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Besuch vom Narren

Nächtliche Unterhaltung mit einer Romanfigur: Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises am Montag, 03. September 2018, in der Berliner F.A.Z.-Redaktion. 

In diesem Raum gehöre ich zu einer kleinen Minderheit. Ich bin Frank Schirrmacher nie begegnet. Ich habe auch nie mit ihm kommuniziert, nicht per Mail, nicht per SMS. Und mir ist nicht bekannt, ob er je eines meiner Bücher gelesen hat, jedenfalls hat er mich weder gelobt noch gekränkt. Ich bin also ganz objektiv. Mit diesem Disclaimer wollte ich beginnen und dann steilen Flugs ins Allgemeine aufsteigen. Ich wollte erzählen, dass ich, geprägt von der Medienkritik eines Karl Kraus, Frank Schirrmacher zu dessen Lebzeiten immer mit Scheu, ja etwas Furcht beobachtet habe, einfach weil er so mächtig war im Milieu der Kultur, und ich wollte darüber sprechen, wie sehr sich die Weltsituation doch verändert hat – Sorgen müssen uns weiß Gott nicht mehr mächtige Feuilletonisten machen, wollte ich sagen, und dann wollte ich darauf eingehen, wie sehr Frank Schirrmacher in einer Welt von Donald Trump, Viktor Orbán und AfD fehlt. All das wollte ich sagen, aber als ich mich neulich spätabends hingesetzt hatte, um meine Rede zu schreiben, passierte etwas Unerwartetes: Till Eulenspiegel kam zu mir.

Er kam nicht als Erscheinung. Ich habe keine Visionen. Ich hätte sie gern, das wäre nützlich für meine Arbeit, aber bisher waren mir keine Gesichte vergönnt. Ich sollte es also besser so ausdrücken: Till Eulenspiegel wurde mir wieder auf die gleiche Art gegenwärtig, wie er es beim Schreiben meines Romans gewesen war. Damals war es mir oft vorgekommen, als wäre mein Versuch, seine archaische Gestalt in eine Erzählung zu bannen, weniger eine Kraftanstrengung der Erfindungsgabe als vielmehr die Bemühung, klar hinzuhören auf seine hohe und scharfe Stimme. Da war er also und fragte: „Was stellst du da an?“ Und als ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte: „Machst du’s schön staatstragend?“

Ich kenne ihn ja inzwischen ganz gut, und so leicht bin ich auch nicht zu provozieren, also sagte ich ausweichend: „Was schlägst du vor?“

Aber ich wusste seine Antwort schon. Wie ich übrigens beim Schreiben immer gewusst hatte, was er sagen würde. Eine neue, durchgehend seltsame Erfahrung: Nie hatte ich das Gefühl gehabt, mir seine Sätze auszudenken. Wann immer er in meiner Phantasie den Mund geöffnet hatte, hatte er auch schon geredet, als wäre er eine von mir unabhängige Person. „Sprich von dir“, das wusste ich, würde er antworten – und da mir seine Antwort bewusst wurde, hatte er sie auch schon gegeben. „Statt einer geplusterten Dankeschönrede mit Brokat und Silber, statt großer Worte über Gegenwart, Zukunft und was weiß ich, erzähl, wie oft du Angst hattest, es nicht zu schaffen, dein Büchlein. Erzähl davon, dass du oft nur weitergemacht hast, weil du musstest, weil du nämlich den Vorschuss ausgegeben hattest. Von solchen Dingen sprich, das mag ich, oder sprich darüber, wie lustig es ist, dass du einen Preis bekommst, benannt nach einem Mächtigen, vergeben im Rahmen des alleretabliertesten Establishments ausgerechnet für ein Buch über mich! Gehört sich das?“

„Nicht für das Buch über dich!“, sagte ich. „Da steht ausdrücklich: ,für herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens‘.“

„Zum was des Zeitgeschehens?“

„Zum Verständnis.“

„Zum Verständnis des was?“

„Ich weiß, ich weiß. Aber hör mal, das mit dem Establishment ist übertrieben.“

„Das Staatsoberhaupt!“, rief er, und jetzt brauchte ich mir seine Stimme nicht mehr vorzustellen, ich hörte sie wirklich. „Das Staatsoberhaupt redet über dich! Ich bin ein besserer Künstler als du. Kunst kommt von Können, sagen sie, aber was kannst du eigentlich? Ich kann jonglieren und tanzen, und überleben kann ich auch, und zwar am besten, wie sonst hätte ich so vielen Leuten so viele Streiche spielen können! Ich kann Dinge, von denen du nicht mal träumen würdest! Und habe ich je einen Preis von einem Oberhaupt gekriegt? Die Wahrheit ist, ich hab noch kein Oberhaupt getroffen, das mich nicht totschlagen wollte.“

„Die Zeiten sind andere“, sagte ich.

„Ja, noch sind sie’s“, sagte er, und dann stieß er sein meckerndes Lachen aus. „Und wenn sie’s nicht mehr sind, also: wenn sie wieder so sind, wie sie mal waren, denn glaub mir, das kann schnell passieren – dann schauen wir doch mal, wie du dich anstellst.“

Ein unangenehmes Lachen war das, kein herzliches, ein Lachen ohne Liebenswürdigkeit. Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten zu lachen, und sie haben wenig miteinander gemein. Es gibt das Lachen, in dem sich Einverständnis zeigt mit dem allgemeinen Status quo, das freundliche Lachen, das Lachen der netten Leute ohne Humor. Und dann, fast nicht einmal verwandt damit, das Lachen darüber, dass die Welt so ungerecht ist und so gemein. „Das Lachen der Engel“ hat Milan Kundera jenes nette Lachen genannt und dieses „das Lachen der Teufel“, und es sei das Teufelslachen, so Kundera, das Diktatoren und Fanatiker nicht erlauben könnten, während sie das Lachen der Engel jederzeit schätzten. Kurz gesagt: Die Engel lachen darüber, dass die Welt so schön ist und so gut eingerichtet. Die Teufel lachen darüber, dass die Engel behaupten, die Welt wäre schön und gut eingerichtet, obwohl dem nicht so ist.

„Ich sehe, was du da machst“, sagte er.

„Was mache ich denn?“, fragte ich ertappt. „Ich spreche doch von dir. Ich spreche davon, dass du fürs Teufelslachen stehst, für den kompromisslosen Blick, für die Kraft der Unversöhnlichkeit.“

„Ich stehe für nichts.“

„Du stehst für Kunst!“

„Ja, bei dir, weil du dir das so ausgedacht hast, aber in den alten Geschichten bin ich nur einer, der auftaucht, den Leuten was antut und wieder abhaut. Für mich gibt’s nichts Allgemeines. Für mich gibt es das, was gerade ist. Und wenn du über mein Buch sprechen willst . . .“

„Mein Buch!“, korrigierte ich. Das konnte ich nun doch nicht einfach stehenlassen.

„Dann sprich lieber darüber, wie du die Folterung des Müllers geschildert hast. Wie du dich entschieden hast, den Mord zu beschreiben aus der Sicht des Mörders, weil du nicht so dringend das Opfer verstehen wolltest, sondern lieber den Täter. Opfer sein ist leicht, dachtest du, und nicht gerade spannend. Gib es zu!“

„Natürlich gebe ich es zu! Das ist die Aufgabe der Literatur! Wir Schriftsteller sind so, wir versuchen auch das zu verstehen, was wir –“

„Du bist so. Sag nie wieder ,Aufgabe der Literatur‘, sonst tu ich dir weh. Du weißt, ich kann das. So ausgedacht bin ich nicht, dass ich dir nicht weh tun kann. Sprich davon, dass du so bist, sprich davon, dass dich der Mörder mehr interessiert. Sprich davon, was es dich gekostet hat, dir vorzustellen, was in einem Blutrichter vorgeht, sprich davon, dass das kein Spiel ist. Wer so etwas tut, beschwört Dämonen. Sprich davon, wie es war, als sie kamen. Und sprich von dem Kapitel, in dem du mich hast verschüttet gehen lassen unter Brünn. Du wolltest eine Belagerung beschreiben, aber auf einmal war dir alles zu viel Bildermalerei, so dass du es lieber ganz klein haben wolltest, ganz beschränkt, ganz ohne Luft, nur drei Lebende und ein Toter in einem Loch in der Dunkelheit und der Strom der Erinnerungen. Du hast das nur geschrieben. Aber ich musste es aushalten.“

„So schlimm kann’s nicht gewesen sein“, sagte ich. „Du atmest nicht wirklich, also beschwer dich nicht über schlechte Luft.“

„Ich atme vielleicht nicht, aber ich lebe. Das weißt du am allerbesten. Es gibt viele Arten, wirklich zu sein. Ich lebe mehr als du. Ich war lang vor dir da. Ich werde lang nach dir da sein, daran ändert auch dein hochwürdiger Preis nichts. Und wenn du von dem Mann reden willst, nach dem der Preis benannt ist, dann sprich davon, wie plötzlich einer sterben kann. Mitten darin. Alltagsverwickelt, voller Absichten, voll Neugier, Wut, Liebe, kleiner Pläne, großer Pläne. Sprich davon, wie furchtbar das ist. Und sprich davon, wie sehr du’s bei dem Gedanken mit der Angst zu tun kriegst.“

„Das krieg ich allerdings“, sagte ich leise. Und wieder einmal, ich konnte nicht anders, schauderte mir davor, wie kurz die uns gegebene Zeit ist, selbst unter besten Umständen, selbst wenn man Glück hat und ein sogenanntes langes Leben, das, bei Licht betrachtet, so besonders lang auch nicht ist. Seit ich die Gesichtszüge meines Vaters in meinem Sohn erkenne, fühle ich wirklich dass wir die Dinge und die Zeit bloß an andere weitergeben, und ich dachte an die Warnung, die mir einst ein deutlich älterer Freund gegeben hatte: „Sobald du fünfunddreißig wirst, fangen deine Freunde zu sterben an“, und genauso war es gekommen, und ich dachte ausgerechnet daran, wie ich einst mit Péter Esterházy im Museum war und wie er von der Frau an der Kasse zum ersten Mal in seinem Leben gefragt wurde, ob er ein Seniorenticket wolle; ich dachte daran, dass seine wie immer vorbildlich elegante Reaktion – ein unentschieden abwägendes Schwenken der rechten Hand – seinen Schreck nicht ganz verbergen konnte; und ich dachte daran, dass Péter Esterházys Tod auch schon wieder zwei Jahre her ist, nach kurzer schrecklicher Krankheit, fast so unerwartet wie der Tod Frank Schirrmachers. Und um das Thema wieder einmal ins Allgemeine zu zerren, sagte ich: „Vergänglichkeit wohnt in allem. Buchstäblich allem. Inzwischen meinen die Physiker, dass in unvorstellbar ferner Zeit sogar die Protonen zerfallen. Dann kann es keine Atome mehr geben, dann könnte nichts, buchstäblich: nichts, mehr bestehen. Das Universum selbst ist sterblich. Nicht nur das Leben, auch die harte Materie hat ein Ablaufdatum. Außer natürlich, es gibt Gott, und er erbarmt sich und ruft unsere Toten zurück.“

„Ich kenn ihn schon länger“, sagte Till. „Er macht das nicht.“

„Nein“, sagte ich. „Macht er wohl nicht.“

„Aber die Protonen beunruhigen dich nicht wirklich“, sagte er, während seine Stimme ferner wurde. „Lüg nicht schon wieder. Du hast nicht Angst, dass die Materie vergeht. Vor Krebs hast du Angst. Vor Autounfällen. Du hast Angst, nicht fertig zu werden. Und mit Recht, denn was immer passiert: Es wird keiner fertig.“

Manche Dinge aber doch, wollte ich ihm antworten. Das ist das Geschenk der Kunst: dass sie es hin und wieder erlaubt, etwas abzuschließen. Aber zugleich wusste ich, dass dem Eulenspiegel nicht der Sinn nach versöhnlichen Wendungen steht, und ich wusste auch, dass ich ihn wohl nicht mehr treffen würde. Denn so ist es nun einmal mit mythischen Figuren. Manchmal gewähren sie uns ihre launische Gegenwart und lassen sich zum Schein in ein Buch, ein Bild, ein Lied bannen, aber dann sind sie schon wieder dahin, und wir wünschen uns vergeblich, sie kämen auch nur für einen Moment zurück.

