Tag Archives: Ingo Herrmann

Der Hamilton-Moment

Beitrag von Hans-Werner Sinn

Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 22.05.2020, Nr.118, S.17 (Fremde Federn).

Die seit 2008 schwelende Euro-Krise, die im Kern eine Wettbewerbskrise der überteuerten Länder Südeuropas ist, wird in stetem Rhythmus durch immer teurer werdende Bail-out-Aktionen der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Eurostaaten zugedeckt. Mit den Summen wächst das Pathos. Diesmal bemühte der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sogar den Vergleich mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. In einem Interview mit der „Zeit“ zitierte er Alexander Hamilton, um eine Kreditaufnahme der EU im Um-fang von zunächst 500 Milliarden Euro zu begründen, mit Hilfe deren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Präsident Emmanuel Macron nun die aufgrund der Corona-Epidemie erhöhte Gefahr von Staatskonkursen und entsprechenden Gläubigerverlusten in Südeuropa abwenden wollen. Das Pathos ist notwendig, um den Um-stand zu überdecken, dass der EU-Kommission nach Artikel 310 und 311 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union eine Kreditfinanzierung ihrer Ausgaben verboten ist.

Alexander Hamilton, der noch immer die 10-Dollar-Note der Vereinigten Staaten schmückt, war der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten. Er hatte 1790 kurz nach der Gründung Amerikas die Schulden der Einzelstaaten zu Bundesschulden gemacht. Die Schulden sollten durch gemeinsame Importzölle bedient werden. Hamilton argumentierte, diese Schulden seien im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten (1775 bis 1783) entstanden und müssten nun auch gemeinsam getragen werden.

Den Vergleich von Olaf Scholz kann man insofern nachvollziehen, als der Kampf der europäischen Staaten gegen das Virus an den Kampf der amerikanischen Staaten gegen die Briten erinnert. Dennoch hätte der Finanzminister besser daran getan, diesen Vergleich zu unterlassen. Er ist schief, weil Europa anders als seinerzeit die Vereinigten Staaten noch keinen gemeinsamen Staat gegründet hat – ja, wie das Urteil des Verfassungsgerichts von vergangener Woche noch einmal unmissverständlich klargemacht hat, noch meilenweit davon entfernt ist. Gerade Frankreich hatte sich erfolgreich gegen die gemeinsame europäische Verfassung gestemmt, weil es zwar eine Fiskalunion, nicht aber eine politische Union wollte. Außerdem ist zu bedenken, dass der amerikanische Bundesstaat die Schulden der Einzelstaaten nicht um-sonst übernahm, sondern im Gegenzug die Abtretung von Gebieten verlangte.

Vor allem aber ist der Vergleich wegen der schlechten Erfahrungen, die Amerika hernach mit der Schuldenunion machte, äußerst beunruhigend. Hamilton meinte, dass die Vergemeinschaftung der Schulden „Zement“ für den neuen amerikanischen Staat sei. Da irrte er jedoch. Die Vergemeinschaftung, die in den Jahren 1814 bis 1816 während des zweiten Krieges gegen die Briten nochmals wiederholt wurde, änderte das Verhalten der Einzelstaaten in einer Art und Weise, die alles nur noch schlimmer machte.

Da nun Gläubiger und Schuldner davon ausgingen, dass man auch in Zukunft die Schulden der Einzelstaaten vergemeinschaften und nach Washington schieben würde, wurden in wachsendem Umfang Kredite aufgenommen und zur Finanzierung von Investitionen verwendet. Überall wurden Straßen, Brücken, Kanäle und öffentliche Gebäude er-richtet. Das ließ sich zunächst prächtig an. Die Bauarbeiter fanden Jobs, und für die Zeit nach der Bauphase freute man sich schon auf ei-ne bessere Infrastruktur, die weiteres Wirtschaftswachstum hervor-bringen würde. Die Gläubiger, die sich in der Sicherheit wähnten, dass der Zentralstaat sie schützen werde, begnügten sich mit niedrigen Zinsen, und die Schuldner waren gerne bereit, Kredit aufzunehmen, da sie nicht davon ausgingen, dass sie ihn selbst würden zurückzahlen müssen.

