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Leserbrief Mitteldeutsche Zeitung – „Alarm im Opernhaus“ (17.November 2017)

Sehr geehrter Herr Eger,

vielen Dank für den aufschlussreichen und besorgniserregenden Artikel vom 17. November. Aufschlussreich, weil er den Weg eines Stefan Rosinski im halleschen Kulturleben als eine weitere Station im Werdegang eines künstlerisch ambitionierten Geschäftsführers aufzeigt. Besorgniserregend, weil eben jene künstlerischen Ambitionen eine Schlüssellochmoral offenbaren, die den Kulturinstitutionen der Stadt auf Dauer schaden können.

Sollten die von Ihnen zitierten Passagen aus dem Geschäftsbericht des Geschäftsführers der TOOH GmbH, Stefan Rosinski, tatsächlich als konzeptionelle Kritik am vermeintlich „…politischen Musiktheater…“ eines Florian Lutz formuliert sein, der sich damit auf eine „…Untergruppe von Opernliebhabern…“ konzentriert, so wirft das eine Vielzahl kulturpolitischer Fragen auf. Zensur wäre sicherlich der schärfste Vorwurf, auch wenn die Gründe nicht in einem kulturpolitischen Gegenkonzept zu suchen wären, sondern in der Kleinmut und Eitelkeit eines von Furcht getriebenen „Don Pizarro“. Mangelndes Interesse am Opernpublikum wäre ein weiterer Aspekt, der vorzubringen wäre. So gab es seit Amtsantritt des neuen Geschäftsführers viele verpasste Gelegenheiten für ein offizielles Gespräch und eine umfassende Meinungsbildung mit dem Vorstand der Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts Halle (Saale) e.V.

Die Förderung des Landes Sachsen-Anhalt für die TOOH GmbH – derzeit immerhin knapp 10 Millionen Euro pro Jahr – zielt auch auf „nationale Exzellenz“, ein Ziel, welches durch die neue Intendanz erfolgreich angegangen wurde. Sollten die städtischen Geldgeber andere Absichten haben, gilt es diesen Zielkonflikt zu moderieren. Der Moderator: Stefan Rosinski. Doch statt Moderation, Dialog und Führung erlangt man den Eindruck, dass die Geschäftsführung den übergelaufenen Kelch der Missetaten auf die Bühne drängt. Vielleicht nicht die beste Regie-Idee.

In Zeiten politischer Gleichgültigkeit sollten wir froh über die politischen Aspekte der Kunst sein. Diese sind seit jeher integraler Bestandteil künstlerischen Schaffens und als vorpolitische Instanz (oder Überbau – je nach Ideologie) wegweisend für unser Zusammenleben und die Werte und Normen eines jeden einzelnen. Dies abzutun, zu verunglimpfen und Kritik als einzige Form der Anerkennung gelten zu lassen, wäre fatal.

Der grausame Gang der prunkvollen Nichtigkeiten nimmt derweil seinen Lauf. Die öffentliche Diskussion disziplinarischer Maßnahmen, eine irritierend späte Abo-Kampagne in der laufenden Spielzeit: Der potentielle Schaden für die Kulturinstitutionen der Stadt ist nicht zu unterschätzen. Die anstehenden Verhandlungen mit dem Land über die Fortführung der Förderung der TOOH GmbH werden durch verhärtete Fronten, Uneinigikeit und offen ausgetragene Konflikte zu einer Gewährsprobe, die immerhin die Chance auf ein Zusammenraufen bereithält. Was ist die Strategie der TOOH GmbH und welches das künstlerische Konzept der Zukunft? Der düstere Glanz eines abgetakelten Provinztheaters? Erfolg um den Preis vernichtenden Neons? Ich bin gespannt auf einen weiteren Akt dieses destruktiven Stadttheaters…

Was bleibt ist die Kunst. „Mögen die Höhepunkte der Vergangenheit die Tiefpunkte der Zukunft sein.“ (Olli Schulz)

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Ingo Herrmann

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Leserbrief Mitteldeutsche Zeitung

Sehr geehrter Herr Färber,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mit Ihren Artikeln in der Mitteldeutschen Zeitung zur finanziellen Situation der Oper und der Theater, Oper und Orchester GmbH eine Debatte über die Kulturpolitik in Halle in Gang gesetzt, die ich mir persönlich schon vor einigen Jahren gewünscht hätte.