Da also Till Eulenspiegel, der nun schon anderswo ist, vielleicht sogar beim nächsten Schriftsteller, meinen Dank gar nach nicht haben möchte, werde ich diesen lieber Menschen aus Fleisch und Blut abstatten. Vor allem danke ich Anne und Oscar, die mein Lebensglück sind und die mich ertragen haben in den Jahren der Arbeit an diesem besonders schweren Buch und an den Büchern zuvor. Ich danke Frank Schirrmacher für sein Buch „Die Stunde der Welt“. Und ich danke Barbara Laugwitz, und zwar ausdrücklich auch im Namen so unterschiedlicher Kollegen wie Martin Walser, Ildikó von Kürthy, Jonathan Franzen und Eckart von Hirschhausen, für vier Jahre der souveränen und tatkräftigen Arbeit – und dieser simple Satz ist leider schon mehr Dank als die Holtzbrinck-Führung für ihre erfolgreichste Verlegerin erübrigen konnte.

Zuletzt danke ich Alvise Contarini. Sie kennen ihn vielleicht nicht. Kaum einer kennt ihn. Er war Botschafter Venedigs bei den Friedensverhandlungen in Westfalen. Man muss sich das vorstellen: Katholische Gesandte durften nicht mit protestantischen sprechen und Gesandte des Kaisers nicht mit denen des Königs von Frankreich. Wie sollte man da Frieden schließen? Einzig Contarini hatte die Erlaubnis, mit allen Seiten zu reden; als Vermittler eilte er unermüdlich, jahrelang zwischen den Parteien hin und her. Alle Absprachen, alle Diskussionen, alle Einigungen, die den Krieg schließlich beendeten, wurden von ihm geformt, betrieben und möglich gemacht. Aber keiner kennt ihn. Man kennt Wallenstein, man kennt den Kaiser und Gustav Adolf von Schweden, man kennt notfalls noch Tilly und Torstensson, all die Meister des Tötens, aber Contarini wurden keine Lieder gesungen, keine Stücke wurden über ihn geschrieben, ihm wurden weder Biographien gewidmet noch Filme, noch Gedenkveranstaltungen. Doch auf die große und pathetische Frage, was die Welt denn braucht, damals, heute, allezeit, gibt es eine schlichte Antwort: Menschen wie ihn.

Rede von Daniel Kehlmann anlässlicher der Preisverleihung.

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Leserbrief Mitteldeutsche Zeitung – „Alarm im Opernhaus“ (17.November 2017)

Sehr geehrter Herr Eger,

vielen Dank für den aufschlussreichen und besorgniserregenden Artikel vom 17. November. Aufschlussreich, weil er den Weg eines Stefan Rosinski im halleschen Kulturleben als eine weitere Station im Werdegang eines künstlerisch ambitionierten Geschäftsführers aufzeigt. Besorgniserregend, weil eben jene künstlerischen Ambitionen eine Schlüssellochmoral offenbaren, die den Kulturinstitutionen der Stadt auf Dauer schaden können.

Sollten die von Ihnen zitierten Passagen aus dem Geschäftsbericht des Geschäftsführers der TOOH GmbH, Stefan Rosinski, tatsächlich als konzeptionelle Kritik am vermeintlich „…politischen Musiktheater…“ eines Florian Lutz formuliert sein, der sich damit auf eine „…Untergruppe von Opernliebhabern…“ konzentriert, so wirft das eine Vielzahl kulturpolitischer Fragen auf. Zensur wäre sicherlich der schärfste Vorwurf, auch wenn die Gründe nicht in einem kulturpolitischen Gegenkonzept zu suchen wären, sondern in der Kleinmut und Eitelkeit eines von Furcht getriebenen „Don Pizarro“. Mangelndes Interesse am Opernpublikum wäre ein weiterer Aspekt, der vorzubringen wäre. So gab es seit Amtsantritt des neuen Geschäftsführers viele verpasste Gelegenheiten für ein offizielles Gespräch und eine umfassende Meinungsbildung mit dem Vorstand der Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle (Saale) e.V.

Die Förderung des Landes Sachsen-Anhalt für die TOOH GmbH – derzeit immerhin knapp 10 Millionen Euro pro Jahr – zielt auch auf „nationale Exzellenz“, ein Ziel, welches durch die neue Intendanz erfolgreich angegangen wurde. Sollten die städtischen Geldgeber andere Absichten haben, gilt es diesen Zielkonflikt zu moderieren. Der Moderator: Stefan Rosinski. Doch statt Moderation, Dialog und Führung erlangt man den Eindruck, dass die Geschäftsführung den übergelaufenen Kelch der Missetaten auf die Bühne drängt. Vielleicht nicht die beste Regie-Idee.

In Zeiten politischer Gleichgültigkeit sollten wir froh über die politischen Aspekte der Kunst sein. Diese sind seit jeher integraler Bestandteil künstlerischen Schaffens und als vorpolitische Instanz (oder Überbau – je nach Ideologie) wegweisend für unser Zusammenleben und die Werte und Normen eines jeden einzelnen. Dies abzutun, zu verunglimpfen und Kritik als einzige Form der Anerkennung gelten zu lassen, wäre fatal.

Der grausame Gang der prunkvollen Nichtigkeiten nimmt derweil seinen Lauf. Die öffentliche Diskussion disziplinarischer Maßnahmen, eine irritierend späte Abo-Kampagne in der laufenden Spielzeit: Der potentielle Schaden für die Kulturinstitutionen der Stadt ist nicht zu unterschätzen. Die anstehenden Verhandlungen mit dem Land über die Fortführung der Förderung der TOOH GmbH werden durch verhärtete Fronten, Uneinigikeit und offen ausgetragene Konflikte zu einer Gewährsprobe, die immerhin die Chance auf ein Zusammenraufen bereithält. Was ist die Strategie der TOOH GmbH und welches das künstlerische Konzept der Zukunft? Der düstere Glanz eines abgetakelten Provinztheaters? Erfolg um den Preis vernichtenden Neons? Ich bin gespannt auf einen weiteren Akt dieses destruktiven Stadttheaters…

Was bleibt ist die Kunst. „Mögen die Höhepunkte der Vergangenheit die Tiefpunkte der Zukunft sein.“ (Olli Schulz)

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Ingo Herrmann

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Max Frisch – Fragebögen

1. Erhaltung des Menschengeschlechts

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
2. Warum? Stichworte genügen.
3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu  wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
9. Wen hingegen nicht?
10. Hätten Sie lieber einer andern Nation (Kultur) angehört und welcher?
11. Wie alt möchten Sie werden?
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv?
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden, oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie sich selber übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
20. Lieben Sie jemand?
21. Und woraus schließen Sie das?
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, daß es dazu nie gekommen ist.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
24. Wofür sind Sie dankbar?
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als ein gesundes Tier? Und als welches?

2. Ehe

1. Ist die Ehe für Sie noch ein Problem?
2. Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie diese bei andern sehen oder in Ihrem eignen Fall?
3. Was haben Sie andern öfter geraten:a. dass sie sich trennen?b. dass sie sich nicht trennen?
4. Kennen Sie auch Versöhnungen, die keine Narben hinterlassen auf der einen oder auf der andern oder auf beiden Seiten?
5. Welche Probleme löst die gute Ehe?
6. Wie lange leben Sie durchschnittlich mit einem Partner zusammen, bis die Aufrichtigkeit vor sich selbst schwindet, d. h. dass Sie auch im Stillen nicht mehr zu denken wagen, was den Partner erschrecken könnte?
7. Wie erklären Sie es sich, dass Sie bei sich selbst oder beim Partner nach einer Schuld suchen, wenn Sie an Trennung denken?
8. Hätten Sie von sich aus die Ehe erfunden?
9. Fühlen Sie sich identisch mit den gemeinsamen Gewohnheiten in Ihrer derzeitigen Ehe? Und wenn nicht: glauben Sie, dass Ihr ehelicher Partner sich identisch fühlt mit diesen Gewohnheiten, und woraus schließen Sie das?
10. Wann macht Sie die Ehe eher nervös:
a. im Alltag? b. auf Reisen? c. wenn Sie allein sind? d. in Gesellschaft mit vielen? e. unter vier Augen? f. abends? g. morgens?
11. Entwickelt sich in der Ehe ein gemeinsamer Geschmack (wie die Möblierung ehelicher Wohnung vermuten lässt) oder findet für Sie beim Kauf einer Lampe, eines Teppichs, einer Vase , usw. jeweils eine stille Kapitulation statt?
12. Wenn Kinder vorhanden sind: fühlen Sie sich den Kindern gegenüber schuldig, wenn es zur Trennung kommt, d. h. glauben Sie, dass Kinder ein Anrecht haben auf unglückliche Eltern? Und wenn ja: bis zu welchem Lebensalter der Kinder?
13. Was hat Sie zum Eheversprechen bewogen:
a. Bedürfnis nach Sicherheit? b. ein Kind? c. die gesellschaftlichen Nachteile eines unehelichen Zustandes, Umständlichkeiten in Hotels, Belästigung durch Klatsch, Taktlosigkeiten, Komplikationen mit Behörden oder Nachbarn usw.? d. das Brauchtum? e. Vereinfachung des Haushalts? f. Rücksicht auf die Familien? g. die Erfahrung, dass die uneheliche Verbindung gleichermaßen zur Gewöhnung führt, zur Ermattung, zur Alltäglichkeit usw.? h. Aussicht auf eine Erbschaft? i. Hoffnung auf Wunder? j. die Meinung, es handle sich lediglich um eine Formalität?
14. Hätten Sie der standesamtlichen oder der kirchlichen Formel für das Eheversprechen irgendetwas beizufügen:
a. als Frau? b. als Mann?(Bitte um genauen Text)
15. Falls Sie sich schon mehrere Male verehelicht haben: worin sind Ihre Ehen sich ähnlicher gewesen, in ihrem Anfang oder in ihrem Ende?
16. Wenn Sie vernehmen, dass ein Partner nach der Trennung nicht aufhört Sie zu beschuldigen: schließen Sie daraus, dass Sie mehr geliebt worden sind, als Sie damals ahnten, oder erleichtert Sie das?
17. Was pflegen Sie zu sagen, wenn es in Ihrem Freundeskreis wieder zu einer Scheidung kommt, und warum haben Sie’s bisher den Beteiligten verschwiegen?
18. Können Sie zu beiden Seiten eines Ehepaares gleichermaßen offen sein, wenn sie es unter sich nicht sind?
19. Wenn Ihre derzeitige Ehe als glücklich zu bezeichnen ist: worauf führen Sie das zurück? (Stichworte genügen)
20. Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer Ehe, die als glücklich zu bezeichnen ist, und einer Inspiration, einer Intelligenz, einer Berufung usw., die das eheliche Glück möglicherweise gefährdet: was wäre Ihnen wichtiger:
a. als Mann? b. als Frau?
21. Warum?
22. Meinen Sie erraten zu können, wie Ihr derzeitiger Partner diesen Fragebogen beantwortet? und wenn nicht:
23. Möchten Sie seine Antworten wissen?
24. Möchten Sie umgekehrt, dass der Partner weiß, wie Sie diesen Fragebogen beantwortet haben?
25. Halten Sie Geheimnislosigkeit für ein Gebot der Ehe oder finden Sie, dass gerade das Geheimnis, das zwei Menschen voreinander haben, sie verbindet?