Der Bauboom führte jedoch zu einer Bonanza-Stimmung, die insbesondere in der zweiten Hälfte der 1820er Jahre immer mehr Kreditwachstum induzierte und zu einer Wirtschaftsblase führte, die schließlich Mitte der 1830er Jahre platzte. Das lag auch daran, dass sich die extrem aufwendigen Investitionen in die Wasserstraßen wegen der auf-kommenden Eisenbahnen als Fehlinvestitionen erwiesen. Die Finanzmärkte gerieten 1837 in Panik, und es begann eine Rezession, von der sogar die europäischen Handelspartner erfasst wurden, allen voran Großbritannien. Die Finanznöte zwangen manche Staaten, die Zahlungen an Bedienstete und Lieferanten einzustellen. 1839 kam die Kreditvergabe auf dem offenen Markt zum Erliegen, und die amerikanische Volkswirtschaft rutschte in eine tiefe Depression.

In dieser Situation versuchte der Zentralstaat zu helfen, indem er den Einzelstaaten mit eigenen Krediten unter die Arme griff, doch waren seine Möglichkeiten alsbald erschöpft. Im Jahr 1841 mussten Florida, Mississippi, Arkansas und Indiana ihre Zahlungsunfähigkeit erklären und stellten die Bedienung ihrer ausstehenden Anleihen ein. Andere Staaten wie Alabama, New York, Ohio und Tennessee hatten ebenfalls Zahlungsschwierigkeiten, konnten aber den formellen Konkurs gerade noch vermeiden. Insgesamt gingen neun der im Jahr 1842 existieren-den 29 Staaten und Territorien der Vereinigten Staaten in Konkurs. Nichts als Streit und Unfrieden waren durch die Sozialisierung der Staatsschulden entstanden.

Der Historiker Harold James aus Princeton hat dazu lakonisch bemerkt, Hamilton habe dem neuen Staat nicht Zement, sondern Spreng-stoff geliefert. In der Tat kann man eine direkte Linie vom Jahr 1842 zu dem neunzehn Jahre später einsetzenden Sezessionskrieg ziehen. Dieser Krieg ist zwar durch die ungelöste Sklavenfrage und Zollstreitigkeiten ausgelöst worden, doch die unlösbare Schuldenproblematik, so James, hat zu den Spannungen beigetragen, die sich in diesem Krieg entluden.

Die Amerikaner sind aus ihrem Schaden klug geworden, denn sie reagierten darauf, indem sie strikte Schuldengrenzen für die Einzelstaaten verabredeten und der Schuldensozialisierung ein Ende bereiteten. Da ein jeder Schuldner wusste, dass er für seine Schulden selbst würde einstehen müssen, und die Gläubiger aus Angst vor dem Konkurs der Schuldner bei wachsenden Schulden höhere Zinsen verlangten, blieben Amerika weitere Schuldenexzesse auf der Ebene der Einzelstaaten fort-an erspart.

Auch später, als die Vereinigten Staaten Anfang des zwanzigsten Jahr-hunderts ihre Zentralbank gründeten, blieb die Schuldendisziplin er-halten, denn im Gegensatz zum Eurosystem kaufte das amerikanische System der Zentralbanken keine Anleihen der Einzelstaaten. Als Kalifornien vor einigen Jahren am Rande des Konkurses stand und eine eigene Ersatzwährung ausgab, die IOUs, kam die Federal Reserve Bank diesem Staat nicht mit dem Kauf seiner Anleihen zu Hilfe. Ebenso wenig half sie Staaten wie Illinois oder Minnesota, die arge Finanznöte hatten und öffentliche Einrichtungen schließen mussten, weil sie sie nicht mehr bezahlen konnten. Das Ganze spielte sich ab bei Schulden-quoten, die um eine Zehnerpotenz unter den Quoten der hochverschuldeten Staaten Südeuropas lagen. Nur auf der Ebene des Bundesstaates gab es in den vergangenen Jahren ebenfalls Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben, aber das lag vermutlich auch an der Vergemeinschaftung, die mit solchen Schulden automatisch verbunden ist.

Europa hat jetzt die Wahl, ob es, dem Druck des Augenblicks nachgebend, weiterhin die Fehler der ersten Jahrzehnte Amerikas wiederholen möchte oder ob es sich auf ein System der Schuldendisziplin zurückbesinnen möchte, um die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten nach dem Sezessionskrieg zu imitieren. Es hat die Möglichkeit, aus den amerikanischen Fehlern zu lernen. Dafür ist es trotz der gewaltigen Schul-den, die schon aufgelaufen sind, nicht zu spät, denn es gibt Reformoptionen, die das Zerstörungswerk der Schuldensozialisierung vermeiden. Sie ähneln dem Drücken des Reset-Knopfes am Computer und reichen von Schuldenschnitten mit Kapitalverkehrskontrollen bis hin zu temporären Euroaustritten zum Zwecke der Währungsabwertung, wie sie in der Griechenland-Krise erwogen wurden.

