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Freiheit braucht Gelassenheit

Freiheit ist nicht das Recht zur lebenslänglichen Beliebigkeit, sondern fordert die Kraft zur Bindung. Von Paul Kirchhof

Freiheit sichert Unabhängigkeit vom Staat, setzt aber die individuelle Kraft zur Freiheit voraus. Der Mensch ist von Geburt an frei, muss aber lernen, seine Begabung zur Freiheit zu entfalten. Er wächst zur Freiheit, Selbstverantwortung, Mündigkeit, Wahlfähigkeit heran, weil ihn die Eltern in Sprache und Gemeinschaftsleben einführen, die Schule ihm eine Grundbildung vermittelt, er durch Berufsqualifikation und Kulturteilhabe besondere Fertigkeiten gewinnt. Staat und Wirtschaft stützen ihn bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und Not. Gemeinschaft ist die Quelle der Freiheit. Der Staat garantiert in dieser Gemeinschaftsgebundenheit die individuelle Freiheit, gewährt diese aber als ein definiertes – begrenztes, auf die Mitmenschen abgestimmtes – Recht.

Freiheit heißt, sich vom anderen unterscheiden zu dürfen. Der eine widmet sich dem Erwerb, der andere dem Sport, ein Dritter den schönen Künsten. Diese Verschiedenheiten sind freiheitlich gerechtfertigt, rechtfertigen grundsätzlich keine Umverteilung. Doch der Zugang zur Freiheit muss durch Entfaltungs-, Bildungs-, Arbeits- und Gründungshilfen möglichst gleich erschlossen werden. Unterschiedliche Erfolge bei Wahrnehmung der Freiheit sind dann im Freiheitsrecht angelegt und anerkannt.

Die Freiheit selbst ist ein Angebot. Der Freie ist nicht verpflichtet, dieses anzunehmen. Würden die Menschen keine Familien gründen, wäre das Recht nicht verletzt. Doch ein Gemeinwesen ohne Kinder hätte keine Zukunft. Würden die Menschen sich am Erwerbsleben nicht beteiligen, sondern in den Tag hineinleben und unter der Brücke schlafen, so wäre dieses ihr Recht. Doch die Soziale Marktwirtschaft, der Finanz- und Steuerstaat würden an ihrer eigenen Freiheitlichkeit scheitern. Freiheit ist ein Vertrauenskonzept. Der Staat erwartet von seinen Bürgern die Fähigkeit und Bereitschaft, ihre Freiheit wahrzunehmen. Der Verfassungsstaat ist so frei, wie die Bürger ihre Kraft und Qualifikation zur Freiheit entfalten.

Die demokratische Freiheit sichert dem Bürger, als Teil des Staatsvolkes im Staat mitzuwirken. Das Staatsvolk wirkt im Staat wie die Hand im Handschuh. Der Handschuh liegt schlaff darnieder, bis die Hand hineinfährt und ihm Beweglichkeit verleiht. Der Staat wird durch das Staatsvolk handlungsfähig, setzt dabei voraus, dass die Bürger aus ihrer Kultur ähnliche Leitvorstellungen über ein gutes Zusammenleben entwickeln. Der Grundrechtsschutz ist ein allen Bürgern gemeinsames Anliegen. Die jeweilige Minderheit darf darauf vertrauen, in einem fairen Verfahren später einmal zur Mehrheit zu werden. Der gewählte Abgeordnete ist Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden. Er wird durch Koalitionsvereinbarungen, die sich „Koalitionsvertrag“ nennen, rechtlich nicht gebunden, ist sich auch bewusst, dass eine Politik von heute in einem Vierjahresplan die Fragen und Antworten zukünftiger Politik nicht voraussehen und nicht vorschreiben kann. Er darf insbesondere nicht ihm obliegende Entscheidungen an eine parteilich befangene, nicht das ganze Volk repräsentierende „Basis“ seiner Partei abtreten. Im Parlamentsalltag baut er auf die Arbeitsteilung in Fraktionen, behält sich aber stets die eigene, freie Entscheidung vor.

Freiheit ist nicht das Recht zur lebenslänglichen Beliebigkeit, sondern fordert in den das Leben prägenden Freiheiten die Kraft zur Bindung. Nur wer den Vorhof der Freiheit, die Beliebigkeit, verlässt und durch das Tor zur langfristigen Selbstbindung schreitet, macht sich die großen Zukunftsfreiheiten zu eigen. Wer einen Beruf wählt, muss sich dafür in Studium und Ausbildung qualifizieren. Wer eine Ehe und Familie gründet, verspricht dem Partner lebenslängliche Treue und ist seinem Kind unkündbar und unscheidbar verbunden. Wer ein Unternehmen eröffnet, übernimmt Verantwortlichkeit für seine Arbeitnehmer, sein Produkt, seine Vorlieferanten, den Standort, die Umgebung seines Betriebes. Freiheit ist verantwortliche Selbstbindung.

Der Rechtsstaat legt bei seiner Freiheitspolitik heute oft das Instrumentarium des Rechts beiseite und wählt den goldenen Zügel, der den Menschen ein anstrengungsloses Einkommen verspricht, wenn er sich willig einem staatlichen Lenkungsplan fügt. Der Mensch erscheint käuflich und empfängt Geld für staatlich definiertes Wohlverhalten. Doch jede Subvention trägt den Hang zum Privileg in sich. Sie begünstigt wenig Auserwählte, schließt die Allgemeinheit von der Wohltat aus. Der Mensch wird auch als ein gesamtwirtschaftlich steuerbares Objekt gesehen, das man durch steuerliche Anreize lenken, durch geldpolitische Veränderungen vor wirtschaftliche Fakten stellen, durch digitale Daten manipulieren kann.

Das Grundgesetz gewährte anfangs Freiheit von Angst – vor den täglichen Fliegerangriffen, der Geheimen Staatspolizei, vor Hunger und existentieller Not. Die neue Verfassung vertritt ein Menschenbild, in dem der Mensch nicht der Feind ist, dem man argwöhnisch, abwehrend, defensiv begegnet, sondern eher der Freund, dem man begegnen, in Gemeinschaft verbunden sein will. Dieser Mensch ist mehr vernünftig als triebgesteuert, hat eine eigene Würde, steht als Berechtigter in der Mitte des Rechts und macht das Recht vom Menschen abhängig. In dieser Schlichtheit ist der Mensch freiheitsberechtigter und mitgestaltender Demokrat. Er verdient Vertrauen. Doch je mehr das Recht Genehmigungs- und Kontrollvorbehalte aufbaut, Berichts- und Dokumentationspflichten begründet, Belege und Nachweise fordert, desto mehr verbreitet der Staat Misstrauen und erstickt Freiheit.