Mit einem Alter von 34 Jahren war ich in den vergangenen Spielzeiten als Abonnent eines Premierenabos Oper regelmäßig ein jüngerer Zuschauer an der halleschen Oper. Regelmäßig beklagte ich mich über nicht mehr zeitgemäße Inszenierungen, die Ferne zu relevanten gesellschaftlichen Themen, ästhetische Defizite u.v.a.m.

Gerade von einer künstlerischen Leitung erwarte ich, dass sie kein kulturelles Mehlspeisenparadies zur Absättigung darbietet, sondern der Rolle als Wächter der Herzensgeheimnisse, als Initiator von Kritik, Beobachter oder Kommentator, ihrer kulturpolitischen und gesellschaftlichen Verantwortung nachkommt.

Die Erkenntnis, dass der derzeitigen Auseinandersetzung vielleicht auch ein Generationenkonflikt zu Grund liegt, der unterschiedliche ästhetische Auffassungen über den Hebel ökonomischer Kennzahlen (Besucher; Wirtschaftsergebnis, usw.) zu nutzen versucht, macht die Diskussion erträglicher. Streiten wir also darüber ob betrunkene Barockhuren über die Bühne stolpern (Köhler), oder Gedankendurchfall Verwirrung stiftet (Lutz)! Dazu sollte eine intensive Diskussion über die Verantwortlichkeiten in der Theater, Oper und Orchester GmbH geführt werden.

Sicherlich schreitet die Spielzeit beständig auf Stelzen. Der eingeläutete Wandel wird nicht allerorts als Zauber eines Anfangs wahrgenommen. Dennoch spürt man im Engagement der Opern-Leitung eine Verbissenheit, die nach Ziel schmeckt – dem Ziel eine gute Oper zu machen. Die Aufgabe von Florian Lutz und seinen Mitstreitern ist das künstlerische Experiment. Dem Modus des Experiments ist das Scheitern ebenso vorbehalten wie der grandiose Erfolg.

Das im Rahmen dieser Verantwortung auch kaufmännische Aspekte zu berücksichtigen sind, ist unstrittig. Ohne die Stellenbeschreibungen der handelnden Akteure in der TOO GmbH genau zu kennen, liegt jedoch die kaufmännische Gesamtverantwortung in der Händen des Geschäftsführers der TOO GmbH, Stefan Rosinski. Dieser fragte jüngst in einem Beitrag im „Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken „…ob die Stadt- und Staatstheater noch die von der arbeitsteilig organisierten Gesellschaft erwartete Funktionalität gewährleisten können: sie mit Kunst, also Produktion für Beobachtung zu versorgen.“[1] Er stellt fest, dass das „Kunstwollen [an deutschen Stadttheatern] durch eine Versorgungsmentalität ersetzt [ist]…“.[2]

Auch wenn Rosinskis Positionen in dem zitierten Beitrag bedenkenswert sind, trägt er als Geschäftsführer maßgeblich die kaufmännische Verantwortung der Theater, Oper und Orchester GmbH. Im Rahmen dieser Verantwortung muss eine der Aufgaben auch die ökonomische Befähigung der Verantwortungsträger unter seiner Führung sein. Die Positionen Rosinskis im MERKUR werfen hierbei Zweifel auf, ob neben der künstlerischen Verantwortung der notwendige ökonomische Wille in der TOO GmbH vorhanden ist, künstlerische Kompromisse einzugehen um sowohl die „Versorgungsmentalität“ der städtischen Geldgeber wie auch das „Kunstwollen“ unter einen Hut zu bekommen. Diesen Drahtseilakt ohne polemische Häme, intrigante Informationspolitik und mit der notwendigen Härte gegenüber allen Akteuren sowohl im Haus wie auch über die Grenzen des Hauses hinweg zu gestalten, ist Aufgabe der Geschäftsführung.