Leave a Comment

Filed under Allgemein

Poesie der Zukunft

Anastasius Grün (Anton Alexander Graf von Auersperg)

Wo sie die wilde Schlacht geschlagen haben,
O lauscht nicht auf dem Feld nach Lerchensange!
Da kreischt die Krähe nur nach blankem Fange,
Dann kommen erst die Geier und die Raben;

Sie kommen zu beerben, zu begraben;
Dann kommt Erstarrung, Schweigen, lange, lange,
Bis spät der Sämann kommt vom nächsten Hange,
Zu streuen seines Saatkorbs neue Gaben.

Als läg’ im Körnlein eine Liederseele,
Erhebt sich dann aus seinem Ährenmeere
Die Lerche, eine sangbegabte Ähre.

„Wann steigt aus goldner Saat die goldne Kehle?“
Mich dünkt, die Toten sind noch unbegraben,
Noch währt die Zeit der Geier und der Raben.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, Nr.108, 09.05.2020, S. 16

Leave a Comment

Filed under Poesie

العلم ثم الحكم

Reza Abbasi: Schah Abbas I. und ein Weinjunge, Isfahan, 1627, (Louvre)

Leave a Comment

Filed under Allgemein

Die Douglasie

Die Douglasie

Die Aussicht auf einen sonnigen und klaren Dezembertag trieb uns in die Eifel. Eine geführte Wanderung mit einem Nationalpark-Ranger der nicht nur ortskundig war, sondern auch allerhand Kapriolen im Gepäck hatte. Die Homepage pries die RANGERTOUR: „Sie wandern dort, wo sich Mauereidechse und Schlingnatter ein Stelldichein geben. Auf teils steilen, schmalen Pfaden erklimmen Sie den Honigberg mit atemberaubenden Ausblicken auf die Eifeler Stauseen.“ Das klang nach großem Kino.


Gewohnheitsgemäß sind die Tage nach Weihnachten von Ruhe und Beschaulichkeit geprägt, die Völlerei hat ein Ende, der Jahreswechsel ist in greifbarer Nähe, so dass sonnige Aussichten für viele Anlass genug sind, fünf Stunden bei klirrender Kälte im Wald umherzustapfen. Die Liebe zur Natur und das schlechte Gewissen über den unbefriedigten Bewegungsdrang der vergangenen Tage tun ihr Übriges.


Wir waren also 37 willige Wanderer die wissbegierig und wohlgenährt Zerstreuung im deutschen Wald suchten. Mittendrin eine Gruppe von vielleicht 20 indischen Studenten, die einen Ausflug aus dem nahe gelegenen Aachen in die Provinz gewagt hatten um ihrer weihnachtlichen Langeweile mit einem Waldspaziergang zu begegnen. Nicht der Fakt das Inder im Nationalpark Eifel auf Wanderschaft gehen, erstaunte mich. Der Sehnsuchtsort deutscher Romantik gehört jedem Besucher nährgebracht. Vielmehr die einheitliche Ausstattung der Studentengruppe mit hängenden Einkaufsbeuteln, gepufften Backerbsen und Bananen. Allesamt mit strahlend weißen, neuen Turnschuhen ausgestattet wirkte die Gruppe wie ein Fremdkörper im Wald. Keine Wanderschuhe, kein Wanderrucksack, keine Outdoorkleidung.

Wir machten uns also gemeinsam auf den waldigen Weg zum Honigberg. Hier und dort wusste der Ranger wissenswertes, kurioses oder beeindruckendes zu berichten, als sich die Gruppe vor einem vielleicht einen Meter hohen Nadelbaum versammelte. Tanne. Kiefer. Fichte. Der Ranger begann den Haupttrieb des Baumes abzubrechen. Ich erinnerte mich an die Homepage: „Nationalparke schützen die heimische Natur – so wie sie natürlicherweise wäre und wie sie sich ohne menschlichen Eingriff entwickelt. Das Motto ‚Natur Natur sein lassen‘, das in allen Nationalparken gilt, bringt diesen Grundsatz auf den Punkt.“ Mein Einwand, dass das Abbrechen von Bäumen doch im Nationalpark vielleicht keine so gute Idee… „Der Ranger weiß was er tut…“ war die Antwort die mich zu schweigen maßregelte. In einer Manier der 30er Jahre referiert unser Führer nun über den Naturschutz, aus dessen Sicht die Douglasie, die so wunderbar frisch roch, nicht als einheimisch gelte. Vielmehr sei der formelle Status „…Neophyt (‚Neupflanze‘)…[mit]…Ausbreitungstendenz.


