für mein Überleseleben
Möchte ich mich euch zum Reiten geben.
Doch dazu braucht es Phantasie
Kleiner Leser hast Du sie?

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Du, ich, der Abend

(Steffen Popp)

faseln von Liebe. Sein inneres Feuer. Tanzen ermüdet uns bald.
Im Korridor, auf einer abgestellten Couch, ein Leib, ein Geist
mit Eigenschaften, Vergangenheiten, die immer, immer ungenügend
auf Dich zeigen. Ich finde nicht Deine Schlafnamen, nur Schlaf
nicht Deinen Traum, hier nur gesprengte Außengelände, Boten
Märchengestaltige Chiffren, die in Kellern der Institutionen herrlichen
Stuck ergäben: genug, eine Kultur der Liebe darauf zu gründen.

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Wisława Szymborska

Ein Beitrag zur Statistik (Wisława Szymborska)

Von hundert Leuten:

Besserwisser
– zweiundfünfzig,

unsicher auf Schritt und Tritt
– fast der ganze Rest.

hilfsbereit,
wenn es nicht zu lange dauert
– ganze neunundvierzig,

immer gutmütig,
denn sie können es nicht anders
– vier, na vielleicht fünf,
fähig zu bewundern ohne Neid
– achtzehn,

irregeleitet
durch die Jugend, die vergeht
– plus minus sechzig,

mit denen nicht zu scherzen,
– vierzig und vier,
die in ständiger Furcht leben
vor jemandem oder etwas
– siebenundsiebzig,

mit einer Begabung für das Glück
– höchstens über zwanzig,

einzeln ungefährlich,
wild in der Masse
– sicher über die Hälfte,

grausam,
wenn die Umstände sie zwingen
– das sollte man besser nicht wissen
auch nicht annähernd,

aus Schaden klug
– nicht viel mehr
als klug vor dem Schaden,

die dem Leben nichts abgewinnen außer Sachen
– dreißig,
obwohl ich mich gern irrte,

geduckt, leidend
und ohne Taschenlampe im Dunkeln
– dreiundachtzig
früher oder später,

gerecht
– ziemlich viele, weil fünfunddreißig,

wenn diese Eigenschaft sich verbindet
mit der Mühe zu begreifen
– drei,

bemitleidenswert
– neunundneunzig,

sterblich
– hundert von hundert.
Eine Zahl, die bislang unverändert bleibt.

 

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