Tag Archives: Ingo Herrmann

weihnacht in der großen stadt

James Krüss

Seltsam schaut die Stadt heut aus:
Alle Fenster sind verdunkelt!
Und es flüstert und es munkelt
Sonderbar in jedem Haus.
Straßenbahnen läuten nicht.
Einsam leuchten die Laternen.
Und von oben aus den Sternen
Fällt der Schnee so weich und dicht.
Wie ein Riese schläft die Stadt,
Die der Himmel mit dem feinen
Weißen Schnee wie unter Leinen
Zärtlich eingemummelt hat.
In den Türmen hängen stumm
Große Klöppel im Gehäuse.
Nur der Wind weckt manchmal leise
In den Glocken ein Gebrumm.
Seltsam ruhig ist es heut
In den Straßen und den Gassen.
Selbst der Marktplatz ist verlassen
Und wie tot um diese Zeit.

Aber da mit einemmal
Wehen in das Spiel der Flocken
Von den Türmen, von den Glocken
Silbertöne ohne Zahl.
Und die Kirchen, groß und schwer,
Öffnen mächtig die Portale.
Und da gehn mit einem Male
Wieder Menschen hin und her.
Stimmen lachen, Türen gehn,
Und in schmalen Fensterritzen
Kann ich etwas golden blitzen
Und verwirrend blinken sehn.
Plötzlich scheint die Stadt erwacht.
Auch die Kinder hör ich wieder.
Und es tönen Weihnachtslieder
Fröhlich in die weiße Nacht.

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Rudolf Borchardt

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke – Gedichte, hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten – Textkritisch rev. und erw. Neuedition – erw. Auflage 2003
ISBN: 978-3-608-93574-5

Kürzester Tag

In eine Winterfrühe hebst du dich,
So hingegeben in den Stundenschlag
Wie einer Jugendliedern lauschen mag,
Und lauschend nicht mehr hört, und tief in sich
Die alten Augen wendet bitterlich:
Nun ist doch Morgen, und das Licht wie zag!
Am Himmel steht der hoffnungslose Tag
Im Unsichtbaren unerschütterlich.

Es ist nicht schwer, von Tischen aufzustehen,
Wo alle Becher umgeworfen sind
Und wüste Decken in die Nachtluft wehen –
Es ist beinahe leicht, durch diesen Wind
Und nun durch diesen ersten Schnee zu gehen!
Du fühlst dein Herz nicht mehr und bist wie blind.

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Rein­hold Au­mai­er

Feiner Herr

Hat mit dieser
grobschl(a)echtigen Welt
fast gar nichts mehr
am Hut

Hängt ihn an den Na­gel

Hebt innerlich ab

Und ist versch
wunderbarerweise
demnächst ein
Wolkerl im end
losen Blau

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 19. Dezember 2019, Nr. 295, S. 9.

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Heinz Piontek

Heinz Piontek: Selbst, 1964; Aquarell, ca.1999 (Heinz Piontek – Archiv, Lauingen)

Die Furt

Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie,
dort ist die seichteste Stelle.
Wolken im Wasser, wie nahe sind sie!
Zögernder lispelt die Welle.


Warten und spähen – die Strömung bespült
höher hinauf mir die Schenkel.
Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt.
Sirrendes Mückengeplänkel.


Kaulquappenstrudel zerstieben erschreckt,
Grundgeröll unter den Zehen.
Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt!
Flutlichter kommen und gehen.


Endlose Furt durch die Fährnis gelegt –
werd ich das Ufer gewinnen?
Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt,
such ich der Angst zu entrinnen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, 14. Dezember 2019, Nr. 291, S. 16.

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Zum MZ-Artikel: Millionen für das Stadtbad

Der Neubau der Kulturstiftung des Bundes in Halle
(Quelle: https://www.kulturstiftung-des-bundes.de)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich über alle Maßen, sollte das Stadtbad in naher Zukunft, mit neuem Konzept und frisch saniert, ein weiterer Wohlfühl-Baustein in unserer Stadt werden. Dennoch gibt es ein Kümmernis: In den letzten Jahren hat der Bund seine Kulturförderung deutlich ausgebaut. Ausgehend von einem staatlichen Anteil von unter 1,5% Prozent im Jahr 1985, beträgt der Anteil mittlerweile knapp 15%.[1] Das ist erfreulich, da mehr Kultur – gerade in Zeiten wie diesen – auch ein Mehr an Teilhabe und Bildung bedeuten kann.

Jedoch sollte diese Aktivität des Bundes auch mit einer gewissen Skepsis bedacht werden. Vielleicht mit einem Gefühl, wie es kinderreiche, hart arbeitende Eltern empfinden, wenn ein begüterter Onkel von Zeit zu Zeit vorbeikommt und auf den mühsam mit Brot gefüllten Tisch Schokolade und kostbare Desserts stellt. Den Kindern mag so etwas natürlich Spaß machen, die Eltern aber ärgern sich und meinen vielleicht, statt spektakulärer, seltener Extras hätte uns der Onkel oder die Tante auch mehr Geld zur Aufbesserung der täglichen Hausmannskost geben können.