Die Inder mümmelten genüsslich den Inhalt ihrer Haldirams-Snacktüten und kauten stoisch die gepufften Backerbsen. Es machte am Ende des Tages auf mich nicht den Eindruck, als hätten sie viel von unserem Ausflug verstanden, vom Führer, den Neupflanzen oder dem Waldleben. Sie amüsierten sich jedoch köstlich über den offenbar unter einem Würghusten leidenden Jagdhund (Bayerischer Gebirgsschweißhund) des Rangers der auf den Schlussmetern sein Leid in Form eines Batzens Grashalme herauswürgte um den Tag quietschfidel an Herrchens Seite zu beenden.


Die Liebe zur Natur war befriedigt, das schlechte Gewissen beruhigt, der ungenügende Bewegungsdrang zur Räson gebracht. Die neuen Turnschuhe dagegen waren schmutzig. Dennoch schienen alle ziemlich zufrieden.

Leave a Comment

Filed under Allgemein, Poesie

Krise und Chance – 機會 vs. 危機

Krise und Chance (Chinesisch)

Leave a Comment

Filed under Allgemein

München, Gellertstrasse

Michael Krüger

Von meinem Fenster aus habe ich beobachtet,
wie eine Katze in meinem Garten eine Amsel verspeiste.
Nicht meine Katze, die Katze von nebenan.

Ich war zum Fenster gegangen, weil mich das Schreien
des kleinen Vogels bei der Arbeit störte.
Ich hatte gerade gelesen, was Büchners Lenz

dem Pfarrer Oberlin zuruft: Hören Sie nicht,
lieber Herr Pfarrer, die entsetzliche Stimme,
die um den ganzen Horizont schreit

und die man gewöhnlich die Stille heißt?
Die Katze ging sehr sorgfältig vor,
wahrscheinlich weil sie sich unbeobachtet fühlte.

Bald lagen die schwarzen Federn wie ein Muster
auf dem Rasen, wie eine Geheimschrift,
die vom Fenster aus gut zu lesen war.

Eine Katze aus gutem Haus, versteht sich.
Unser Nachbar, ihr Besitzer, hat erzählt,
dass im Krieg in dieser Gegend eine einzige Bombe

gefallen ist, genau da, wo sich die Katze jetzt putzt.
Eine entsetzliche Stimme, die man Stille heißt.
Die Katze trug ein Halsband mit Glöckchen,

damit die Vögel gewarnt sind.
Von den Knochen des Vogels war nichts zu sehn.

Quelle: FAZ, 28.03.2020

Leave a Comment

Filed under Allgemein

First hours in Iran

From the 16th till the 30th April I went to Iran, to visit a country I was eagerly interested and very curious about for the past years. Probably because  I went their very spontaneously, most of my friends seemed to be anxious about what I would have to expect. But that’s why I could leave unprejudiced and probably unprepared and naive.  

I took of in Leipzig and went to Teheran via Istanbul. It was quiet a pleasant journey, although I traveled alone because my friend had to stay at home for working reasons. Due to the departure time from Istanbul I arrived at Teheran very early in the morning (about 6 o clock am). I took a cab to my hotel and because I couldn’t check in I just left my baggage there to leave, exploring Teheran strollingly. But ‘strolling’ wasn’t the mode to explore a city like Teheran.

During my journey I read about the “shared taxi economy”. I already realized the regular vehicles hoking all the time – obviously to collect passengers during the rush hour in the morning. So I stopped one of them, got on the passenger seat to notice that English wasn’t the language we could have a proper conversation. After a few minutes of “missconversation” I finally took out my guidebook to show him a picture of the place I wanted to go. Somehow he tried to explain me that the “Collectibles” don’t drop you off exactly where you want to go, but drive regular routes, where you can drop on / drop off – similar to the public transportation. But he took so much effort to find another passenger (who also couldn’t speak English at all) to lead me finally to the place I wanted to go – the Golestan Palace in Teheran – with another “Collectible”. He was all similing, because he helped me and I was happy, to have met somebody who was soo kind.