Ein Nachsatz sei mir letztlich noch zum journalistischen Ethos erlaubt: Auch wenn Quellen abseits von offiziellen Mitteilungen und Zahlen notwendig für die journalistische Arbeit sind, so ist nach meiner Auffassung die Prüfung solcher Informationen, mit dem Ziel nicht ausgewählten Interessen zu dienen, Grundlage der journalistischen Tätigkeit. Hier wünsche ich mir von der Mitteldeutschen Zeitung – vor allem auch zum Schutz der Authentizität des Blattes – zukünftig mehr Professionalität.

Ingo Herrmann

[1] Rosinski, Stefan: Das depressive Staatstheater, erschienen in: Merkur 71 (816), 2017, S.101-106, hier: S. 102.

[2] Rosinski, Stefan: Das depressive Staatstheater, erschienen in: Merkur 71 (816), 2017, S.101-106, hier: S.103.

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Promotionsurkunde Ingo Herrmann

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Vortrag Verteidigung (08. Dezember 2016)

Vortrag Verteidigung

Sehr geehrte Kommission,

Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Gäste,

mein Name ist Ingo Herrmann, ich bin 34 Jahre alt und habe mich in den vergangenen sechs Jahren mit einem Thema befasst, dass sicherlich ungewöhnlich für die Kunstgeschichte ist. Der Kulturpolitik des Bundes.

Ich möchte Ihnen im Rahmen der ersten 30 Minuten dieser Verteidigung skizzenhaft die Grundlagen, das Vorgehen aber auch die Ergebnisse der Arbeit versuchen vorzustellen. Dabei werde ich mich im Kern auf die folgende Gliederung beziehen:

Nach einigen einleitenden Bemerkungen möchte ich zunächst die Fragestellung der Arbeit erläutern um anschließend die Methodischen Grundlagen zu reflektieren. Den Kern soll die skizzenhafte Vorstellung einer der Fallstudien bilden – die sich dem Akteur KSB widmet – bei deren Vorstellung ich mich auf einen Aspekt beschränken möchte, der jedoch exemplarisch die Erkenntnisse der Arbeit darstellen soll – wenn auch verkürzt.

Von hier möchte ich die Ergebnisse der Arbeit zusammenfassend vorstellen.

1.  Einleitung

Die Kernfrage meiner Dissertation lautet: Welche Funktionen hat die Kulturpolitik des Bundes und wie genau betreibt der Bund Kulturpolitik?

Diese Frage habe ich vor dem Hintergrund eines wachsenden Interesses des Bundes an der Kulturpolitik gestellt.

Indem man sich fragt, welche Funktionen der Bund seinem kulturpolitischen Handeln zuweist, kann man schließlich auch die Frage nach dem wachsenden Interesse des Bundes an diesem Politikfeld beantworten.

Der Weg, der mich zu dieser Frage geführt hat, ist flankiert von zwei entscheidenden Einflüssen: Ich hatte im Jahr 2009 meine Magisterarbeit über einen Trailer von Francesco Vezzoli geschrieben. Ursprünglich um mich mit dem Thema Pornographie in der Kunst auseinanderzusetzen.

Leider ging es in dem Trailer dann nicht so vordergründig um Pornographie, wie ich mir das gewünscht habe, sondern vielmehr um die übersteigerte Marktorientierung des Kunstfeldes.

Zur gleichen Zeit habe ich ein Interview von Michael Glos, dem damaligen Bundeswirtschaftsminister, gelesen, der mehr Künstler unternehmerisch erfolgreich machen wollte.

Ein (italienischer!) Künstler der eine dezidiert kritische Position zur Ökonomisierung des Kunstmarktes formuliert und ein (deutscher!) Bundes-Wirtschaftsminister, der genau diese Entwicklung mit einer Initiative auf Bundesebene forciert.

An diesem Punkt war ich insofern irritiert, da Glos’ Vorhaben – überspitzt: Künstler in Lohn und Brot zu bringen – eher nach New Deal als nach der Kulturpolitik des Bundes in den vergangenen Jahrzehnten klang.

Welche Funktionen hat also die Bundeskulturpolitik?

Diese Frage war für mich auch eine Frage, welches Fach eigentlich für deren Beantwortung zuständig ist.