3. Frauen

1. Tun Ihnen die Frauen leid?
2. Warum? (Warum nicht?)
3. Wenn in den Händen und Augen und Lippen einer Frau sich Erregung ausdrückt, Begierde usw., weil Sie sie berühren: beziehen Sie das auf sich persönlich?
4. Wie stehen Sie zu Männern:
a. wenn Sie der Nachfolger sind? b. wenn Sie der Vorgänger sind? c. wenn Sie dieselbe Frau gleichzeitig lieben?
5. Haben Sie Ihre Lebensgefährtin gewählt?
6. Kommt es nach Jahr und Tag zum freundlichen Wiedersehen mit früheren Gefährtinnen: überzeugt Sie dann Ihre einstige Paarschaft oder verwundert es Sie, d. h. haben Sie dann den Eindruck, dass Ihre berufliche Arbeit und Ihre politischen Ansichten sie wirklich interessiert haben, oder scheint es Ihnen heute, dass man sich alle diesbezüglichen Gespräche hätte sparen können?
7. Befremdet Sie eine kluge Lesbierin?
8. Meinen Sie zu wissen, wodurch Sie die Liebe einer Frau gewinnen, und wenn es sich eines Tages herausstellt, wodurch Sie die Liebe einer Frau tatsächlich gewonnen haben: zweifeln Sie an ihrer Liebe?
9. Was bezeichnen Sie als männlich?
10. Haben Sie hinreichende Beweise dafür, daß sich die Frauen für bestimmte Arbeiten, die der Mann für sich als unwürdig empfindet, besonders eignen?
11. Was hat Sie am häufigsten verführt:
a. Mütterlichkeit?b. dass Sie sich bewundert wähnen?c. Alkohol?d. die Angst, kein Mann zu sein?e. Schönheit?f. die voreilige Gewissheit, dass Sie der überlegene Teil sein werden und sei es als liebevoller Beschützer?
12. Wer hat den Kastrationskomplex erfunden?
13. In welchem der beiden Fälle sprechen Sie liebevoller von einer vergangenen Paarschaft: wenn Sie eine Frau verlassen haben oder wenn Sie verlassen worden sind?
14. Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?
15. Wenn Sie mit Frauen immer wieder dieselbe Erfahrung machen: denken Sie, dass es an den Frauen liegt, d. h. halten Sie sich infolgedessen für einen Frauenkenner?
16. Möchten Sie Ihre Frau sein?
17. Woher wissen Sie mehr über die intimen Beziehungen zwischen den Geschlechtern: aus dem Gespräch mit andern Männern oder aus dem Gespräch mit Frauen? Oder erfahren Sie das meiste ohne Gespräch: aus den Reaktionen der Frauen, d. h. indem Sie merken, was Frauen gewohnt sind und was nicht, was sie von einem Mann erwarten, befürchten usw.?
18. Wenn Sie das Gespräch mit einer Frau anregt: wie lange gelingt es Ihnen, ein solches Gespräch zu führen, ohne beiläufig auf Gedanken zu kommen, die Sie verschweigen, weil sie nicht zum Thema gehören?
19. Können Sie sich eine Frauenwelt vorstellen?
20. Was trauen Sie der Frau nicht zu:
a. Philosophie? b. Organisation? c. Kunst? d. Technologie? e. Politik?
und bezeichnen Sie daher eine Frau, die sich nicht an Ihr männliches Vorurteil hält, als unfraulich?
21. Was bewundern Sie an Frauen?
22. Möchten Sie von einer Frau ausgehalten werden:
a. durch ihre Erbschaft?b. durch ihre Berufsarbeit?
23. Und warum nicht?
24. Glauben Sie an Biologie, d. h. dass das derzeitige Verhältnis zwischen Mann und Frau unabänderlich ist, oder halten Sie es beispielsweise für ein Resultat der jahrtausendelangen Geschichte, dass die Frauen für ihre Denkweise keine eigene Grammatik haben, sondern auf die männliche Sprachregelung angewiesen sind und infolgedessen unterlegen?
25. Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

4. Hoffnung 

1. Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?
2. Wie oft muß eine bestimmte Hoffnung (z. B. eine politische) sich nicht erfüllen, damit Sie die betroffene Hoffnung aufgeben, und gelingt Ihnen dies, ohne sich sofort eine andere Hoffnung zu machen?
3. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?
4. Wenn eine private Hoffnung sich endlich erfüllt hat: wie lange finden Sie in der Regel, es sei eine richtige Hoffnung gewesen, d. h. dass deren Erfüllung so viel bedeute, wie Sie jahrzehntelang gemeint haben?
5. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
6. Wie viele Stunden im Tag oder wie viele Tage im Jahr genügt Ihnen die herabgesetzte Hoffnung: dass es wieder Frühling wird, dass die Kopfschmerzen verschwinden, dass etwas nie an den Tag kommt, dass Gäste aufbrechen usw.?
7. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?
8. Hoffen Sie angesichts der Weltlage:
a. auf die Vernunft? b. auf ein Wunder? c. daß es weitergeht wie bisher?
9. Können Sie ohne Hoffnung denken?
10. Können Sie einen Menschen lieben, der früher oder später, weil er Sie zu kennen meint, wenig Hoffnung auf Sie setzt?
11. Was erfüllt Sie mit Hoffnung:
a. die Natur? b. die Kunst? c. die Wissenschaft? d. die Geschichte der Menschheit?
12. Genügen Ihnen die privaten Hoffnungen? 13. Gesetzt den Fall, Sie unterscheiden zwischen Ihren eignen Hoffnungen und den Hoffnungen, die andere (Eltern, Lehrer, Kameraden, Liebespartner) auf Sie setzen: bedrückt es Sie da mehr, wenn sich die ersteren oder wenn sich die letzteren nicht erfüllen?
14. Was erhoffen Sie sich von Reisen?
15. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?
16. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?
17. Was bekräftigt Sie in Ihrer persönlichen Hoffnung:
a. Zuspruch? b. die Einsicht, welchen Fehler Sie gemacht haben? c. Alkohol? d. Ehrungen? e. Glück im Spiel? f. ein Horoskop? g. dass sich jemand in Sie verliebt?
18. Gesetzt den Fall, Sie leben in der großen Hoffnung („…daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist…“ – B. Brecht) und haben Freunde, die sich aber dieser Hoffnung nicht anschließen können: verringert sich dadurch Ihre Freundschaft oder Ihre große Hoffnung?
19. Wie verhalten Sie sich im umgekehrten Fall, d. h. wenn Sie die große Hoffnung eines Freundes nicht teilen: fühlen Sie sich jedesmal, wenn er die Enttäuschung erlebt, klüger als der Enttäuschte?
20. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?
21. Keine Revolution hat je die Hoffnung derer, die sie gemacht haben, vollkommen erfüllt; leiten Sie aus dieser Tatsache ab, dass die große Hoffnung lächerlich ist, dass Revolution sich erübrigt, dass nur der Hoffnungslose sich Enttäuschungen erspart usw., und was erhoffen Sie sich von solcher Ersparnis?
22. Hoffen Sie auf ein Jenseits?
23. Wonach richten Sie Ihre täglichen Handlungen, Entscheidungen, Pläne, Überlegungen usw., wenn nicht nach einer genauen oder vagen Hoffnung?
24. Sind Sie schon einen Tag lang oder eine Stunde lang tatsächlich ohne jede Hoffnung gewesen, auch ohne die Hoffnung, daß alles einmal aufhört, wenigstens für Sie?
25. Wenn Sie einen Toten sehen: welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

5. Humor

1. Wenn Sie jemand dazu bringen, dass er den Humor verliert (z. B. weil Sie seine Scham verletzt haben), und wenn Sie dann feststellen, der betroffene Mensch habe keinen Humor: finden Sie, dass Sie deswegen Humor haben, weil Sie jetzt über ihn lachen?
2. Wie unterscheiden sich Witz und Humor?
3. Wenn Sie spüren, daß Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?
4. Halten Sie es für Humor:
a. wenn wir über Dritte lachen?b. wenn Sie über sich selber lachen?c. wenn Sie jemand dazu bringen, dass er, ohne sich zu schämen, über sich selber lachen kann?
5. Wenn Sie alles Lachen abziehen, das auf Kosten von Dritten geht: finden Sie, daß Sie oft Humor haben?
6. Woran merken Sie es zuerst, wenn Sie in einer Gesellschaft alle Sympathie verspielt haben: verschließt man sich Ihrer ernsten Argumentation, Ihren Kenntnissen usw., oder kommt einfach die Art von Humor, die Ihnen eigen wäre, nicht mehr an, d. h. dass Sie humorlos werden?
7. Haben Sie Humor, wenn Sie allein sind?
8. Wenn Sie von einem Menschen sagen, er habe Humor: meinen Sie damit, dass er Sie zum Lachen bringt oder daß es Ihnen gelingt, ihn zum Lachen zu bringen?
9. Kennen Sie Tiere mit Humor?
10. Was gibt Ihnen unversehens das Vertrauen, dass Sie sich mit einer Frau intim verstehen könnten: ihre Physiognomie, ihre Lebensgeschichte, ihre Glaubensbekenntnisse usw. oder ein erstes Zeichen, dass man im Humor übereinstimmt, wenn auch keineswegs in Meinungsfragen?
11. Was offenbart Affinität im Humor:
a. Gleichartigkeit des Intellekts?b. dass zwei oder mehrere Menschen übereinstimmen in ihrer Fantasie?c. Verwandtschaft in der Scham?
12. Wenn Ihnen bewusst ist, dass Sie im Augenblick tatsächlich keinen Humor haben: erscheint Ihnen dann der Humor, den Sie zuweilen haben, als ein oberflächliches Verhalten?
13. Können Sie sich eine Ehe ohne Humor vorstellen?
14. Was versetzt Sie eher in Eifersucht: dass die Person, die Sie lieben, eine andere Person küsst, umarmt usw. oder dass es dieser andern Person gelingt, Humor zu befreien, den Sie an Ihrem Partner nicht kennen?
15. Warum scheuen Revolutionäre den Humor?
16. Können Sie einen Menschen oder eine Gesellschaftsschicht, die Sie aus politischen Gründen hassen, mit Humor sehen (nicht bloß mit Witz), ohne dabei den Hass zu verlieren?
17. Gibt es einen klassenlosen Humor?
18. Wenn Sie ein Untergebener sind: halten Sie es für Humor, wenn der Vorgesetzte über Ihre ernsten Beschwerden und Forderungen lächelt, d. h. für einen Mangel an Humor, wenn Sie nicht auch lächeln, oder lachen Sie dann, bis der Vorgesetzte seinen Humor einstellt, und womit erreichen Sie noch weniger?
19. Kommt es vor, dass Sie sich im Humor als ein anderer entpuppen, als Sie gerne sein möchten, d. h. dass Sie der eigene Humor erschreckt?
20. Entsteht Humor nur aus Resignation?
21. Gesetzt den Fall, Sie haben die Gabe, jedermann zum Lachen zu bringen, und Sie gebrauchen diese Gabe in jeder Gesellschaft, sodass Sie nachgerade als Humorist bekannt sind – was versprechen Sie sich davon:
a. Kommunikation? b. dass Sie’s mit niemand verderben? c. dass Sie eine Infamie loswerden und nachher sagen können, es sei Humor gewesen und wenn der Betroffene keinen Humor verstehe usw.?d. dass Sie sich selber nie langweilen?e. dass Ihnen in einer Sache, die mit Argumenten nicht zu vertreten ist, die Lacher trotzdem rechtgeben?
22. Was ertragen Sie nur mit Humor?
23. Wenn Sie in der Fremde leben und erfahren müssen, daß Ihr eigentlicher Humor sich nie mitteilt: können Sie sich damit abfinden, daß es eine Verständigung nur im Ernst gibt, oder werden Sie sich dadurch selber fremd?
24. Verändert im Alter sich der Humor?
25. Wie meinen Sie im Humor zu sein:
a. versöhnlich? b. frei von Ehrgeiz? c. angstlos? d. unabhängig von Moral? e. sich selbst überlegen? f. kühner als sonst? g. frei von Selbstmitleid? h. aufrichtiger als sonst? i. lebensdankbar