The first hours in Iran where vicarious for the whole journey, which lead me from Teheran over Shiraz to Esfahan. Everywhere people helped me. All over Iran people where hospitable, friendly and curious about me, invited me at home, for dinner or lunch, gave me presents… Even though we asked eachother some strange question (e.g. some Iranians asked me: Do you really believe, that the Holocaust took place?) it was enriching, made me hungry to go their again. Definitly on of my best trips this year…

Leave a Comment

Filed under Allgemein

Reisetagebuch Iran 2018

Ich wollte Reisetagebuch schreiben, aber hab es zu nicht mehr als ein paar Zeilen geschafft:

Ich habe mich die letzten beiden Tage oftmals gefragt, warum ich am Morgen des Tages, an dem ich den Flug in Iran gebucht habe, aufgestanden bin und unmittelbar – als gäbe es keinen Zweifel, keine Alternativen – Iran gewählt habe. Ja, ich wollte – gewissermaßen als Abschluss meiner temporären Arbeitslosigkeit und als Belohnung für meinen neuen Job – eine Reise unternehmen. USA. Thailand. Aber Iran? Ich hatte mich nie zuvor mit diesem Land beschäftigt, etwas über seine Kultur oder Menschen gelesen, mich näher informiert. Stattdessen war ich mit Vorbehalten behaftet. Religionsführer. Muslime. Terrorstaat. Kopftücher. Wüste. Öl. Schlagworte, die das Bild von Iran in der aktuellen politischen Wahrnehmung prägen. Natürlich war dort eine andere Seite von Iran, wahrscheinlich diejenige, die eingebrannt war in mein Herz, die sehnsuchtsvolle Suche nach Persien.

Persien. Entgegen der Vorbehalte gegen den Iran, ist das vormalige Persien – ein Land das nur noch als historische Größe existiert[1] und als Vorgängerstatt des jetzigen Iran, mit vielen positiven Eindrücken verbunden. Nachtigallen, prächtige Gärten mit Damaszener Rosen, und duftenden Limonen, melancholische Gesänge, Miniaturmalerei und Kalligraphie.

Ankunft in Teheran

Die Anreise über die Türkei ist problemlos. Vorherige Berichte, dass eine Einreise – trotz elektronisch beantragtem Visa – am Flughafen Kohmeni sehr lange dauern soll, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Da man Touristen nicht kostenlos von der staatlichen Gesundheitsvorsorge profitieren lassen möchte, ist eine Krankenversicherung nachzuweisen oder am Flughafen kurzfristig zu erwerben. Selbst dieses Schriftstück meiner Krankenkasse – immerhin in Englisch verfasst – wurde bedenkenlos akzeptiert. Herzlich willkommen in Iran.

Die üblich dahingenuschelten Anfragen, ob man denn ein Taxi benötige habe ich weltmännisch ignoriert und lächelnd mit einem ‚Thank you‘ abgetan. Zehn Minuten später saß ich in einem bemitleidenswerten Peugeot aus dem Jahr 1992, dessen Zustand selbst mir mit meiner technischen Unkenntnis, ein mildes Lächeln auf die Lippen zauberte, als ich an deutsche TÜV-Gutachter dachte. Mein Fahrer, Mohammed, konnte Euro zu einem angemessenen Kurs in Iranische Rial tauschen und wollte mich für 20 Euro in mein Hotel fahren. Das schien mir beides komfortabel und preislich angemessen, zumal ein großes Suchen ausblieb, Mohammed mich unmittelbar ins Parkhaus bugsierte und wir binnen weniger Minuten das Geldgeschäft am Steuer erledigt hatten. Ich bekam ‚Checks‘ von denen ich zuvor zwar bereits gehört hatte, die mich jedoch in einer solchen Situation misstrauisch stimmten, so dass mein ersten Weg im Hotel an die Rezeption führte, um dort problemlos einen ‚Check‘ in kleinere Scheine zu tauschen. Das Mohammed im weitesten Sinne eine ehrliche Haut war, wurde mir jedoch auch schon im Laufe unserer Fahrt bewusst. Germany good! Ein Satz den ich sinngemäß in den kommenden Tagen öfter hören würde. Mohammed erzählte von seiner Karriere bei der iranischen Polizei, seiner vorzeitigen Pensionierung, den Kindern, der Frau usw. Alles wohlgemerkt während unserer Taxifahrt vom Flughafen ins Hotel, fünf Uhr morgens im beginnenden Teheraner Verkehrschaos, das mir mit seiner tönenden Vielfalt an Hupen, spontaner Spurvermehrung und der Missachtung jeglicher – selbst im Iran offensichtlich angezeigter – Verkehrsregeln, noch Schweißperlen auf die Stirn treiben würde. Diese erste Phase der Irritation, die ich unter der Kategorie Andere Länder, andere Sitten verbuchte, wischte Mohammend über das Telefon um mir Kinder, Fotos in Uniform und seiner Frau zu zeigen. Wie die meisten Gespräche, führte auch meines ersten Gespräch im Iran zur Politik. Die Einigkeit der Iraner über die Unfähigkeit ihrer Regierung war ein gemeinsamer Nenner, der sich in den kommenden Tagen herauskristallisieren würde. Je nach Bildung, sozialer Stellung oder grad der politischen Korrektheit in diversen Varianten vorgetragen. Eine Aspekt, den mir Mohammed als ein Vertreter einer einfachen Arbeiterschicht, als erster – wenn auch nicht als einziger – eröffnete, war der, dass das derzeitige Staatsoberhaupt kein Arier sei, sondern Araber. Ich war erstaunt, auch wenn diese Sicht lediglich die kulturelle Vielfalt dieses Landes offenbart. Die persische Sprache wird beispielsweise den indogermanischen Sprachen zugeordnet, ist somit dem Deutschen näher als dem Arabischen. Die Islamisierung der arabischen Eroberer und die frühe Spaltung des Islam in Sunnitische und Schiitische Moslems, gepaart mit einem stark ausgeprägten nationalen Bewusstsein, sind der Boden auf dem die Saat der Abneigung gegen die Araber gedeiht.