In der Sprache der Politik: es stünde dem Bund auch frei, die Länder und Kommunen in die Lage zu versetzen, mehr (noch mehr!) für Kunst und Kultur zu tun. In deren sinkende Finanzierungsanteile sprang der Bund nämlich ein. Statt das grundlegende Subsidiaritätsprinzip des Grundgesetzes zu beachten, ein Prinzip, nach dem die übergeordnete staatliche Ebene nur solche Handlungen vornehmen sollte, zu deren Wahrnehmung die untergeordnete Ebene nicht in der Lage ist, herrscht fröhliche Gebieterlaune. Selektiv bestimmt der Bund welches Gericht auf dem Tisch steht.

Das ist auf verschiedene Weise bedenklich. Zum einen gilt es mit einer Förderquote von 50% nun für die Stadtwerke einen ebenso großen Anteil in Höhe von 13 Millionen Euro zu finanzieren. Da der Staatssekretär für Kultur in der Staatskanzlei (Schellenberger) eingebunden war, kann man nur hoffen, dass ein erklecklicher Anteil dieser Summe vom Land übernommen wird. Die Stadt Halle dürfte finanziell ächzen.

Aber insbesondere strukturell sollte man eine sich zunehmend zentralisierende Kulturpolitik hinterfragen. Deren Fähigkeit flächendeckend Originalität, Spontaneität, kritischen Geist sowie Erneuerungswille und formales Experiment aufrechtzuerhalten, bezweifle ich. Die Freude im Herzen wird so durch einen Wermutstropfen getrübt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ingo Herrmann


[1] Vgl. Statistisches Bundesamt: Kulturfinanzberichte, o. J., im Internet verfügbar unter www.destatis.de, der aktuellste: http://miz.org/downloads/dokumente/946/2018_Kulturfinanzbericht.pdf.

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Rasender Stillstand

Michael Krüger

Wir haben es kommen sehen,
das rasende Gewitter,
wie es von Süden her
das Wasser aufmischte
und die letzten Boote vertrieb.
Eben noch saßen wir,
wie erstarrt in der eigenen Ohnmacht,
unter den sesshaften Bäumen
und hörten dem Specht zu,
wie er seine öden Traktate
in die Rinde der Ulme hämmerte.
Dann zeigte der Blitz uns die Zeit,
und der Donner hielt sie an,
bis der Regen wieder nachließ.
Nach dem Gewitter kamen die Mücken
in dichten Geschwadern,
diesen Krieg kann keiner gewinnen.

Quelle:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, 29. Oktober 2019, Nr. 251, S.11

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Sonnen

Sonnen (ALMA)

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Der Nußbaum, die Zeit

Michael Krüger

Der Nußbaum musste dran glauben,
um die Sehnsucht nach Ordnung zu stillen.
Vor zehn Jahren habe ich einen Trieb
in die Erde gesteckt, einen puritanischen Stecken,
nach drei Jahren die ersten Nüsse,
rätselhafte Früchte, angeblich
Abbild unseres Gehirns.
Alles wird der Ordnung geopfert,
die Kindheit, die Jugend, der Garten, die Sorge.
Nur mein Gehirn ist so unordentlich geblieben
wie der ungehobelte Nußbaum,
der dem Hasel das Wasser abgräbt.
Aber ich brauchte seinen Schatten,
um mich auszuruhen und zu schauen,
meinetwegen auf Kosten der Wahrheit.
Den freien Platz besetzt jetzt das Unglück,
in dessen Schatten sich die Zeit niederläßt,
die gefräßige Zeit, die alles an sich reißt,
über und unter der Erde, am hellichten Tag.

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Freiheit braucht Gelassenheit

Freiheit ist nicht das Recht zur lebenslänglichen Beliebigkeit, sondern fordert die Kraft zur Bindung. Von Paul Kirchhof

Freiheit sichert Unabhängigkeit vom Staat, setzt aber die individuelle Kraft zur Freiheit voraus. Der Mensch ist von Geburt an frei, muss aber lernen, seine Begabung zur Freiheit zu entfalten. Er wächst zur Freiheit, Selbstverantwortung, Mündigkeit, Wahlfähigkeit heran, weil ihn die Eltern in Sprache und Gemeinschaftsleben einführen, die Schule ihm eine Grundbildung vermittelt, er durch Berufsqualifikation und Kulturteilhabe besondere Fertigkeiten gewinnt. Staat und Wirtschaft stützen ihn bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und Not. Gemeinschaft ist die Quelle der Freiheit. Der Staat garantiert in dieser Gemeinschaftsgebundenheit die individuelle Freiheit, gewährt diese aber als ein definiertes – begrenztes, auf die Mitmenschen abgestimmtes – Recht.

