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Wulf Kirstens – selbst (1991)

Wulf Kirstens

selbst (1991)

die gartenmauer hangunter in die knie gesunken,
die klaffenden bruchsteinfugen holunderbesetzt,
am zaun wucherte wilder hopfen voller glocken
und rankte die welt vor meinen augen zu,
ich lag im gras, die arme unter dem kopf.

neben mir morschte ein birnbaum, erstickt
im braunen mulm, schosserbündel steilten ins licht,
kunstvoll gesetzt und gerundet spechtloch an spechtloch,
so wurde der baum den staren zur flöte,
ich sah in die grüne sonne, die arme unter dem kopf.

aus dem brombeerdörnicht und der hainbuchenhecke,
ein blätterüberdachter wall hinab zum wasser,
schwirrten sterzende kobolde aus dem zaunkönigsnest
und huschten durch mein abgezirktes kindheitsversteck,
in dem ich lag, die arme unter dem kopf.

ein tagträumer, der ganze nachmittage lustvoll vertrödelte
und begeistert den wolkenbildern nachsah,
lag still für sich als fauler stauner in blutigen zeiten
auf einem grasverfilzten wiesenhang dorfaus
mit angezogenen knien, die arme unter dem kopf.

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