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DER 9. NOVEMBER – EIN DEUTSCHER SCHICKSALSTAG?

Vorbereitungen – Vortrag Salon 9. November 2017

Leider konnte bzw. wird der Vortrag von mir nicht gehalten. Hier dennoch meine (unvollständigen) Vorbereitungen:

2001

Video – ohne Kommentar. (Nine-Eleven statt Eleven-Nine)…

1989

Die DDR im Herbst 1989: Hunderttausende haben das Land verlassen. Über die österreichisch-ungarische Grenze können DDR Bürger frei ausreisen. Anspannung, Unmut oder Unsicherheit sind vorherrschende Gefühle.

Nachdem am 9. Oktober eine „chinesische Lösung“ in bei den Demonstrationen in Leipzig vermieden wurde, Honecker am 18. Oktober seinen Rücktritt erklärte (nicht ganz freiwillig), tagt – wie in diesem Tagen so oft –  auch am 9. November das Zentralkomitee, das höchste Beschlussorgan der SED zwischen den Parteitagen. Nachdem Egon Krenz mit dem Politbüro eine Übereinkunft zu einem neuen Reisegesetz getroffen hat, stellt er diesen Originaltext dem ZK vor:

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski

Beschluss Ministerrat DDR Ausreise Egon Krenz Schabowski (2/2)

Keineswegs ist mit der Regelung vorgesehen, die Mauer einzureißen. Beabsichtigt ist vielmehr, beginnend mit dem 10. November 1989, ständige Ausreißen – also die Übersiedlung in die Bundesrepublik – nun auch über die deutsch-deutsche Grenze zu genehmigen, aber erst nach einem entsprechenden Antrag. Bisher war eine Ausreise lediglich über Drittstaaten möglich, was dem Ansehen der DDR – so Krenz – dauerhaft schade. Besuchsreisen sollten – ebenfalls auf Antrag – bis zu 30 Tagen pro Jahr genehmigt werden, jedoch an die Erteilung eines Visums und den Besitz eines Reisepasses gekoppelt werden. Einen Reisepass besaßen zu dieser Zeit jedoch nur etwa  4 Millionen Bürger, nämlich die Renter. Alle anderen – so das Kalkül – müssen zunächst einen Pass beantragen und sich dann noch einmal mindestens 4 Wochen gedulden. Einem sofortigen Aufbruch aller Bürger – so meinte man – sei damit ein Riegel vorgeschoben.

Die Reiseverordnung soll am 10. November mit ihrer Bekanntgabe in den DDR Medien in Kraft treten. Die Pressemitteilung hat deshalb eine Sperrfrist, 10. November, vier Uhr. Obwohl die Regelung formell noch nicht durch den Ministerrat beschlossen ist, beauftragt Krenz den Regierungssprecher die Mitteilung gleich zu veröffentlichen und hebt damit die Sperrfrist beiläufig auf.

Diese Fehlentscheidung wäre noch korrigierbar gewesen, denn Regierungssprecher Wolfgang Meyer kennt den Hintergrund der Sperrfrist. Doch bereits die nächste Entscheidung von Krenz ist unumkehrbar. Er händigt die Vorlage Günther Schabowski, dem SED Pressesprecher, aus, der sie auf seiner, live vom DDR Fernsehen übertragenen, internationalen Pressekonferenz bekanntgibt. Schabowski weiß nichts von einer Sperrfrist und vermittelt den Eindruck, als sei die Verordnung bereits in Kraft.

Die Medien interpretieren Schabowskis Äußerungen als bedingungslose Grenzöffnung. Mit Meldungen wie „DDR öffnet Grenze“ und „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“ lösen sie – und nicht die Pressekonferenz selbst – später am Abend einen Ansturm von Ost- und Westberlinern auf die Grenzübergänge und das Brandenburger Tor aus.

Dadurch wird das gemeldete Ereignis, die angeblich schon offene Grenze, erst wirklich herbeigeführt. Der Fall der Berliner Mauer – der 9. November 1989 – ist damit das erste welthistorische Ereignis, dass als Folge seiner vorrauseilenden Verkündung durch Presseagenturen, Fernsehen und Hörfunk eintritt.

1923

Am Morgen des 9. November 1923 veröffentlichte Alfred Rosenberg, einer der einflussreichsten Akteure im kommenden Nationalsozialismus („Chefideologe“) einen Artikel im Völkischen Beobachter, der Parteizeitschrift der NSDAP.

Am 9. November 1918 wurde das um sein Dasein kämpfende Volk hinterrücks überfallen und verraten. Seit dieser Zeit wird deutsche Ehre von Verrätern und Meineidigen straflos mit Füßen getreten. Seit dem 9. November 1918 setzt eine planmäßige Deutschenverfolgung ein, um die Nutznießer des Novemberverrats die Früchte ihres Verbrechens ungehindert genießen zu lassen. Das ist jetzt zu Ende! Am 9. November 1918 siegte der Hochverrat, am 9. November 1923 beginnt die Sühne, das gerechte Gericht an den Volksbetrügern. […] Die führenden Schufte des Verrates vom 9. November 1918 […] sind ab heute als vogelfrei erklärt. Jeder Deutsche […] hat die Pflicht, sie tot oder lebendig in die Hand der Völkischen Nationalregierung zu liefern.

Proklamation an das deutsche Volk!, Hitler-Ludendorff-Putsch in München, 8./9. November 1923. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv).