Freiheit heißt, sich vom anderen unterscheiden zu dürfen. Der eine widmet sich dem Erwerb, der andere dem Sport, ein Dritter den schönen Künsten. Diese Verschiedenheiten sind freiheitlich gerechtfertigt, rechtfertigen grundsätzlich keine Umverteilung. Doch der Zugang zur Freiheit muss durch Entfaltungs-, Bildungs-, Arbeits- und Gründungshilfen möglichst gleich erschlossen werden. Unterschiedliche Erfolge bei Wahrnehmung der Freiheit sind dann im Freiheitsrecht angelegt und anerkannt.

Die Freiheit selbst ist ein Angebot. Der Freie ist nicht verpflichtet, dieses anzunehmen. Würden die Menschen keine Familien gründen, wäre das Recht nicht verletzt. Doch ein Gemeinwesen ohne Kinder hätte keine Zukunft. Würden die Menschen sich am Erwerbsleben nicht beteiligen, sondern in den Tag hineinleben und unter der Brücke schlafen, so wäre dieses ihr Recht. Doch die Soziale Marktwirtschaft, der Finanz- und Steuerstaat würden an ihrer eigenen Freiheitlichkeit scheitern. Freiheit ist ein Vertrauenskonzept. Der Staat erwartet von seinen Bürgern die Fähigkeit und Bereitschaft, ihre Freiheit wahrzunehmen. Der Verfassungsstaat ist so frei, wie die Bürger ihre Kraft und Qualifikation zur Freiheit entfalten.

Die demokratische Freiheit sichert dem Bürger, als Teil des Staatsvolkes im Staat mitzuwirken. Das Staatsvolk wirkt im Staat wie die Hand im Handschuh. Der Handschuh liegt schlaff darnieder, bis die Hand hineinfährt und ihm Beweglichkeit verleiht. Der Staat wird durch das Staatsvolk handlungsfähig, setzt dabei voraus, dass die Bürger aus ihrer Kultur ähnliche Leitvorstellungen über ein gutes Zusammenleben entwickeln. Der Grundrechtsschutz ist ein allen Bürgern gemeinsames Anliegen. Die jeweilige Minderheit darf darauf vertrauen, in einem fairen Verfahren später einmal zur Mehrheit zu werden. Der gewählte Abgeordnete ist Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden. Er wird durch Koalitionsvereinbarungen, die sich „Koalitionsvertrag“ nennen, rechtlich nicht gebunden, ist sich auch bewusst, dass eine Politik von heute in einem Vierjahresplan die Fragen und Antworten zukünftiger Politik nicht voraussehen und nicht vorschreiben kann. Er darf insbesondere nicht ihm obliegende Entscheidungen an eine parteilich befangene, nicht das ganze Volk repräsentierende „Basis“ seiner Partei abtreten. Im Parlamentsalltag baut er auf die Arbeitsteilung in Fraktionen, behält sich aber stets die eigene, freie Entscheidung vor.

Freiheit ist nicht das Recht zur lebenslänglichen Beliebigkeit, sondern fordert in den das Leben prägenden Freiheiten die Kraft zur Bindung. Nur wer den Vorhof der Freiheit, die Beliebigkeit, verlässt und durch das Tor zur langfristigen Selbstbindung schreitet, macht sich die großen Zukunftsfreiheiten zu eigen. Wer einen Beruf wählt, muss sich dafür in Studium und Ausbildung qualifizieren. Wer eine Ehe und Familie gründet, verspricht dem Partner lebenslängliche Treue und ist seinem Kind unkündbar und unscheidbar verbunden. Wer ein Unternehmen eröffnet, übernimmt Verantwortlichkeit für seine Arbeitnehmer, sein Produkt, seine Vorlieferanten, den Standort, die Umgebung seines Betriebes. Freiheit ist verantwortliche Selbstbindung.

Der Rechtsstaat legt bei seiner Freiheitspolitik heute oft das Instrumentarium des Rechts beiseite und wählt den goldenen Zügel, der den Menschen ein anstrengungsloses Einkommen verspricht, wenn er sich willig einem staatlichen Lenkungsplan fügt. Der Mensch erscheint käuflich und empfängt Geld für staatlich definiertes Wohlverhalten. Doch jede Subvention trägt den Hang zum Privileg in sich. Sie begünstigt wenig Auserwählte, schließt die Allgemeinheit von der Wohltat aus. Der Mensch wird auch als ein gesamtwirtschaftlich steuerbares Objekt gesehen, das man durch steuerliche Anreize lenken, durch geldpolitische Veränderungen vor wirtschaftliche Fakten stellen, durch digitale Daten manipulieren kann.

