Tag Archives: Katze

München, Gellertstrasse

Michael Krüger

Von meinem Fenster aus habe ich beobachtet,
wie eine Katze in meinem Garten eine Amsel verspeiste.
Nicht meine Katze, die Katze von nebenan.

Ich war zum Fenster gegangen, weil mich das Schreien
des kleinen Vogels bei der Arbeit störte.
Ich hatte gerade gelesen, was Büchners Lenz

dem Pfarrer Oberlin zuruft: Hören Sie nicht,
lieber Herr Pfarrer, die entsetzliche Stimme,
die um den ganzen Horizont schreit

und die man gewöhnlich die Stille heißt?
Die Katze ging sehr sorgfältig vor,
wahrscheinlich weil sie sich unbeobachtet fühlte.

Bald lagen die schwarzen Federn wie ein Muster
auf dem Rasen, wie eine Geheimschrift,
die vom Fenster aus gut zu lesen war.

Eine Katze aus gutem Haus, versteht sich.
Unser Nachbar, ihr Besitzer, hat erzählt,
dass im Krieg in dieser Gegend eine einzige Bombe

gefallen ist, genau da, wo sich die Katze jetzt putzt.
Eine entsetzliche Stimme, die man Stille heißt.
Die Katze trug ein Halsband mit Glöckchen,

damit die Vögel gewarnt sind.
Von den Knochen des Vogels war nichts zu sehn.

Quelle: FAZ, 28.03.2020

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Heinrich Heine – Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hohlwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

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