Freiheit braucht Gelassenheit. Der Gelassene tritt bedacht und zeitbewusst in eine Welt, in der er auch einmal von sich selbst und den Dingen lassen, ohne die Frage nach dem Warum denken und handeln kann. In dieser Offenheit auch für Gefühl und Sinne widmet er sich der Geselligkeit und dem Spiel, der Kunst und der Religion. Der Gelassene weiß, dass er vertrauen muss, will er nicht sprichwörtlich um den Schlaf gebracht werden.

Wenn Flüchtende ihre Hoffnung auf Zugang und Bleiberecht in Deutschland setzen, die Bürger sich in ihrer freiheitlichen Selbstbestimmung aber überfordert fühlen, wird die Freiheit als begrenztes Recht sichtbar. Die Demokratie braucht die Staatsgrenze als Schutz gegen den militärischen Angreifer, das Staatsgebiet als Raum ihrer Rechtsverantwortlichkeit, die Grenzschranke als Instrument für das Recht von Austausch und Begegnung. Unter dieser Voraussetzung bemühen sich freie Menschen um offene Grenzen, respektieren aber stets die Grenze zwischen der eigenen Freiheit und der des anderen. Den Flüchtenden ist am besten geholfen, wenn ihnen in ihrem Herkunftsland eine Heimat geboten wird, wir ihnen Helfer mit Kapital zum Aufbau moderner Lebensbedingungen schicken, die einen zarten Aufwuchs eigener Entwicklung nicht überschwemmen, sondern bestärken und ergänzen.

Am Beginn der Neuzeit forderte Freiheit vor allem den Mut, seinen Verstand zu gebrauchen. Mit Vernunft werde die Natur beherrscht, ein Konflikt nicht mehr durch Faust und Fehde, sondern allein in der Rationalität des Sprachlichen gelöst, Frieden gesichert, Herrschaft gemäßigt, Wissenschaft entfaltet. Freiheit schützt das Handeln nach Vernunft, gewährt aber auch das Recht, unvernünftig sein zu dürfen. Der Mensch folgt nicht nur Vernunft und Logik. Er will auch lachen und lieben, tanzen und musizieren, staunen und sich verzaubern lassen. Er will sich aufregen und empören, begeistert und enttäuscht sein, vertrauen und hoffen. Er will auch einmal leichten Sinnes sein und damit einen Platz im Recht finden. Deswegen verstehen wir, dass die Mutter dem verlorenen Sohn das zehnte Mal verzeiht, der Extremsportler erneut zu einem riskanten Flug ansetzt, die Zuschauer den Fußballstar bejubeln. Dieses ist nicht vernünftig, aber menschlich. Freiheit fordert ein Handeln mit Verstand und Herz.

Die vernunftgeleitete Freiheit droht gegenwärtig in Teilrationalitäten verengt zu werden. Die Naturwissenschaften folgen einem Prinzip empirischer Beweisbarkeit, fragen nach dem menschlichen Können, vernachlässigen aber die Frage nach dem menschlichen Dürfen. Die Geschichte lehrt den Menschen seine begrenzte Einsichts- und Erlebnisfähigkeit, warnt vor der Wiederholung von Fehlentwicklungen, ist aber auch eine Geschichte des Zufalls. Die Wirtschaft folgt einem Wettbewerb, der nach einem fairen Verfahren die Wettbewerber in Sieger und Besiegte trennt, Unbeteiligte vom Wettbewerbserfolg von vornherein ausschließt, mit dieser Härte nur neben Ausgleichs- und Solidaritätsstrukturen erträglich ist. Die Geldwirtschaft baut auf ein Einlösungsversprechen, das allein in einem Systemvertrauen wurzelt, ohne eine dieses Vertrauen rechtfertigende Wirtschaftsdisziplin zu garantieren. Der Staat finanziert sich aus Steuern, darf nicht mehr ausgeben, als er eingenommen hat. Weicht er in eine überhöhte Staatsverschuldung aus, nimmt er der nachfolgenden Generation ein Stück ihrer Freiheit. Diese Teilrationalitäten werden zur Unvernunft, wenn nicht eine lebensübergreifende Vernunft und eine freiheitsbestimmende Humanität die Teilsysteme zusammenführen.

Der technische Fortschritt erweitert Freiheit, erleichtert das Leben, erschließt Denk- und Entscheidungsformen, die bisher unmöglich schienen. Die moderne IT-Technik bietet den Menschen neuartige Instrumente des Begegnens und Verständigens, des Gedächtnisses und der Gedankenkombinationen, droht jedoch, ohne Wissen der Betroffenen ein eigenes Potential an Wissen, Kombinations- und Entscheidungsfähigkeiten aufzubauen, das die Menschen beherrscht und lenkt. Deshalb werden freie Gesellschaften ihr Menschenbild und ihre Werte in diese Maschinen und Algorithmen einbringen, die formatierte Freiheit des Menschen bewusstseinsbildend weiten.

Wenn die Algorithmen Menschen, Gegenstände, Zustände und Eigenschaften vergleichen und zählen, können sie einen Großteil der das menschliche Leben bestimmenden Wirklichkeit nicht erfassen. Freude und Begeisterung, Liebe und Trauer, Hoffnung und Enttäuschung ereignen sich im Innenleben des Menschen, verschließen sich der Verallgemeinerung in einem für jedermann geltenden Maß. Die Teilperspektive einer allein das Zählbare beobachtenden Weltsicht gibt Anlass, diese Begrenztheit bewusst zu machen, die Akteure aus der Anonymität des Systems in Dialog und Verantwortlichkeit zu drängen. Der Staat wird vielfach auf die Begegnung von Menschen in Sprache, Rechenschaft und persönlicher Verantwortlichkeit nicht verzichten können.