Das Grundgesetz gewährte anfangs Freiheit von Angst – vor den täglichen Fliegerangriffen, der Geheimen Staatspolizei, vor Hunger und existentieller Not. Die neue Verfassung vertritt ein Menschenbild, in dem der Mensch nicht der Feind ist, dem man argwöhnisch, abwehrend, defensiv begegnet, sondern eher der Freund, dem man begegnen, in Gemeinschaft verbunden sein will. Dieser Mensch ist mehr vernünftig als triebgesteuert, hat eine eigene Würde, steht als Berechtigter in der Mitte des Rechts und macht das Recht vom Menschen abhängig. In dieser Schlichtheit ist der Mensch freiheitsberechtigter und mitgestaltender Demokrat. Er verdient Vertrauen. Doch je mehr das Recht Genehmigungs- und Kontrollvorbehalte aufbaut, Berichts- und Dokumentationspflichten begründet, Belege und Nachweise fordert, desto mehr verbreitet der Staat Misstrauen und erstickt Freiheit.

Freiheit braucht Gelassenheit. Der Gelassene tritt bedacht und zeitbewusst in eine Welt, in der er auch einmal von sich selbst und den Dingen lassen, ohne die Frage nach dem Warum denken und handeln kann. In dieser Offenheit auch für Gefühl und Sinne widmet er sich der Geselligkeit und dem Spiel, der Kunst und der Religion. Der Gelassene weiß, dass er vertrauen muss, will er nicht sprichwörtlich um den Schlaf gebracht werden.

Wenn Flüchtende ihre Hoffnung auf Zugang und Bleiberecht in Deutschland setzen, die Bürger sich in ihrer freiheitlichen Selbstbestimmung aber überfordert fühlen, wird die Freiheit als begrenztes Recht sichtbar. Die Demokratie braucht die Staatsgrenze als Schutz gegen den militärischen Angreifer, das Staatsgebiet als Raum ihrer Rechtsverantwortlichkeit, die Grenzschranke als Instrument für das Recht von Austausch und Begegnung. Unter dieser Voraussetzung bemühen sich freie Menschen um offene Grenzen, respektieren aber stets die Grenze zwischen der eigenen Freiheit und der des anderen. Den Flüchtenden ist am besten geholfen, wenn ihnen in ihrem Herkunftsland eine Heimat geboten wird, wir ihnen Helfer mit Kapital zum Aufbau moderner Lebensbedingungen schicken, die einen zarten Aufwuchs eigener Entwicklung nicht überschwemmen, sondern bestärken und ergänzen.

Am Beginn der Neuzeit forderte Freiheit vor allem den Mut, seinen Verstand zu gebrauchen. Mit Vernunft werde die Natur beherrscht, ein Konflikt nicht mehr durch Faust und Fehde, sondern allein in der Rationalität des Sprachlichen gelöst, Frieden gesichert, Herrschaft gemäßigt, Wissenschaft entfaltet. Freiheit schützt das Handeln nach Vernunft, gewährt aber auch das Recht, unvernünftig sein zu dürfen. Der Mensch folgt nicht nur Vernunft und Logik. Er will auch lachen und lieben, tanzen und musizieren, staunen und sich verzaubern lassen. Er will sich aufregen und empören, begeistert und enttäuscht sein, vertrauen und hoffen. Er will auch einmal leichten Sinnes sein und damit einen Platz im Recht finden. Deswegen verstehen wir, dass die Mutter dem verlorenen Sohn das zehnte Mal verzeiht, der Extremsportler erneut zu einem riskanten Flug ansetzt, die Zuschauer den Fußballstar bejubeln. Dieses ist nicht vernünftig, aber menschlich. Freiheit fordert ein Handeln mit Verstand und Herz.

Die vernunftgeleitete Freiheit droht gegenwärtig in Teilrationalitäten verengt zu werden. Die Naturwissenschaften folgen einem Prinzip empirischer Beweisbarkeit, fragen nach dem menschlichen Können, vernachlässigen aber die Frage nach dem menschlichen Dürfen. Die Geschichte lehrt den Menschen seine begrenzte Einsichts- und Erlebnisfähigkeit, warnt vor der Wiederholung von Fehlentwicklungen, ist aber auch eine Geschichte des Zufalls. Die Wirtschaft folgt einem Wettbewerb, der nach einem fairen Verfahren die Wettbewerber in Sieger und Besiegte trennt, Unbeteiligte vom Wettbewerbserfolg von vornherein ausschließt, mit dieser Härte nur neben Ausgleichs- und Solidaritätsstrukturen erträglich ist. Die Geldwirtschaft baut auf ein Einlösungsversprechen, das allein in einem Systemvertrauen wurzelt, ohne eine dieses Vertrauen rechtfertigende Wirtschaftsdisziplin zu garantieren. Der Staat finanziert sich aus Steuern, darf nicht mehr ausgeben, als er eingenommen hat. Weicht er in eine überhöhte Staatsverschuldung aus, nimmt er der nachfolgenden Generation ein Stück ihrer Freiheit. Diese Teilrationalitäten werden zur Unvernunft, wenn nicht eine lebensübergreifende Vernunft und eine freiheitsbestimmende Humanität die Teilsysteme zusammenführen.

