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Vorstellung Ingo Herrmann Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle e.V. Mitgliederversammlung

Liebe Mitglieder der Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle e.V.,

die wenigsten von Ihnen werden mich kennen und leider kann ich aufgrund eines langfristig geplanten Urlaubs nicht persönlich die Gelegenheit ergreifen um heute meine Bereitschaft für die Vorstandsarbeit und die Übernahme der Präsidentschaft des Vereins zu erklären.

Trotzdem möchte ich in dieser Mitgliederversammlung das Wort an alle Mitglieder des Vereins richten um Ihnen die wesentlichen Aspekte darzulegen, die Sie bewegen könnten einen un-sichtbaren Unbekannten zu wählen.

Die Allgemeinheiten vorneweg: Mein Name ist Ingo Herrmann, ich bin 35 Jahre alt, Hallenser und habe Kunstgeschichte studiert. Wie bei den meisten hier, kreist mein Mond der Freizeit um den großen Planeten Arbeit. Dieser Planet heißt bei mir seit einigen Jahren Herrmann & Tallig, wo ich als Geschäftsführer tätig bin. Mit mehr als 900 Mitarbeitern bin ich in dieser Funktion meist gut beschäftigt. Dennoch liegen mir die kulturellen Institutionen der Stadt, insbesondere die Oper, am Herzen.

Als Hallenser sind wir zumeist stolz auf die kulturelle Vielfalt in unserer Stadt. Dieser Stolz ist auch aus meiner Sicht mehr als berechtigt. Die Oper und auch das Ballett tragen auf einer institutionellen Ebene maßgeblich zu dieser bunten Vielfalt und dem breiten kulturellen Angebot in der Stadt Halle bei. Sie sind unabdingbare Sehnsuchtsorte.
Personelle Wechsel, ein damit einhergehender Wandel des Programms, der Verlust liebgewonnener Sehgewohnheiten oder räumliche Veränderungen, sollten uns jedoch nicht davon abhal-ten den Rahmen, der diese Vielfalt ermöglicht, weiterhin zu unterstützen.

Nach einer Definition von Wikipedia ist ein Förderverein „…in der Regel ein Verein, dessen Hauptzweck in der Verbindung von finanziell potenten Geldgebern und einer unterfinanzierten gemeinnützigen Einrichtung besteht.“ Auch die Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle e.V. ist ein Förderverein mit dem satzungsmäßigen Ziel „…die Oper Halle und deren Ballett bei der Realisierung ihrer Ziele finanziell, ideell und organisatorisch…“ zu unterstützen. Wie wir diese Aufgabe in den kommenden Jahren noch besser erfüllen und welche konkreten Ziele wir gemeinsam für die Oper realisieren, muss in den kommenden Wochen im neuen Vorstand erarbeitet werden.

Natürlich darf ein Förderverein wie die Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle Ansprüche an eine künstlerische Leitung formulieren. Einigkeit haben wir in der Gewissheit der künstlerischen Freiheit. Einigkeit haben wir auch darin, kein kulturelles Mehlspeisenparadies zur Absättigung einzufordern, sondern Oper, die Ihrer Rolle als Wächter der Herzensgeheimnisse, als Initiator von Kritik, Beobachter oder Kommentator, ihrer kulturpolitischen und gesell-schaftlichen Verantwortung nachkommt.
Gerade in der aktuellen Diskussion um die Ausrichtung der Oper und des Balletts innerhalb der TOO GmbH müssen wir als Freunde uns jedoch auch in Galionspositur werfen. Die Oper ist nicht nur die schattige Heimat der Erfrischungsgespräche, der Ort für Exzellenznachmittage und Mercedesgefühl. Gerade in Halle, mit seiner vielfältigen Bevölkerungsstruktur gilt es Wege zu fin-den, noch mehr Menschen für das Musiktheater zu begeistern.

Die Liebe zur Kunst hat bekanntlich nichts mit schöpferischer Begabung zu tun. Oberste Prä-misse des neuen Vorstandes wird es daher sein, die finanziellen Möglichkeiten des Vereins zu vergrößern. Das hierbei konstruktive Kontinuität ebenso erforderlich ist, wie die Suche nach neuen Wegen ist offenkundig. Kein schrulliges Vermeiden, wo beherzte Dreistigkeit angebracht ist. Kein unnötiges Optimierungsbemühen, wo neue Wege zwingend erforderlich sind.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mich heute – trotz Abwesenheit – in dieses verantwortungsvolle Amt wählen, weil ich glaube die notwendige Zuversicht für die Zukunft des Vereins mit der erforderlichen Kraft und Muse zu verbinden, die notwendig sind, dieses Vorhaben zum Erfolg zu führen. Ich würde mich freuen, Sie in den kommenden Wochen und Monaten näher kennenzu-lernen und in einen Austausch über den Verein und dessen Wirken zu treten.

Vielen Dank!

