Das Fernrohr der logischen Phantasie

Schon Fontane wusste: Das Schreibtalent gibt den Ausschlag, nicht der Augenschein. Eine kurze Geschichte der Fake News.

Schon Fontane wusste: Das Schreibtalent gibt den Ausschlag, nicht der Augenschein. Eine kurze Geschichte der Fake News.

Die Wahrnehmung, in einem Zeitalter „nach den Fakten“ zu leben, teilt unsere digitale Gegenwart mit den Zeitgenossen des späten neunzehnten Jahrhunderts. Tatsächlich reicht die Geschichte von Fake News, gefühlten Wahrheiten und (toll)kühnen Faktenexperimenten bis in die Geburtsstunde der modernen Massenpresse zurück. Was wir heute unter „objektiver“ Berichterstattung verstehen, war lange Zeit hoch umstritten und musste mühsam ausgehandelt werden. Wie viel Fiktion verträgt eine Geschichte, um noch als wahr gelten zu dürfen? Braucht es nicht vielmehr die kreative Kraft der Phantasie, um Fakten überhaupt erzählen zu können? Und was sind überhaupt Fakes?

Die Probleme der gegenwärtigen Diskussion über Fake News beginnen schon bei der Frage, was wir darunter verstehen. Wie lassen sich Fakes und Falsch-meldungen unterscheiden von Zeitungsenten, Gerüchten und Propaganda? Auf den ersten Blick liegt es nahe, Fake News in die lange Reihe propagandistischer Falschnachrichten zu stellen. 1927 definierte der amerikanische Politologe und Kommunikationstheoretiker Harold D. Lasswell Propaganda eindrücklich als „Management der Manipulation“ kollektiver Einstellungen. In diesem Sinn war die globale Verbreitung moderner Massenmedien seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine entscheidende Voraussetzung der Manipulation. Unter dem Eindruck der 140-Zeichen-Regierung Donald Trumps, der politischen „spin doctors“ und manipulativen Trolle mag sich das noch verstärken. Doch die Vorgeschichte unserer Zeit „nach den Fakten“ ist komplizierter.

Eine Hochphase der Fake News waren stets Zeiten des Krieges. Seit dem britischen Korrespondenten William Howard Russell, der für die Londoner „Times“ 1854/55 aus dem Krimkrieg berichtete, wissen wir, dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist. Tatsächlich war bereits der Krieg auf der Krim ein Krieg der Worte und Bilder, ein spektakuläres Medienereignis: Alle großen Zeitungen entsandten damals Korrespondenten, auch die Nachrichtenagenturen berichteten. In der Hektik des Geschehens kam es immer wieder zu Falschnachrichten, die den später berüchtigten „Tatarenmeldungen“ den Namen gaben.

Auf den Schlachtfeldern des neunzehnten Jahrhunderts tummelten sich Hunderte von Reportern, alle auf der Jagd nach Exklusivmeldungen. War der Weg zur Telegraphenstation einmal zu weit, gewann die Konkurrenz. Reporter wie Russell beklagen in ihren Tagebüchern den Druck solcher Wettrennen. Die Kommerzialisierung des Journalismus, die den Beginn der modernen Massenpresse seit circa 1830 begleitete, prägte die Routinen der Nachrichtenproduktion. Zugleich wandelte sich die Technik der Nachrichtenverbreitung im Zeitalter von Rotationspresse und Telegraphen. Dabei stand die Presse von Beginn an unter Generalverdacht, die Zeitungen galten als Medium des Gerüchts. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gab es erstmals Klagen über die „Lügenpresse“. Otto von Bismarck variierte diesen Topos ausgangs der 1860er Jahre in einer Rede vor dem Preußischen Herrenhaus und stellte fest, der gemeine Zeitungsreporter lüge noch immer – nur neuerdings „wie telegraphiert“.

Nehmt die Weisheit aus der „Times“

Theodor Fontane kannte diese Kritik aus eigener Anschauung. Als Mitarbeiter der „Neuen Preußischen Zeitung“ ersann er eine Strategie, sich der „Concurrenz auf dem Neuigkeitsfelde“ zu erwehren: Seit den späten 1850er Jahren schrieb er, der zuvor anderthalb Jahre in London gewesen war, seine Korrespondenzen „aus“ London nur mehr aus der Berliner Redaktionsstube. Obwohl er diese „unechten“ Korrespondenzen nun im Wesentlichen aus Agenturmeldungen zusammenstellte, arrangierte er das alles so, als ob er selbst Augenzeuge gewesen wäre. Vorauseilend begegnete er in seinen autobiographischen Erinnerungen der Kritik: Der Unterschied zwischen echten und unechten Korrespondenzen sei „nicht groß“: „Es ist damit wie mit den Friderizianischen Anekdoten, die unechten sind geradeso gut wie die echten und mitunter noch ein bißchen besser. Ich kann aus Erfahrung mitsprechen. Man nimmt seine Weisheit aus der Times oder dem Standard, und es bedeutet dabei wenig, ob man den Reproduktionsprozeß in Hampstead-Highgate oder in Steglitz-Friedenau vornimmt. Das Schreibtalent gibt eben den Ausschlag, nicht der Augenschein.“

Andere Reporter schlossen sich unter dem Druck der Konkurrenz zu Recherche- und Autorennetzwerken zusammen, in denen sie das gemeinsame Wissen teilten, neu arrangierten und so den Augenschein eines Reporters vor Ort simulierten. Zu Beginn der 1880er Jahre bildete sich dazu der Begriff der „fake news“ in Amerika aus dem semantischen Feld von „Schwindel“, „Scherz“ und „Täuschung“ heraus. Zwischen Fakes und Lügen bestand hier indes (noch) ein qualitativer Unterschied. Einige Lokalberichterstatter aus Denver überschritten aber bereits die unsichtbare Grenze zwischen Fakten und Fiktionen, als sie am 25. Juni 1899 in einer konzertierten Aktion vom vermeintlichen Abriss der Chinesischen Mauer berichteten – und die sensationelle Falschmeldung in der Folge über Monate herumgeisterte. Samuel Blythe, Verfasser mehrerer einschlägiger Reporter-Lehr- und -Handbücher, rechnete am Vorabend des Ersten Weltkrieges in seiner Erzählung „Fakers“ mit den Auswüchsen dieser Praxis ab. Nicht zuletzt an der Kritik „hergestellter“ Nachrichten („manufactured news“) und des gefakten Augenscheins schärfte sich die Vorstellung eines journalistischen Berufsethos, das „Faktizität“ zur obersten Maxime der Berichterstattung erhob.