Der europaoffene Verfassungsstaat hat einen Teil seiner Aufgaben und Kompetenzen an die Europäische Union übertragen. Damit geht ein Stück der Freiheitsgarantie auf diesen Staatenverbund über. Die gemeinsame Ausübung von Hoheitsrechten muss vor allem die Verbindlichkeit des Rechts, die in der Union insbesondere im Finanzrecht sehr gelitten hat, im Dienst der individuellen Freiheit wiederherstellen. Freiheit ohne Recht ist unmöglich. Suchen Machthaber sich vom Recht zu lösen, bedrohen sie die Freiheit. Die Erwartung, die EU brauche nicht den Zusammenhalt im Recht, sondern könne die Mitgliedstaaten durch Zuwendung anstrengungsloser Einnahmen binden, muss als Irrtum entlarvt werden. Ein System, in dem der Empfänger stets glaubt, zu wenig zu erhalten, der Zahler meint, zu viel leisten zu müssen, entsolidarisiert. Das Ergebnis ist die Flucht in den Kredit des billigen Geldes, der den Sparer nach und nach enteignet, die Jedermannsfreiheit des gesparten Ertragseigentums zerstört.

Die grundlegende Erneuerung der EU ist durch das Einstimmigkeitsprinzip erschwert. Deshalb empfiehlt es sich, in den europäischen Gremien unter Beteiligung der mitgliedschaftlichen Parlamente eine neue Grundordnung zu entwerfen. Für diesen Entwurf genügen Mehrheiten, vielleicht qualifizierte Mehrheiten. Die Mitgliedstaaten können dann neu entscheiden, ob sie in einer Union mit diesem Rechtskonzept bleiben wollen. Das Einstimmigkeitsprinzip wird so durch die Entscheidung über die Zugehörigkeit eines Staates in der zukünftigen EU ersetzt. Dies könnte ein Befreiungsakt sein – für die Freiheit der Unionsbürger, für die Demokratie in den Mitgliedstaaten, für die Eigenheit Europas als ein freiheitlich und demokratisch strukturiertes Völkerrechtssubjekt.

Professor Dr. Dres. h. c. Paul Kirchhof, Bundesverfassungsrichter a. D., ist Seniorprofessor distinctus der Universität Heidelberg.

Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 11.10.2018, S. 8 (Staat und Recht).

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Etel Adnan – Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Etel Adnan

Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen

Wenige Wochen vor dem Zusammenbruch seines geordneten Denkvermögens schrieb Nietzsche: „Ich bin ein Rendez-vous von Erfahrungen“; das entscheidende Wort ist „Rendez-vous“. Er habe, wollte er sagen, sein Leben damit verbracht, der Welt entgegenzueilen, und gleichzeitig sei die Welt ihm entgegengeeilt. Diese gegenseitige Anziehungskraft, diese doppelte Bewegung, hatte zentrale Bedeutung für ihn. Die enorme Großzügigkeit seines Geistes machte ihn zum Schnittpunkt kosmischer Kräfte, aktueller gesellschaftlicher Strömungen und Ideen, wobei er letztere häufig eher aufgriff, als dass er sie selbst erdachte. Diese Großzügigkeit war eine Form von Liebe. Auf radikale Weise hat Nietzsche uns nicht allein die Liebe zum Dasein gezeigt, sondern auch die zu den scheinbar unbedeutenden Dingen, überhaupt zu allem, was seinen Verstand berührte und sein Herz. Deshalb bildet sein Werk auch kein System, kreist nicht um ein Zentrum, sondern besteht aus einer Reihe fundamentaler Hingebungen.

Seltsamerweise muss ich bei Nietzsche an al-Hallaj denken, obwohl dessen (islamischer) Mystizismus sich absolut nicht mit Nietzsches Vorstellungswelt zu vertragen scheint.

Den deutschen Philosophen und den arabischen Mystiker des 10. Jahrhunderts trieben ihre schöpferischen Energien bis zum Äußersten, und sie opferten sich selbst für diese radikale Suche. al-Hallaj hatte erklärt: „Ich bin die schöpferische Wahrheit.“ Und weiter: „Ich habe meinen Herrn mit den Augen des Herzens erblickt und ihn gefragt: ‚Wer bist du?‘ Er antwortete mir: ‚Du‘.“ Und Nietzsche spricht in seinen Dionysos-Dithyramben indirekt von sich selbst als einem Mann, der sagt: „Ich bin die Wahrheit.“ Beide verzehrten sich also auf ihrem Weg hin zum Absoluten: Für den einen war das Gott, für den anderen die Umwandlung (und Zerstörung) aller Werte. Das allem übergeordnete leitende Prinzip war für al-Hallaj die Liebe, das Verlangen, sich dem Feuer des göttlichen Willens zu nähren und in es einzudringen, bis hin zum eigenen Tod. al-Hallaj begriff seine Verurteilung zum Tod durch Folter und Kreuzigung als natürlichen Preis seiner leidenschaftlichen Besessenheit und hieß das Urteil willkommen. Nietzsche wiederum zahlte dafür, dass er seiner Suche in Freiheit nachgehen konnte, mit jener absoluten Einsamkeit, die ihn schließlich in den Wahnsinn trieb. Nietzsches leidenschaftliche Hingabe an sein revolutionäres, die Augen öffnendes Denken wiederholte sich in seiner Liebe zu Cosima: In den letzten Schriften seiner umnachteten Jahre bedachte er praktisch alle Menschen, die er jemals gekannt  hatte, mit Hass, außer Cosima Wagner. Und seine letzte bewusste Äußerung scheint eine Notiz an sie gewesen zu sein, in der er ihr (verzweifelt, um das mindeste zu sagen), erklärt: „Ariadne, ich liebe dich, Dionysos.“ Das Übermaß an Liebe bei den Mystikern sämtlicher Religionen dürfte kaum jemanden unberührt lassen. Selbst Ungläubige werden etwa die Schriften der großen Sufi-Meister bewundern, in denen Poesie, philosophisches Fragen und lyrisches Schwärmen sich in ihrem leidenschaftlichen Verlangen nach dem Göttlichen verbinden.