Da ich die Frage nach der Einflusssphäre des Kulturpolitischen auf die Kunst forcieren wollte, erschien mir die Kunstgeschichte als die geeignete Disziplin. Eine Disziplin, die – flankiert von den Leistungen vieler anderer Fächer – ihre methodische Vielfalt gegen die Vielfältigkeit – gerade in der zeitgenössischen Kunst – aufbieten muss.

Ich würde mir wünschen, das die Kunstgeschichte noch intensiver die Aufmerksamkeit auf den Zeitraum vor der Entstehung von Kunst legt, vor der Entstehung von Ausstellungen. Wer finanziert denn eigentlich Ausstellungen? Welche Künstler werden gezeigt und welche nicht?

Denn – das ist eine der Annahmen der Arbeit – Kunst immer erst mit der Rezeption an Bedeutung gewinnt.

Und um diese kulturpolitischen Einflüsse der Bundesebene transparent zu machen, kann die vorgelegte Arbeit als eine Grundlage dienen.

2.  Fragestelung

Die Fragestellung nach der Funktion der Bundeskulturpolitk, erscheint zunächst gar nicht von Interesse, da ganz offensichtlich dem Bund die Zuständigkeit für dieses Politikfeld fehlt.

Das Grundgesetz weist den Ländern und Kommunen die Zuständigkeit zu. Lediglich in der Außen-Kulturpolitik gibt es eine eindeutige Regelung im Grundgesetz, die dem Bund diese Kompetenz zuweist. Innenpolitisch war es in den 1980er Jahren die einzige Aufgabe Art. 5 GG die Kunstfreiheit zu gewährleisten.

Unabhängig von rechtlichen Fundamenten, kann man dem Bund jedoch aus a.) historischen aber auch b.) logischen Tradition heraus nicht jegliches kulturpolitische Handeln versagen.

Dennoch könnte man aber mit einer Konstanz in der Verteilung der kulturpolitischen Zuständigkeit rechnen, in der der Bund sicherlich nie unberücksichtigt vermutet werden durfte.

Als wesentlicher Indikator für die Verteilung des kulturpolitischen Engagements dienen mir die Anteile an der öffentlichen Kulturfinanzierung.[1]

Hier ist einerseits ein verstärktes finanzielles Engagement des Bundes in der gesamtstaatlichen Kulturfinanzierung zu erkennen. Insbesondere in der Vervielfachung des Bundesanteils an der öffentlichen Kulturfinanzierung, bei einem Abschmelzen der Gemeindeanteile.

Andererseits geht dieser Indikator des wachsenden Anteils an der Finanzierung einher mit dem wachsenden Interesse des Bundes an diesem Politikfeld:

So gründet oder beschließt der Bund in der 1980er Jahren die KSV, Kunstfonds, KSL, HdG und die Bundeskunsthalle. In den 1990er Jahren gibt es ein verstärktes Engagement des Bundes in Berlin. Mit dem Regierungswechsel von Helmut Kohl zu Gerhard Schröder wird ein Beauftragter der Bundesregierung für dieses Politikfeld bestimmt, erneut ein monothematischer Bundestagsausschusses zum Thema Kultur eingesetzt. In den 2000er Jahren schließlich die KSB und die Initiative KKW gegründet.

3.  Methodische Reflektionen

Wie nährt man sich der Frage nach den Funktionen der Bundeskulturpolitik?

Ich habe mich für drei exemplarische Fallstudien entschieden, die jeweils eine spezifische Funktion der Kulturpolitik des Bundes an einem konkreten Beispiel untersuchen.

  1. Die Kulturstiftung des Bundes dient dabei der Untersuchung der These, dass eine Bundeskulturpolitik eine Institutionenpolitik ist. Das heißt ich habe untersucht inwiefern der Bund Institutionen schafft um kulturpolitisch wirksam werden zu können. Also selbst Instrumente zur Gestaltung von Kulturpolitik generieren.
  1. Die Fallstudie zur Hauptstadtkulturpolitik untersucht die Bundeskulturpolitik auf ihre Funktion als Identitätspolitik. Das heißt wie der Bund seine Hauptstadt gestaltet um einen nationalen Identitätsort zu schaffen. In Berlin geschieht das aus meiner Sicht auch über den Versuch der Etablierung als Kulturmetropole, gerade im Kontrast zu Bonn.
  1. Die Fallstudie zur Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft untersucht die Kulturpolitik als eine vereinnahmte Wirtschaftspolitik. Der Bund versucht Kulturpolitik mit anderen Politikfeldern zu vernetzen um primär volkswirtschaftlichen Nutzen zu generieren.