Die Geschichte der Fake News war so zugleich eine Geschichte der Professionalisierung des modernen Journalismus. Der Historiker Marc Bloch blickte 1921, unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, auf die „Krise des Augenzeugen“ zurück. Dieser Krieg, so Bloch, sei ein „Marktplatz der Gerüchte“. Er zeige die Gesetze der Massenpresse: Imagination und Hörensagen ersetzten Augenschein und Faktentreue. Doch war das Spiel mit der Wahrheit, das Bloch monierte, bei genauerem Hinsehen mindestens in gleichem Maße Ausdruck politischer Interessen wie der prekären Arbeitsbedingungen der Journalisten.

Diese langweiligen Fakten

Darüber hinaus avancierten Fakes, die die (un)geschriebenen Gesetze des Medienbetriebs ausstellten, zu einem Korrektiv des modernen Journalismus im Grenzbereich von Kunst, Werbung und Politik. Um die Jahrhundertwende waren solche Falschmeldungen Legion. Eine berühmte Anekdote will es, dass der rasende Reporter Egon Erwin Kisch schon in seiner ersten Reportage über den Brand der Schnittkauer Mühlen die „interessanten, aber doch langweiligen“ Fakten zugunsten seiner Imagination gebogen habe. Lapidar notierte er später über seinen Einsatz in der Prager Vorstadt, es brauche eben das Fernrohr der logischen Phantasie, um ein genaues Bild der Ereignisse zeichnen zu können.

Während die Zürcher Dadaisten Falschnachrichten in Serie produzierten, stellten die Wiener Arthur Schütz und Karl Kraus die Zeitungsleser der „Neuen Freien Presse“ mit immer aberwitzigeren Meldungen auf die Probe. Kraus prüfte in einem Leserbrief unter dem Pseudonym J. Berdach am 22. Februar 1908 die Leichtgläubigkeit des Publikums, indem er im Mantel seiner Rolle als „Zivilingenieur“ wissenschaftlich fundierte Beobachtungen zu Erdbeben als Nonsens verbrämte und über die „Variabilität der Eindrucksdichtigkeit“ oder „tellurische Erdbeben (im engeren Sinne)“ und „kosmische Erdbeben (im weiteren Sinne)“ philosophierte. Diese Faktenexperimente, die die postmoderne Medienkritik Jan Böhmermanns vorwegnahmen, vermitteln einen Einblick in die Produktionsweise der Nachrichten, deren Logik sie parodieren. Aus einer kulturhistorischen Perspektive kann man sie als Ausdruck einer verstärkten Tendenz zur gesellschaftlichen Selbstbeobachtung beschreiben.

Im Kern aber stehen Fake News politischer Propaganda sehr nahe. Sie nutzen die Wirkung des Gerüchts und die Gesetze des Boulevards. Die Psychologie der Falschmeldungen ergründete bereits der Soziologe Gustave Le Bon. 1895 erteilte er der Schwarmintelligenz in „Die Psychologie der Massen“ eine Absage: Die Masse irre umher, während die Presse, ehemals Richtschnur politischer Meinungsbildung, nur mehr die gesellschaftlichen Stimmungen und Meinungen in ihren „unaufhörlichen Schwankungen“ kolportiere. Lässt sich diese Kritik bis in die Gegenwart, in der das Netz zur bevorzugten Arena für „alternative Fakten“ geworden ist, verlängern? In Zeiten „postfaktischer Politik“ sind Fake News nur scheinbar ein rezentes Phänomen. Im März untersuchte eine Forschergruppe des Massachusetts Institute of Technology in „Science“ die Wege der Verbreitung von Nachrichten im Netz. Das Ergebnis: Falschnachrichten verbreiten sich in den neuen sozialen Medien bedeutend schneller und weiter als wahre Meldungen. Leben wir nun also in einer Ära der „gefühlten“ Wahrheiten? Fest steht, dass die Fake News der neuen Netzwerke nur die Spaltungen unserer modernen Gesellschaften widerspiegeln. Das Zwitschern ist ohrenbetäubend. Auch deshalb leben wir fatalerweise in Filterblasen. Fake News hallen in diesen Echokammern des digitalen Zeitalters wider. Sie stellen sich gegen alle Evidenz, streuen Verdachtsmomente und bemühen Verschwörungstheorien. Algorithmen steuern die Verbreitung, und Social Bots setzen die Agenda. Die politische Instrumentalisierung der „Fakten“ aber war von Beginn an Teil hitziger Auseinandersetzungen um „Wahrheit“. Auch die Logik der Abschreibesysteme und Zitatnetzwerke ist, wie André Kieserling unlängst bemerkte, alles andere als neu. Je sensationeller eine Meldung, desto größer ihre Reichweite. Ihre Währung ist, damals wie heute, die Aufmerksamkeitsökonomie des Publikums. So halten Fake News ihren Lesern letztlich den Spiegel vor. MICHAEL HOMBERG

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