Stärker als alle anderen Ausdrucksformen zeugen mystische Texte von der Erfahrung einer fundamentalen Einheit der Liebe. Das heißt, wir unterscheiden zwar zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen von Liebe, wissen aber, dass sie alle einer einzigen Quelle entspringen: So wie elektrische Energie sich unterschiedlich (und widersprüchlich) manifestiert, kann Liebe sich auf die Natur beziehen, auf Sexuelles, auf Familienbande, auf Wissenschaft und so weiter… dennoch hat sie einen einzigen Ursprung, der sich  ebenso im Gehirn und dessen Vorformen wie in den geheimnisvollen Regionen dessen, was wir die „äußere Welt“ nennen, verbirgt.

Auch wenn man landläufig unter Liebe vor allem ein romantisches oder leidenschaftliches Gefühl für einen anderen Menschen versteht, muss sie nicht zwangsläufig darauf reduziert sein. So erinnere ich mich an zwei Leidenschaften in meinem Leben, die nicht einem Menschen galten und trotzdem eine Zeit lang alles andere beherrschten.

Ich bin in Beirut aufgewachsen und habe als Kind häufig zusammen mit anderen Kindern im Meer gebadet. Das war in den dreißiger Jahren. Zu der Zeit gab es noch nicht die exklusiven Badeorte, die die Menschen heutzutage im Sommer aufsuchen. Damals schlugen die Wellen unmittelbar an den Stadtrand, und der Strand, sehr felsig, mit hier und da kleinen Badestellen dazwischen, war kaum mehr als einen halben Kilometer von unserem Haus entfernt. Meine Mutter setzte sich dann auf einen dieser Felsen und ließ mich herumpaddeln. Zur Sicherheit schlang sie immer eine Art Schnur oder Seil wie eine Hundeleine um meine Brust und hielt sie sorgfältig fest. Auf diese Weise entwickelte ich schon als kleines Kind ein sinnliches Gefühl für das Meer, ein geradezu fasziniertes Verlangen danach, und frönte ihm heimlich. Diese Leidenschaft entzückte mich, und sie isolierte mich. Sie hat mich ein Leben lang nicht verlassen.

Ein paar Jahrzehnte später ließ ich mich in Kalifornien nieder. In den Anfangsjahren empfand ich mich als zutiefst entwurzelt. Ich wohnte damals nördlich von San Francisco, auf der anderen Seite der Golden-Gate-Brücke, und entwickelte so etwas wie einen vertrauten Umgang mit Mount Tamalpais, einem Berg, der die Landschaft dort beherrscht. Nach und nach wurde der Berg zu einer konkreten Bezugsgröße. Ich begann mich an ihm zu orientieren, aus der Nähe ebenso wie aus der Ferne. Er wurde zu einem Gefährten. Und als ich dann irgendwann Malerin wurde, begann ich ihn zu malen, in Öl. Ich zog in ein Haus in Sausalito, aus dessen sämtlichen Fenstern er zu sehen war. Ich malte nur noch den Berg, und das ging jahrelang so, bis ich nichts anderes mehr denken konnte. Es wurde meine Hauptbeschäftigung, den Berg in seiner unaufhörlichen Veränderung zu beobachten. Ich schrieb sogar ein Buch über den Berg, um ihn und meine Gefühle in den Griff zu bekommen – doch die Erfahrung trat über die Ufer meines Schreibens. Ich war süchtig.

Doch ja, ich trieb mich in Jazzkellern herum, ging immer wieder ans Meer, fuhr ins Yosemite-Tal, atmete kalifornisches Wetter… aber das war es auch. Ich hatte vergessen, dass es noch andere Arten von Privatleben gab!  Das bedaure ich nicht. Im Gegenteil, es waren ekstatische Jahre.

Man könnte meinen, dass die Liebe zu einem bestimmten Baum oder zur Natur als solcher harmlos sei; aber keine Liebe ist harmlos. Sie kann die gesamte eigene Existenz in Mitleidenschaft ziehen und tut es auch. Was wir „Natur“ nennen, umfasst eine unendliche Zahl von Reaktionsweisen; unter anderem das Auskundschaften, das Eingehen von Risiken, die völlige Umwälzung des eigenen Lebens. Die Liebe zur Natur kann einen auf die Gipfel des Himalaja führen, an den Kraterrand von Vulkanen, in Höhlen und in Forschungslabore; sie öffnet einem die Augen für das eigene Ich; sie inspiriert bildende Künstler, Dichter und Philosophen; sie zeigt einem Wege zum Verständnis ihrer Großartigkeit.

Das Verhalten von immer mehr Menschen lässt allerdings darauf schließen, dass sie die Natur ignorieren, sie ablehnen oder sogar verachten. Sonst hätten wir nämlich nicht die heutige ökologische Katastrophe. Wenn diese Menschen läsen, was der amerikanische Indianer, Häuptling Joseph, einst sagte, würden sie es nicht verstehen. Als Indianer Land für die amerikanischen Siedler pflügen sollten, sagte er: „Wie kann ich den Leib meiner Mutter mit einem Pflug aufreißen?“ Und das meinte er nicht metaphorisch, sondern wörtlich. Denn schließlich ist die Erde unsere Mutter. Sie erhält uns am Leben. Wir kommen aus ihr: Die Religionen sagen es auf ihre Weise, die Wissenschaft sagt es ebenfalls und der gesunde Menschenverstand auch. Folglich lieben wir unsere erste, unsere ursprüngliche Mutter nicht. Mehr noch, wir haben sie aufgegeben. Wir haben sie hinter uns gelassen. Wir sind zum Mond geflogen.

Symbolisch gesehen ist es absolut wahr, dass wir das Interesse an unserem nomadischen Planeten verloren haben. Die avancierteste Forschung der Welt befasst sich entweder mit dem unendlich Kleinen (dem Bereich der Atome) oder mit Astronomie. Die Menschheit sieht sich schon nach Möglichkeiten des Lebens auf anderen Planeten um… und die Technologie stellt sich komplett in den Dienst abstrakter Wissenschaft und ihrer Beschäftigung mit nicht mehr vorstellbaren Dingen. Der Planet Erde scheint Schnee von gestern. Er ist das Haus, dessen wir uns gerade entledigen. Wir lieben die Erde ganz entschieden nicht. Offensichtlich glauben wir sogar, wir brauchten sie gar nicht. Weil der Preis für die Liebe, die sie retten kann, unvorstellbar hoch wäre. Es würde bedeuten, dass wir unsere Lebensweise radikal verändern und auf manche Bequemlichkeiten verzichten müssten – auf unser Spielzeug, unsere Lieblingsgeräte, aber vor allem auf unsere politischen und religiösen Mythologien. Wir müssten eine neue Welt (keine „Schöne neue Welt“!) erschaffen. Zu alledem sind wir nicht bereit. So sind wir schlicht und einfach zum Untergang verdammt.