6. Geld

1. Hassen Sie Bargeld?
2. Warum?
3. Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
4. Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch (nicht über Geld) trotz allem den Reichen?
5. Wieviel Geld möchten Sie besitzen?
6. Gesetzt den Fall, Sie sind bedürftig und haben einen reichen Freund, der Ihnen helfen will, und er gibt Ihnen eine beträchtliche Summe (zum Beispiel damit Sie studieren können) und gelegentlich auch Anzüge von sich, die noch solid sind: was nehmen Sie unbefangener an?
7. Haben Sie schon gestohlen:
a. Bargeld?b. Gegenstände (ein Taschenbuch am Kiosk, Blumen aus einem fremden Garten, eine Erstausgabe, Schokolade auf einem Camping-Platz, Kugelschreiber, die umherliegen, ein Andenken an einen Toten, Handtücher im Hotel usw.)?c. eine Idee?
8. Solange Sie kein Vermögen und ein schwaches Einkommen haben, reden die Reichen vor Ihnen ungern über Geld und umso lebhafter über Fragen, die mit Geld nicht zu lösen sind, z. B. über Kunst: empfinden Sie dies als Takt?
9. Was halten Sie von Erbschaft:
a. wenn Sie eine in Aussicht haben? b. wenn nicht? c. wenn Sie einen Säugling betrachten und dabei wissen, daß er, wie immer er sich entwickle, die Hälfte einer Fabrik besitzen wird oder eine Villa, ein Areal, das keine Inflation zu fürchten braucht, ein Ferienhaus auf Sardinien, fünf Miethäuser in der Vorstadt?
10. Sind Sie ein Sparer? Und wenn ja:
11. Erklären Sie, wieso die Staatsbank bestimmt, wieviel das Geld wert ist, das Sie als Lohn erhalten und gespart haben, und zu wessen Gunsten sich Ihre Ersparnisse plötzlich verflüchtigen?
12. Gesetzt den Fall, Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und verfügen unversehens über ein großes Einkommen, sodass das Geld für Sie sozusagen keine Rolle mehr spielt: fühlen Sie sich als Person unverändert? Und wenn ja: finden das Ihre bisherigen Freunde auch oder finden sie, das Geld spiele wohl eine Rolle, indem es Sie als Person deformiert?
13. Was kostet zurzeit ein Pfund Butter?
14. Wenn Sie in der Lage sein sollten, von Zinsen leben zu können: halten Sie sich deswegen nicht für einen Ausbeuter, weil Sie, obschon Sie von den Zinsen leben könnten, selber auch arbeiten?
15. Fürchten Sie sich vor den Armen?
16. Warum nicht?
17. Gesetzt den Fall, Sie sind ein großer Mäzen, d. h. Sie verteilen an Leute, die Sie persönlich schätzen, teilweise die beträchtlichen Zinsen aus der Arbeit andrer Leute: verstehen Sie die öffentliche Hochachtung, die Sie als Mäzen genießen, und Ihre eigene Unbefangenheit dabei?
18. Was tun Sie für Geld nicht?
19. Timon von Athen hat eines Tages, um die Freundschaft seiner Freunde zu prüfen, nur Schüsseln voll Wasser aufgetischt; er erfuhr dabei, was er eigentlich schon wusste, und gab sich bitter vor Enttäuschung über die Menschen, denn siehe, sie kamen immer nur seines Reichtums wegen und waren keine wahren Freunde. Finden Sie seine großen Flüche über die andern berechtigt? Offenbar hatte der reiche Timon von Athen gemeint, Freundschaft kaufen zu können.
20. Möchten Sie eine reiche Frau?
21. Wie erklären Sie es sich, dass Sie als Reicher es gerne zeigen, wenn Sie sich etwas versagen, was Sie sich ohne weiteres leisten könnten (z. B. eine Yacht), und dass Sie sich fast kindlich freuen, wenn Sie irgend etwas besonders billig erworben haben, geradezu spottbillig, sodass jedermann es sich hätte leisten können, und warum sind Sie zugleich erpicht auf unersetzbare Objekte, beispielsweise Ikonen, Säbel, Porzellan aus der Ming-Zeit, Kupferstiche, Werke toter Meister, historische Münzen, Autographen, Gebetsteppiche aus Tibet usw.?
22. Was missfällt Ihnen an einem Neureichen:
a. dass er ohne Heraldik auskommt? b. dass er vom Geld spricht? c. dass er nicht von Ihnen abhängig ist?
23. Wie rechtfertigen Sie eignen Reichtum:
a. durch Gotteswillen? b. dass Sie es einzig und allein Ihrer persönlichen Tüchtigkeit verdanken, d. h. durch die Annahme, dass andere Fähigkeiten, die sich nicht in Einkommen umsetzen, minderwertig seien?c. durch würdiges Benehmen?d. indem Sie sich sagen, dass nur die Reichen überhaupt eine Wirtschaft in Gang bringen können zum Gedeihen aller, d. h. durch Unternehmergeist?e. durch Caritas?f. durch Ihre höhere Bildung, die Sie einem ererbten Reichtum verdanken oder einer Stiftung?g. durch asketische Lebensart?h. durch vorbildliche Gewissenhaftigkeit in allen sittlichen Belangen, die das bürgerliche Profit-System nicht berühren, sowie durch Verinnerlichung der Gegebenheiten, Sensibilität für Kulturelles, Geschmack usw.?i. indem Sie beträchtliche Steuern zahlen? j. durch Gastgeberschaft?k. indem Sie sich sagen, dass es seit Menschengedenken immer Arme und Reiche gegeben hat und also immer geben wird, d. h. dass Sie gar keine Rechtfertigung brauchen?
24. Wenn Sie nicht aus eignem Entschluss (wie der Heilige Franziskus), sondern umständehalber nochmals arm werden: wären Sie den Reichen gegenüber, nachdem Sie als Gleichgestellter einmal ihre Denkweise kennengelernt haben, so duldsam wie früher, wehrlos durch Respekt?
25. Haben Sie einmal eine Banknote mit dem Porträt eines großen Dichters oder eines großen Feldherrn, dessen Würde von Hand zu Hand geht, angezündet mit einem Feuerzeug und sich angesichts der Asche gefragt, wo jetzt der verbürgte Wert bleibt?

7. Freundschaft

1. Halten Sie sich für einen guten Freund?
2. Was empfinden Sie als Verrat:
a. wenn der andere es tut? b. wenn Sie es tun?
3. Wie viele Freunde haben Sie zurzeit?
4. Halten Sie die Dauer einer Freundschaft (Unverbrüchlichkeit) für ein Wertmaß der Freundschaft?
5. Was würden Sie einem Freund nicht verzeihen:
a. Doppelzüngigkeit? b. dass er Ihnen eine Frau ausspannt? c. dass er Ihrer sicher ist? d. Ironie auch Ihnen gegenüber? e. dass er keine Kritik verträgt? f. dass er Personen, mit denen Sie sich verfeindet haben, durchaus schätzt und gerne mit ihnen verkehrt?g. dass Sie keinen Einfluss auf ihn haben?
6. Möchten Sie ohne Freunde auskommen können?
7. Halten Sie sich einen Hund als Freund?
8. Ist es schon vorgekommen, dass sie überhaupt gar keine Freundschaft hatten, oder setzen Sie dann Ihre diesbezüglichen Ansprüche einfach herab?
9. Kennen Sie Freundschaft mit Frauen:
a. vor Geschlechtsverkehr? b. nach Geschlechtsverkehr? c. ohne Geschlechtsverkehr?
10. Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?
11. Warum?
12. Gibt es Feinde, die Sie insgeheim zu Freunden machen möchten, um sie müheloser verehren zu können?
13. Wenn jemand in der Lage ist, Ihnen mit Geld zu helfen, oder wenn Sie in der Lage sind, jemand mit Geld zu helfen: sehen Sie darin eine Gefährdung der bisherigen Freundschaft?
14. Halten Sie die Natur für einen Freund?
15. Wenn Sie auf Umwegen erfahren, dass ein böser Witz über Sie ausgerechnet von einem Freund ausgegangen ist: kündigen Sie daraufhin die Freundschaft? Und wenn ja:
16. Wieviel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft oder schriftlich oder unter vier Augen?
17. Gesetzt den Fall, Sie haben einen Freund, der Ihnen in intellektueller Hinsicht sehr überlegen ist: tröstet Sie seine Freundschaft darüber hinweg oder zweifeln Sie insgeheim an einer Freundschaft, die Sie sich allein durch Bewunderung, Treue, Hilfsbereitschaft usw. erwerben?
18. Worauf sind Sie aus dem natürlichen Bedürfnis nach Freundschaft öfter hereingefallen:
a. auf Schmeichelei? b. auf Landsmannschaft in der Fremde?c. auf die Einsicht, dass Sie sich eine Feindschaft in diesem Fall gar nicht leisten können, z. B. weil dadurch ihre berufliche Karriere gefährdet wäre? d. auf Ihren eignen Charme?e. weil es Ihnen schmeichelt, wenn Sie jemand, der gerade Ansehen genießt, öffentlich als Freund bezeichnen können (mit Vornamen)? f. auf ideologisches Einverständnis?
19. Wie reden Sie über verlorene Freunde?
20. Wenn es dahin kommt, daß Freundschaft zu etwas verpflichtet, was eigentlich Ihrem Gewissen widerspricht, und Sie haben es um der Freundschaft willen getan: hat sich die betreffende Freundschaft dadurch erhalten?
21. Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?
22. Was halten Sie ferner für unerlässlich, damit Sie eine Beziehung zwischen zwei Personen nicht bloß als Interessen-Gemeinschaft, sondern als Freundschaft empfinden:
a. Wohlgefallen am andern Gesichtb. daß man sich unter vier Augen einmal gehenlassen kann, d. h. das Vertrauen, daß nicht alles ausgeplaudert wirdc. politisches Einverständnis grosso modod. daß einer den andern in den Zustand der Hoffnung versetzen kann nur schon dadurch, daß er da ist, daß er anruft, daß er schreibte. Nachsichtf. Mut zum offenen Widerspruch, aber mit Fühlern dafür, wieviel Aufrichtigkeit der andere gerade noch verkraften kann, und also Geduldg. Ausfall von Prestige-Fragenh. daß man dem andern ebenfalls Geheimnisse zubilligt, also nicht verletzt ist, wenn etwas auskommt, wovon er nie gesprochen hati. Verwandtschaft in der Schamj. wenn man sich zufällig trifft: Freude, obschon man eigentlich gar keine Zeit hat, als erster Reflex beiderseitsk. daß man für den andern hoffen kannl. die Gewähr, daß der eine wie der andere, wenn eine üble Nachrede über den andern im Umlauf ist, zumindest Belege verlangt, bevor er zustimmtm. Treffpunkte in der Begeisterungn. Erinnerungen, die man gemeinsam hat und die wertloser wären, wenn man sie nicht gemeinsam hätteo. Dankbarkeitp. daß der eine den andern gelegentlich im Unrecht sehen kann, aber deswegen nicht richterlich wirdq. Ausfall jeder Art von Geizr. daß man einander nicht festlegt auf Meinungen, die einmal zur Einigkeit führten, d. h. daß keiner von beiden sich ein neues Bewußtsein versagen muß aus Rücksicht?
(Unzutreffendes streichen.)
23. Wie groß kann dabei der Altersunterschied sein?
24. Wenn eine langjährige Freundschaft sich verflüchtigt, z. B. weil die neue Gefährtin eines Freundes nicht zu integrieren ist: bedauern Sie dann, daß Freundschaft einmal bestanden hat?
25. Sind Sie sich selber ein Freund?

