Tag Archives: Michael Krüger

München, Gellertstrasse

Michael Krüger

Von meinem Fenster aus habe ich beobachtet,
wie eine Katze in meinem Garten eine Amsel verspeiste.
Nicht meine Katze, die Katze von nebenan.

Ich war zum Fenster gegangen, weil mich das Schreien
des kleinen Vogels bei der Arbeit störte.
Ich hatte gerade gelesen, was Büchners Lenz

dem Pfarrer Oberlin zuruft: Hören Sie nicht,
lieber Herr Pfarrer, die entsetzliche Stimme,
die um den ganzen Horizont schreit

und die man gewöhnlich die Stille heißt?
Die Katze ging sehr sorgfältig vor,
wahrscheinlich weil sie sich unbeobachtet fühlte.

Bald lagen die schwarzen Federn wie ein Muster
auf dem Rasen, wie eine Geheimschrift,
die vom Fenster aus gut zu lesen war.

Eine Katze aus gutem Haus, versteht sich.
Unser Nachbar, ihr Besitzer, hat erzählt,
dass im Krieg in dieser Gegend eine einzige Bombe

gefallen ist, genau da, wo sich die Katze jetzt putzt.
Eine entsetzliche Stimme, die man Stille heißt.
Die Katze trug ein Halsband mit Glöckchen,

damit die Vögel gewarnt sind.
Von den Knochen des Vogels war nichts zu sehn.

Quelle: FAZ, 28.03.2020

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Rasender Stillstand

Michael Krüger

Wir haben es kommen sehen,
das rasende Gewitter,
wie es von Süden her
das Wasser aufmischte
und die letzten Boote vertrieb.
Eben noch saßen wir,
wie erstarrt in der eigenen Ohnmacht,
unter den sesshaften Bäumen
und hörten dem Specht zu,
wie er seine öden Traktate
in die Rinde der Ulme hämmerte.
Dann zeigte der Blitz uns die Zeit,
und der Donner hielt sie an,
bis der Regen wieder nachließ.
Nach dem Gewitter kamen die Mücken
in dichten Geschwadern,
diesen Krieg kann keiner gewinnen.

Quelle:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, 29. Oktober 2019, Nr. 251, S.11

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Der Nußbaum, die Zeit

Michael Krüger

Der Nußbaum musste dran glauben,
um die Sehnsucht nach Ordnung zu stillen.
Vor zehn Jahren habe ich einen Trieb
in die Erde gesteckt, einen puritanischen Stecken,
nach drei Jahren die ersten Nüsse,
rätselhafte Früchte, angeblich
Abbild unseres Gehirns.
Alles wird der Ordnung geopfert,
die Kindheit, die Jugend, der Garten, die Sorge.
Nur mein Gehirn ist so unordentlich geblieben
wie der ungehobelte Nußbaum,
der dem Hasel das Wasser abgräbt.
Aber ich brauchte seinen Schatten,
um mich auszuruhen und zu schauen,
meinetwegen auf Kosten der Wahrheit.
Den freien Platz besetzt jetzt das Unglück,
in dessen Schatten sich die Zeit niederläßt,
die gefräßige Zeit, die alles an sich reißt,
über und unter der Erde, am hellichten Tag.

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