Der technische Fortschritt erweitert Freiheit, erleichtert das Leben, erschließt Denk- und Entscheidungsformen, die bisher unmöglich schienen. Die moderne IT-Technik bietet den Menschen neuartige Instrumente des Begegnens und Verständigens, des Gedächtnisses und der Gedankenkombinationen, droht jedoch, ohne Wissen der Betroffenen ein eigenes Potential an Wissen, Kombinations- und Entscheidungsfähigkeiten aufzubauen, das die Menschen beherrscht und lenkt. Deshalb werden freie Gesellschaften ihr Menschenbild und ihre Werte in diese Maschinen und Algorithmen einbringen, die formatierte Freiheit des Menschen bewusstseinsbildend weiten.

Wenn die Algorithmen Menschen, Gegenstände, Zustände und Eigenschaften vergleichen und zählen, können sie einen Großteil der das menschliche Leben bestimmenden Wirklichkeit nicht erfassen. Freude und Begeisterung, Liebe und Trauer, Hoffnung und Enttäuschung ereignen sich im Innenleben des Menschen, verschließen sich der Verallgemeinerung in einem für jedermann geltenden Maß. Die Teilperspektive einer allein das Zählbare beobachtenden Weltsicht gibt Anlass, diese Begrenztheit bewusst zu machen, die Akteure aus der Anonymität des Systems in Dialog und Verantwortlichkeit zu drängen. Der Staat wird vielfach auf die Begegnung von Menschen in Sprache, Rechenschaft und persönlicher Verantwortlichkeit nicht verzichten können.

Der europaoffene Verfassungsstaat hat einen Teil seiner Aufgaben und Kompetenzen an die Europäische Union übertragen. Damit geht ein Stück der Freiheitsgarantie auf diesen Staatenverbund über. Die gemeinsame Ausübung von Hoheitsrechten muss vor allem die Verbindlichkeit des Rechts, die in der Union insbesondere im Finanzrecht sehr gelitten hat, im Dienst der individuellen Freiheit wiederherstellen. Freiheit ohne Recht ist unmöglich. Suchen Machthaber sich vom Recht zu lösen, bedrohen sie die Freiheit. Die Erwartung, die EU brauche nicht den Zusammenhalt im Recht, sondern könne die Mitgliedstaaten durch Zuwendung anstrengungsloser Einnahmen binden, muss als Irrtum entlarvt werden. Ein System, in dem der Empfänger stets glaubt, zu wenig zu erhalten, der Zahler meint, zu viel leisten zu müssen, entsolidarisiert. Das Ergebnis ist die Flucht in den Kredit des billigen Geldes, der den Sparer nach und nach enteignet, die Jedermannsfreiheit des gesparten Ertragseigentums zerstört.

Die grundlegende Erneuerung der EU ist durch das Einstimmigkeitsprinzip erschwert. Deshalb empfiehlt es sich, in den europäischen Gremien unter Beteiligung der mitgliedschaftlichen Parlamente eine neue Grundordnung zu entwerfen. Für diesen Entwurf genügen Mehrheiten, vielleicht qualifizierte Mehrheiten. Die Mitgliedstaaten können dann neu entscheiden, ob sie in einer Union mit diesem Rechtskonzept bleiben wollen. Das Einstimmigkeitsprinzip wird so durch die Entscheidung über die Zugehörigkeit eines Staates in der zukünftigen EU ersetzt. Dies könnte ein Befreiungsakt sein – für die Freiheit der Unionsbürger, für die Demokratie in den Mitgliedstaaten, für die Eigenheit Europas als ein freiheitlich und demokratisch strukturiertes Völkerrechtssubjekt.

Professor Dr. Dres. h. c. Paul Kirchhof, Bundesverfassungsrichter a. D., ist Seniorprofessor distinctus der Universität Heidelberg.

Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 11.10.2018, S. 8 (Staat und Recht).

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Besuch vom Narren

Nächtliche Unterhaltung mit einer Romanfigur: Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises am Montag, 03. September 2018, in der Berliner F.A.Z.-Redaktion. 