In der Bearbeitung der Fallstudien bin ich sehr stringent vorgegangen:

Alle drei Fallstudien versuchen zunächst in einer historischen Genese den Untersuchungsgegenstand in seiner Entstehung einzuordnen. Anschließend habe ich versucht strukturelle, prozessuale und inhaltliche Merkmale deskriptiv zu erfassen und kritisch zu analysieren. Am Ende einer jeden Fallstudie wurde in einem kurzen Resümee die analysierte Funktion der Bundeskulturpolitik herausgearbeitet.

Wo hilfreich habe ich das um theoretische und methodische Aspekte ergänzt.

Ähnlich ist auch die Gesamtarbeit aufgebaut.

Grundlage für die Aktionsfelder bzw. Fallstudien im Hinblick Quellen war zuallererst das Parlamentsarchiv, da das Parlament mit einer Vielzahl an Informationen versorgt ist.

Natürlich bietet eine solche Arbeit auch Gelegenheit für Kritik, die man einerseits als Zweifelnder selbst formuliert, spätestens jedoch in den Gutachten formuliert werden. Ich möchte auf einige kurz eingehen:

Das hat insbesondere mit dem Mangel an kunsthistorischen Beispiel zu tun, die viele Aspekte – gerade in den Fallstudien – illustriert hätten. Ich verstehe das auch als Forschungsausblick, wenn man  die von den Bundesinstitutionen geförderten Künstler oder Ausstellungen in den 1980er Jahren mit denen in den 2000er Jahren vergleicht. Man hätte das machen können. Allerdings hätte ich es dann für jede Fallstudie sehr konkret machen wollen. Dadurch das doch gravierende Veränderungen im Kulturpolitischen Selbstverständnis gibt hätte man hier aus meiner Sicht vergleichend arbeiten müssen und damit ist man allein dem Umfang betreffend bei einer eigenen Arbeit.

Aber es gibt auch begrifflich Leichtfertigkeiten, die in einem der Gutachten vorgebracht wurden. So ist der Repräsentationsbegriff in der Politik natürlich ein anderer, als der der symbolischen Repräsentation, auf den ich mich regelmäßig beschränke. In der Politikwissenschaft bezeichnet Repräsentation natürlich auch einen Modus z.B. Willensbeziehung zu organisieren oder wird im Sinne einer deskriptive Repräsentation benutzt. Das hätte man in den Begriffserklärungen ausführen müssen um besonders die unterschiedlichen Begriffssphären der beiden Fächer zu verdeutlichen.

Die konsequentere Betrachtung und auch Erwähnung des Politik-Zyklus hätte die Arbeit um eine systematischere Perspektive ergänzt, die die Entwicklung politischer Prozesse verdeutlicht hätte. Wobei ich hier der historischen Perspektive verhaftet war.

An der Stelle möchte ich auf einen Wunsch aus den Gutachten eingehen, der die Verzahnung der beiden vermeintlichen Chronologien zum Inhalt hat.

Um die historische Entwicklung der Kulturpolitik zu veranschaulichen, habe ich mich auf die Kulturpolitischen Konzepte in der BRD gestützt. Dieses Schema suggeriert die Abfolge bestimmter konzeptioneller Ideen seit 1945. Der Wunsch, die Funktionen mit diesem Konzept zu verzahnen habe ich insofern nicht beachtet, weil ich die Funktionen unabhängig von einer Chronologie verstanden wissen will.

Wenn ich also beispielhaft die Bundeskulturpolitik als eine Politik analysiere, die Institutionen gründet um überhaupt Wirksamkeit zu erlangen, dann ist das grundsätzlich unabhängig von der in der Fallstudie offerierten Dominanz zu diesem Zeitpunkt. Da zum Beispiel auch in den 1950er Jahren Institutionen gegründet wurden.