Wir müssen nur an all die politisch Militanten, die Helden der Befreiungsbewegungen, die echten Kämpfer für Menschenrechte, die Rebellen denken… Was machen wir mit ihnen? Wir sorgen dafür, dass sie in Irrenhäusern, in Gefängnissen, im Exil enden… Nur die Vergötterer von Macht, Geld, Krieg und organisiertem Verbrechen scheinen sich im Rampenlicht zu bewegen. Wir sind an einem historischen Punkt angelangt, an dem die westlichen Demokratien, die sich für den ultimativen Garanten der Freiheit halten, erleben, wie ihre Werte hohl, ihre Freiheiten zweifelhaft werden und wie ihr Humanismus verloren geht. Und das, weil sie feststellen, dass ihre Macht auf der Weltbühne dahinschwindet, worüber sie in blanke Panik geraten. Was ist zu tun? Zuallererst sollten wir dringend ein Gefühl für Solidarität entwickeln, ohne die keine Gesellschaft zusammenhält. Tolstoi notierte am 5.November 1873 in seinem Tagebuch: „Liebe ist verstörend.“ Ja, politisches Handeln ist eine Form von Liebe, und sie kann explosiv sein und zu großem Aufruhr führen. Aber was ist, wenn wir solche Risiken nicht eingehen, wenn wir die Dinge so weiterlaufen lassen, wie sie zur Zeit laufen, weil es uns sicherer scheint? Die Antwort ist einfach: Wenn wir nicht den Preis zahlen, den es kostet, die Welt zu verändern, dann wird die Welt sich auf ihre Weise ändern. Ändern wird sie sich auf jeden Fall, nur werden wir dann keine Möglichkeit mehr haben, sie in Bahnen zu lenken, die wir für positiv halten, und am Ende wird der Preis sehr viel höher sein, und es wird zu spät sein! Das Problem ist – und das ist das Schlimmste – schlicht universell.

Und nun können wir gern über die Vorstellung von Liebe nachsinnen, die seit jeher am häufigsten vorkommt, am abgedroschensten ist und heute fast immer missverstanden wird. Die Liebe ist der am stärksten kommerzialisierte Begriff überhaupt.

Aber es gibt sie dennoch, die Liebe in ihrer wahrhaftigsten Bedeutung. Es kann in der Kindheit beginnen: Im Alter von neun oder zehn verlieben Kinder sich in Schulkameraden, in ein anderes Kind, das ihre Aufmerksamkeit fesselt – und ihr Herz. Sie spüren schon früh den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe.

Die Liebe beginnt damit, dass mir eine geschwungene Nackenlinie, die Länge einer Augenbraue, der Beginn eines Lächelns auffällt. „Es passiert!“ Die Gegenwart eines anderen menschlichen Wesens mobilisiert die Aufmerksamkeit, die eigenen Sinne. Dieses Gefühl wächst, wird zum Wunsch, die neue Erfahrung möge sich wiederholen. Es wird zu einem Routenplan. Einer Reise. Die Einbildungskraft bemächtigt sich der Realität und beginnt, sie zu bearbeiten, entwirft Fantasien, Träume, Projekte… Sie erschafft ihre eigene Notwendigkeit, und bei manchen Menschen nimmt sie das gesamte Leben in Beschlag. Das Gefühl wird zur Stimme in der Nacht, die „ich liebe dich“ sagt und die eigene Existenz aus den Angeln hebt. Es kann so weit gehen, dass man schließlich das gesamte Universum infrage stellt; das Gefühl domestiziert das eigene Denken und endet als Sucht! Und in den tragischsten Fällen stürzt es in einen Abgrund der Schmerzensschreie, in dem die Liebenden jedes Empfinden für Dimension, für die Realität verlieren. Das ist der Moment, von dem Dichter sagen, die Liebe ändere den Lauf der Zeit.

Dieser Zustand der Verliebtheit ist ungemütlich: Er ist labil, allen Winden ausgesetzt, nahezu irrational. Er kann leicht Angstzustände produzieren, etwas Zwanghaftes bekommen. Der Herzschlag beschleunigt sich, man löscht das Licht, legt sich zu einem anderen Körper und versinkt in einer Art verzweifelter Seligkeit.

Wer könnte eine derartige Intensität lange aushalten? Die Liebe wird zu einem Feuerfluss, der das Blut in den Adern ersetzt. Sie nimmt einem den Atem. Man möchte stillhalten, sich nicht rühren, die Zeit vergessen. Selbst das Empfinden für den eigenen Körper verschwindet. Er verschwindet aus dem Gedächtnis. Es entsteht eine Art Starre. Sie verdankt sich der totalen Mobilisierung aller Sinne, die fortan auf neue Weise funktionieren. Sogar das Verlangen bleibt dahinter zurück. Seltsamerweise hat dieser Zustand eine große Ähnlichkeit mit der Todeserfahrung.

Wer könnte einen derartigen inneren Aufruhr über längere Zeit ertragen? Die Liebenden selbst beginnen sich schließlich vor ihrem Glück zu fürchten und sind bereit, es zu zerstören. Und die Gesellschaft verdächtigt eine solche Liebe ohnehin. Sie unterdrückt sie mit aller Macht, hält sie für subversiv und potenziell revolutionär.

Die Liebe kommt stets wie ein Erdbeben. Sie affiziert nicht nur die Liebenden selbst, sondern auch ihre Zuschauer. Letztere werden neidisch. Es packt sie die große Eifersucht. Kein Wunder, dass es „Ehrenmorde“ gibt, ebenso wie all die anderen kriminellen Akte gegen Frauen im Zusammenhang mit Liebe und Sexualität. Die katholische Kirche ist sowieso ganz unmissverständlich gegen das Lustprinzip im Privatleben ihrer Anhänger. Sie bindet Sexualität an die Fortpflanzung, die Bedeutung, die sie Marias Jungfräulichkeit beimisst, ist nur ein Beispiel unter vielen. Es gibt kein Entkommen. Liebe hat einen Preis (wie jede andere menschliche Äußerung). Wir sind eine gesellige Spezies, und die Gesellschaft lastet unausweichlich auf unserem Leben.