In diesem Raum gehöre ich zu einer kleinen Minderheit. Ich bin Frank Schirrmacher nie begegnet. Ich habe auch nie mit ihm kommuniziert, nicht per Mail, nicht per SMS. Und mir ist nicht bekannt, ob er je eines meiner Bücher gelesen hat, jedenfalls hat er mich weder gelobt noch gekränkt. Ich bin also ganz objektiv. Mit diesem Disclaimer wollte ich beginnen und dann steilen Flugs ins Allgemeine aufsteigen. Ich wollte erzählen, dass ich, geprägt von der Medienkritik eines Karl Kraus, Frank Schirrmacher zu dessen Lebzeiten immer mit Scheu, ja etwas Furcht beobachtet habe, einfach weil er so mächtig war im Milieu der Kultur, und ich wollte darüber sprechen, wie sehr sich die Weltsituation doch verändert hat – Sorgen müssen uns weiß Gott nicht mehr mächtige Feuilletonisten machen, wollte ich sagen, und dann wollte ich darauf eingehen, wie sehr Frank Schirrmacher in einer Welt von Donald Trump, Viktor Orbán und AfD fehlt. All das wollte ich sagen, aber als ich mich neulich spätabends hingesetzt hatte, um meine Rede zu schreiben, passierte etwas Unerwartetes: Till Eulenspiegel kam zu mir.

Er kam nicht als Erscheinung. Ich habe keine Visionen. Ich hätte sie gern, das wäre nützlich für meine Arbeit, aber bisher waren mir keine Gesichte vergönnt. Ich sollte es also besser so ausdrücken: Till Eulenspiegel wurde mir wieder auf die gleiche Art gegenwärtig, wie er es beim Schreiben meines Romans gewesen war. Damals war es mir oft vorgekommen, als wäre mein Versuch, seine archaische Gestalt in eine Erzählung zu bannen, weniger eine Kraftanstrengung der Erfindungsgabe als vielmehr die Bemühung, klar hinzuhören auf seine hohe und scharfe Stimme. Da war er also und fragte: „Was stellst du da an?“ Und als ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte: „Machst du’s schön staatstragend?“

Ich kenne ihn ja inzwischen ganz gut, und so leicht bin ich auch nicht zu provozieren, also sagte ich ausweichend: „Was schlägst du vor?“

Aber ich wusste seine Antwort schon. Wie ich übrigens beim Schreiben immer gewusst hatte, was er sagen würde. Eine neue, durchgehend seltsame Erfahrung: Nie hatte ich das Gefühl gehabt, mir seine Sätze auszudenken. Wann immer er in meiner Phantasie den Mund geöffnet hatte, hatte er auch schon geredet, als wäre er eine von mir unabhängige Person. „Sprich von dir“, das wusste ich, würde er antworten – und da mir seine Antwort bewusst wurde, hatte er sie auch schon gegeben. „Statt einer geplusterten Dankeschönrede mit Brokat und Silber, statt großer Worte über Gegenwart, Zukunft und was weiß ich, erzähl, wie oft du Angst hattest, es nicht zu schaffen, dein Büchlein. Erzähl davon, dass du oft nur weitergemacht hast, weil du musstest, weil du nämlich den Vorschuss ausgegeben hattest. Von solchen Dingen sprich, das mag ich, oder sprich darüber, wie lustig es ist, dass du einen Preis bekommst, benannt nach einem Mächtigen, vergeben im Rahmen des alleretabliertesten Establishments ausgerechnet für ein Buch über mich! Gehört sich das?“

„Nicht für das Buch über dich!“, sagte ich. „Da steht ausdrücklich: ,für herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens‘.“

„Zum was des Zeitgeschehens?“

„Zum Verständnis.“

„Zum Verständnis des was?“

„Ich weiß, ich weiß. Aber hör mal, das mit dem Establishment ist übertrieben.“

„Das Staatsoberhaupt!“, rief er, und jetzt brauchte ich mir seine Stimme nicht mehr vorzustellen, ich hörte sie wirklich. „Das Staatsoberhaupt redet über dich! Ich bin ein besserer Künstler als du. Kunst kommt von Können, sagen sie, aber was kannst du eigentlich? Ich kann jonglieren und tanzen, und überleben kann ich auch, und zwar am besten, wie sonst hätte ich so vielen Leuten so viele Streiche spielen können! Ich kann Dinge, von denen du nicht mal träumen würdest! Und habe ich je einen Preis von einem Oberhaupt gekriegt? Die Wahrheit ist, ich hab noch kein Oberhaupt getroffen, das mich nicht totschlagen wollte.“

„Die Zeiten sind andere“, sagte ich.