Ein Check-In im Hotel um sechs Uhr morgens erschien selbst mir als zu ambitioniert, so dass ich gar nicht erst den Versuch unternahm zu fragen, sondern lediglich mein Gepäck unterstellen ließ um mich dann zu Fuß auf den Weg Richtung Golestan-Palast zu machen. Ich hatte von Sammeltaxis gelesen, in die man einsteigt um sich in eine grobe Richtung bringen zu lassen. Keine fünf Minuten später saß ich in einem ebenso reparaturbedürftigen Fahrzeug, wie jenem, dass mich vom Flughafen zum Hotel brachte. Der Fahrer schien verstanden zu haben, wo ich hinwollte. Ob er mich dort hinbrachte, die Preisfrage: Ungeklärt. Nach einigen Minuten hatten wir ausgemacht, dass der Golestan-Palast, ein vormaliger Herrschersitz inmitten des Teheraner Zentrums, nicht durch ihn unmittelbar angesteuert wird, er mir aber einen Transport organisieren würde. Kurze Zeit später, nach lauthalsen Diskussionen zwischen meinem Chauffeur und einem jungen Fahrer, der uns schreiend Anbot, mich für „25“ zum Golestan zu bringen, ich ablehnte, saß ich kurze Zeit darauf gedrängt mit zwei weiteren Fahrgästen in einem weiteren Sammeltaxi. Über die Fahrtüchtigkeit der iranischen Automobile würde ich mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr wundern, sondern nur noch Taxis europäische Qualität wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Man hatte mich einem jungen Mann an die Hand gegeben, der offenbar auf dem Weg zur Arbeit, eine ähnliche Richtung einschlug. Genaueres wusste ich noch immer nicht. Er konnte oder wollte kein Englisch mit mir sprechen, so dass ich mich zunächst treuherzig an seine Seite schmiegte um ihm dann zu Fuß zu folgen. Ohne Erklärungen. Als Dank für seine Begleitung bis dahin, die Taxifahrt zu zahlen lehnt er ab. Gab ich dem ersten Fahrer 100T Rial für eine Strecke von wenigen Minuten, zahlte ich im zweiten Sammeltaxi den Einheimischen-Preis: 40T Rial. Weniger als einen Euro.

Mein zweiter iranischer Führer war Beamter im Ministerium für Finanzen, einem riesigen Verwaltungskomplex in unmittelbarer Nähe zum Golestan-Palast. Ein freundlicher Hinweis meinerseits, dass ich ihn nicht als Touristenführer missbrauchen möchte und er mir nur die Richtung zeigen möge, wurde mit einem unverständigen Lächeln abgetan. Nicht, weil er es als unhöflich empfunden hätte, sondern vielmehr aus der Peinlichkeit heraus mich nicht verstanden zu haben.