Es stimmt, wir leben in einer Zeit, in der die Verbindung von Sexualität und Liebe aufgelöst wurde. Und die Naiven, die sich vor leidenschaftlichen Affären fürchten, weil so etwas womöglich ihr Leben umkrempelt und zu Unglück führt, können Filmstars und literarische Figuren etc. entspannter lieben als einen persönlichen Partner – wenn sie ihre Abende nicht gerade mit Sportzeitungen und Fußballsendungen verbringen… Es wird so viel Zeit verschwendet auf Leidenschaften, die keine direkte Herausforderung für den Einzelnen sind… Das „moderne Leben“ bietet immer mehr Möglichkeiten, sich an eine sinnlose Welt zu verlieren.

Es gilt als Befreiung des Körpers, wenn er autonom wird und nach seinem eigenen Recht verlangt. Sexualität als Spiel gilt als Ausdruck höchsten Raffinements, und es ist sicher richtig, dass etwas Zynismus dabei nicht schaden kann. Aber auf lange Sicht kann die Leugnung von Gefühlen zu Gewalt führen und tut es auch… So produziert die „befreite“ Fantasie in der Filmindustrie inzwischen nur noch Science-Fiction-Geschichten oder solche über Verbrechen… Und ist die Herstellung von Pornographie mittlerweile nicht zu einem globalen Geschäft geworden?

Aber was ist Liebe? Und was geben wir auf, wenn wir sie aufgeben?

Liebe lässt sich nicht beschreiben, man muss sie leben. Wir können sie leugnen, aber wir erkennen sie, wenn sie uns ergreift. Wenn etwas in uns sich unser Ich unterwirft. Gefangener seiner selbst, das ist, der Liebende. Ein seltsames Fieber. Aber es muss nicht immer und unbedingt ein menschliches Wesen sein, das die Liebe hervorruft. Ein Sonderfall. Ja.

Ich ging von Beirut nach Paris, um Philosophie zu studieren. Wie viele junge Mädchen hatte ich viele männliche Freunde… Für meine Generation war ein Freund jemand, mit dem man endlos durch die Straßen spazierte, tanzen ging, über die Liebe sprach… Wir hatten kein Sexualleben, allenfalls einige vage sexuelle „Affären“. Etwas, das ich „atmosphärische“ Erfahrungen nennen würde, ein Wohlgefühl, der Stolz darauf, von vielen Jungen für attraktiv gehalten zu werden. Und natürlich noch etwas darüber hinaus, eine Unruhe im Körper, ein Verlangen, das nicht Verlangen genannt wurde… Dabei hielten wir uns für ziemlich raffiniert und modern, denn wir waren die erste Generation junger Mädchen, denen ein gewisser (begrenzter) Zugang zu jungen Männern zugestanden wurde. Das galt als großes Abenteuer!

In meiner Anfangszeit in Paris hatte ich keine engen Freunde. Verständlicherweise. Damals brauchte es Zeit, bis ausländische Studenten Freundschaften mit Kommilitonen schließen konnten. Ich fühlte mich ziemlich allein; aber das Entdecken der Stadt wurde zu einer Beschäftigung, die mich völlig ausfüllte: Sie begeisterte mich, ich war glücklich.

Damals liebte ich die Nacht; ich tue es immer noch. Nacht gehört zur Liebe; wie Nebel. Sie befreit den Raum, lässt Frische einkehren. Ihr Zauber beflügelt den Körper, macht das Mysterium spürbar, lebendig zu sein, kurzum, zu sein. Der Himmel wird, mit Sternen und Galaxien oder ohne sie, zum privaten Reich – zum Betätigungsfeld der Fantasie. In solchen Momenten ist zwischen dem Mond und einem selbst alles erreichbar.

Und dann, an einem dieser kühlen, leuchtenden Tage, einem dieser wie eine Radierung silbrig gedämpften Nachmittage, ging ich in den Louvre.

Ich betrat diesen Tempel leise, unschuldig; zum ersten Mal. Nach wenigen Schritten stand ich vor der Nike von Samothrake. Vor der geflügelten Siegesgöttin. Ich blieb dort stehen, völlig entgeistert. Diese Gestalt schwang sich in die Höhe, war im Begriff, vom Boden abzuheben, wie ein Flugzeug in einem stummen Traum. War mehr als ein Flugzeug. Vor meinen Augen hob eine Zivilisation vom Boden ab und blieb doch auf der Erde, eine Zivilisation, von der alles beseitigt worden war, bis auf ihre archetypische Gestalt.

Und dann drehte ich mich um und sah die Venus von Milo. Die Statue aus weißem Marmor stand dort, anscheinend überlebensgroß, richtete sich auf oder beugte sich, je nach Blickwinkel. Wie lange stand ich dort und schaute sie an? Zeit spielte mit Sicherheit keine Rolle. Ich war allein. Wir waren allein. Meine Augen wanderten über ihren Körper aus einem Stoff zwischen Fleisch und Stein – blieben an verschiedenen Stellen haften, entdeckten ihre Kurven, die gleichzeitig lockten und auf Distanz hielten, bestaunten das Geheimnis einer derartigen Präsenz, die lebendig war und doch aus Marmor, dafür geschaffen, von ihr zu träumen, aber nicht, sie zu berühren. Die Liebe, die den griechischen Bildhauer dazu bewegt hatte, diese Göttin zu formen, zu gestalten, zum Leben zu erwecken, ging auf mich über. All meine Sinne erwachten gleichzeitig. Ich verlor den Verstand über ihrer eisigen und doch so gefährlichen Schönheit. Die Begegnung wurde zu einer Initiation. Zu einem Tor in mein eigenes Inneres. Ich verbrachte diese Nacht der Offenbarung mit ihr in der tiefsten und wichtigsten Einsamkeit, die ich jemals erlebt habe. Es war Winter, aber ich schwitzte die ganze Nacht. Ich schloss die Augen und presste das Gesicht ins Kissen. Ich brannte lichterloh vor Leidenschaft. Ich weinte. Mein Körper verlangte nach ihr. Ich schlief mit ihr ganz ohne sie, und meine Fantasie stand in Flammen.