„Ja, noch sind sie’s“, sagte er, und dann stieß er sein meckerndes Lachen aus. „Und wenn sie’s nicht mehr sind, also: wenn sie wieder so sind, wie sie mal waren, denn glaub mir, das kann schnell passieren – dann schauen wir doch mal, wie du dich anstellst.“

Ein unangenehmes Lachen war das, kein herzliches, ein Lachen ohne Liebenswürdigkeit. Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten zu lachen, und sie haben wenig miteinander gemein. Es gibt das Lachen, in dem sich Einverständnis zeigt mit dem allgemeinen Status quo, das freundliche Lachen, das Lachen der netten Leute ohne Humor. Und dann, fast nicht einmal verwandt damit, das Lachen darüber, dass die Welt so ungerecht ist und so gemein. „Das Lachen der Engel“ hat Milan Kundera jenes nette Lachen genannt und dieses „das Lachen der Teufel“, und es sei das Teufelslachen, so Kundera, das Diktatoren und Fanatiker nicht erlauben könnten, während sie das Lachen der Engel jederzeit schätzten. Kurz gesagt: Die Engel lachen darüber, dass die Welt so schön ist und so gut eingerichtet. Die Teufel lachen darüber, dass die Engel behaupten, die Welt wäre schön und gut eingerichtet, obwohl dem nicht so ist.

„Ich sehe, was du da machst“, sagte er.

„Was mache ich denn?“, fragte ich ertappt. „Ich spreche doch von dir. Ich spreche davon, dass du fürs Teufelslachen stehst, für den kompromisslosen Blick, für die Kraft der Unversöhnlichkeit.“

„Ich stehe für nichts.“

„Du stehst für Kunst!“

„Ja, bei dir, weil du dir das so ausgedacht hast, aber in den alten Geschichten bin ich nur einer, der auftaucht, den Leuten was antut und wieder abhaut. Für mich gibt’s nichts Allgemeines. Für mich gibt es das, was gerade ist. Und wenn du über mein Buch sprechen willst . . .“

„Mein Buch!“, korrigierte ich. Das konnte ich nun doch nicht einfach stehenlassen.

„Dann sprich lieber darüber, wie du die Folterung des Müllers geschildert hast. Wie du dich entschieden hast, den Mord zu beschreiben aus der Sicht des Mörders, weil du nicht so dringend das Opfer verstehen wolltest, sondern lieber den Täter. Opfer sein ist leicht, dachtest du, und nicht gerade spannend. Gib es zu!“

„Natürlich gebe ich es zu! Das ist die Aufgabe der Literatur! Wir Schriftsteller sind so, wir versuchen auch das zu verstehen, was wir –“

„Du bist so. Sag nie wieder ,Aufgabe der Literatur‘, sonst tu ich dir weh. Du weißt, ich kann das. So ausgedacht bin ich nicht, dass ich dir nicht weh tun kann. Sprich davon, dass du so bist, sprich davon, dass dich der Mörder mehr interessiert. Sprich davon, was es dich gekostet hat, dir vorzustellen, was in einem Blutrichter vorgeht, sprich davon, dass das kein Spiel ist. Wer so etwas tut, beschwört Dämonen. Sprich davon, wie es war, als sie kamen. Und sprich von dem Kapitel, in dem du mich hast verschüttet gehen lassen unter Brünn. Du wolltest eine Belagerung beschreiben, aber auf einmal war dir alles zu viel Bildermalerei, so dass du es lieber ganz klein haben wolltest, ganz beschränkt, ganz ohne Luft, nur drei Lebende und ein Toter in einem Loch in der Dunkelheit und der Strom der Erinnerungen. Du hast das nur geschrieben. Aber ich musste es aushalten.“

„So schlimm kann’s nicht gewesen sein“, sagte ich. „Du atmest nicht wirklich, also beschwer dich nicht über schlechte Luft.“

„Ich atme vielleicht nicht, aber ich lebe. Das weißt du am allerbesten. Es gibt viele Arten, wirklich zu sein. Ich lebe mehr als du. Ich war lang vor dir da. Ich werde lang nach dir da sein, daran ändert auch dein hochwürdiger Preis nichts. Und wenn du von dem Mann reden willst, nach dem der Preis benannt ist, dann sprich davon, wie plötzlich einer sterben kann. Mitten darin. Alltagsverwickelt, voller Absichten, voll Neugier, Wut, Liebe, kleiner Pläne, großer Pläne. Sprich davon, wie furchtbar das ist. Und sprich davon, wie sehr du’s bei dem Gedanken mit der Angst zu tun kriegst.“

