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Die Welt von oben

1975 machte sich der Philosoph Bazon Brock mit großem Gefolge auf zum Mont Ventoux – um dort an die unerhörte Tat des Dichters Petrarca zu erinnern.

Unter allen menschlichen Tätigkeiten sind diejenigen nicht die schlechtesten, bei deren Betrachtung man sich erst einmal fragt: warum? So wird es auch an diesem Mittwoch sein, wenn sich das Fahrerfeld der Tour de France nicht nur einmal, was schon irrwitzig genug wäre, sondern tatsächlich zweimal den unwirtlichen und nicht nur dem Namen nach windumtosten Berg Mont Ventoux in der französischen Provence hinaufquält.

Auf Unverständnis stieß einst auch der Dichter Francesco Petrarca, als er sich anschickte, am 26. April 1336 in Begleitung seines Bruders Gherardo den Berg zu besteigen, der damals als unbesteigbar galt. Warum, so fragten sich die Zeitgenossen, sollte man sich freiwillig diesem Ozean aus Dornengebüsch aussetzen, der doch weder zum Acker- noch zum Weideland gemacht werden konnte und jenseits der Vegetationsgrenze in eine abweisende Mondlandschaft übergeht? Beim Aufstieg begegnete Petrarca einem Hirten, der ihm sagte, dass von da oben nichts zu erwarten sei außer Blut, Schweiß und zerrissener Kleidung. Der Dichter ließ sich davon nicht beirren und setzte den Aufstieg auf den 1909 Meter hohen Berg fort.

Erst viel, viel später wurde den Menschen klar, welch unerhörte Tat das war. Der Philosoph und Petrarca-Kenner Bazon Brock sieht in ihr einen humanistischen Akt par excellence. Petrarca sei der „erste Seefahrer zu Land“ gewesen. Er habe die größte Autorität akzeptiert, die es gibt: die Natur; der Mont Ventoux sei damals der Inbegriff der Naturgewalt gewesen. Der Dichter habe erkannt, dass man sie nicht bezwingen kann, sondern dass wir uns mit ihr arrangieren müssen. Und zwar denkenderweise. Die Besteigung des Mont Ventoux sei kein Triumph über die Natur gewesen, sondern ein Sieg der Intelligenz im Umgang mit ihr. Die bestehe darin, sich als Bestandteil der Natur deren Gesetzen unterworfen zu sehen und trotzdem die Freiheit zum Agieren zu gewinnen.

Supervision vom Gipfel

Petrarca habe mit seinem Aufstieg das Werk Dantes fortgesetzt, der 15 Jahre vor der Mont-Ventoux-Besteigung gestorben war. Der Weg der Läuterung, wie Dante ihn in der „Göttlichen Komödie“ beschrieben habe, sei ein Aufstieg. Aus der Geschichte hätten die beiden gewusst, dass die Wahl eines erhöhten Standorts hilft, die Welt als Ganzes zu überblicken und zu erfassen; der Begriff der „Supervision“, gebräuchlich etwa in der Managementsprache, kündet noch heute davon. Nur durch Supervision ließen sich Ansprüche auf Führung, Orientierung und Erkenntnis legitimieren.

Im Aufstieg auf den Berg werde das Ich zum Subjekt. Petrarca, so schreibt Brock in einem Text zum Thema, verstehe die Einwände des Hirten und gehe doch darüber hinaus. „Wenn nicht objektive Bedingungen des Überlebens in der Natur, sondern die des subjektiven Erlebens der Natur unsere Haltungen ihr gegenüber beherrschen, formen wir sie zur Landschaft um.“ Der von Petrarca zum ersten Mal in der Neuzeit erhobene Subjekt-Anspruch erfülle sich, wenn der Lyriker Natur zur Projektionsfläche seiner Wahrnehmungen und Vorstellungen mache, „zum Spiegel der Seele“.

Auch Brock selbst hat an einer scheinbar irrwitzigen Mont-Ventoux-Besteigung mitgewirkt. Das kam so: Im Sommer 1974 trafen sich in der Schwabinger Wohnung des Kunsthistorikers und angehenden Verlegers Hubert Burda der Verlagslektor und Dichter Michael Krüger, der Schriftsteller Peter Handke sowie eben Brock. Nach der Erinnerung Krügers, die er jüngst in seinem Büchlein „Meteorologie des Herzens“ zu Papier gebracht hat, war es wahrscheinlich Brock, der die Runde auf einen Artikel zum 600. Todestag von Petrarca aufmerksam machte. Da selbst in der gut sortierten Bibliothek Burdas keine Ausgabe der Werke zu finden war, machte man sich auf den Weg zur Buchhandlung Lehmkuhl – vergeblich. Auch hier kein Petrarca. Brock sagt: Petrarca sei damals „völlig tot“ gewesen. „Die gesamte linke Intellektualität wollte uns seit 1965 sagen, dass die Individuen keine Rolle mehr spielten, sondern nur mehr die Großkollektive, vor allem das Kollektiv der revolutionären Jugend. Ich dagegen habe gesagt, Europa ist seit 600 Jahren bestimmt durch die Kraft der Individualität, durch die Autorität durch Autorschaft.“ Die sei durch Petrarca geschaffen worden.