Daher stehen diese vermeintlichen Chronologien auch nebeneinander.

4.  Vorstellung eines Fallbeispiels

Im Folgenden soll eine Fallstudie näher betrachtet werden und zwar die der Kulturstiftung des Bundes.

Die damit verbundene These hatte ich bereits erwähnt: Kulturpolitik sollte als Institutionenpolitik untersucht werden. Die Annahme ist die, dass Institutionen notwendig sind um kulturpolitisch wirksam werden zu können, weil man beispielsweise nicht aus dem Nichts einen Künstler fördern oder eine Ausstellung finanzieren kann. Und aus meiner Sicht stellt die KSB exemplarisch eine solche wirkmächtige Institution dar.

In den Jahrzehnten zuvor hatte der Bund nur wenige Institutionen gegründet. Dennoch formuliert Willy Brandt 1973 die Idee eine unabhängige Deutsche Nationalstiftung (DNS) nach dem Vorbild der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK).

Es dauert mehr als fünf Jahre, bis das Scheitern dieser Stiftung aufgrund des mangelnden Gestaltungswillens der Länder offenbar wird. Der Bund hatte bereits Gelder im Haushalt zurückgestellt, die Helmut Schmidt dennoch Künstlern zur Verfügung stellen wollte und diese deswegen aufforderte einen eigenständigen und eigenverwalteten Fonds zu gründen. Der Fonds sollte modellhafte Vorhaben von gesamtstaatlichem Interesse fördern (der Begriff ist bis heute strittig! unbestimmter Rechtsbegriff). Die Finanzierung übernahm der Bund – anfänglich – unmittelbar. Später die KSL.

Auch wenn der Fonds sehr klein ist (der Kunstfonds gibt jährlich ca. 1 Mio. € aus), habe ich ihn als einen direkten Vorläufer sowohl der KSL wie auch der KSB identifiziert. Natürlich weil sie a.) aus den Mitteln der DNS gegründet wurden, aber auch, b.) weil sie grundsätzlich eine strukturelle und organisatorische Ähnlichkeit mit der späteren KSB aufweisen.

Die Fonds vergeben (bis heute) die Antrags- bzw. Projektförderungen in einer Eigenverwaltung, das heißt die Künstler (über ihre Verbände) können selbst entscheiden, was wie gefördert werden soll.

Das bedeutendste Gremium des Fonds ist ein Kuratorium, das grundsätzlich durch Künstler besetzt ist. Diesem waren zwei Vertreter des BMI mit einfachem Stimmrecht zugeordnet. Faktisch besaßen die beiden BMI Vertreter jedoch keine Bedeutung, da insgesamt mehr als 16 Stimmen in dem Gremium vertreten waren, das mit einfacher Mehrheit Entscheidungen trifft.

Das heißt also das sich der Bund in diesen Fonds die er zu Beginn der 1980er Jahre gegründet hat, in seinem Einfluss sehr beschränkt hat, obwohl er diese Institutionen voll finanziert.

Die Kunstfonds sind damit – zumindest auf einer formalen Ebene – im gesamten Betrachtungszeitraum unabhängig.

In der KSB stellt sich diese Situation anders dar.

Michael Naumann spricht im Jahr 2000 die Idee einer Bundeskulturstiftung erneut an. Reflexartig sind die Länder in Opposition, aber die lange Verhinderungsgeschichte der DNS im Hinterkopf, wird die KSB gegen den Willen der Länder im Jahr 2002 einfach gegründet.

Der wesentliche Unterschied zu den Kunstfonds, ist das Thema ist das Thema Selbstverwaltung, das noch als Credo für die Kunstfonds bezeichnet werden konnte. Entgegen der Besetzung des wichtigsten Gremiums mit Künstlern, ist der Stiftungsrat auf den ersten Blick zwar recht vielseitig besetzt.

Jedoch haben Bundesvertreter jeweils zwei Stimmen, während alle anderen nur eine Stimme besitzen.

Da Entscheidungen satzungsgemäß mit einfacher Mehrheit gefällt werden, genügen rechnerisch neben dem BKM vier Bundesvertreter (= zehn Stimmen) für eine beschlussfähige Mehrheit, da die Stimme des BKM in Pattsituationen entscheidet.