8. Väterlichkeit

1. Sind Sie stolz darauf, Vater zu sein?
2. Mögen Sie Kinder allgemein?
3. Sind Sie sicher, dass Sie von Ihren erwachsenen Kindern keine Dankbarkeit erwarten? Und wenn nicht: Dankbarkeit wofür? (Stichworte genügen)
4. Wollten Sie jemals Vater werden?
5. Wenn Sie meinen, Ihre Kinder haben es besser, als sie es gehabt haben: beglückt sie das oder meinen Sie es als Vorwurf?
6. Wie stehen Sie zum Säugling?7. Hatten Sie das väterliche Verantwortungsbewusstsein schon vor der Zeugung oder während der Zeugung oder wann hat es sich bei Ihnen eingestellt?
8. Was macht Sie an Kindern traurig?
a. Ähnlichkeiten mit der Mutter?b. Ähnlichkeiten mit Ihnen?
9. Inwiefern fühlen Sie sich durch ein ungeborenes Kind lebenslänglich verbunden mit der betreffenden Frau?
10. Wenn andere Leute (Gäste, Nachbarn, Lehrer usw.) durchblicken lassen, dass sie ihr Kind nicht außerordentlich finden: wem nehmen Sie’s übel, dem Kind oder den Leuten? Oder der Mutter?
11. Fühlen Sie Blutsverwandtschaft?
12. Bis zu welchem Alter des Kindes?
13. Haben Sie Kinder je geschlagen? Und wenn nicht: weil Sie durch eine bessere Methode erreichten, was Sie wollten, oder aus Prinzip?
14. Wenn Sie eigene Kinder unter ihresgleichen sehen , z.B. bei einem sit-in, haben Sie den Eindruck, dass Sie den eigenen Kindern näherstehen als ihren Altersgenossen, und woraus schließen Sie das?
15. Was beglückt Sie als Vater vorallem?
16. Glauben Sie sich als Erzieher? Z.B. wenn Sie einen neuen Wagen haben und die Kinder betrachten ihn als ihr Eigentum: verweigern Sie ihnen die Benutzung des Wagens aus erzieherischen Gründen?
17. Wann fühlen Sie sich als Vater wohler:
a. ? allein mit dem Kind?b. ? wenn die Mutter dabei ist?
18. Wenn Sie mit einer anderen Frau ins Bett gehen, empfinden Sie sich dann als Vater?
19. Nimmt bei Ihnen die Väterlichkeit ab:
a. wenn die Kinder selber ihr Geld verdienen?b. wenn das Kind sich verheiratet?c. wenn es sich herausstellt, dass das Kind mehr weiß als Sie oder geschickter ist als Sie, lebenstüchtiger usw.?
20. Was erschreckt Sie mehr: wenn Kinder daran leiden, dass Sie ihr Vater sind, oder wenn Ihnen die Kinder von anderen Leuten insgeheim besser gefallen?
21. Ist es Ihnen bewusst, dass Sie sich anders verhalten, wenn Ihre erwachsenen Kinder zugegen sind, und was verhehlen Sie vor Ihnen?
22. Warum?23. Gesetzt den Fall, dass Sie sich der Mutter nicht verbunden fühlen als Mann: überzeugt es Sie, dass Sie der Vater ihres Kindes sind?
24. Können Sie sich ohne Kinder vorstellen?
25. Ist es Ihnen gelungen, die eigenen Kinder kennenzulernen, d.h. sie nicht als Söhne oder Töchter zu sehen?

9. Heimat

1. Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?
2. Hat Heimat für Sie eine Flagge?
3. Worauf könnten Sie eher verzichten:
a. auf Heimatb. auf Vaterlandc. auf die Fremde
4. Was bezeichnen Sie als Heimat?
a. ein Dorfb. eine Stadt oder ein Quartier darinc. einen Sprachraumd. einen Erdteil e. eine Wohnung
5. Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst: Könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist?
6. Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders?
a. die Landschaftb. dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h. dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher auf Einverständnis rechnen können?c. das Brauchtumd. dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommene. Erinnerungen an die Kindheit
7. Haben Sie schon Auswanderung erwogen?
8. Welche Speisen essen Sie aus Heimweh (z.B. die deutschen Urlauber auf den Kanarischen Inseln lassen sich täglich das Sauerkraut mit dem Flugzeug nachschicken) und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?
9. Gesetzt den Fall, Heimat kennzeichnet sich für Sie durch waldiges Gebirge mit Wasserfällen: Rührt es Sie, wenn Sie in einem andern Erdteil dieselbe Art von waldigem Gebirge mit Wasserfällen treffen, oder enttäuscht es Sie?
10. Warum gibt es keine heimatlose Rechte?

11. Wenn Sie die Zollgrenze überschreiten und sich wieder in der Heimat wissen: Kommt es vor, dass Sie sich einsamer fühlen gerade in diesem Augenblick, in dem das Heimweh sich verflüchtigt, oder bestärkt Sie beispielsweise der Anblick von vertrauten Uniformen (Eisenbahner, Polizei, Militär etc.) im Gefühl, eine Heimat zu haben?
12. Wie viel Heimat brauchen Sie?
13. Wenn Sie als Mann und Frau zusammenleben, ohne die gleiche Heimat zu haben: Fühlen Sie sich von der Heimat des andern ausgeschlossen oder befreien Sie einander davon?
14. Insofern Heimat der landschaftliche und gesellschaftliche Bezirk ist, wo Sie geboren und aufgewachsen sind, ist Heimat unvertauschbar: Sind Sie dafür dankbar?
15. Wem?
16. Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw., die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?
17. Was macht Sie heimatlos?
a. Arbeitslosigkeitb. Vertreibung aus politischen Gründen c. Karriere in der Fremded. dass Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen e. ein Fahneneid, der missbraucht wird
18. Haben Sie eine zweite Heimat…?
19. …und wenn ja: Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann bei der ersten?
20. Kann Ideologie zu einer Heimat werden?
21. Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für Sie die Heimat wäre, z.B. Harlem, und beschäftigt es Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?
22. Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?
23. Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: Wer bestimmt, was Sie der Heimat schulden?
24. Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?
25. Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?

10. Eigentum

1. Können Sie sich erinnern, seit welchem Lebensjahr es Ihnen selbstverständlich ist, daß Ihnen etwas gehört, beziehungsweise nicht gehört?
2. Wem gehört Ihres Erachtens beispielsweise die Luft?
3. Was empfinden Sie als Eigentum:
a. was Sie gekauft haben? b. was Sie erben? c. was Sie gemacht haben?
4. Auch wenn Sie den betreffenden Gegenstand (Kugelschreiber, Schirm, Armbanduhr usw.) ohne weiteres ersetzen können: empört Sie der Diebstahl als solcher?
5. Warum?
6. Empfinden Sie das Geld schon als Eigentum oder müssen Sie sich dafür irgendetwas kaufen, um sich als Eigentümer zu empfinden, und wie erklären Sie es sich, daß Sie sich umso deutlicher als Eigentümer empfinden, je mehr Sie meinen, daß man Sie um etwas beneidet?
7. Wissen Sie, was Sie brauchen?
8. Gesetzt den Fall, Sie haben ein Grundstück gekauft: wielange dauert es, bis Sie die Bäume auf diesem Grundstück als Eigentum empfinden, d. h., daß das Recht, diese Bäume fällen zu lassen, Sie beglückt oder Ihnen zumindest selbstverständlich vorkommt?
9. Erleben Sie einen Hund als Eigentum?
10. Mögen Sie Einzäunungen?
11. Wenn Sie auf der Straße stehenbleiben, um einem Bettler etwas auszuhändigen: warum machen Sie’s immer so flink und so unauffällig wie möglich?
12. Wie stellen Sie sich Armut vor?
13. Wer hat Sie den Unterschied gelehrt zwischen Eigentum, das sich verbraucht, und Eigentum, das sich vermehrt, oder hat Sie das niemand gelehrt?
14. Sammeln Sie auch Kunst?
15. Kennen Sie ein freies Land, wo die Reichen nicht in der Minderheit sind, und wie erklären Sie es sich, daß die Mehrheit in solchen Ländern glaubt, sie sei an der Macht?
16. Warum schenken Sie gerne?
17. Wieviel Eigentum an Grund und Boden brauchen Sie, um keine Angst zu haben vor der Zukunft? (Angabe in Quadratmetern.) Oder finden Sie, daß die Angst eher zunimmt mit der Größe des Grundeigentums?
18. Wogegen sind Sie nicht versichert?
19. Wenn es nur noch das Eigentum gäbe an Dingen, die Sie verbrauchen, aber kein Eigentum, das Macht gibt über andere: möchten Sie unter solchen Umständen noch leben?
20. Wieviele Arbeitskräfte gehören Ihnen?
21. Wieso?
22. Leiden Sie manchmal unter der Verantwortung des Eigentümers, die Sie nicht den andern überlassen können, ohne Ihr Eigentum zu gefährden, oder ist es die Verantwortung, die Sie glücklich macht?
23. Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?
24. Da zwar ein Recht auf Eigentum besteht, aber erst in Kraft tritt, wenn Eigentum vorhanden ist: könnten Sie es irgendwie verstehen, wenn die Mehrheit Ihrer Landsleute, um ihr Recht in Kraft zu setzen, Sie eines Tages enteignen würde?
25. Und warum nicht?

