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Sommertage

MACIEJ NIEMIEC

Sommertage, sie gehören uns schon – sind Erinnerung,

die Hitze kehrt in diesem Jahr nicht wieder. Hinterm Hügel

schluchzt der Ozean über dem zertrümmerten Spiegel

unzähliger Muscheln. Ein Windstoß von den Felsen

trägt ein blaues Stückchen Plastik aus der Gasse,

hält es einen Moment über dem Straßenpflaster,

der Geist des Sommers könnte darüber lachen…

Der Lauf des Jahres knirscht nicht um diese Zeit.

Das Kind schläft länger, und wenn es weint,

dann leiser als im Frühling. Der September

öffnet noch die Augen der Blumen –

sie sehen das Licht, uns sehen sie nicht.

Irgendwo läuft nach wie vor das Leben wie ein Raubtier

auf der Fährte der kurzen Schatten der Sommertage.

Saint-Énogat, IX 1990

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

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Friedrich Hölderlin – Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

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Günter Eich – Ende eines Sommers

Günter Eich

Ende eines Sommers

Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!

Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben!
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.

Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.
Er misst seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.
Seine Strecken
werden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang,
die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

Es heißt Geduld haben.
Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,
unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.

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