Der Golestan Palast

Mein erster Tag in Teheran begann sehr früh am Morgen. Auch wenn die Strecken in Teheran lang, teils unwegsam sind und der Verkehr sehr dicht und stillständig, so war ich bereits acht Uhr am Palast. Dieser liegt in unmittelbarer Nähe zum Basar und nachdem mir ein freundlicher Wachmann eröffnet hatte, dass vor neun Uhr keine Besichtigung möglich wäre und meine Frage ob es denn in der Nähe ein Café gebe, wo ich die Zeit überbrücken könne mit einem Achselzucken und schließlich einem zögerlichen Nein beantwortet wurde, erforschte ich die Umgebung. Glücklicherweise war der Teheraner Basar nur wenige hundert Meter entfernt. Dort hoffte ich zumindest einen Kaffee zu bekommen.
Die Welt des Basars ist für mich, als europäisch geprägter Tourist, eine Eigentümliche. Sie ist faszinierend, nervtötend, unwirtlich, kosmisch, ….. Der Teheraner Basar ist einer der größten der Welt. Angeblich arbeiten dort 100.000 Menschen täglich. Allein diese Größenordnung veranschaulicht die schiere Unerfassbarkeit dieses Ortes. Wahrscheinlich kann man alles erdenkliche dort erstehen, vom luxuriösen Auto, über Feuerholz, Kaviar, Kochtöpfe bis hin zu Zitronen. Auch wenn mein erster Kontakt mit diesem Übermaß an Fläche, Menschen und Angebot in die Phase des Erwachens fiel und langsam blecherne Rolltore hochgezogen wurden, Holzläden aufklappten und eifrige Bazaris ihre Waren auslegten, -hingen, drappierten, auch wenn als dieser Tagesbeginn ein friedlicher war, konnte er dennoch meine Begeisterung für dieses Ort nicht aufrechterhalten. Nach dem Palastbesuch konnte ich mehr als eine Stunde konsequent südwärts gehen, ohne einmal nach links oder rechts abgebogen zu sein. Ich hatte den Basar, das Treiben in den Gassen, die Enge der vorbeiziehenden Waren nicht verlassen. Eine einzige Richtung, ohne Abbiegen, eine Stunde. Ich war schockiert, trat unmittelbar den Rückweg an und betrat den Teheraner Basar nicht noch einmal.

Zugfahrt

Der letzte Tag in Teheran war ein eigenartiger. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ein muslimischer Freitag einem christlichen Innenstadtsonntag gleichkommt. Tatsächlich hatten die meisten Geschäfte geschlossen, der Verkehr war weniger haarsträubend und in einigen Seitenstraßen herrschte Ruhe. Das Ziel ein Viertel aufzusuchen, in dem vornehmlich kunsthandwerkliche Läden, Antiquitäten und ähnlich gehandelt werden sollten, war entsprechend nicht von Erfolg gekrönt. Hier und da hatte vereinzelt ein Geschäft geöffnet, aber das quirlige Leben fehlte mir.
Anders am Hauptbahnhof. Entgegen meiner sonstigen Reisegewohnheiten, die eher komfortorientiert sind, als auf Erlebnis getrimmt, hatte ich bereits in Deutschland eine Zugfahrt gebucht. Von Teheran sollte es unmittelbar mit dem Nachtzug nach Shiraz gehen, die Stadt der Limonen, des Dufts und der Nachtigallen.
Sollten man Bahnfahrten in Deutschland, zu Beginn der 90er Jahre in Erinnerung haben, so kann man sich in ungefähr die iranische Bahnfahrt 2018 vorstellen. Alles ist vorhanden, die Plätze systematisch gebucht, die Abteile sauber und mit Betten ausgestattet. Entgegen den deutschen Knausrigkeit stehen in iranischen Zügen Thermoskannen mit Tee und Gebäck bereit, alles hat die Atmosphäre eines Besuchs bei Oma. Getränke werden gereicht, Snacks vorbeigebracht und schließlich das Abendessen – wenige galant in Styropor – ins Abteil gebracht. Für die Nacht werden Laken gebracht, die die Sitzbank umhüllt, das Gefühl eines Bettes imitieren und schließlich Rosenbedruckte Decken und Kissen umschlagen, so das ein ersprießliches Nachtlager entsteht.
Gänzlich ohne Komfort wollte ich dann allerdings doch nicht auskommen, und statt eines Einzelsitzplatzes in einem Viererabteil buchte ich mir vier Plätze in einem Abteil, so dass ich das gesamte Abteil für mich allein hatte. Der Kontakt zu den Mitreisenden blieb dennoch nicht aus. Vier vergnügliche iranische Damen hatten sich in dem Abteil breit gemacht, das ich als meines erachtete. Auf meine Fahrkarte verweisend, versuchte ich sie davon zu überzeugen, dass ich hier doch offenbar richtig sei. Die Rädelsführerin gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass ihr die Schrift zu klein sei. Da das Handling mit sperrigem Gepäck in engen Zügen überall auf der Welt eine Herausforderung seines gleichen ist, parkte ich mein Gepäck in Abteil 2, während ich mich nochmals den Damen in Abteil 3 zuwandte. Weiterhin ohne Erfolg. Die Lösung bestand wie so oft in diesen Tagen in der Suche nach jemandem der mein Anliegen halbwegs auf Englisch verstand und ein paar Dinge in die Hand nahm. Eine junge Perserin aus Abteil 5 war willens sich meines Problems anzunehmen, konnte den Damen vermitteln dass ihre Plätze in Abteil 4 waren. Das heitere Teetrinken wurde unterbrochen, die Gäste aus Abteil 2 waren inzwischen auch eingetroffen, ein indischer Turbanträger, ein älteres iranisches Ehepaar und ein älterer Herr. Alle waren irritiert über den Koffer in ihrem Abteil und räumten ihrerseits nun ihr Gepäck in mein Abteil. Die junge Perserin war jedoch resoliut genug alle an ihren Platz zu verweisen, die Damen entschuldigten sich noch mehrmals, tauschen Tee und Gebäck aus ihrem Abteil aus und so konnte die Reise pünktlich beginnen. Auch wenn die Strecke von Teheran nach Shiraz kein Katzensprung ist, bin ich mir unsicher inwiefern 16 Stunden Reisezeit angemessen sind.