Ingo Herrmann

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Leserbrief Mitteldeutsche Zeitung

Sehr geehrter Herr Färber,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mit Ihren Artikeln in der Mitteldeutschen Zeitung zur finanziellen Situation der Oper und der Theater, Oper und Orchester GmbH eine Debatte über die Kulturpolitik in Halle in Gang gesetzt, die ich mir persönlich schon vor einigen Jahren gewünscht hätte.

Mit einem Alter von 34 Jahren war ich in den vergangenen Spielzeiten als Abonnent eines Premierenabos Oper regelmäßig ein jüngerer Zuschauer an der halleschen Oper. Regelmäßig beklagte ich mich über nicht mehr zeitgemäße Inszenierungen, die Ferne zu relevanten gesellschaftlichen Themen, ästhetische Defizite u.v.a.m.

Gerade von einer künstlerischen Leitung erwarte ich, dass sie kein kulturelles Mehlspeisenparadies zur Absättigung darbietet, sondern der Rolle als Wächter der Herzensgeheimnisse, als Initiator von Kritik, Beobachter oder Kommentator, ihrer kulturpolitischen und gesellschaftlichen Verantwortung nachkommt.

Die Erkenntnis, dass der derzeitigen Auseinandersetzung vielleicht auch ein Generationenkonflikt zu Grund liegt, der unterschiedliche ästhetische Auffassungen über den Hebel ökonomischer Kennzahlen (Besucher; Wirtschaftsergebnis, usw.) zu nutzen versucht, macht die Diskussion erträglicher. Streiten wir also darüber ob betrunkene Barockhuren über die Bühne stolpern (Köhler), oder Gedankendurchfall Verwirrung stiftet (Lutz)! Dazu sollte eine intensive Diskussion über die Verantwortlichkeiten in der Theater, Oper und Orchester GmbH geführt werden.

Sicherlich schreitet die Spielzeit beständig auf Stelzen. Der eingeläutete Wandel wird nicht allerorts als Zauber eines Anfangs wahrgenommen. Dennoch spürt man im Engagement der Opern-Leitung eine Verbissenheit, die nach Ziel schmeckt – dem Ziel eine gute Oper zu machen. Die Aufgabe von Florian Lutz und seinen Mitstreitern ist das künstlerische Experiment. Dem Modus des Experiments ist das Scheitern ebenso vorbehalten wie der grandiose Erfolg.

Das im Rahmen dieser Verantwortung auch kaufmännische Aspekte zu berücksichtigen sind, ist unstrittig. Ohne die Stellenbeschreibungen der handelnden Akteure in der TOO GmbH genau zu kennen, liegt jedoch die kaufmännische Gesamtverantwortung in der Händen des Geschäftsführers der TOO GmbH, Stefan Rosinski. Dieser fragte jüngst in einem Beitrag im „Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken „…ob die Stadt- und Staatstheater noch die von der arbeitsteilig organisierten Gesellschaft erwartete Funktionalität gewährleisten können: sie mit Kunst, also Produktion für Beobachtung zu versorgen.“[1] Er stellt fest, dass das „Kunstwollen [an deutschen Stadttheatern] durch eine Versorgungsmentalität ersetzt [ist]…“.[2]

Auch wenn Rosinskis Positionen in dem zitierten Beitrag bedenkenswert sind, trägt er als Geschäftsführer maßgeblich die kaufmännische Verantwortung der Theater, Oper und Orchester GmbH. Im Rahmen dieser Verantwortung muss eine der Aufgaben auch die ökonomische Befähigung der Verantwortungsträger unter seiner Führung sein. Die Positionen Rosinskis im MERKUR werfen hierbei Zweifel auf, ob neben der künstlerischen Verantwortung der notwendige ökonomische Wille in der TOO GmbH vorhanden ist, künstlerische Kompromisse einzugehen um sowohl die „Versorgungsmentalität“ der städtischen Geldgeber wie auch das „Kunstwollen“ unter einen Hut zu bekommen. Diesen Drahtseilakt ohne polemische Häme, intrigante Informationspolitik und mit der notwendigen Härte gegenüber allen Akteuren sowohl im Haus wie auch über die Grenzen des Hauses hinweg zu gestalten, ist Aufgabe der Geschäftsführung.

Ein Nachsatz sei mir letztlich noch zum journalistischen Ethos erlaubt: Auch wenn Quellen abseits von offiziellen Mitteilungen und Zahlen notwendig für die journalistische Arbeit sind, so ist nach meiner Auffassung die Prüfung solcher Informationen, mit dem Ziel nicht ausgewählten Interessen zu dienen, Grundlage der journalistischen Tätigkeit. Hier wünsche ich mir von der Mitteldeutschen Zeitung – vor allem auch zum Schutz der Authentizität des Blattes – zukünftig mehr Professionalität.

Ingo Herrmann

[1] Rosinski, Stefan: Das depressive Staatstheater, erschienen in: Merkur 71 (816), 2017, S.101-106, hier: S. 102.

[2] Rosinski, Stefan: Das depressive Staatstheater, erschienen in: Merkur 71 (816), 2017, S.101-106, hier: S.103.

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