Die Geschichte nahm bekanntermaßen nicht den von Rosenberg und Hitler vorgesehen Lauf. Der Putsch scheiterte kläglich. Friedrich Ebert und Gustav Stresemann waren auch am Abend noch frei, während 16 Anhänger des Nationalsozialismus sowie 4 Polizisten getötet wurden.

1938

Hitler – der sich nach dem absehbaren Scheitern im Kleiderschrank in einem Haus nahe München versteckte – und Ludendorff wurden festgenommen. Die NSDAP wie auch der Völkische Beobachter wurden verboten. Nach der Neugründung der NSDAP im Februar 1925 erschien am 9. November 1925 auf dem Titel des Völkischen Beobachters ein ganzseitiges „Gedenken dem im Kampf um Deutschlands Wiedergeburt gefallenen Kameraden“. Seither wurde von den Nationalsozialisten den Ereignissen des 9. November immer gedacht.

Der Putschmarsch vom Münchner Bürgerbräu-Keller zur Feldherrenhalle – über die die Putschisten nicht hinauskamen – wurde jährlich wiederholt. Abends versammelte Hitler seiner Getreuen. Die Versammlung vom 9. November 1938 war der Ausgangspunkt der sogenannten Reichskristallnacht.

1918

Ausrufung der Republik.

1848

09. November 1848 – Erschießung R. Blums

Heinrich Steffeck (zugeschrieben): Erschießung Robert Blums (1807-1848) am 9. November 1848 auf der Brigittenau bei Wien, 1848/49, Öl auf Holz, 21 x 34,5 cm, DHM – Deutsches Historisches Museum Berlin, Inv.-Nr. Kg 78-5.

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Salonkritik – Strieses Biertunnel (Besuch am 26.Juni 2014)

Biertunnel – ein hallisches Bonmot der gastronomischen Selbstbezichtigung. Diese geistreiche Bezeichnung ist nämlich zugleich Sinnbild für die bauliche Verbindung zum unmittelbar anschließenden „neuen theater“, der das Lokal seit seiner Gründung in den frühen 1990er Jahren zu einem beliebten Schauspieler-Treffpunkt nach langen Proben und Theaterabenden machte. Zugleich fühlen sich Künstler, Publikum und andere Gäste dem zentral gelegenen Biertunnel verbunden, weil er eben nicht mehr sein will, ehrlich ist und authentisch: Ein Ort an dem bierselig über Theater, Kunst oder Gott-und-die-Welt gesprochen werden kann und spät am Abend auch ein saumseliges „Ach, ach…“ erlaubt ist. Hier soll Bier durch die Kehlen fließen und der Geist des Theaters die Gäste durchfluten.

Robert Gernhardt

Am Abend

Wenn ich vom Abendlärm der Städte
getrieben in die Schenke trete
um erst mit innigstem Behagen
so ein, zwei Klare einzujagen
um dann mit freudigstem Begreifen
diverse Bierchen einzupfeifen
um drauf mit holdestem Entzücken
rasch drei, vier Obstler zu verdrücken
um noch mit dankbarstem Verstehen
verschiedne Weine einzudrehen –
dann pfleg ich mit gespieltem Klagen
„Ach, ach“ und auch „Doch, doch“ zu sagen.

Der Biertunnel beweist dabei mit Bravour, dass rustikales Ambiente nicht schäbig meint. Sauber und aufgeräumt, Toiletten von denen man nicht in den Gastraum zurückfliehen möchte und keine klebrigen Biertische, wie man es in vermeintlichen Bierhallen erwarten könnte. Man ist vielmehr kulturbeflissen: Gedichte am Pissoir, echte Blumen auf den Tischen und Dekorationswille auf dem Teller unterstreichen die Sympathien für diesen Ort. Ob einem die Täfelung und der hölzern-dunkle Charakter des Gastraumes zusagen oder nicht, dürfte Geschmackssache sein, genau wie die servierten Speisen. Selbstredend, dass ein Biertunnel keine Haute cuisine bietet: Ein Standard-Repertoire an bürgerlicher Küche, jahreszeitlich angepasst aber wenig experimentierfreudig. Wer wert auf moderne, leichte oder kreativ-vegetarische Küche legt, wird jedoch enttäuscht. Auch auf sprachliche Raffinessen in der Speisenbezeichnung, sowie hochwertige Porzellane oder Gläser wird durchgehend verzichtet – man vermisst sie jedoch auch nicht! Dafür stimmt der Preis.

Kritik ruft nur die Bierauswahl hervor, die nicht allzu reichhaltig daherkommt. Ebenso dürfte das durchschnittliche Besucheralter eher gen 50. als gen 30. tendieren, was hier und da Unwohlsein hervorruft – auch wenn jeder willkommen scheint. Ob das mangelnde Hörvermögen der (älteren) Besucher und deren proportionaler Anstieg der Stimmgewalt, multipliziert mit der Anzahl der verkonsumierten Biere verantwortlich für den erhöhten Geräuschpegel ist, bleibt unbewiesen. Vielleicht ist es auch schlichtweg baulichen Gründen oder der euphorischen Siegerlaune der WM-Zuschauer geschuldet? Nichtsdestotrotz kommt man gerne an diesen Ort, der Herzlichkeit und Wärme mit zünftigem Essen und meist interessanten Gesprächen verbindet. Eine warme Empfehlung.

Ingo Herrmann

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