Leave a Comment

Filed under Allgemein

weihnacht in der großen stadt

James Krüss

Seltsam schaut die Stadt heut aus:
Alle Fenster sind verdunkelt!
Und es flüstert und es munkelt
Sonderbar in jedem Haus.
Straßenbahnen läuten nicht.
Einsam leuchten die Laternen.
Und von oben aus den Sternen
Fällt der Schnee so weich und dicht.
Wie ein Riese schläft die Stadt,
Die der Himmel mit dem feinen
Weißen Schnee wie unter Leinen
Zärtlich eingemummelt hat.
In den Türmen hängen stumm
Große Klöppel im Gehäuse.
Nur der Wind weckt manchmal leise
In den Glocken ein Gebrumm.
Seltsam ruhig ist es heut
In den Straßen und den Gassen.
Selbst der Marktplatz ist verlassen
Und wie tot um diese Zeit.

Aber da mit einemmal
Wehen in das Spiel der Flocken
Von den Türmen, von den Glocken
Silbertöne ohne Zahl.
Und die Kirchen, groß und schwer,
Öffnen mächtig die Portale.
Und da gehn mit einem Male
Wieder Menschen hin und her.
Stimmen lachen, Türen gehn,
Und in schmalen Fensterritzen
Kann ich etwas golden blitzen
Und verwirrend blinken sehn.
Plötzlich scheint die Stadt erwacht.
Auch die Kinder hör ich wieder.
Und es tönen Weihnachtslieder
Fröhlich in die weiße Nacht.

Leave a Comment

Filed under Poesie

Rudolf Borchardt

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke – Gedichte, hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten – Textkritisch rev. und erw. Neuedition – erw. Auflage 2003
ISBN: 978-3-608-93574-5

Kürzester Tag

In eine Winterfrühe hebst du dich,
So hingegeben in den Stundenschlag
Wie einer Jugendliedern lauschen mag,
Und lauschend nicht mehr hört, und tief in sich
Die alten Augen wendet bitterlich:
Nun ist doch Morgen, und das Licht wie zag!
Am Himmel steht der hoffnungslose Tag
Im Unsichtbaren unerschütterlich.

Es ist nicht schwer, von Tischen aufzustehen,
Wo alle Becher umgeworfen sind
Und wüste Decken in die Nachtluft wehen –
Es ist beinahe leicht, durch diesen Wind
Und nun durch diesen ersten Schnee zu gehen!
Du fühlst dein Herz nicht mehr und bist wie blind.

Leave a Comment

Filed under Allgemein