Damit bin ich mit der skizzenhaften Darstellung dieses Fallbeispiels auch am Ende.

Ich wollte die Gründung zweier Institutionen im Betrachtungszeitraum aufzeigen, an denen sich exemplarisch für die Arbeit zeigen lässt, dass die Kulturpolitik des Bundes im gesamten Betrachtungszeitraum immer auf den Ausbau von Institutionen gerichtet ist.

Zudem lässt sich deutlich ein wachsenden Selbstbewusstseins bzw. Machtbewusstsein des Bundes konstatieren, dass sich eben im Umgang mit diesen Institutionen wiederspiegelt: a.) Wie sie gegründet werden (Basta-Mentalität). b.) Wie sie finanziert werden (unmittelbar) und c.) Wie sie strukturell Entscheidungen treffen (Bund hat Mehrheit).

Der Bund schafft sich mit der KSB eine Institution in der die Möglichkeit des politischen Einflusses der Stiftungsarbeit durch den Bund besteht. Auch wenn ich das nicht im Detail untersucht habe, gibt es Koinzidenzen.

Ergänzend kann man auch noch einen Wechsel des Politikstils von kooperativem Stil Kohl zu neuem Machtbewusstsein in Person von Michael Naumanns (Verfassungsfolklore in der Kulturpolitik) sprechen.

5.  Zusammenfassende Ergebnisse

Betrachtet man nun die gesamte Arbeit, habe ich lediglich drei Funktionen der Kulturpolitik des Bundes herausgearbeitet. Es gibt weitere.

Das wachsende Interesse und Engagement des Bundes im Feld der Kulturpolitik ist – so konnte ich nachweisen – auch eine Politik der Aneignung.

Das zeigt  sich daran – wie bereits erwähnt –, das der Bund in Verlauf des Betrachtungszeitraums Institutionen und Akteure installiert, Aktionsfelder besetzt (Hauptstadtkulturpolitik) und sukzessive auch inhaltlich zu gestalten versucht (KKW). Das finanzielle Engagement unterstützt diese Ergebnisse.

Dabei ist entscheidend, das die Kulturpolitik des Bundes nicht unmittelbar auf die Unabhängigkeit, Eigenständigkeit oder Freiheit der Künstler und des Kunstwerkes ausgerichtet ist, wie man das vermuten könnte. Vielmehr ist die Kulturpolitik des Bundes an Nutzungsfunktionen orientiert und ganz klar auf eine Steuerbarkeit ausgerichtet.

Der Bund gestaltet – so meine abschließende Theorie der Arbeit – seine eigene Existenz als Profil einer sichtbaren Vollkommenheit, indem er zunehmend eigenverantwortlich Kulturpolitik gestaltet. Mit der zunehmend – meist unmittelbaren – Finanzierung der Kulturpolitik expandiert er auf einem wirkmächtigen Politikfeld, dessen kompetenzrechtliche Problematik zwar offenbar ist, dessen Perspektiven im Hinblick auf diverse funktionelle Nutzenaspekte – wenn auch nicht hinreichend erforscht – doch als aussichtsreich zu beschreiben sind. So könnte die Ästhetisierung des Staates auch als bundesstaatliche Selbstheilung eines als mangelhaft empfundenen Kompetenzgefüges beschrieben werden.

Wichtig ist dennoch zu erwähnen, das man nicht von einer Allmacht der Bundeskulturpolitik im Sinne einer zentralistischen Kunststeuerung sprechen kann. Das dezentrale Modell der Dominanz von regionalen und funktionalen Akteuren bleibt grundsätzlich bestehen, auch wenn man die Entwicklung nicht außer Acht lassen darf.

Damit möchte ich auch einen ersten Impuls setzen, der auch noch einen Kritikpunkt aus den Gutachten betrifft.

Vielen Dank.

 

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Zitat

„Ich bin nicht sicher, ob, da die Kulturpolitiker hier sitzen, gesungen werden soll. […] Offenbar wird doch nicht gesungen.“

Katrin Göring-Eckardt (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages in einer kulturpolitischen Debatte zur Etablierung der Kreativwirtschaft, Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 16/94)

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