11. Tod

1. Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr?
2. Was tun Sie dagegen?
3. Haben Sie keine Angst vor dem Tod (weil Sie materialistisch denken, weil Sie nicht materialistisch denken), aber Angst vor dem Sterben?
4. Möchten Sie unsterblich sein?
5. Haben Sie schon einmal gemeint, dass Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen:
a. was Sie hinterlassen?b. die Weltlage?c. eine Landschaft?d. dass alles eitel war?e. was ohne Sie nie zustandekommen wird?f. die Unordnung in den Schubladen?
6. Wovor haben Sie mehr Angst: dass Sie auf dem Totenbett jemand beschimpfen könnten, der es nicht verdient, oder dass Sie allen verzeihen, die es nicht verdienen?
7. Wenn wieder ein Bekannter gestorben ist: überrascht es Sie, wie selbstverständlich es Ihnen ist, dass die andern sterben? Und wenn nicht: haben Sie dann das Gefühl, dass er Ihnen etwas voraushat, oder fühlen Sie sich überlegen?
8. Möchten Sie wissen, wie Sterben ist?
9. Wenn Sie sich unter bestimmten Umständen schon einmal den Tod gewünscht haben und wenn es nicht dazu gekommen ist: finden Sie dann, dass Sie sich geirrt haben, d. h. schätzen Sie infolgedessen die Umstände anders ein?
10. Wem gönnen Sie manchmal Ihren eigenen Tod?
11. Wenn Sie gerade keine Angst haben vor dem Sterben: weil Ihnen dieses Leben gerade lästig ist oder weil Sie gerade den Augenblick genießen?
12. Was stört Sie an Begräbnissen?
13. Wenn Sie jemand bemitleidet oder gehasst haben und zur Kenntnis nehmen, dass er verstorben ist: was machen Sie mit Ihrem bisherigen Hass auf seine Person beziehungsweise mit Ihrem Mitleid?
14. Haben Sie Freunde unter den Toten?
15. Wenn Sie einen toten Menschen sehen: haben Sie dann den Eindruck, dass Sie diesen Menschen gekannt haben?
16. Haben Sie schon Tote geküsst?
17. Wenn Sie nicht allgemein an Tod denken, sondern an Ihren persönlichen Tod: sind Sie jeweils erschüttert, d. h. tun Sie sich selbst leid oder denken Sie an Personen, die Ihnen nach Ihrem Hinschied leidtun?
18. Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?
19. Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten?
20. Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, dass man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat?
21. Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?
22. Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: beruhigt Sie die Vorstellung, dass wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod?
23. Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?
24. Wenn Sie jemand lieben: warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem andern überlassen?
25. Wieso weinen die Sterbenden nie?

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Filed under Allgemein, Poesie

Vortrag Verteidigung (08. Dezember 2016)

Vortrag Verteidigung

Sehr geehrte Kommission,

Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Gäste,

mein Name ist Ingo Herrmann, ich bin 34 Jahre alt und habe mich in den vergangenen sechs Jahren mit einem Thema befasst, dass sicherlich ungewöhnlich für die Kunstgeschichte ist. Der Kulturpolitik des Bundes.

Ich möchte Ihnen im Rahmen der ersten 30 Minuten dieser Verteidigung skizzenhaft die Grundlagen, das Vorgehen aber auch die Ergebnisse der Arbeit versuchen vorzustellen. Dabei werde ich mich im Kern auf die folgende Gliederung beziehen:

Nach einigen einleitenden Bemerkungen möchte ich zunächst die Fragestellung der Arbeit erläutern um anschließend die Methodischen Grundlagen zu reflektieren. Den Kern soll die skizzenhafte Vorstellung einer der Fallstudien bilden – die sich dem Akteur KSB widmet – bei deren Vorstellung ich mich auf einen Aspekt beschränken möchte, der jedoch exemplarisch die Erkenntnisse der Arbeit darstellen soll – wenn auch verkürzt.

Von hier möchte ich die Ergebnisse der Arbeit zusammenfassend vorstellen.

1.  Einleitung

Die Kernfrage meiner Dissertation lautet: Welche Funktionen hat die Kulturpolitik des Bundes und wie genau betreibt der Bund Kulturpolitik?

Diese Frage habe ich vor dem Hintergrund eines wachsenden Interesses des Bundes an der Kulturpolitik gestellt.

Indem man sich fragt, welche Funktionen der Bund seinem kulturpolitischen Handeln zuweist, kann man schließlich auch die Frage nach dem wachsenden Interesse des Bundes an diesem Politikfeld beantworten.

Der Weg, der mich zu dieser Frage geführt hat, ist flankiert von zwei entscheidenden Einflüssen: Ich hatte im Jahr 2009 meine Magisterarbeit über einen Trailer von Francesco Vezzoli geschrieben. Ursprünglich um mich mit dem Thema Pornographie in der Kunst auseinanderzusetzen.

Leider ging es in dem Trailer dann nicht so vordergründig um Pornographie, wie ich mir das gewünscht habe, sondern vielmehr um die übersteigerte Marktorientierung des Kunstfeldes.

Zur gleichen Zeit habe ich ein Interview von Michael Glos, dem damaligen Bundeswirtschaftsminister, gelesen, der mehr Künstler unternehmerisch erfolgreich machen wollte.

Ein (italienischer!) Künstler der eine dezidiert kritische Position zur Ökonomisierung des Kunstmarktes formuliert und ein (deutscher!) Bundes-Wirtschaftsminister, der genau diese Entwicklung mit einer Initiative auf Bundesebene forciert.

An diesem Punkt war ich insofern irritiert, da Glos’ Vorhaben – überspitzt: Künstler in Lohn und Brot zu bringen – eher nach New Deal als nach der Kulturpolitik des Bundes in den vergangenen Jahrzehnten klang.

Welche Funktionen hat also die Bundeskulturpolitik?

Diese Frage war für mich auch eine Frage, welches Fach eigentlich für deren Beantwortung zuständig ist.

Da ich die Frage nach der Einflusssphäre des Kulturpolitischen auf die Kunst forcieren wollte, erschien mir die Kunstgeschichte als die geeignete Disziplin. Eine Disziplin, die – flankiert von den Leistungen vieler anderer Fächer – ihre methodische Vielfalt gegen die Vielfältigkeit – gerade in der zeitgenössischen Kunst – aufbieten muss.

Ich würde mir wünschen, das die Kunstgeschichte noch intensiver die Aufmerksamkeit auf den Zeitraum vor der Entstehung von Kunst legt, vor der Entstehung von Ausstellungen. Wer finanziert denn eigentlich Ausstellungen? Welche Künstler werden gezeigt und welche nicht?

Denn – das ist eine der Annahmen der Arbeit – Kunst immer erst mit der Rezeption an Bedeutung gewinnt.

Und um diese kulturpolitischen Einflüsse der Bundesebene transparent zu machen, kann die vorgelegte Arbeit als eine Grundlage dienen.

2.  Fragestelung

Die Fragestellung nach der Funktion der Bundeskulturpolitk, erscheint zunächst gar nicht von Interesse, da ganz offensichtlich dem Bund die Zuständigkeit für dieses Politikfeld fehlt.

Das Grundgesetz weist den Ländern und Kommunen die Zuständigkeit zu. Lediglich in der Außen-Kulturpolitik gibt es eine eindeutige Regelung im Grundgesetz, die dem Bund diese Kompetenz zuweist. Innenpolitisch war es in den 1980er Jahren die einzige Aufgabe Art. 5 GG die Kunstfreiheit zu gewährleisten.

Unabhängig von rechtlichen Fundamenten, kann man dem Bund jedoch aus a.) historischen aber auch b.) logischen Tradition heraus nicht jegliches kulturpolitische Handeln versagen.

Dennoch könnte man aber mit einer Konstanz in der Verteilung der kulturpolitischen Zuständigkeit rechnen, in der der Bund sicherlich nie unberücksichtigt vermutet werden durfte.

Als wesentlicher Indikator für die Verteilung des kulturpolitischen Engagements dienen mir die Anteile an der öffentlichen Kulturfinanzierung.[1]

Hier ist einerseits ein verstärktes finanzielles Engagement des Bundes in der gesamtstaatlichen Kulturfinanzierung zu erkennen. Insbesondere in der Vervielfachung des Bundesanteils an der öffentlichen Kulturfinanzierung, bei einem Abschmelzen der Gemeindeanteile.

Andererseits geht dieser Indikator des wachsenden Anteils an der Finanzierung einher mit dem wachsenden Interesse des Bundes an diesem Politikfeld:

So gründet oder beschließt der Bund in der 1980er Jahren die KSV, Kunstfonds, KSL, HdG und die Bundeskunsthalle. In den 1990er Jahren gibt es ein verstärktes Engagement des Bundes in Berlin. Mit dem Regierungswechsel von Helmut Kohl zu Gerhard Schröder wird ein Beauftragter der Bundesregierung für dieses Politikfeld bestimmt, erneut ein monothematischer Bundestagsausschusses zum Thema Kultur eingesetzt. In den 2000er Jahren schließlich die KSB und die Initiative KKW gegründet.

3.  Methodische Reflektionen

Wie nährt man sich der Frage nach den Funktionen der Bundeskulturpolitik?

Ich habe mich für drei exemplarische Fallstudien entschieden, die jeweils eine spezifische Funktion der Kulturpolitik des Bundes an einem konkreten Beispiel untersuchen.

  1. Die Kulturstiftung des Bundes dient dabei der Untersuchung der These, dass eine Bundeskulturpolitik eine Institutionenpolitik ist. Das heißt ich habe untersucht inwiefern der Bund Institutionen schafft um kulturpolitisch wirksam werden zu können. Also selbst Instrumente zur Gestaltung von Kulturpolitik generieren.
  1. Die Fallstudie zur Hauptstadtkulturpolitik untersucht die Bundeskulturpolitik auf ihre Funktion als Identitätspolitik. Das heißt wie der Bund seine Hauptstadt gestaltet um einen nationalen Identitätsort zu schaffen. In Berlin geschieht das aus meiner Sicht auch über den Versuch der Etablierung als Kulturmetropole, gerade im Kontrast zu Bonn.
  1. Die Fallstudie zur Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft untersucht die Kulturpolitik als eine vereinnahmte Wirtschaftspolitik. Der Bund versucht Kulturpolitik mit anderen Politikfeldern zu vernetzen um primär volkswirtschaftlichen Nutzen zu generieren.

In der Bearbeitung der Fallstudien bin ich sehr stringent vorgegangen:

Alle drei Fallstudien versuchen zunächst in einer historischen Genese den Untersuchungsgegenstand in seiner Entstehung einzuordnen. Anschließend habe ich versucht strukturelle, prozessuale und inhaltliche Merkmale deskriptiv zu erfassen und kritisch zu analysieren. Am Ende einer jeden Fallstudie wurde in einem kurzen Resümee die analysierte Funktion der Bundeskulturpolitik herausgearbeitet.

Wo hilfreich habe ich das um theoretische und methodische Aspekte ergänzt.

Ähnlich ist auch die Gesamtarbeit aufgebaut.