„Das krieg ich allerdings“, sagte ich leise. Und wieder einmal, ich konnte nicht anders, schauderte mir davor, wie kurz die uns gegebene Zeit ist, selbst unter besten Umständen, selbst wenn man Glück hat und ein sogenanntes langes Leben, das, bei Licht betrachtet, so besonders lang auch nicht ist. Seit ich die Gesichtszüge meines Vaters in meinem Sohn erkenne, fühle ich wirklich dass wir die Dinge und die Zeit bloß an andere weitergeben, und ich dachte an die Warnung, die mir einst ein deutlich älterer Freund gegeben hatte: „Sobald du fünfunddreißig wirst, fangen deine Freunde zu sterben an“, und genauso war es gekommen, und ich dachte ausgerechnet daran, wie ich einst mit Péter Esterházy im Museum war und wie er von der Frau an der Kasse zum ersten Mal in seinem Leben gefragt wurde, ob er ein Seniorenticket wolle; ich dachte daran, dass seine wie immer vorbildlich elegante Reaktion – ein unentschieden abwägendes Schwenken der rechten Hand – seinen Schreck nicht ganz verbergen konnte; und ich dachte daran, dass Péter Esterházys Tod auch schon wieder zwei Jahre her ist, nach kurzer schrecklicher Krankheit, fast so unerwartet wie der Tod Frank Schirrmachers. Und um das Thema wieder einmal ins Allgemeine zu zerren, sagte ich: „Vergänglichkeit wohnt in allem. Buchstäblich allem. Inzwischen meinen die Physiker, dass in unvorstellbar ferner Zeit sogar die Protonen zerfallen. Dann kann es keine Atome mehr geben, dann könnte nichts, buchstäblich: nichts, mehr bestehen. Das Universum selbst ist sterblich. Nicht nur das Leben, auch die harte Materie hat ein Ablaufdatum. Außer natürlich, es gibt Gott, und er erbarmt sich und ruft unsere Toten zurück.“

„Ich kenn ihn schon länger“, sagte Till. „Er macht das nicht.“

„Nein“, sagte ich. „Macht er wohl nicht.“

„Aber die Protonen beunruhigen dich nicht wirklich“, sagte er, während seine Stimme ferner wurde. „Lüg nicht schon wieder. Du hast nicht Angst, dass die Materie vergeht. Vor Krebs hast du Angst. Vor Autounfällen. Du hast Angst, nicht fertig zu werden. Und mit Recht, denn was immer passiert: Es wird keiner fertig.“

Manche Dinge aber doch, wollte ich ihm antworten. Das ist das Geschenk der Kunst: dass sie es hin und wieder erlaubt, etwas abzuschließen. Aber zugleich wusste ich, dass dem Eulenspiegel nicht der Sinn nach versöhnlichen Wendungen steht, und ich wusste auch, dass ich ihn wohl nicht mehr treffen würde. Denn so ist es nun einmal mit mythischen Figuren. Manchmal gewähren sie uns ihre launische Gegenwart und lassen sich zum Schein in ein Buch, ein Bild, ein Lied bannen, aber dann sind sie schon wieder dahin, und wir wünschen uns vergeblich, sie kämen auch nur für einen Moment zurück.

Da also Till Eulenspiegel, der nun schon anderswo ist, vielleicht sogar beim nächsten Schriftsteller, meinen Dank gar nach nicht haben möchte, werde ich diesen lieber Menschen aus Fleisch und Blut abstatten. Vor allem danke ich Anne und Oscar, die mein Lebensglück sind und die mich ertragen haben in den Jahren der Arbeit an diesem besonders schweren Buch und an den Büchern zuvor. Ich danke Frank Schirrmacher für sein Buch „Die Stunde der Welt“. Und ich danke Barbara Laugwitz, und zwar ausdrücklich auch im Namen so unterschiedlicher Kollegen wie Martin Walser, Ildikó von Kürthy, Jonathan Franzen und Eckart von Hirschhausen, für vier Jahre der souveränen und tatkräftigen Arbeit – und dieser simple Satz ist leider schon mehr Dank als die Holtzbrinck-Führung für ihre erfolgreichste Verlegerin erübrigen konnte.

Zuletzt danke ich Alvise Contarini. Sie kennen ihn vielleicht nicht. Kaum einer kennt ihn. Er war Botschafter Venedigs bei den Friedensverhandlungen in Westfalen. Man muss sich das vorstellen: Katholische Gesandte durften nicht mit protestantischen sprechen und Gesandte des Kaisers nicht mit denen des Königs von Frankreich. Wie sollte man da Frieden schließen? Einzig Contarini hatte die Erlaubnis, mit allen Seiten zu reden; als Vermittler eilte er unermüdlich, jahrelang zwischen den Parteien hin und her. Alle Absprachen, alle Diskussionen, alle Einigungen, die den Krieg schließlich beendeten, wurden von ihm geformt, betrieben und möglich gemacht. Aber keiner kennt ihn. Man kennt Wallenstein, man kennt den Kaiser und Gustav Adolf von Schweden, man kennt notfalls noch Tilly und Torstensson, all die Meister des Tötens, aber Contarini wurden keine Lieder gesungen, keine Stücke wurden über ihn geschrieben, ihm wurden weder Biographien gewidmet noch Filme, noch Gedenkveranstaltungen. Doch auf die große und pathetische Frage, was die Welt denn braucht, damals, heute, allezeit, gibt es eine schlichte Antwort: Menschen wie ihn.

Rede von Daniel Kehlmann anlässlicher der Preisverleihung.

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