Natürlich waren die Erfahrungen, die dann folgten, anders… Ich wurde in das geworfen, was man die „wirkliche Welt“ nennt, und zwar mit allem, was dieser Begriff umfasst. Aber jenes ursprüngliche Erlebnis hat mich immer begleitet, als Frage, als wiederkehrendes Bild, als Offenbarung: Die Macht der Kunst, die dieses „Ereignis“ bezeugte, bleibt bedrohlich. Ich ging dazu über, die Erinnerung an die Geschehnisse jener Nacht als eine Meditation über die Natur der Liebe zu begreifen… ihr Geheimnis wurde dadurch nur noch tiefer.

Vor seinem Selbstmord notierte Majakowski diesen knappen Satz: „Lili, lieb mich!“ Revolution und Poesie waren vergessen. Die unmögliche Liebe (das Leben, das misslang) starrte ihn mit unverminderter Glut an.

Es ist wahr, dass die Liebe zum Leben wird, und wenn man die eine verliert, wird das andere sinnlos. Doch da die meisten Menschen die Folgen ihrer Leidenschaften nicht zu akzeptieren wagen, verklären sie diejenigen, die diese Leidenschaften um jeden Preis ausleben. Seien es historische Gestalten oder romantische Erfindungen. Lieben wir denn nicht Anna Karenina und lesen ihre Geschichte mit echten Tränen? Sehen wir nicht vor unserem inneren Auge den Zug, unter den sie sich wirft? Glauben wir nicht heimlich, dass sie recht daran tat, wenn wir über sie lesen – in unserem hübsch geheizten Heim, nachdem die Kinder sicher im Bett liegen? Das gilt auch für die Dichter: Immer wieder von Neuem lesen wir die Geschichte von Leila und Madschnun, der, verrückt geworden, bis zur völligen Erschöpfung durch die arabische Wüste irrt, weil er nicht mehr bei Leila sein darf; oder wir bedauern, mit Rimbaud, die klägliche Feigheit von Verlaine, der in seinem letzten Brief an den verzweifelten Geliebten von Mutter, Ehefrau und Kirche spricht!

Wenn man liebt, wird man zum Vogel: Man reckt den Hals und vernimmt ein Lied, das sich nicht laut äußern lässt. Man ist sprachlos. Aber sie werden immer zahlreicher, jene Menschen, die für diesen Augenblick nicht ihr Leben riskieren möchten. Sie wollen nicht einmal viel weniger riskieren, sie wollen sich nicht rühren. Sie haben Angst. Sie fühlen sich wohler in ihrer Mittelmäßigkeit. Wir können sie verstehen: Die Liebe in all ihren Erscheinungsformen ist das Wichtigste, das uns je widerfahren kann, sie ist aber auch das Gefährlichste, das am wenigsten Vorhersehbare, das, was einen völlig wahnsinnig machen kann. Aber sie ist auch die einzig mir bekannte Erlösung.

Etel Adnan

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Khalil Gibran – Von der Freundschaft

Khalil Gibran

Von der Freundschaft

Eurer Freund ist die Antwort auf eure Nöte.
Er ist das Feld, das ihr mit Liebe besät und
mit Dankbarkeit erntet.
Und er ist euer Tisch und euer Herd.
Denn ihr kommt zu ihm mit eurem Hunger,
und ihr sucht euren Frieden bei ihm.
Wenn euer Freund frei heraus spricht,
fürchtet ihr weder das „Nein“ in euren Gedanken,
noch haltet ihr mit dem „Ja“ zurück.
Und wenn er schweigt, hört euer Herz nicht auf,
dem seinen zu lauschen;
Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken,
alle Wünsche, alle Erwartungen ohne Worte geboren
und geteilt, mit Freude, die keinen Beifall braucht.

 

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Entwurf einer Hochzeitsrede

Hochzeitsfeiern sind vom Grund her positive Gelegenheiten einer Lebensentscheidung eine würdige Form zu geben. Andererseits ist das Treffen einer solchen Entscheidung auch ein Massenmord an Möglichkeiten. In diesem Fall der Massenmord an mehr als dreieinhalb Milliarden anderen Frauen bzw. Männern, mit denen man auch eine Ehe hätte schließen können. Wir leben nun einmal in einem Land, in dem Polygamie nicht erlaubt ist. Ob leider oder nicht muss an einem anderen Ort als diesem entschieden werden.

Als ich von der Hochzeit von XXX und YYY gehört habe, war ich auch überrascht, aber gut, Entscheidung ist Entscheidung und mir liegt es fern Scheidungsstatistiken zu zitieren oder andere Zweifel zu säen. Ich gehe davon aus, das beide diese Entscheidung nicht aufgrund irgendeiner Statistik gefällt haben, sondern weil sie sich lieben.

Und da sind wir auch schon bei Thema: Bedingungslose Liebe! Ich persönlich bin der festen Überzeugung, das Mutterliebe die einzig wahre Liebe sein kann. Vaterliebe kommt gleich im Anschluss und dann kommt lange Zeit nichts. Ebbe. Gähnende Leere. Die Beziehung zu unseren Eltern ist eben auch eine biologische. Mütter lieben ohne Bedingung, vergeben immer und ertragen durchaus auch mal einen rüden Rüffel seitens der eigenen Tochter bzw. Sohnes.

Aber bevor man jemand anderen lieben kann, muss man zuallererst sich selbst zu lieben gelernt haben. Dabei meine ich keine klassische Selbstverliebtheit, kein arrogantes und hochnäsiges Gehabe, das einen selbst über andere erhebt, sondern eine Selbstzufriedenheit die keine Resignation gegen sich selbst ist, sondern ein akzeptieren von Stärken aber eben auch Schwächen. Allem Anschein nach gibt es Menschen, denen gelingt dieser Balanceakt auf dem Seil erst nach einigen Versuchen, nach einigen Stürzen und Fehltritten, andere strahlen diese Zufriedenheit ohne große Anstrengung aus, sie sind Naturtalente. Und dabei denke ich natürlich an XXX. Es gibt nur wenige Menschen hier im Saal die ich uneingeschränkt bewundere. ZZZ – auch wenn er seine Hochzeit im Sommer schon hinter sich gebracht hat, sei an dieser Stelle beispielhaft erwähnt – und XXX.