Grundlage für die Aktionsfelder bzw. Fallstudien im Hinblick Quellen war zuallererst das Parlamentsarchiv, da das Parlament mit einer Vielzahl an Informationen versorgt ist.

Natürlich bietet eine solche Arbeit auch Gelegenheit für Kritik, die man einerseits als Zweifelnder selbst formuliert, spätestens jedoch in den Gutachten formuliert werden. Ich möchte auf einige kurz eingehen:

Das hat insbesondere mit dem Mangel an kunsthistorischen Beispiel zu tun, die viele Aspekte – gerade in den Fallstudien – illustriert hätten. Ich verstehe das auch als Forschungsausblick, wenn man  die von den Bundesinstitutionen geförderten Künstler oder Ausstellungen in den 1980er Jahren mit denen in den 2000er Jahren vergleicht. Man hätte das machen können. Allerdings hätte ich es dann für jede Fallstudie sehr konkret machen wollen. Dadurch das doch gravierende Veränderungen im Kulturpolitischen Selbstverständnis gibt hätte man hier aus meiner Sicht vergleichend arbeiten müssen und damit ist man allein dem Umfang betreffend bei einer eigenen Arbeit.

Aber es gibt auch begrifflich Leichtfertigkeiten, die in einem der Gutachten vorgebracht wurden. So ist der Repräsentationsbegriff in der Politik natürlich ein anderer, als der der symbolischen Repräsentation, auf den ich mich regelmäßig beschränke. In der Politikwissenschaft bezeichnet Repräsentation natürlich auch einen Modus z.B. Willensbeziehung zu organisieren oder wird im Sinne einer deskriptive Repräsentation benutzt. Das hätte man in den Begriffserklärungen ausführen müssen um besonders die unterschiedlichen Begriffssphären der beiden Fächer zu verdeutlichen.

Die konsequentere Betrachtung und auch Erwähnung des Politik-Zyklus hätte die Arbeit um eine systematischere Perspektive ergänzt, die die Entwicklung politischer Prozesse verdeutlicht hätte. Wobei ich hier der historischen Perspektive verhaftet war.

An der Stelle möchte ich auf einen Wunsch aus den Gutachten eingehen, der die Verzahnung der beiden vermeintlichen Chronologien zum Inhalt hat.

Um die historische Entwicklung der Kulturpolitik zu veranschaulichen, habe ich mich auf die Kulturpolitischen Konzepte in der BRD gestützt. Dieses Schema suggeriert die Abfolge bestimmter konzeptioneller Ideen seit 1945. Der Wunsch, die Funktionen mit diesem Konzept zu verzahnen habe ich insofern nicht beachtet, weil ich die Funktionen unabhängig von einer Chronologie verstanden wissen will.

Wenn ich also beispielhaft die Bundeskulturpolitik als eine Politik analysiere, die Institutionen gründet um überhaupt Wirksamkeit zu erlangen, dann ist das grundsätzlich unabhängig von der in der Fallstudie offerierten Dominanz zu diesem Zeitpunkt. Da zum Beispiel auch in den 1950er Jahren Institutionen gegründet wurden.

Daher stehen diese vermeintlichen Chronologien auch nebeneinander.

4.  Vorstellung eines Fallbeispiels

Im Folgenden soll eine Fallstudie näher betrachtet werden und zwar die der Kulturstiftung des Bundes.

Die damit verbundene These hatte ich bereits erwähnt: Kulturpolitik sollte als Institutionenpolitik untersucht werden. Die Annahme ist die, dass Institutionen notwendig sind um kulturpolitisch wirksam werden zu können, weil man beispielsweise nicht aus dem Nichts einen Künstler fördern oder eine Ausstellung finanzieren kann. Und aus meiner Sicht stellt die KSB exemplarisch eine solche wirkmächtige Institution dar.

In den Jahrzehnten zuvor hatte der Bund nur wenige Institutionen gegründet. Dennoch formuliert Willy Brandt 1973 die Idee eine unabhängige Deutsche Nationalstiftung (DNS) nach dem Vorbild der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK).

Es dauert mehr als fünf Jahre, bis das Scheitern dieser Stiftung aufgrund des mangelnden Gestaltungswillens der Länder offenbar wird. Der Bund hatte bereits Gelder im Haushalt zurückgestellt, die Helmut Schmidt dennoch Künstlern zur Verfügung stellen wollte und diese deswegen aufforderte einen eigenständigen und eigenverwalteten Fonds zu gründen. Der Fonds sollte modellhafte Vorhaben von gesamtstaatlichem Interesse fördern (der Begriff ist bis heute strittig! unbestimmter Rechtsbegriff). Die Finanzierung übernahm der Bund – anfänglich – unmittelbar. Später die KSL.

Auch wenn der Fonds sehr klein ist (der Kunstfonds gibt jährlich ca. 1 Mio. € aus), habe ich ihn als einen direkten Vorläufer sowohl der KSL wie auch der KSB identifiziert. Natürlich weil sie a.) aus den Mitteln der DNS gegründet wurden, aber auch, b.) weil sie grundsätzlich eine strukturelle und organisatorische Ähnlichkeit mit der späteren KSB aufweisen.

Die Fonds vergeben (bis heute) die Antrags- bzw. Projektförderungen in einer Eigenverwaltung, das heißt die Künstler (über ihre Verbände) können selbst entscheiden, was wie gefördert werden soll.

Das bedeutendste Gremium des Fonds ist ein Kuratorium, das grundsätzlich durch Künstler besetzt ist. Diesem waren zwei Vertreter des BMI mit einfachem Stimmrecht zugeordnet. Faktisch besaßen die beiden BMI Vertreter jedoch keine Bedeutung, da insgesamt mehr als 16 Stimmen in dem Gremium vertreten waren, das mit einfacher Mehrheit Entscheidungen trifft.

Das heißt also das sich der Bund in diesen Fonds die er zu Beginn der 1980er Jahre gegründet hat, in seinem Einfluss sehr beschränkt hat, obwohl er diese Institutionen voll finanziert.

Die Kunstfonds sind damit – zumindest auf einer formalen Ebene – im gesamten Betrachtungszeitraum unabhängig.

In der KSB stellt sich diese Situation anders dar.

Michael Naumann spricht im Jahr 2000 die Idee einer Bundeskulturstiftung erneut an. Reflexartig sind die Länder in Opposition, aber die lange Verhinderungsgeschichte der DNS im Hinterkopf, wird die KSB gegen den Willen der Länder im Jahr 2002 einfach gegründet.

Der wesentliche Unterschied zu den Kunstfonds, ist das Thema ist das Thema Selbstverwaltung, das noch als Credo für die Kunstfonds bezeichnet werden konnte. Entgegen der Besetzung des wichtigsten Gremiums mit Künstlern, ist der Stiftungsrat auf den ersten Blick zwar recht vielseitig besetzt.

Jedoch haben Bundesvertreter jeweils zwei Stimmen, während alle anderen nur eine Stimme besitzen.

Da Entscheidungen satzungsgemäß mit einfacher Mehrheit gefällt werden, genügen rechnerisch neben dem BKM vier Bundesvertreter (= zehn Stimmen) für eine beschlussfähige Mehrheit, da die Stimme des BKM in Pattsituationen entscheidet.

Damit bin ich mit der skizzenhaften Darstellung dieses Fallbeispiels auch am Ende.

Ich wollte die Gründung zweier Institutionen im Betrachtungszeitraum aufzeigen, an denen sich exemplarisch für die Arbeit zeigen lässt, dass die Kulturpolitik des Bundes im gesamten Betrachtungszeitraum immer auf den Ausbau von Institutionen gerichtet ist.

Zudem lässt sich deutlich ein wachsenden Selbstbewusstseins bzw. Machtbewusstsein des Bundes konstatieren, dass sich eben im Umgang mit diesen Institutionen wiederspiegelt: a.) Wie sie gegründet werden (Basta-Mentalität). b.) Wie sie finanziert werden (unmittelbar) und c.) Wie sie strukturell Entscheidungen treffen (Bund hat Mehrheit).

Der Bund schafft sich mit der KSB eine Institution in der die Möglichkeit des politischen Einflusses der Stiftungsarbeit durch den Bund besteht. Auch wenn ich das nicht im Detail untersucht habe, gibt es Koinzidenzen.

Ergänzend kann man auch noch einen Wechsel des Politikstils von kooperativem Stil Kohl zu neuem Machtbewusstsein in Person von Michael Naumanns (Verfassungsfolklore in der Kulturpolitik) sprechen.

5.  Zusammenfassende Ergebnisse

Betrachtet man nun die gesamte Arbeit, habe ich lediglich drei Funktionen der Kulturpolitik des Bundes herausgearbeitet. Es gibt weitere.

Das wachsende Interesse und Engagement des Bundes im Feld der Kulturpolitik ist – so konnte ich nachweisen – auch eine Politik der Aneignung.

Das zeigt  sich daran – wie bereits erwähnt –, das der Bund in Verlauf des Betrachtungszeitraums Institutionen und Akteure installiert, Aktionsfelder besetzt (Hauptstadtkulturpolitik) und sukzessive auch inhaltlich zu gestalten versucht (KKW). Das finanzielle Engagement unterstützt diese Ergebnisse.

Dabei ist entscheidend, das die Kulturpolitik des Bundes nicht unmittelbar auf die Unabhängigkeit, Eigenständigkeit oder Freiheit der Künstler und des Kunstwerkes ausgerichtet ist, wie man das vermuten könnte. Vielmehr ist die Kulturpolitik des Bundes an Nutzungsfunktionen orientiert und ganz klar auf eine Steuerbarkeit ausgerichtet.

Der Bund gestaltet – so meine abschließende Theorie der Arbeit – seine eigene Existenz als Profil einer sichtbaren Vollkommenheit, indem er zunehmend eigenverantwortlich Kulturpolitik gestaltet. Mit der zunehmend – meist unmittelbaren – Finanzierung der Kulturpolitik expandiert er auf einem wirkmächtigen Politikfeld, dessen kompetenzrechtliche Problematik zwar offenbar ist, dessen Perspektiven im Hinblick auf diverse funktionelle Nutzenaspekte – wenn auch nicht hinreichend erforscht – doch als aussichtsreich zu beschreiben sind. So könnte die Ästhetisierung des Staates auch als bundesstaatliche Selbstheilung eines als mangelhaft empfundenen Kompetenzgefüges beschrieben werden.

Wichtig ist dennoch zu erwähnen, das man nicht von einer Allmacht der Bundeskulturpolitik im Sinne einer zentralistischen Kunststeuerung sprechen kann. Das dezentrale Modell der Dominanz von regionalen und funktionalen Akteuren bleibt grundsätzlich bestehen, auch wenn man die Entwicklung nicht außer Acht lassen darf.

Damit möchte ich auch einen ersten Impuls setzen, der auch noch einen Kritikpunkt aus den Gutachten betrifft.

Vielen Dank.