Nur das letzte Stück gingen sie zu Fuß

Die Schwabinger Runde überlegte also, wie man dem Geist der Zeit etwas entgegensetzen könnte. Auf dem Rückweg von der legendären Buchhandlung, so Krüger, sei Burda, der damals schon wohlhabend und auf der Suche nach intellektueller Veredlung seiner biographischen Erblast war, auf die Idee gekommen, einen Petrarca-Preis für Lyrik zu stiften. Er sollte jeweils verliehen werden an herausragenden Orten, die mit Petrarca in besonderer Weise verbunden waren. So kam man 1975 an den Mont Ventoux.

Der Aufstieg muss nicht ganz so heroisch gewesen sein wie der Petrarcas, aber wenigstens auch nicht so tragisch wie die letzte Etappe des Radrennfahrers Tom Simpson, der 1967, voll mit Aufputschmitteln und Alkohol, kurz vor dem Gipfel kollabierte und starb. Die Truppe um Brock, Burda, Handke und Krüger, begleitet von Journalisten, ließ sich jedenfalls mit dem Bus einen Gutteil des Weges nach oben fahren, um dann nur das letzte Stück aus eigener Kraft zu gehen. Dieter E. Zimmer, damals für Die Zeit dabei, erdreistete sich danach zu schreiben: Um Petrarcas Aufstieg nachzuvollziehen, „gebrach es den deutschen Dichtern und ihren Begleitern an Rüstigkeit“. Der Berg gab sich ihnen trotzdem in all seiner Urwüchsigkeit zu erkennen: „Wir mussten uns in den Windschatten einer Hütte begeben, um überhaupt sprechen zu können“, erzählt Brock, einen auch im Radsport geläufigen Begriff gebrauchend.

Auf dem Gipfel las Krüger den berühmten Brief Petrarcas an seinen Beichtvater vor, in dem er über seine Exkursion berichtet: „Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdientermaßen Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen. Dabei trieb mich einzig die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen.“

Der Lorbeerkranz in der Plastiktüte

Hubert Burda, der für Kost und Logis in Frankreich aufkam, hat vor ein paar Jahren daran erinnert, dass Brock den gesamten intellektuellen Überbau für die Reise geliefert habe. Mehrere Zeugen berichten davon, wie Brock einen Vortrag über die weltgeschichtliche Bedeutung von Petrarcas Besteigung gehalten und wie er sogar – im Gedenken an die Dichterkrönung Petrarcas – eine Dichterkrönung vollzogen habe, mit einem Lorbeerkranz, den er in einer Plastiktüte einer Frankfurter Buchhandlung mitgeführt hatte. Die Frau des ersten Petrarca-Preisträgers Rolf Dieter Brinkmann, der zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr lebte, habe die Krone „nicht ohne Verlegenheit“ entgegengenommen, schreibt der Zeit-Autor Zimmer. Sie habe sich wohl die Frage gestellt, wie ihr Mann, der leicht reizbare Dichter und Übersetzer, auf dieses Spektakel reagiert hätte. Hätte er es so windig gefunden wie den Berg? Oder es gar als „abgefuckten Einfall“ bezeichnet wie der ebenfalls anwesende Schriftsteller Jörg Schröder?

Brock sagt, die Reisegesellschaft habe seine Erläuterungen „wohlwollend geduldet“. Allerdings sei Peter Handke, der sich als sein Konkurrent betrachtet habe, renitent gewesen. „Er fand das widerwärtig, diese dauernde Belehrung.“ Handke habe keine Ahnung gehabt von dem, was wirklich historisch passiert ist, und es angeblich auch nicht wissen wollen. Auch bei späteren Exkursionen im Zeichen Petrarcas habe Handke lieber „den Popstar“ gegeben, am Pool abgehangen und einmal auch einen Verleger hineingeschubst, als sich intellektuell ernsthaft mit dem großen italienischen Dichter auseinanderzusetzen.

Und was bedeutet das alles nun für die Tour-de-France-Fahrer? Seit Petrarca müsse allen klar sein, auch den Radprofis, dass man die Natur nicht besiegen, sondern nur intelligent mit ihr umgehen kann. Sagt wiederum Brock. Das bedeute, man müsse sich bilden, trainieren, um am Berg zu bestehen. Die Fahrer wüssten, dass der Aufstieg mit dem Rad symbolisch der Aufstieg auf jeder Ebene sei: der berufliche Aufstieg, der Aufstieg zum Gipfel der Erkenntnis, der Seelenaufstieg zu Gott. „Alles, was für die Menschen groß ist, geht nach oben“, sagt Brock. Die Hölle hingegen sei der Abstieg, die Abfahrt. Worte, die auch den Radprofis Auftrieb geben könnten.

Quelle: Timo Frasch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 7. Juli 2021, S. 9

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