Ich erinnere mich an eine Anekdote auf einer Hochzeit in Kolumbien als ich eine Freundin, die Braut des Abends, besuchte. Ich kann weder Spanisch und die meisten Gäste konnten wenig Englisch, aber irgendwann kam der Brautvater zu mir, ein sehr alter gut gekleideter (ok, das ist auch einer Hochzeit nicht schwer, aber ich hatte ihn die Tage davor auch schon zwei mal ähnlich elegant gekleidet gesehen) Mann. Wir waren beide schon ein wenig angeschickert und haben uns deswegen wahrscheinlich trotzdem verstanden. Er hat uns dann bei einem der Kellner einen Rum bestellt und mir sinngemäß seine Hoffnung offenbart, das JJJ – eines erkennt. Anfangs seien alle Frauen perfekt, die großartigsten Menschen der Erde die man bedingungslos zu lieben glaubt. So denkt man wenn man geheiratet hat. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man Fehler zu erkennen beginnt. Kleinigkeiten. Größere Dinge. Im schlimmsten Fall die Ähnlichkeit mit der eigenen Schwiegermutter – wobei das im heutigen Fall sicher eher eine Entwicklung zum Punkt auf dem i wäre, als eine Beleidigung. Und irgendwann am Ende stünden dann vielleicht Selbstzweifel. Aber genau an diesem Punkt, wenn man die ersten Fehler zu erkennen glaubt – das war seine Quintessenz – muss man sich eines bewusst machen: Wenn Sie die Macken und Fehler die sich jetzt offenbaren nicht von Anfang an in sich getragen hätte, hätte sie sicherlich einen besseren geheiratet als seinen frisch gebackenen Schwiegersohn. Kolumbianer sind ein altes Indianervolk, die – glaube ich – diverse illegale Drogen konsumieren und eben mit aufgebauschten Weisheiten nicht hinter dem Berg halten können, aber irgendwie habe ich an diesem Abend diese Moral mitgenommen – und eine Durchfallerkrankung, aber das nur am Rande.

Auch an diesem Abend erzählte mir eine Bekannte von MMM eine kolumbianische Hochzeitsgeschichte, die mir auch in Vorbereitung der ganzen Hochzeiten in diesem Jahr wieder eingefallen ist und die auch das Ende meiner kurzen Ausführungen bilden soll: Die Geschichte von Hahn oder Ente. Ein frisch verheiratetes Paar geht eines Abends – Sommer, lau – gemeinsam im Wald spazieren und verbringen eine ungetrübte Zeit miteinander. Irgendwann hören beide in der Ferne ein: „Quak, quak!“ Und die Frau dreht sich zu ihrem Gatten und sagt, „Hörst du das? Da muss irgendwo ein Hahn sein.“ Er – etwas irritiert – nein, MMM, dass war eine Ente aber kein Hahn. Daraufhin MMM energisch: „Unsinn, ich mir da ganz sicher dass das ein Hahn war!“ JJJ – durch und durch rationaler Naturwissenschaftler – daraufhin: „Ausgeschlossen, ein Hahn macht kikeriki und eine Ente macht QUAK, QUAK. Also MUSS ES EINE ENTE SEIN – SCHATZ!“ Und noch mal ruft es aus der Ferne: „Quak, Quak!“ und er gleich hinterher: „Hör doch hin! Das ist keine Ente!“ Sie stampft mit dem Fuß auf: „Es ist eine Ente!“ Er: „Es bleibt ein Hahn!“ „Verdammt noch mal, jetzt hör doch mal hin – das quakt – das muss eine E-N-T-E sein, du ….“ Zum Glück quakt es in diesem Moment noch mal. Ich könnte mir vorstellen, das Etikett wäre nicht sonderlich freundlich formuliert worden. Mittlerweile hat sie schon begonnen zu weinen, schluchzt nur noch das es definitiv ein Hahn ist und sie nicht versteht warum er das nicht hören kann usw. Und plötzlich – und wie gesagt, das ganze ist eine Latinogeschichte – kommt natürlich ihm, dem Mann, dem Retter und Helden – die Erinnerung, warum er seine Frau vor einigen Monaten, Jahren wie auch immer geheiratet hat. Also man kann die Rollen wahrscheinlich auch vertauschen. In dem Fall werden seine verhärteten Gesichtszüge werden etwas weicher, er lächelt wieder und sagt: „Tut mir leid, ich glaube du hast recht. Es ist doch ein Hahn…“. Und sie ist wie befreit, drückt ihm seine Hand und sie gehen weiter durch den Wald spazieren. Und im Hintergrund quakt, quakt es ab und an.

Warum wollte ich das noch erzählen? Weil ich glaube das der Grund für diesen Spaziergang nur das gemeinsame Spazieren war, zusammen einen netten Abend verbringen – vielleicht ein paar anderen Vögeln beim zwitschern zuhören – und das wars. Wie viele Beziehungen scheitern wegen solchen Belanglosigkeiten? Und Hahn und Ente sind da nur ein Beispiel unter vielen. Die Ehe ist wichtiger als Rechthaben. Ehe ist eine Verbindlichkeit, eine historische Institution deren Werte ich vielleicht nicht teile, aber ich Wünsche euch beiden, dass einer von euch immer die Geistesgegenwart hat, das Rechthaberische zurückzustellen und die Gemeinsamkeiten herauszustellen vermag. Alles Gute.

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Anmerk.1: Die Hochzeitsrede war für Manon und Stefan bestimmt, leider kam sie mir zu diesem Zeitpunkt aber unfertig vor und deswegen habe ich Sie nicht gehalten. Also: Falls ihr sie im Nachgang noch lesen solltet…

Anmerk.2: Ein ähnliche Geschichte wie die Entengeschichte oben habe ich mittlerweile auch in einem Buch gefunden: Brahm, Ajahn; Die Kuh die weinte. Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück, Lotos, 2004.

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