 

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Offen Gesagt – H&T Journal 2/2016

Das Leben hält bekanntermaßen eine Vielzahl an kuriosen Weisheiten bereit. Eine meiner Liebsten lautet wie folgt: Wer morgens zerknittert aufwacht, hat tagsüber die besten Chancen sich zu entfalten. Das Geäst von Entscheidungen, dass ein Leben wachsen lässt und Jahr für Jahr zur Entfaltung beiträgt, ist jedoch in den seltensten Fällen von Sprichwörtern geprägt. Diese dienen allzu oft nur der Erheiterung, Zerstreuung oder Besinnung. Die Grundwerte auf die ich mich – auch hier bei Herrmann & Tallig – stütze, lauten Vernunft und Vertrauen.
Da ich vernarrt bin in Kunst, schmökere ich manchmal am Abend in Büchern und lese über Künstler. Vor nicht allzu langer Zeit fand ich dabei die Anekdote eines berühmten chinesischen Künstlers – Ai Weiei – der als Kind in einem Erdloch hauste. Ohne Gram berichtete er von seinem Leben in diesem Erdloch, den Gründen warum er dort gemeinsam mit seiner Familie viele Jahre seines Lebens zubrachte. Allzu oft rannten Schweine über das Dach dieses Erdloches und brachen mit ihrem Hinterteil ein, so dass der Familie die Schweinehintern recht bald vertraut waren. Man verstärkte die Balken des Daches. Weil jedoch auch kein Licht vorhanden war, stieß sich der der Vater eines Abends beim Hinabsteigen den Kopf an einem der Dachbalken. Mit blutiger Stirn ging er zu Boden. Aus diesem Grund hoben Ai Weiei und sein Vater einen Spaten tief den Boden aus, was den gleichen Effekt hatte, wie wenn Sie das Dach um 20 cm angehoben hätten. Hausbau kennt keine Ideale!
Sie fragen sich, was diese Anekdote mit Herrmann & Tallig zu tun hat? Neben der Erkenntnis, dass es keine ideale Architektur gibt, ist es vielleicht die simple Erkenntnis, dass es selten lohnt an Musterbildern festzuhalten, stattdessen auf den gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Überhaupt Vertrauen! Die Urlaubszeit klingt aus, Urlauber kehren zurück in ihre angestammten Objekte. Wenn auch nicht jede Urlaubsvertretung immer reibungslos funktionierte, ist es doch ein gutes Gefühl, dass man sich auf jemanden verlassen kann. Wer kennt das nicht? Ungern werden wir enttäuscht. Also werden auch Vertretungsobjekte mit bestem Gewissen, einem handfesten Leistungsverzeichnis und einem fundierten Revierplan betreut. Schließlich wollen wir, dass sich unsere Kunden auch in Ihrem Urlaub auf uns verlassen können. Und sprichwörtlich schallt es aus dem Wald heraus, wie es hinein schallt. Urlaubsvertretung ist Vertrauenssache unter Kollegen! In diesem Sinne einen guten Restsommer und einen goldenen Herbst!

Ihr Ingo Herrmann

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Rede Wirtschaftsbeirat Hallescher Fußball Club HFC e.V. (08.12.2015)

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich darf Sie im Namen des Vorstandes des Wirtschaftsbeirates des HFC ganz herzlich hier in den Räumen des Kunstvereins Talstraße in Halle begrüßen. Mein Name ist Ingo Herrmann. Ich bin Geschäftsführer der Herrmann & Tallig Objektdienste GmbH.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen hier auch einige Worte zu Herrmann & Tallig zu verlieren. Ich könnte ihnen jetzt Stundenlang erzählen, wie facettenreich ein Gebäudedienstleister wie wir aufgestellt ist: Bau-, Krankenhaus-, Solar-, oder  Büroreinigung, Winterdienst, Grünanlagenpflege, Hausmeisterdienste usw. Aber man kann das auch kurz und knackig machen: Wir – also Herrmann & Tallig – sorgen für Sauberkeit und Hygiene in Mitteldeutschland.

Das ist die Realität in der wir leben.

Vom einfachsten Dreck auf dem Flur, über die blutigen Hinterlassenschaften von Selbstmördern bis hin zum sterilen Reinraumen, der Lebensmittelproduktion oder einer komplexen Desinfektion im OP-Saal.  Das ist unser tägliches Brot.

Das klingt für viele oft banal und in der Tat: Reinigung scheint heutzutage oft banal. Aber ohne Hygiene, ohne Sauberkeit, ohne die kontinuierliche Reinigung von allem möglichen, gäbe es heute weniger Gesundheit und die Menschheit – gewagte These –wäre nicht dort, wo sie heute ist.

Das am gesundheitlichen Wohlbefinden ausschließlich die Gebäudereiniger schuld sind, wäre natürlich vermessen zu behaupten. Auch die Medizin hat ihren bescheidenen Anteil an der Entwicklung…

Auch wenn unsere Erfahrung im Krankenhaus zeigt – und da muss ich eine Lanze für unsere Mitarbeiter brechen –  das die Reinigung in den seltensten Fällen an Keimverschleppungen schuld ist, sondern fast immer die Schwestern und Ärzte die sich nicht die Hände desinfizieren. Aber das nur am Rande. Dennoch an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Professor Bernd Fischer, den Leiter des anatomischen Instituts, dass er die Führung durch die Meckelsche Sammlung selbst vorgenommen hat und damit den ersten Brückenschlag zur Gebäudereinigung getan hat … auch wenn die Anatomie nicht mehr so viel mit Wohlbefinden zu tun hat.

Jetzt kann man sich noch Fragen, warum ein Gebäudereinigungsunternehmen hier den Kunstverein ausgewählt hat um eine Sitzung des HFC-Wirtschaftsbeirates auszurichten. Die einfache Antwort: Ich hab Kunstgeschichte studiert, mag diesen Verein und wollte einen Brückenschlag zwischen Sport auf der einen und Kunst auf der anderen Seite.

Sport heißt schließlich nicht nur „aufgepumpter Muskelprotz“, sondern auch Kultur. Im Idealfall ist Fußball sogar Kunst. Und Kultur, Kunst ist für uns – für mich zumindest – essentiell. Kunst gibt Inspiration, … regt zum Nachdenken an, Kunst bringt uns auf andere Gedanken oder ist schön.

Beide – Sport wie auch Kunst – sind sich nicht unähnlich: Sie erfordern Kreativität, Ausdauer, Geschick, Schnelligkeit. Sie können kräftezehrend sein. Beide haben auch eine geistige Komponente: benötigen Regeln, haben eine Strategie.

Und was hat das alles nun wiederum mit Gebäudereinigung zu tun? Was verbindet Gebäudereinigung, Kunst, Sport, Wirtschaft?

Im Wesentlichen, dass all das von Menschen, für Menschen gemacht wird.

Bei Herrmann & Tallig sind das über 850 Mitarbeiter, die jeden Tag irgendwo zwischen Erfurt, Dresden, Stendal , Magdeburg und Halle versuchen, unseren Auftrag – Sauberkeit und Hygiene – in die Tat umzusetzen. Und wie überall beim Umgang mit Menschen, ist die schwerste Arbeit die Arbeit mit dem Menschen, ihn zu gewinnen, zu motivieren und dort hin zu führen, wo er das bestmögliche schafft. Das ist die Klammer, die uns heute verbindet.

Ganz in dem Sinne: Es hat schwach angefangen und stark nachgelassen, danke ich für die Aufmerksamkeit. Frohe Weihnachten und BLEIBEN SIE SAUBER!

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Claudio Bravo: Die Versuchung des heiligen Antonius (Santiago de Chile)

Claudio Bravo: Die Versuchung des heiligen Antonius (Santiago de Chile)

Claudio Bravo: Die Versuchung des heiligen Antonius (Santiago de Chile)

 

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Zitat Foucault

Zitat Michel Foucault (Quelle: verschludert)

Zitat Michel Foucault (Quelle: verschludert)

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20. Dezember 2015 · 11:15

SCHWEINEKOPF!

Schweinekopf

Schweinekopf

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Bertolt Brecht – Tierverse

Es war einmal ein Adler
Der hatte viele Tadler
Die machten ihn herunter
Und haben ihn verdächtigt
Er könne nicht schwimmen im Teich.
Da versuchte er es sogleich
Und ging natürlich unter.
(Der Tadel war also berechtigt.)

Es war einmal ein Rabe
Ein schlauer alter Knabe
Dem sagte ein Kanari, der
In seinem Käfig sang: Schau her
Von Kunst
Hast du keinen Dunst.
Der Rabe sagte ärgerlich:
Wenn du nicht singen könntest
Wärst du so frei wie ich.

Es war einmal ein Igel
Der fiel in einen Tiegel
Mit ranzigem Salatöl und
Das hat die Stacheln aufgeweicht
Da trat er in den Völkerbund.
Von einem blinden Tiger
Wurd er dann dort herumgereicht
Als ein bekehrter Krieger.

Es war einmal eine Kellerassel
Die geriet in ein Schlamassel
Der Keller, in dem sie asselte
Brach eines schönen Tages ein
So daß das ganze Haus aus Stein
Ihr auf das Köpfchen prasselte.
Sie soll religiös geworden sein.

Es war einmal ein Hund
Der hatte einen zu kleinen Mund
Da konnte er nicht viel fressen
Da freute sein Herr sich dessen
Er sagte: Dieser Hund
Ist ein guter Fund.

Es war einmal ein Schwein
Das hatte nur ein Bein.
Einmal war es in Eil
Da rutschte es auf dem Hinterteil
Ins Veilchenbeet hinein:
Es war ein rechtes Schwein.

Es war einmal ein Huhn
Das hatte nichts zu tun.
Es gähnte alle an.
Doch als es so den Mund aufriß
Da sagte ein Hund: Je nun
Du hast ja keinen einzigen Zahn!
Da ging das Huhn zum Zahnarzt
Und kaufte sich ein Gebiß.
Jetzt kann es ruhig gähnen
Mit seinen neuen Zähnen!

Es war einmal ein Kamel
Das sah in Posemuckel
einen Mann mit einem Buckel
Es blickte auf ihn scheel
Und sagte: Nebenbei
Ich habe zwei.

Es war einmal ein Pferd
Das war nicht sehr viel wert
Für das Rennen war es zu dumm
Vor den Wagen gespannt, fiel es um
Da wurde es Politiker
Es ist jetzt hoch geehrt.

Es war einmal ein Elefant
Der hatte keinen Verstand
Drum schleppte er einmal auf Befehl
Zwanzig Bäume statt zwei
Und brach ein Bein dabei.
Ein Dummkopf, meiner Seel!

Es war einmal eine Maus
Die war einmal nicht zu Haus
Da fischte des Königs Koch
Eine Nuß aus ihrem Loch
Er fischte sie heraus
Und machte für das Schloßpersonal
Ein Mittagessen draus.

Es war einmal ein Aal
Der meinte, er sei aus Stahl
Er ging in vollem Frieden
Stracks in ein Waffenarsenal
Und bat, man solle fürs Vaterland
Einen Ehrendolch aus ihm schmieden.
Es heißt, daß er’s nicht überstand.

Es war einmal eine Ziege
Die sagte: An meiner Wiege
Sang man mir, ein starker Mann
Wird kommen und mich frein.
Der Ochse sah sie komisch an
Und sagte zu dem Schwein:
Das wird der Metzger sein.

Es war einmal eine Brillenschlange
Die tat Dienst als Fahnenstange
Stach sie den Fahnenträger dann
Gab er sie einem anderen Mann
Und starb fürs Vaterland als Held.
Die Brillenschlange sagte: So
Die Fahnenstange steht, wenn der Mann auch fällt!
(Es klang sehr hoffnungsfroh!)

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